Ausgabe 
20.2.1909
 
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poch erst ab, ob die Ändere nicht noch mal a'nstaucht! Rechtsum rchrt!"

Er schwenkte den Kameraden an der Ecke Herum, seinen Arm durch den des Widerstrebenden schiebend.

Sie schlenderten zurück.

Sapristi, Hassingen, da ist sie."

Ja, da war sie. In ihrer schlanken Größe kam sie über die Straste und betrat kurz vor den Herren den Bürgersteig. Hafsingen konnte ihr ganz nahe ms Gesicht sehen. Eine Gasläterne be- leuchtete es grell, und in ihrem Schein blickten jluei strahlende Augen ihn mit einer leichten Schelmerei und halb fragendem Musdruck einen Moment fest an. Ganz leise irrte ein Lächeln um ihren nicht zu kleinen, aber hübsch und energisch geformten Mund und gab ihrem schmalen, blassen Gesicht jenen Charme, der jeder SchÄtheiMoukurrenz gewachsen ist.

Hans Hassingen fühlte sich wie von einem Alp befreit. Es hatte ihm total die Stimmung verdorben, wenn er einer Vogel- schcuche nachgelanfen wate. Seine Augen folgten ihr befriedigt. Was für einen raschen, elastischen Gang sie Hatte! Wirklich, tu ihrem Aeußeren vereinigte sie alle Vorzüge, die eine Fran nach seinem Geschmack haben mußte. Sie übertraf darin sogar Helene, die tu ihrer Gestalt und ihren Bewegungen noch ost das kindlich Unfertige, Eckige verraten hatte.

Beinahe mit nervöser Spanunug folgte er der Entwickelung der Tinge. Zn den Damen, an die sie Herantrat, hatte sich unterdes noch eine Dritte gesellt, eine graste, schlanke Frau mit weisem Haar'lind sympathischem Gesicht, es gab ein Begrüßen, ein lebhaftes Hin und Her, ein unschlüssiges Zandern der Blonden, bis die Schwarze plötzlich- sehr energisch diesem Zögern ein Ende machte, indem sie sich verabschiedete und nur die große, schlanke Braunhaarige mit sich nahm.

.Run haben wir gewonnenes Spiel!" jubelte Meisenberg, den Kameraden in den Arm kneifend, dast dieser einen Schmer zensschrei unterdrücken mußte.Passen sie auf, meine Schwarze versteht sich auf so was, die wird die Sache schon deichseln. Ich habe ihr heut triil? nicht umsonst im Vorbeigehen etwas vom PostamtBerliner Hof" zügeflüstert."

Hassingen atmete rief auf. Er hatte einen Druck auf der Brust wie' ein geheimes Bangen. Flüchtig huschte Helenens Bild an ihm vorüber, das kleine Ding hatte verweinte, trübe Astgen. Und die der Andern straften so hell, so verheistüngsvoll. Bor sich sah er ihre entzückende, biegsame Gestalt.

*

In dem kleinen, schmutzigen, hell erleuchteten Raum des Postamts stand er ihr nun gegenüber.

Meisenberg war bei der Anderen, die am Stehpult chic Postkarte schrieb, sofort zur Attaque übergegangen und hatte beim ersten Aussiirm gesiegt. Er lehnte vor der kleinen, zierlichen Fran am Pult und sprach flüsternd auf sie ein.

Hans! Hassingen aber fand seiner Dame gegenüber kein kühnes Wort. In dem Moment, als ihre Äugen ineinander tauchten, sagte er sich, daß von einem ter landläufigen Wiesbadener Aben­teuer bei dieser Fran keine Rete sein konnte, und das machte ihn befangen.

Sie hals ihm mit der Sicherheit der Weltdame darüber hinweg.

Ais zwei ireulvs Verlassene," sie deutete mit dem Blick auf das andere Pärchen hinüber,wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als uns gegenseitig zu trösten."

Ihre Stimme war von seltenem Wohllaut, weich, wie lieb­kosend; ihre Augen, von einem merkwürdigeil, tvie mit Goldstaub durchsetztem, lichtem Braun, lachten Halb befangen, halb amüsiert. Auch die seinen lächelten.

Ja, cs wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben."

Sie schob, ein paar Postkarten, die sie gekauft, in den Schluß ihrer Jacke, an dem sie einige Knöpfe geöffnet hatte.

Haben sie am Schalter noch irgend etwas zu erledigen? Dann bitte, lassen, sie sich durch mich nicht stören!"

Sie hielt die tsider gesenkt, aber in ihren Mundwinkeln lauerte der Schalk.

Er sah es und wagte daraufhin einen kühneren Vorstoß.

Was mich hierher geführt, hab ich erreicht!" sagte er leise, trotzdem im Moment teilt Lauscher in der MiHe war.Und daß ich nicht hierher kam, um Briefmarken ?,n kaufen, das sagt ihnen wohl ihr Gefühl."

Eine lichte Röte flieg in ihr blasses Gesicht.

Mei^c Gefühl sagt mir, daß wir alle beide in diesesie stvckte,eigentümliche Situation geraten sind, ohne es zu Ivvilen, ich weist nicht, ob Sie mich verstehen."

Er wurde fast verlegen.

Ich verstieße Die wohl, aber ich stzrun« zugleich Wer Ihren

Scharfblick. Zm Übrigen," setzte er ehrlich hinzu',ich Hab den> selben Scharfblick bewiesen."

Ehe er recht wußte, wie er sich weiter ausdr'ücken sollte, um sie nicht etiua zu beleidigeir, verriet ihr aufleüch-tender Blick, daß sie ihn verstanden.

Unterdes war die schöne Schwarzhaarige mit ihrer Postkarte fertig geworden und wandte sich mit einem etwas unsicheren Blick auf ihre Gefährtin zum Ausgange, von Meisenberg, auf dessen Hageren Wangen rote Flecke glühten, begleitet.

Es war nur selbstverständlich, dast Hassingen und seine Dame folgten. Während er die Tür sesthielt, um ihre schlanke Gestalt an sich worüber zn lassen, ging ihm plötzlich der. Gedanke durch den Sinn, ob sie vielleicht d-en abendlichen Maskenball besuchte. Als er. neben ihr die schlüpfrigen Steinstufen hinabschritt, fragte er ans seinen Gedanken heraus ganz unvermittelt:

Gehen Sie hent abend auf den Maskenball im Kurhäuser meine Gnädigste?"

Da begann sie unbändig zu lachen, so daß sic sich ein Taschen­tuch vor den Mund Hielt, um ihre Heiterkeit zn ersticken, und dazwischen stieß sie Hervor:

Erinnern Sie. mich bloß nicht an die Maskenbälle int Kur­hanse ! Vor vierzehn Tagen bin ich gewesen. Es war der erste, zu dem ich mich allein wagte, ich war frisch hierher importiert und sehr uuiernehmungKlnssig. Wissen Sie, Wiesbaden und rhei­nischen.' Karneval das steigt allen zn Kopfe. Ich wollte mal ein bißchen, ein ganz kleines ütßchxn über die Stränge schlagen. Und was meinen Sie, ivas mir passiert«? Hängt sich so ein gräßlicher Kerl an mich, und ich kann ihn nicht loswerden, und einen anderen find sch. auch nichts Die netten Herren, die sind ja meist vorher vergeben, oder sie werden von solchen gleich mit Beschlag belegt, die den Rummel schon aus dem sf kennen. Ich bin ja nicht auf den Mund gefallen, aber so jeden anpacken, wie' ich das von anderen sah, das bring ich nicht fertig. Wici ich nun merkte, daß der Ekel cs partout aus mich abgesehen hatte, bat ich ihn, mir aus dem oberen Sache einen Fächer- zu. holen, den ich. liegen gelassen haben wollte, natürlich war6 nur eine Finte, beim kaum war er fort, ich Hals über Kopf in die Garderobe, meinen Mantel um und heidi nach Hause. War ich froh, als ich in meinem Beile lag. Na, und erst zwei Tage später, da war ich noch viel froher, denn da entdeckte ich mehren Kavalier als Zu­schneider in dem Herrenschiteideratelicr nttt der Wilhelmstraste, Ich bin nicht hochmütig, ich tanze auch mal mit einem Schneider, aber als Kavalier für eine ganze Ballnacht und noch dazu für eine im Karnevals puh, das ist doch zu viel verlangt, nicht wahr'?"

Ihre lachenden Auge» waren zu Hassingen empmgeriHtct, der ganz entzückt ihrem lebhaften, impulsiven Geplauder gefolgt war und nun Herzlich in ihre Heiterkeit. mit einstimwte. . :

Ein Schneider als Kavalier für Sie? Tas ist eine Pro­sanation.":

Sie nickte.

Das meine ich auch. Und deshalb bringen mich keine zehn Pferde mehr aus einen Kiirhauswaskenball."

Aber vielleicht ich?" warf Hassingen rasch ein.

Sie bog kokett den Kopf zur -Seite und blinzelte ihn au.

Oh! Sie? Wer sagt mir denn, daß, Sie nicht auch ein ehrsames Schneiderlein sind - Die setzen mir nämlich ganz so ans!" vollendete.sie, verschmitzt läch-elnd.Dürr wie ein Zwirns­faden imd im Wappenring am kleinen Finger sicher einen Fingere Hut." '

Es wird ipohl so sein!" meinte er gleichmütig.Aocp vielleicht bin ich wenigstens! kein übler Vertreter dieser Zunft/ versuchen 'Sies doch mal mit mir, bitte, kommen Sie auf den Maskenball!"

Sie sperrte sich noch ein wenig, aber er fühlte, daß er ausiug, Macht über sie zn gewinnen.

Ich kann doch nicht. Mit einem fremden Herrn?"

Aber das Hat ja gerade seinen Reiz, das gehört zlnn Karnsval, das Geheimnisvolle und. Versteckte ich würde mich Ihnen vvrstellen, cS wäre meine Pflicht, aber ich tue es nicht, absicht­lich nicht, weil sich massieren zur Tagesordnung gehört."

(Fortsetzung folgt.)

' Die geistige Ardeit der Krau.

Tie Erfahrung hat gelehrt, daß die ernstlichere geistige Aus» bildnng der Fran weder ihre Weiblichkeit schädigt, noch ihre lMo- liche Tüchtigkeit verringert, noch ihre Gesundheit schädigt. Ma« dars die dahingehenden Einwände gegen eine bessere rzräneubildnng als durch die Tatsachen hinreichend widerlegt anseheu, und dauur ist zugleich die Behauptung gefallen, daß,die geistigen, Fvwb leiten der Fran minderwertig seien. Gewitz ist di»', geistige und namentlich die Gemütseigenart der Frau etwas anderes als st des Mannes, aber sie ist gleichlMsig, Wh» IM HM .WWK"