Ausgabe 
20.2.1909
 
Einzelbild herunterladen

115

kam- behaupten, daß deshalb die geistige AuÄildnnü mütberhfttliij bleiben müsse. Tie öfscntlichc Meinung hat denn anch in dieser Hinsicht schon sehr ihre Richtung gelindert.

Eine Hauptstütze für die Gegner einer Lefjere» geistigeir Schu- tnng der Frauen war die Tatsache, dass es so viel nervöse Frauen gibt, und das; sehr zahlreiche Lehrerinnen und Erzieherinnen teils gleich nach dem Examen, teils im Berns zusmnmenvrechen. Diese Beobachtungen sind ernst genug, um eine gründliche Besprechung zu erfahren.

Ob es mehr nervöse Frauen als Männer gibt, , ist nicht zu entscheiden: wir haben keine Zählung der Nervösen und werden bei der verschiedenen Bewertung nervöser Erscheinungen wohl nie zu einer verwendbaren Statistik gelangen. Jedenfalls gibt es bei Leiden Geschlechtern viel zu viel Nervöse, und die Verstopfung jeder Quelle dieser quälenden Erkrankungen ist dringend nötig. Tie nervenärztliche Erfahrung lehrt aber, das; unter den Frauen durchaus nicht die Gebildeten eine« größeren Prozentsatz zur Nervosität liefern als die weniger Gebildeten und bic tiugeb ld.tcn. Im Gegenteil- man findet gerade die schwersten Formen der Nervenschwäche sehr ost unter den Tienstmädchcii und Arbeiter­innen, in der Stadt wie aus dein' Laude. Es wirst nur unter den Gebildeten und unter den Wohlhabenden mehr Wesen von der Erkrankung gemacht, teils weil sie mehr die Kenntnis und die Gelegenheit haben, von ihrer Krankheit zu sprechen und etwas dagegen zu tun, teils weit die schwierigeren Leistungen der Ge- bildeten noch mehr unter der Nervenschwäche zu leiden haben. Und wenn, man die nervenleidenden Frauen der gebildeten Stände genauer ins Ange faßt, so zeigt sich alsbald, daß.Vmchans nicht hie überwiegen, die mir meisten gelernt haben. Mail wirst im allgemeinen nicht durch Lernen und Arbeiten nervenschwach, sondern durch Gemütsbewegungen, durch ungenügende geistige und körper­liche/ Ausrüstung für den Kamps des Lebens, durch inangelhaste Fürsorge für die lörperliche und geistige Gesuichh.nl. Bis in die neueste Zeit hinein geschah bei uns so gut wie nichts für die Er­ziehung wirklich gesunder und widerstandsfähiger Mädchen.. Tie unentbehrlichen körperlichen Hebungen galten für unnötig, vielfach sogar für 'nnweiblrch: das Turnen, das Schlittschuhlanien, das Radfahren mußte erstZangsam Unst/mühsam dem weiblichen Ge­schlecht erkämpft werden. Wenn auch das Heranwachsende Ge­schlecht in dieser Hinsicht viel freier^ist und immer mehr zu körper­licher Leistungsfähigkeit herangezogen wird, so leidet. es doch zum großen Teil noch unter der Schwäche, die seinen Müttern, durch Pernachlösfigniig der Körpergefundheit in der Jugend an- 'haftet. Es find ja auch vorzugsweise die jungen Mlistchen der vorigen Generation gewesen, die dem Beruf der Lehrerin und der Erzieherin und dem Lehrerinnenexamen den üblen Ruf besonderer Gesupdhritsgesährlichkeit angehestet haben. Sie kamen in zu jungen Jahren und in ungenügender Gesundheitskraft, vielfach auch mit nu- zureichenster Vorbildung in die Seminare hinein und die Prüfung tat mit ihren übertriebenen Auforsterungen an das Gedächtnis ein übriges, um die Nerven ;n erschöpfen. Ter Beruf der Er­zieherin war außerdem bis vor kurzem vielfach sehr unbefriedig nst. Die herkömmliche Verachtung der geistigen Leistungen d-r Frau nust die Auffassung, daß die Ausbildung der Töchter mehr Spielerei als Ernst sei. gaben den Erzieherinnen im Privathanse eine Zmitter- .stellung zwischen Herrschaft nust Dienstboten, die niit beständigen Kränkungen und Gemütsbewegungen verbunden war. Es ist einer der rühmüchjleu Fortschritte unserer Zeit, daß hier mehr und mehr ein Wandel zum besseren eingelreten ist!

Tie. Hygiene der geistigen Arbeit der Fran erfordert eine gesundheitsmäßige Erziehung von Kind ans. Pst dieser Hinsicht können wir auf das Hinweisen, was Tr. niest. Tornblnth in seiner im Deutschen Verlag für Bolkswohlsahrt erschienenenHygiene der geistigen Arbeit" ,in den AbschnittenErziehung zur geistigen Gesundheit im Kindesalter" undHygiene des Geistes int Schul­alter" ausführlich dargelegt Hat, es gilt für beide 'Geschlechter. Ter Grundsatz muß noch viel mehr Äeltung gewinnen, daß das Mädchen nicht so ausschließlich, wie es lange üblich ivar, auf Anmut und Schönheit hin erzogen werden muß, sondern genau wie der Knabe auch zur Gesundheit nust Kraft! Tas Backfischideal der Schönheit: blaß und interessant anszusehen, nicht ordentlich essen zu. können und an Migräne und mtbtreen Beschwerden zu leisten, muß dein, wahren Ideal weichen: Anmut, Schönheit, Gesundheit und Kraft! Die körperlichen Ucbungen sind für die Mädchen ebenso Unentbehrlich wie für die Shtobeu: auch das weibliche Ge­schlecht braucht Turnen und Jugendspielc und gesunden Sport, vor allem Radfahren, Schwimme», Schlittschuhlaufen, daneben auch Tennis usw. Handarbeiten und Klavierspiel, die so oft die Zeit zu körperlicher Ausarbeitung wegnehmen, dürfen überhaupt nur getrieben werde», iveiut neben der Körperübnng noch Zeit dazu da ist! _ Und das alles gilt nichts nur für die Schuljahre, foridern auch, für die ,spätere Zeit. Es ist gar kein übler Gedanke, tvenn von vielen «eiten ein weibliches Ticnstjahr gefordert wirst, das die Heranwachsenden Mädchen in erneut Kräitkenhaine oster tonst wie tm öffcnllrcheii Dienst verbringen sollen, um selbständig zn werden mist gründliche nitd regelmäßige Arbeit unter Fremden zu lernen. Aber so lange das nicht eingeführt ist, müssen Eltern tot« Erzreher dahin streben, in den häuslichen Be.rhältuisscn oder m erneut Pciisiousjahr außer,dem Hanse ähnliches zu erreichen.

Vor allem wirst dadurch die hctrübeudc Erscheinmtg verschivin- W/ däst viele junge Hraycu M»u gegenWe den. §snfaMn Auf­

gaben des klebte« Haushaltes versagen, unter jeder wirklichen Schwierigkeit des Lebens aber ganz zusammenbrechen. Haben die jungen Frauen selbst gelernt, etwas zn leisten, so stellen sie auch keilte übertriebenen oder ungerechten Anforderungen att die Dienst- boten und halten diese unermüdlichen Arbeiter auch ihres Lohnes imd guter Behandlung wert: die große Tienstbotenfrage wäre damit 8iim größten Teil aus der Welt geschasst! Es wird dann aber auch eine gerechtere Beurteilung der Hanssrauenarhcit geltend werden, die heute meist sehr unterschätzt wird. Auch für die Haus­frau muß an die Stelle unausgesetzter, den. ganzen Tag anhalten­der Arbeit eine richtige Einteilung zwischen Arbeit und Erholung eintreten, auch sic muß ihr Teil an körperlicher Ausarbeitung in freier Erholung erhalten, und sie ivttb dabei frisch und gesund und fröhlich bleiben!

Man hört von Hänsfrauen so ost, sie müßten den ganzen Tag arbeiten, das ginge nicht anders, vor allem nicht in einem Haushalt mit Kindern. Und doch läßt cs sich in den meisten Füllen anders einrichten, ohne daß die Kinder darüber zn kurz kommend Bor allem muß eine richtige Arbeitseinteilung vorgenommen iver» den. Viel Zeit wird im allgemeine» verschwendet, durch ein planloses Herilmarbesten in den Zimmern, wobei sich Hausfra» und Dienstboten gegenseitig stören. ,

Ditz Hausfrau muß auch, lernen, daß Arbeitspattsen nötig sind- sowohl für sie wie für die Dienstboten, daß beide Teile Zeit, nust Ruhe für das zweite Frühstück oster für das Vesper ebensogut brauchen wie für die anderen Mahlzeiten. Man arbeitet ja so viel schneller und besser, wenn man ausgeruht ist! Dis Dienst­boten! finden in der. Arbeit hier nnst da eine Erleichterung und Er­holung in einer leichteren, mechanischen und ohne geistige An­strengung zu verrichtenden Tätigkeit, und diese soll man ihnen, gönnen: Die Hausfrau selbst muß aber auch daran denken, nach anstrengendercr Arbeit und Geistestätigkeit sich solche Erholmigs- eiten zn schaffen oder von Zeil zu Zeit wirkliche Pausen cinzu schalten, damit nicht erst die schwer zu -beseitigende Ermüdung oder gar eine, nachhaltige Erschöpfung, eintritl! Ohne, rechtzeitiges und genügendes Ausruhen ist. keine gesunde Arbeit möglich!.

Lheleben W\ den Deren.

E. K Heber bic Stellung des Weibchens in der Tier- ivelt, übet feine GleichbereHtiguug oder Unterwerfung in dem Verhältnis z-mn Männchen plaudert Henri Coupin in einem äinüsanteu Aufsatz, den er unter dem TitelFcmi uiSnuiS bei beit Tieren" in stet Revue veröffentlicht. Er beginnt feine Wanderung durch das Tierreich mit den Vögeln.' Die Weihchc», die über das Herz ihres Ehegatten durch das ganze Leben hin herrschen, sind selten, sehr fettem Man kamt höchstens die Sittiche und die Papageie» als Bei­spiele ehelicher Treue an sichre» .nstb nur die Jnsoparablcs schivmgen sich zu einer so aufopfernden Liebe empor, daß sie aus Verzweiflung sterben, wenn sie den Genossen ihrer 'Ehe verlieren. Aber bei den meisten Vögeln ist die Ehe nur eine flüchtige, jedes Jahr mit einem anderen Weibchen, sich erneuernde Episode. Man heiratet sich im Frühjahr, hat Kinder im Sommer und scheidet sich int Herbst, und im folgende» Jahr,stritt ein allgemeiner Wechsel der Ehe­gatten ein. Selbst die Taube, die doch für einen Engel au Reinheit gilt, ist tit Wirklichkeit ein Ungeheuer an Treu­losigkeit nust gewährt bald diesem, bald jenem Täuberich ihre Liebe. Anderes Federvieh hat ganz muselmännische Eiiirichlmtge», u»d groß ist der Harem der Hühner, unter denen der Hahn als gravitätischer Pascha sichs wohl seih läßt. Tas Liebes- und Ehcleben der meisten Vögel voll­zieht sich in den stets gleichen Formen einer ersten Zeit der Werbung, in der die Reize des Weibchens das liebegirreuds Männchcu ganz in Fesseln schlage», bann folgt die Periode der Flitterwochen, i» der die beiden Liebenden in gleichen Entzückung schwelgen und alle Arbeit teilen, mstem iic beide, das Nest, die künftige Wiege ihrer Kinder, erbauen. Ja bisweilen nimmt sogar der männliche Teil die ganze Arbeit des Nestbaues ans sich, doch meistens, herrscht hier der Jdealzustaud gleicher Rechte und Pflichte», den unsere Fratjenrechtlerinnett erstrebe». Und diese schöne Harmoiill: bleibt auch noch während der Brutzeit bestehe». Eutwcdtv brütet das Weibchen allein die Eier aus und das Männchen sorgt für die Nahrung oder beide brüten abwechselnd »nd mühen sich abwechselnd ums tägliche Brot. Auch ivenii die Junge» komme», nehme» sie zunächst noch beide sich ihrer an, aber die Liebe mist das Juleresse des Männchens ver- stniudÄt sich/schon immer mehr: es kommt viel seltener zum Nest rind das Weibchen Innh allein zu Hause bleibe».