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Auf Liebespfaden.
Roman von H. Ehrhardt.
Rachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Sic hörte auch nicht den nahenden Schritt eines Menschen- sußes und erschrak kaum, als eine Hand ihre Schulter berührte, ganz apathisch hob sie die erloschenen Augen.
„Helene, liebe, kleine Helene!" sagte der Mann vor ihr weich und innig. „Ich bin beauftragt, Sie nach Hause zu holen, ehe die Eltern anfangen, sich zu beunruhigen, Aeirne schickt mich, sie ist iit grosser Sorge nm Sie —" Er sagte nichts von der Angst, die ihn selbst hierher getrieben, aber sie lag noch auf seiner heißen Stirn und seinen erregten Zügen, in denen cs mächtig arbeitete, als er, da Helene kein Zeichen von Bewegung gab, entschlossen' fortfuhr: „Ich muß es Ihnen gestehen, Helene, in ihrer Angst hat Aenne mir Ihr Geheimnis verraten, es ist gut bei mir bc- wahrt. aber nun denken Sie noch einmal, ich sei der „Onkel" aus der Kiudcrzcit und haben Sie Vertrauen zu mir, vielleicht kann ich Ihnen helfen."
In des Mädchens Starrheit rissen bte warmen Worte des Freundes eine Bresche, es quoll weich und weh zugleich in ihr auf, die Erinnerung, wie alles iinnrer gut geworden in Paul Heincckes geschickten Händen, wie tröstlich es gewesen Ivar, wie beruhigend, wenn er ihr Hilfe angeboten, und während die ersten Tvünen erlösend in ihre Apigen stiegen, schluchzte sie wie ein Kind aus:
„Lieber Onkel Paul, er ist nicht gekommen!"
Er hatte sich neben sie gesetzt, und, an seine Schulter gelehnt, weinte sie sich aus.
Ter Mann aber dnrchkämpfte wohl keinen geringeren Schmerz als sie.
Er hing mit der ganzen Stärke seines ehrlichen Herzens an diesem jungen, kindlichen Geschöpf, dessen trostloses Weinen einem anderen galt, dem leichtsinnigen, skrupellosen Offizier, der ihr törichtes Kinderherz mit dem bunten Rock und schönen Worten verblendet haben mochte, und der ihr nun so viel Weh bereitete.
Bitterkeit und Zorn stiegen in ihm auf, aber als er ihnen, nachdem Helene ruhiger geworden, Worte verleihen wollte, nahm das junge Mädchen in einer so leidenschaftlichen Art, wie er noch gar nicht an ihr kannte, Partei für ihren Hans.
Mein, er war nicht leichtsinnig, er hatte sie nicht betört, er war auch heut ganz sicher nicht schuld an der Enttäuschung^, die sie erlitten hatte.
„Aber wenn auch, liebe kleine Helene!" siel Panl Heinecke ein, beschwörend die kalten Mädchenhände erfassend. „Heiraten! kann er Sie ja doch nicht." .
„Doch! Wir warten bis zum Hauptmann. Wir haben »ns ja so lieb, so lieb!"
Wie rührend zuversichtlich das klang! Der Mann wandte sich ab, weit ihm die unmännliche Träne kam.
Helene aber war jetzt mitten drin in ihrem Liebesrausch. Sie erzählte dem nicht mehr Widersprechenden von Lisbeths' Ein
ladung nach Harzburg, und daß iie ihren Hans bei dieser Gelegen^ heit Wiedersehen müsse und sollte sie direkt nach B. deshalb fahren. Sic stürbe sonst einfach vor Sehnsucht.
Paul Heinecke schwieg dazu, und das war, instinktiv' gewählt, der richtigste Weg, sich Helenens Vertrauen in dieser Angelegenheit von jetzt ab zu sichern.
Seinem intelligenten Gesicht Ivar anzumerken, daß er sehr genau zuhörte mtb scharf nachdachte, er Ivar kein Mann, der so leicht eine Hoffnung begrub, er Ivar ein heimlicher, aber eist ausdauernder Kämpfer.
Als sie den Weg durch die Felder schritten, und Helens doch im Rückerinnern den wehen Stich fühlte, der eine schöne Hoffnung getötet, blinkte Vor ihnen am blaßgrauen Himmel dex, erste Stern ans, die Venus, der Stern der Liebe.
Sie sahen ihn beide, rind in beider Herzen entzündete lev ans der Asche der schmerzlichen Enttäuschung ein schwaches Flämmchen einer neuen Hoffnung.
XV.
Auch im Harz war, ein wenig später als im Westen Deutschlands, im vollen Glanze seines sounengoldenen, blütenbestickten Gewandes der Frühling eingezogen.
Die kleine Garnisonstadt lag in Grün und Weiß gebettet', ans den Gärte» duftete es betäubend nach aufbrechendem Flieder,
Durch all dies Blühen und Duften schritt Leutnant von! Hassingen mit düsteren Angen und fest zusammengepreßten Lippen.
Sein Knie war wieder einmal völlig geheilt, aber er sah trotzdem nicht gut aus.
Er war magerer geworden und hatte eigentümlich geschärfte Züge, wie fortdauernde Sorgen sie zeichnen.
An diesem heißen Frühlingstage sah er zudem noch sehr erregt ans.
Vor einer kleinen Villa dicht am Waldrande des Kaiserberges zögerte er erst einen Moment unschlüssig und klingelte dann.
Im Oberstock derselben bewohnte Leutnant Espach seit kurzem zwei Zimmer, während die anderen noch auf den Einzug der jungen Frau Lisbeth bis nach dem Manöver warten mußten.
Der Bursche öffnete. Ja, Herr Leutnant waren zu Hause.
Hassingen sprang die Treppe in die Höh und öffnete oben, ohne ein Herein abzuwarten, die Tür zu Espachs Wohnzimmer.
D ie Fenster standen weit offen. I m jungen Buchen taub spie lte der warme. Maiwind, und die Sonne streute goldene Flecken ist das lichte Grün. Es dnftctc nach feuchter, warmer Erde und nach Frühlingsblumen.
Hassingens Blick wurde noch finsterer.
„Erlaube, daß ich die Fenster schließe!" sagte er nach der ersten Begrüßung des Freundes, der in der Litewka seinen Lieblingsplatz in der Sosaecke einnahm. „Meine Augen können so viel Licht nicht vertragen, außerdem habe ich dir auch etwas mitzuteiteu."
„Hier hört uns kein Teufel!" meinte Espach gelassen. „Aber bitte!"
Hassingen setzte sich in den Schreibtischstuhl, neben dem er gerade stand. Ein kleines Bildchen lag, noch unaufgezogen, auf der rotledernen Schreibmappe.


