Ausgabe 
19.8.1909
 
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Donnerztag den <9. August

1909 M. 129

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W

Peter Nockler.

Die Geschichte eines Schneiders von Wilhelm Holz am er.

Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Hinter ihm sagte ein Bursche zum andern:Der Adam hat sich scheint's mit der Elis' gedrückt, nerjends meh sein se ze seh. Die is putschnärrischt, die Elis'."

Der Peter ging zurück. Tas Herz schlug ihm laut. Schweiß trat ihm aus die Stirn. Er ging über die Wiese, iuo der Adam am Mittag gesessen hatte. Der Tisch war leer.

Etwas Seltsames kam über ihn. Er schlich dahin wie eilt Fuchs, der einen Hühnerstall beschleicht. Hörte er was? War das der Wind gewesen? Waren das die Blätter im Birnbaum gewesen? ......

Er schlich um die Scheune. War's nicht ein Flüstern? Ein Rascheln im Stroh? Kam das nicht aus dem Dunkeln? Ein Kuß ein Küssen?

Oder war's der Wind, narrte ihn der? Er stolperte. War da nicht jemand aus der Scheune gesprungen? Er stellte sich hinter einen Baum. Er mußte sich an die Stirn greifen. Er war doch wach. Ein Mädchen lief dort, ein matter Lichtschein fiel auf sie. Ein Bursche kam nach.

Ein Signal blies.

Der Peter mußte sich am Baumstamm festhalten. Die Elise und der Rehers-Adam, sie waren's wahrhaftig! Sie waren's!

Kumm, lumm, Adam! En Dreher!" rief sie.

Sie ivar's, ihre Stimme war's, er hatte sich nicht getäuscht. Es war die Elise. O du falsche Welt!

Dem Peter war, als habe ihm einer auf den Kopf geschlagen. Alles aus! Alles, alles!

Er war keiner Wut mehr mächtig. Zerbrochen war ihm alles. Alles zerschlagen. Alles verloren, alles hin!

Aufschreien hält er mögen weinen sich die Haare raufen. Er verwünschte sich, sein Leben die Kirchweih, den Adam, die Elises Alles, alles! Wenn nur die Welt zusammenbräche! Auf ihn schlüge! Wie arm war er, bettel­arm! Wie hatte er das verdient!

Leben wollte er nicht mehr, nein, leben nicht mehr.

So stand der Peter noch eine Weile. Es wollte nicht klar werden in seinem Kopf. Klagen, Vorwürfe, Ver­wünschungen lösten einander ab. . Aber was er nun tun sollte, konnte ihm nicht klar werden.

Hinter dem Wald ging der Mond auf.

Der Peter ging. Wie im Traum anfangs, geraden­wegs weiter. Er ging durchs Dorf hin, bis er draußen auf dem Feldweg stand, 'den sie gekomnten waren ernt' Mittag so glücklich!

Seine Beine trugen ihn fast nicht mehr. Er fetzte sich aus einen Baunistantm, der am Wege lag. Da saß er lange. Das Feld lag so still, vom Dorf her klang die Musik. Dem Peter schuitt's ins Herz. Jetzt tanzte die Elise. Und

er stellte sich's vor. Es quälte ihn. Doch es tat ihm woM sich so zu quälen.

Dann war's auf einmal still. Eine Eule rief fern, sonst kein Laut. Fast unheimlich war das. Schwer fiel's jetzt dem Peter auf die Seele, daß er allein war, daß er allein und wellverlassen mit Wege hockte, in der stillen, einsamen Nacht. Und daß er etwas Schweres auf dein Herzen trug, ganz allein trug, und daß er's nun immer tragen mußte, in dieser Nacht und in vielen andern Rächten. Und daß das nun immer bei ihm sei, immer auf ihm liege, wo er auch sei. Kein Mensch konnt's ihm nehmen. Es war ihm nun einmal gegeben, es war ihm auferlegti er mußte es tragen.

Er mußte!

Die Eule schrie wieder. Und bald setzte auch die Musik wieder ein. Er ging. Es trieb ihn jetzt fort._

Er hatte in dieser Stunde den letzten Rest seiner Jugend begraben, ganz allein in der stillen Nacht, durch die der Mond schien, ganz allein in dem fremden Feld. Es hielt ihn hier nicht länger. Nur fort, nur fort! schrie's in ihm'.

Er ging durch die Wiese, sie lag hell tut Mondschein. Und blau lagen die Berge rings, zart und sanft verschleiert. Sie sahen so gut aus, sie hatten gar nichts Hartes undj Schroffes, gar nichts Wildes. Sie hattet! so eine sichere, Ruhe, so ein Träumen und Verdecktsein, sie waren so fern und entrückt.

Gleichtönig gluckte der Bach in der Nähe, von fernher nur drang ein Rauschen von einem kleinen Fall.

Der Peter ward allmählich ruhiger. Er wurde sich über das, was er ivollte, allmählich klar.

Er achtete genau auf den Weg, und er fand sich ganz gut zurecht. Er ging nach Heppenheim. Dort ivollte er übernachten.

Er war gebrochen, aber nicht verzweifelt. Er war zer­schlagen und tief verwundet von der Schmach, von dein Leid, was ihm angetan worden wär; aber er warf das Leben nicht weg. Weich und milde, weh und traurig war's in ihm geworden unterwegs. Zerrissen lag ihm alles, und er wußte noch nicht, was werden sollte. Aber er ivollte die Fetzen, die ihm geblieben waren, zusammennehmen und wollte sehen, was sich draus machen ließe und wie er weiter auskomnten könnte.

Um Mitternacht klopfte er am GasthausZur Main- Neckarbahn" in Heppenheim an. Da verblieb er den Rest der Nacht, und in der Frühe des folgenden Tages fuhr er nach Mainz.

*

Der Peter saß wieder auf seiner Schneiderbutik undi nähte. Er war fanatisch fleißig, gerade heute. Nur au seine Arbeit wollte er denken. Nur an sonst nichts. Und wie könnte er das letztere fertig bringen als einfach durchs Arbeiten. So ging's denn ohne Ruh, ohne das geringste Aufhören, Stich, Stich um Stich und ohne daß er mal aufsah.