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Aber es half doch nicht. „Was geht's dich an, dm Hammelschwanz !" Das wurde er nicht los. Und er mußte an den „Dreher" denken. Das Schmettern der Trompete, die bunten Reihen, die Mädchen mit den kurzen Röckchen, die Burschen mit den (Weißen Hemden und roten Hosen-, trägem und den kleinen runden, schwarzen Hüten. Und an die Elise mußte er denken, die Elise unter den andern Mädchen — die Allerschönste, die Allerschönste! Er konnte es nicht los werden. Ja, ja, die Mlerfchönste!
Und im Wirbel mit ihr der Rehers-Adam. Fein, jawohl! Im dunkeln Rock mit hellen Knöpfen, in weißen, engen Hosen. Und die feinen Stiefel mit beit gelben Stulpen — der Rehers-Adam. Groß und stark, und schön — jawohl. Aber — 1
Zwischen Wehmut und Aerger, zwischen halber Be- wundernug und bitterem Reid und Haß schwankten seine Gefühle hin und her. Und immer wieder — die Elise.
Wie ihr Röckchen flog, wie ihr Füßchen drehte! Wie ihr die Wangen glühten! „Ich bin von Mitterschhausen —"
Er mußte innerlich ganz still halten, die Melodie klang von Anfang bis zu Ende. Er war geradezu gezwungen, sie in sich anzuhören.
Dann dachte er an die Beobachtung am Abend.
Pfui, sie war doch schlecht, die Elise!
„Putschnürrischt!" hatte der Bursche gesagt.
Ja, sie konnte gar nicht ntehr bei Sinnen sein. Es war nicht zu sagen. Nicht auszudenkeu war ja das. Sie hatte ihn schändlich betrogen. Nun war ihm alles verpfuscht, all sein Leben. Was er gewollt, getan hatte, alles für nichts. Alles für nichts!
Und die Rolle, die er gespielt hatte — lächerlich. Zum Schämen lächerlich, Er wurde rot. Er fühlte, wie ihm die Wut bis in die Haare stieg.
Er wollte die Qual los sein. Rein, er wollte nicht mehr dran denken. Aber feine Gedanken ruhten nicht.
Er mußte an den Hinweg denken, so fröhlich war er gewesen, voller Sonne, voller Glanz. Und er dachte an den Heimweg im Mondschein.
Seine Hand zitterte.
Ein Geselle fragte ihn: „Wie war's, Peter?"
.,Ra, so!"
„Gelt, 's is de Odewald? 's is des Hackelländche? Die Fuchs un die Wölf sage sich do gute Nacht!"
Der Peter zwang sich zu'einem Lächeln und nickte.
Nnn gab es eine Geschichte von einem Odenwälder Schneider. Der Peter hörte nur halb hin. Und als zuletzt gelacht wurde, lachte er mit.
Dann gingen seine Gedanken immer wieder die gleichen Wege. Einmal kochte eine wilde Wut in ihm aus. Die reinsten Mordgedanken kamen ihm, so roh und blutig. Ordentlich wollüstig ward ihm in diesen Vorstellungen. Den Adam und die Elise hätte er töten mögen. Ueberfallen und töten.
Dann wurde er ganz müde. Sein Leben hinzuwerfen, wär doch das beste jetzt. Wozu, alles? Alles doch für Nichts, alles für nichts.
Und nun ivieder das Lied und wieder die Strophe „Was geht's dich an, du Hammelschwanz, Wann ich mit meiner Bäfel danz, Ich danz mit meiner Basel, Was scher ich mich um dich!"
Rach Feierabend ging der Peter heim. Aber cs hielt ihn da nicht, in der kleinen, armen Bude, so ganz allein und voller Leid und Vorwürfe. Denn eine gute Summe vou Vorwürfen hatte er jetzt. Und er verschoß sie tapfer gegen sich. Es war wenigstens noch eine Beschäftigung. Aber auf einmal wars auch damit am Ende. Und nun hatte er gär keine Ruhe mehr. Auch mit Arbeiten konnte er jetzt nichts mehr ausgleichen, denn die Kraft dazu war ihm versagt. Alles war ihm zerrissen, seine letzte Kraft hatte er int Geschäft angespannt. Er ging fort.
Es trieb ihn in sein altes Viertel nach dem Holztor zu. Er ging einmal die Holzgasse hinunter bis zum Holztor, blied davor einen Augenblick stehen, ging wieder ein paar Schritte zurück und blieb vor dem „schwarzen Bären" stehen. Aber er ging nicht hinein. Er wußte auch gar nicht, warum er gerade vor dem Hause stehen geblieben war. „Zum schwarzen Bären", las er, ohne etwas zu denken. Ein Dienstmädchen trat mit einem Bierkrug heraus. Da fiel ihm jener Wend ein, da er die Elise begleitet hatte. Das trieb ihn wieder fort! Er drehte sich um, als ob er das
| Haus nicht mehr ansehen könnte. „Horn's Hotel Pfalzer \ Hof" las er. Da könnt er heut einen Schpppen trinken, da gab's einen guten. „Draußen" gewachsen, wo er daheim war. „Daheim", das war ihm jetzt so schwer ans die Seele gefallen. Er hatte plötzlich eine starke Sehnsucht nach seinem Dorf. Aber „ins Hörne" war's ihm jetzt zu nobel. Er schlenderte weiter bis hinauf „Zum Schieferstein" Er hatte alle Schilder gelesen unterwegs. Beim „Schiefer- stein" siel ihm das Liedchen von „Josepche" eilt, er pfiff'sr „Ei, wo bleibt bann'» Josepche, Josepche so lang?
Sitzt ze Meenz im „Schieferstän" Trinkt sein Scheppche ganz allein. Ei, wo bleibt dann's Zosepche, Josepche so lang?"
Das machte ihm leicht. Er wollte jetzt doch einkehrech überlegte er sich. Den Wirt in der „Bilzbach" drüben, beit dicken Hofmann, den kannte er gut; der war fein Landsmann. Er ging also in die „Bilzbach".
Es war ihm gleich ivoyler. Er saß ivieder mal mit Leuten zusammen, die aus dem gleichen Boden gewachsen waren. Das war .-seich eine Einheit. Das war alles von gleicher Art. Da Ivar nichts zu verbinden, nichts zu bewundern, da war nichts Neues. Das hatte alles den gleichen Grundton. Anschauungen^ Fuhlen, Wünschen, Beurteilen, es ging nach der gleichen Richtung. Oder wo nicht, man verstand auch das Abweichende sofort. Da war nichts zu erfassen erst und zu begreifen. Da ging's einem selbst gleich, aus dem Herzen, ohne Erklärung und erst Mchdreiitsinden"
(Fortsetzung folgt.)
Einiges über die Revolution vom Jahr $30 in ivberhesien.
(Bei unserem Preisausschreiben mit dem 2. Preis ausgezeichnet.)
(Schluß.) (Nachdruck verboten.)
Hummel L. von Hain-Gründau ist am Tage nach Ankunft der Meuterer ganz allein mit einem Pallasch bewaffnet nach Ortenberg gekommen, hat hier ein Pferd requiriert, die Stadt mit Drohungen geschreckt und verlangt, daß alle Einwohner die auf dem Zuge nach Nidda; entwischt waren, ans der Stelle mit ihm zögen, widrigenfalls er einen Teil der Rebellen, deren Anführer er sei, zur Verwüstung der Stadt zurückschicken werde. Nach Verlauf der Unruhen wurde nach den gestohlenen Gegenständen geforscht und zu bereit Zurückbringung aufgefordert. Ein G. St. aus Bübingen, ber einen Rock hatte „Mitgehen" heißen, schickte denselbeit zurück unb beteuert seine Unschuld in einer Weise, so daß man ihm fast Glauben schenken möchte; er schreibt: „Unter dem bunten Zug von Märtyrer und Demolieren mußte ich von Büdingen bis Ortenberg; als ich nun mit diesen schrecklichen Menschen an das Landgericht kam, mußte ich mit diesen Schrecklichen die Treppe hinauf; als wir hinauf kamen, so kamen mir schon die Akten und Bücher entgegengeflogen, welches in mir Schauder und Entsetzen in meinem Innern erregte, weil dadurch manches arme Waisenkind um fein ganzes Ber- mögen gebracht ober gebracht werden kamt. Als ich mich vor dieselben Akten verwendete und zu diesen Scheusalen sagte, um Gottes Willen laßt doch die Akten und Bücher liegen, erhielt ich zwei derbe Schläge mit Prügel auf meinen Rücken, welche ich bis jetzt nach zeigen kann; ich ging sogleich die Treppe herunter, so mußte ich mit Schrecke» sehen, wie sie einen Kleiderschrank zerschlugen, ich drückte mich nun anbey und sagte langsam, ist denn kein Orten- berger hier, so sagten 2 Männer, wir sein von Ortenberg, ich sagte, so greift doch an, es ist doch sonst verloren, so ergriffen dieselben 2 Laste, meiner Meinung nach Weibs- kleidung. Als dies geschehen war, warfen diese Schrecklichen den anderen Schrank nm, erfaßten die Kleidung und riefen,- das muß alles verbrannt werden. Ich griff nach einem Kleidungsstück, meiner Ansicht nach ein Mantel, welcher mir aber wieder entrissen wurde. Da ich nun mit Entsetzen erblickte, daß diese Ungeheuer die Reibung auf das Reiter warfen, sprang ich hinzu, ergriff ein Stück, welches ein Rock, und ich ihn retten wollte und um zu retten ich ihn anziehen mußte. Da ich die Schreckensszene müde, so schlich ich mich unbemerkt von dem Auswurf von Menschen


