Ausgabe 
19.7.1909
 
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gesagt haben, was dem General gar nicht gefiel: dieser spazierte nämlich ohne Umstände zur Rednertribüne, holte den Sprecher luitb seinen Dolmetsch herunter, gab beiden einen Klaps und schickte sie auf ihre Plätze. Riesige Heiterkeit und donnernden Applaus.

Und das war der Schluß. Ein paar Ankündigungen noch der Kongreß dauert 14 Tage! ein prachtvoller Posaunenchoral, besser -marsch, und in schönster Ordnung marschieren die Truppen der Heilsarmee, im vornehmen. Strand mit Achtung begrüßt, ihren Quartieren zu." .

Vermischtes.

* Intimes von Nelson. Eine intime Schilderung des Seehelden von Trafalgar und der Lady Hamilton findet sich in den Tagebuchaufzeichnungen einer irischen Dame, die John Fyvie in einem soeben erscheinenden WerkWits, Beaux and Beauties of the Georgian Era" veröffentlicht. Die schöne Frau, bereit Leben hier in mannigfachen Spiegelungen Kultur und Sitten ihrer Zeit erhellt, war eine Irin, Melesina Chevenix, die zunächst mit einem der mächtigsten Adeligen Irlands, dem Obersten St. George verheiratet war und nach dessen Tode ihre Heimat verließ, stm mannigfache Erfahrungen in London und auf dem Festlande zii machen. In der reifen Fülle ihrer Schönheit, mit glänzendem Geschmack gekleidet, erschien sie an den deutschen Höfen und erregte allgemeines Aufsehen. .In Hannover verliebte sich der Regent, ein Sohn König Georgs II., sterblich in sie, doch ihre Tugend widerstand seinen leidenschaftlichen Bewerbungen. In Berlin wurden ihre Toiletten besonders bewundert und die Gattin des Staatsministers von Haugwitz bat sie, doch ihrem Schneider dm Schnitt des wundervollen Gewandes zu geben, das sie während eines Hofempfanges getragen. In ihren scharf beobachtenden und scharf zeichnenden Tagebuchblättern finden sich so interessante Schilderungen der von ihr besuchten Höfe. In Dresden traf sie mit Nelson, der damals im Zenith seines Kriegsruhms stand, und mit der berühmten Lady Hamilton zusammen. Von der schönen Landsmännin schreibt sie:Sie ist keck, unverschämt, anmaßend Und eitel. Ihre Figur ist kolossal, aber mit Ausnahme der häß- lidjen Füße wohl gebildet. Ihre Knochen sind stark und sie hat ein ausgesprochenes Embonpoint. Sie ähnelt der Büste der Ariadne: alle ihre Züge und die Form ihres Kopfes sind fein, besonders ihre Ohren: ihre Zähne sind etwas unregelmäßig aber ziemlich weiß: ihre Augen lichtblau, mit einem braunen Fleck in dem einen, der aber nichts von der Schönheit und dem Ausdruck beeinträchtigt. Ihre Augenbrauen und ihre Haare sind dunkel. Ihre Bewegungen sind im gewöhnlichen Leben ungrazivs; ihre Stimme laut, aber nicht unnngeneljm. Lord Nelson ist ein kleiner Mann ohne jede Würde. Die Hamilton nimmt völlig Besitz von ihm und er ist ein williger Gefangener, der unterwürfigste und ergebenste, den ich je gesehen. Nach dem Essen sang Lady Hamil­ton mehrere Lieder zu Ehren Nelsons. Sie bläst ihm den Weih­rauch voll ins Gesicht, aber er empfängt ihn mit Vergnügen und schnupft ihn mit Leidenschaft." Dann gibt Lady Hamilton einer jener berühmten Vorstellungen ihrer plastischen Tanz- und Darstellungskunst.Sie führt ihre Stellungen und Drapierungen mit größter Leichtigkeit, Feinheit und Akkuratesse aus. Einige indische Shawls, ein Stuhl, ein Paar antike Vasen, eine Rosen­girlande, ein Tamburin und ein Paar Kinder sind ihr ganzer Apparat. Sie steht am Ende des Zimmers, während alle Fenster geschlossen sind und nur von links starkes Licht aus sie fällt. Ihr Haar, das nebenbei bemerkt niemals sauber ist, trägt sie kurz, antik frisiert, und ihr Gewand ist ein einfaches, sehr leichtes Kalikohemd mit weiten Aermelu. Mit ihren Shawls drapiert sie sich leicht, rasch Und geschickt als Griechin oder Türkin, bald mit einem Turban, bald mit einem Schleier. Ihre Hauptdarstelluitgeu sind aus der Antike. Merkwürdig ist es, wie graziös und schön sie sich während dieser Vorführungen bewegt, obgleich sie für gewöhnlich plump und steif ist. Sonderbar ist es auch, wie fein .lind zart sie sich dis Draperien zu legen, weiß, während sie doch sonst geschmacklos, gewöhnlich, überladen und unkleidsam angezogen ist. Ihre Hauptleidenschaften scheinen mir eine tolle Eitelkeit, Habsucht und Liebe für die Tafelfreuden zu sein. Sie zeigt eine große Begier nach Geschenken und hat sich in Dresden mit ihrem ewigen Bewundern und Verlangen mancherlei er­gattert." Die Szene artet dann nachher zu einer Orgie aus, Lady Hamilton trinkt so viel Champagner, daß die Irin ganz entsetzt ist: Nelson bleibt nicht hinter ihr zurück und beide fingen gewöhnliche Lieder, benehmen sich überhaupt so ausgelasseu, daß die Gastgeberin ihnen keinen Champagner mehr zu trinken gibt. Nelson wird erst wieder ein anderer, als er an Bord seines Schiffes ist; da rafft er sich aus seiner unwürdigen Lage auf, während Lady Hamilton jetzt alles Tanzen und Singen beiseite läßt und sich so benimmtwie Heggarths Schauspielerinnen, die sich in einer Scheune anziehen".

* Tiere mit Glasaugen. Die zärtlichen Damen, die ihre Liebe und ihre Obhut ihren kleinen Lieblingshunden schenken, legen auf die Toilette und die Gesundheit ihrer Schoßtiere keinen geringeren Wert, als auf die Eleganz ihrer eigenen Erscheinung. Wenn das blinde Schicksal den verhätschelten Terrier oder den

kleinen kostbaren Blenham-Spaniel mit grausamer Tücke zum Opfer eines Unfalles macht, dann muß ärztliche Kunst ihr Aeußerstes versuchen, nicht allein um das Leben zu erhalten, sondern auch um die äußere Erscheinung des Lieblings zu retten. So gibt es viele Hunde, die von ihren sorgenden Gebieterinnen auch zum Augenarzt geführt werden, mit der Kunst des Optikers Bekannt­schaft machen und bisweilen auch sich dazu bequemen müssen, an Stelle eines verlorenen Auges ein künstliches Ange, ein Glas­auge zu tragen. In London, so erzählt eine englische Zeitschrift, ist die Einsetzung von Glasaugen bei Hunden keine Seltenheit und gerne opfern die Damen die 40 oder 60 Mark für den Lieb­ling, die diese Operation kostet. Ein Arzt, der diese Tätigkeit zur Spezialität ausgebildet hat, hat im vergangenen Jahre nicht weniger als 200 Hunden Glasaugen eingesetzt. Aber nicht immer sind es so harmlose Patienten, die die Behandlung des Augen­arztes erfahren. Auch gefährlichen großen Raubtieren werden bis­weilen künstliche Augen eingesetzt; als vor kurzem dem Besitzer einer großen englischen Menagerie sein kostbarer Löwe in einem Kampfe l'-.'urd) den Verlust eines Auges entstellt wurde, nahm er auch die Kunst des Arztes in Anspruch; der einstige König der Wüste trägt heute sein Glasauge und nur wenige Besucher bemerken das. Auch bei Pferden ist die Operation nicht selten. Erst kürzlich wurde einem bekannten amerikanischen Rennpferd ein künstliches Auge eingesetzt; der edle Renner protestierte an­fangs energisch gegen diesen Täuschungsversuch und rieb den Kopf zornig an der Stallmauer, um den Fremdkörper zu entfernen. Aber mit der Zeit fand es sich mit seinem Schicksal ab und trägt heute sein Glasauge mit gelassener Würde. Unter allen Tieren sind augenscheinlich die Pferde Zahnleiden am meisten ausgesetzt und in England und Amerika zählt der Pferdedentist zu den einträglichsten Berufen. Ein Newyorker Tierzahnarzt ver­dient jährlich rund 40 000 Mk. durch die Einsetzung falscher Gebisse für Pferde, Hunde und Katzen. Eine bekannte Dame der Londoner Gesellschaft hat vor kurzem ihrem kostbaren Schoßhund, der eine Reihe von Ehrenpreisen gewonnen hat, ein künstliches Gebiß einsetzen lassen, das die Herrin rund 500 Mk. gekostet hat. Im Pariser Zoologischen Garten litt einer der Elefanten durch einen hohlen Backenzahn so heftige Schmerzen, daß das Tier in einen Zustand vou Raserei verfiel und gefährlich wurde. Der Tierarzt des Gartens beschloß, den schmerzenden Zahn zu entfernen; aber der Vorsatz war nicht so leicht auszuführen, wie der Arzt gedacht hatte; der Zahn widerstand, und schließlich beschloß man, ihn zu plombieren. Die Operation gelang vollkommen. Der Elefant erduldete die Arbeit des Hämmerns und Bohrens an seinem Gebisse mit gelehriger Standhaftigkeit, und seitdem er jetzt feine) Porzellanplombe hat, ist der Schmerz verflogen und derSohn der Wildnis" wieder bei bester Laune. Im Newyorker Zoologischen Garten wurde sogar kürzlich ein Haifisch operiert; der Fisch war durch den roten Regeuschirnr einer Dame so wütend geworden, daß er mit einem wilden Sprunge aus seinem Bassin schnellte und so heftig gegen das Eisengitter anprallte, daß eine Kmu- terrenfung eintrat. Der Arzt wurde gerufen, der Hai durch ein kompliziertes Gewinde aus dem Wasser gezogen, nercfielt und bann behandelt. Mit verbundenem Kinn wurde er dann unter mannigfachen Schwierigkeiten in das Wasser zuriickgelaym; auch diese Operation war von Erfolg gekrönt.

humoristischer.

* Heimatskläuge. Vemmchen (ber im Dusel ist und in der Dunkelheit eine Ohrfeige erhalt):Eiherjesses, sollte ich schon derheme sein?"

* B e i in Heiratsvermittler.Ich muß bemerken, baß ich bas dreißigste Jahr bereits zurückgelegt habe!"va- mein Fräulein, wenn Sie sonst nichts zurückgelegt haben, baiui wird's wohl schwer halten!"

* Eine t o l l e S a ch e. Er (zu seiner bösen Frau, die von einem Hunde gebissen wurde):Der Hund muß toll gewesen sein!" Sie (ängstlich):Wieso?" Er:Hätte er denn sonst bei dir angebissen?" . .

* Boshafte Auslegung. Junggeselle:Gnädige Fran fragen, warum ich nicht schon längst geheiratet habe? Einfach nur, weil alle Frauen heutzutage so anspruchsvoll sind!" /Dame: Na, trösten Sie sich nur, Sie werden schon auch noch einer ge-

nuyvii ; , .

* Partikularismus. Dorspolizist (als sich unter Die Neugierigen, die den Laudesfürsten erwarten, auch ein Stromer postiert):Machst, daß d' weiterkimmst! Sonst denkt Durchlaucht gar, du bist a Einheimischer!"

Dechiffrir-Aufgave.

Vzr eqdrrdm mbbgs ehd jqzdgdm!

Vzr rdgdm mbbgs ondsdm!

Vzr rbgvzsydm mbbgs adsqtmjmd!

Vzr sgtm mbbgs ltdryfd vdhadq!

Auslösung in nächster Nummer:

Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Das Herz.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießern