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ihn Hotel und im' Cafe treffe, sind alle außer sich, weil das schöne Wetter die Palermitaner so froh macht. Aber ich glaube, mit Unrecht. Warum rühmt Göthe, der doch Italien Lennt, stets die besänftigende, erheiternde Wirkung des ewig Heiteren Himmels, der, wie Hellas' Firmament auf die Griechen, den Einfluß ausübte, der sich in ihrer ruhigen Größe der Kunst zeigt. Dann darf man aikch nicht vergessen, daß in Italien die Einwohner einen Eindruck nicht io lange bewahren können, wie die kühleren und zäheren Nordländer. «Damit soll nicht gesagt sein, daß die übermenschliche, die unmenschliche Größe der Katastrophe den Sizilianern nicht bis tief ins Herz gedrungen wäre •— aber heute ist schönes Wetter . . . . Die Heiterkeit, die aber nie in Ausgelassenheit ausartete — denn dafür isst der Palermitaner, der das spanische Blut nicht verleugnen kann, viel zu vornehm — zeigte sich im geschäftigen Treiben auf den beiden Hauptstraßen, int Spaziereustehen an der Kreuzung dieser beiden Straßen und im Korsofahren. In den Gesprächen Herrschte aber das alles erdrückende Thema des Tages vor, das besonders aktuell wurde, wenn die Kamelots die Zeitungen ausrufen. Diese Zeituirgen haben natürlich sehr «elegische und poetische Betrachtungen, ans Herz gehende Schilderungen, aber — auch das ist für Sizilien lvicder charakteristisch — sie beschäftigen sich nur mit Palermo, Preisen in den höchsten Jubeltönen die schwunghafte Wohl- tätigkeitsbegeisterung der edlerr Palermitaner, bringen aber nichts von Catania und Syrakus, wo doch auch zahlreiche Motleidende aus Messina der Hilfe harren, und gar nichts von Calabrien. Ist das Partikularisnms, Rassenautagonie, Historische Feindschaft, sizilianischer Hochmut gegenüber den ^minderwertigen" Calabresen, oder schwächlicher Egoismus? Wo bleibt dann die vielgerühmte italienische Einheit? Wer will alle diese Fragen beantworten? Uebrigens beherrscht jetzt die Palermitaner auch der Gedanke an die kommende Fremdensaison. Deshalb möchten sie Fremden gegenüber die Größe des Unglücks herabsetzeu, nehmen die Infektionsgefahr in Messina leicht usw.
Ein anderes Kirriosum ist dies. Im ersten Eifer hatten sich viele hiesige Damett der vornehmen Well in den Hospitälern zum Dienste der Verwundeten angebotcn. Als über die Aerzte entft machten und sie beim Worte nahmen, da streckten sie flehend utid protestierend die Hände aus. Per caritä, dottore! Das heißt auf deutsch: „O, bitte, verschonen Sie mich!" Dafür gaben sie sich aber mit um so größerem Eifer dem edlen Geschäfte hin, Zigaretten und süßes Backwerk für die Verwundeten zu kaufen. Natürlich! Keine italienische Frau in Italien, von Rom abwärts, kann Blut und Wunden sehen, sie bekommt Krämpfe, ver- sält in Ohnmacht, kurzum, vergeht vor Schreck und Mitleid Wer einzelne Damen zeigten sich doch heroisch, sie ver- stonden sich dazu, von Cafe zu Cafö, von Wirtschaft zu Wirtschaft mit anderen Koiniteedamen und unter männlichem Schutz zu pilgern, um Gaben zu erbitten. Wer sizitische Verhältnisse kennt, muß darüber erstaunen.; dentt auf der Insel Trinacria ist jede Frau so streng vor der Oesfentlichkeit behütet, ivie die Haremsdame eines liberalen Türken., Noch eine andere Frau des Wohltätigkeitsbetriebs eit mässe, die übrigens attch in anderen Gegenden Italiens ubltch ist, war „die Rundfahrt der Benefizenz". Kouiitee- menschen fuhren in Wagen und Droschken herum, und Hmter ihnen sichren Karren, in denen die Amvohner der Straßen, die beim Nahen des Zuges durch Trompetenstöße aufmerksam gemacht wurden, ihre alten Ueberslussigkeiten an Wasche, Kleidung usw. Müden. Geld aber sammeltett Stttdeuten und Gymnasiasten, die tote Mücken bett Zug umschwärmten, in großen Gcldbüchsen, die gar artig
Unterdessen herrschte auf der Präfektur reges Leben. Hunderte von Flüchtlingen, die der Aufsicht ihrer Komiteeinspektoren entlaufen waren, kamen in unaufhörlichem chas^ez, crotsez, tun sich an der höchsten Stelle zu be- ',chweren. Dte Gedttld des Präfekten und seiner vielen i?^o^beanite!l wurde wirklich auf eine harte Probe gestellt. Und dabet aualt den Chef der Provinz die Sorge um die usgtw taubem? Wie lange noch kann die ?E dte S.'ctttel aufbrmgeit, wenn auch die Provinz bei- Und. daber laßt die finanzielle Fürsorge der Re- 4,macI,S nOffj Hiue Extrasession der Kammer SÄ S' ?u«schen übrig. Was aber dem KKt/mn8 "'Eiste Kopfzerbrechen macht, das sind die reicheren Bürger voit Messina, die das Erdbeben an bett
Bettelstab gebracht Hat. In allen Städten der Insel 6c- stürmen sie, halb wahnsinnig vor Schmerz, alle Behörden nm die Erlaubnis, nach Messina zurückkehren zu dürfen, !oo sie, ohne ihr oder andrer Leben zu gefährden, ihre Wertsachen holen zu können beteuert!. Aber was wollen die Behörden machen? Wie sollett sie die Richtigen vott den Falschen sondert!? Kann sich nicht auch ein Gauner einen Erlaubnisschein erschleichen, nm zu plündern? Uebrigens sind seit Pier Tagen alle bürgerlichcu Polizei- und Verwaltungsbehörden dieser Sorge enthoben. Der Säbel herrscht in Messina; denn der Belagerungszustand ist erklärt. Das war nötig, um den Zuzug von Gesindel fern- zuhalten, nötig, um die Zahl der Menschettopser nicht zu vergrößern; denn, da die Erdbeben noch fortdauern, stürzen noch täglich die letzten Reste der Mauern ein. Die Hauptsache ist aber die, daß man Verschleppung von Jnfektions- arbeiten fürcktet. Hunderte, Tanseude von Leichen liegen noch uttbeerdigt, hungrige Hunde nagen an ihnen, die Luft ist mit pestilanzialischem Gestank gefüllt Und erst jetzt hat man die Stadt in Zonen eingetctlt; für jede von innen ist ein Spezialkirchhof eingerichtet. So hofft man, täglich 1000 Leichen beerdigen zu können. Aber was sind 1000 Leichen unter so vielen? Bei diesem Tempo kann das Beerdigungs- geschäst sich wochenlang hinziehen. Und ist das möglich? Zwar sind die Transportverhältnisse in Messina mit Schwie- rigkeiten verknüpft. Jedoch man steht vor einem folgenschweren Problem. Im ersten Augenblicke herrschte der Plan vor, das, was einst Messina >var, durch die Flotte bombardieren zu lassen und dann das ganze mit Kalk zu bedecken. Dann entschloß man sich, die Leichen zu verbrennen. Wer auch davon kam man ab, >veil es vielleicht .an Holz und anderem Feuerttngsmaterial fehlte. Chi lo sä?
Kurzum, es scheint, wir stehest erst jetzt am Vorabend von unangenehmen Ereignissen. Zn allem' Unglück mehren sich auch die Beschwerden und Klagen unabhängiger Journalisten gegen ben unfähigen Oberstkomtnandcmten von Messina. Man wirst ihm vor, daß er eines der modernsten Schisst der Navigazioue Jtaliana zu seiner Residenz erwählt habe, anstatt ans Land — wenigstens tagsüber — zu gehen und von dort zu leiten. Danit tadelt man ihn auch, daß er das große Schiss bloß mit 90 höheren Offizieren besetzt habe, also so vielen kostbaren Raum un- geuützt lasse. Ms Kuriosum erzählt man auch, daß die erste Sorge des Oberlvmmcmdos gewesen sei, die Tisch- ordnuug für die 90 höheren Offiziere zu regeln, damit nun ja Fein Verstoß gegen Etikette und Rang Vorkommen könnte! Man glaubt zu träumen. Nun soll aber auch noch Mangel an Booten und Nachen bestehen. Dadurch aber, daß daS Oberkotnmaudo auf dem Schiffe wohnt, wird eine Riesenzahl von Nachen, Booten und kleinen Mo- tordatnpferchen bloß dafür mit Beschlag belegt, daß die hohen Gebieter von ihrem hohen schäumenden Olymp herab ihre Ordres zu den Truppen am Lande übermitteln müssen. O heiliger militärischer Zopf! Doch damit ist es nicht genug. Auf den Schifsett der Marine, die allmählich sich attch in Messina eingefunden haben, ist Wasser, Brot, Stärkungsmittel, Schaufeltt, Hacken, Spatett ?c. in Hülle und Fülle vorhanden, aber die Geretteten aus dem Lande müssen sich von Apfelsinen nähren, die man beut Zollamt mit Gewalt ausgeführt hat. Das Wasser kann nicht ausge- schifst werden, bas Brot wirb in betn Schisiskielraum müssig, die Hacken führen ein Rentierleben, während sie vielleicht noch zur Rettung voit ttoch Lebenden unter ben Trümmern gebraucht werden könnten. Soll matt da nicht die blutigste Satire schreiben? Man berichtet auch vom König, daß ihn das Chaos in der bürgerlichen sowohl als attch in der Militärbureaulralie so stark geärgert habe, daß er nervös totirbe. Deut Bürgermeister, der aus der Verborgenheit auftaute, als er hörte, der König wolle seiner Nnglücksstadt einen Besuch abstatten, ließ er'strasen- ben Tones melden: „Der König von Italien empfängt keinen Bürgermeister, der desertierte!"
AönWche Samariter.
Der italienisch JustiWÜnister Orlando ist aus deut Erdbeben- geviet wieder in Rom emgetrofmi, und in einem Interview, das er einem Mitarbeiter des Corriere della sera gewährt hat, schildert er den gewaltigen Eindruck, den die graueiwolle Katastrophe auf ihn gemacht hat. Er sprach dann von den heroischen Bemühungen der Retter und mit bewundernden Worten schildert er die Tätigkeit


