Eine Heerschau -er Heilsarmee.
Von Dr. Fr. Kraft.
Die Heilsarmee in Gießen! Der „Kriegsruf" wandert von Hans zu Haus, und der „Rekrut", der ihn austrägt, hofft, an der Spitze der nächsten „Soldaten-Wetteiferliste", sein eingerahmt, mit der Höchstziffcr verkaufter Kriegsrufe zu prangen.
Ta wandern die Gedanken ein Jahrfünft zurück, und ich krame aus alten „Londoner Briefen in die Heimat" einen, datiert London, 25. Juni 1904, hervor. Und wie ich ihn seit so langer Zeit zum ersten Male wieder überlese, kommt es mir vor, als könnte er einen größeren Kreis interessieren und, gleich den auf- klärenden Zeilen tiou L. F. in Nr. 149 des Gieß. Anz., ein wenig beitragen zur richtigeren Beurteilung der merkwürdigen Bewegung der Heilsarmee.
Vor 5 Jahren also schrieb ich: '
„Ich will versuchen, von dem Erlebnis des heutigen Nachmittags zu berichten. Tas ist nicht leicht; denn von dem mancherlei Seltsamen, das mir im Leben begegnet, ist's vielleicht das Seltsamste gewesen. Nie vielleicht haben mich als bloßen Zuschauer und Beobachter so widerstreitende Empfindungen bewegt, nie habe ich so völlig die Wahrheit des Dichterworts empfunden, daß vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein Scyntt ist. ।
Ich habe der Eröffnung des internationalen Kongresses der Heilsarmee beigewohnt.
Wer verzieht nicht beim Gedanken an diese „groteske" Bewegung den Mund trotz der wohlbekannten großartigen Hilss- tätigkeit, die diese Leute entialten, trotz der „Rettung" die sie saktisch Tausenden bringen, sei's, daß sie sie dem Trunk, sei's, daß !'e fte schlimmeren Lastern entreißen? Nuii, das Kopfschütteln und die Neigung zu lächeln einerseits, die Hochachtung andrerseits muß inan sich ins Ungeheure gesteigert denken, inan muß eine tüchtige Portion echter Rührung hinzufügen — dann hat man so etwa meine wunderliche Stimmung in den 3 Stunden, in denen ich der Gast der „Salvation Army" war in ihrer eigens errichteten, 6000 Menschen fassenden Riescnhalle am Londoner „Strano".
Ich betrat den übervollen Räum in dem Augenblick, wo ein ganz ausgezeichneter Bläserchor') das Eingangslied anstimmte. Dw Kapelle, m äußerst schmucker Uniform mit prachtvollen, silber- tzlanzenden Instrumenten, nahm die Mitte des gewaltigen Podiums mn, auf dem Hunderte von hohen Würdenträgern und Abordnungen der ausfallendsten Exoten in ihren Nationaltrachten Platz ge- Nommen hatteii. Tas war nun der reine Mummenschanz — und ntfln wäre wohl geneigt geivesen, an Verkleidung zu denken, hätten Nicht die Gestalten und Gesichter dieser Chinesen, Singhalesen, Birmaner, Mahratti, West- und Ostindier, Bengalen, Armenier, Wlaska-^ndianer, und was da oben all herumwimmelte, so verzweifelt echt ausgesehen. Es waren durchweg würdige Fiauren, vom beinrbanten, weißbärtigen Inder, dem „Scheikh" der Ktnder- traume, bis zur „Oberstin" Nurani mit bent feinen Gesicht und den dunkeln Augen.-) Und geradezu erstaunt war ich, wie viele Ungewöhnlichen und intelligente Köpfe sich darunter befanden. .Aber die Mone von diesen Köpfen war doch der des Mannes, der die Heerschau abhielt über die von ihm in 34 Jahren aus dem Boden gestampfte Armee. — Die letzten Klänge des „Ein- zngvmarschs" waren verhallt, als eine schmetternde Stimme rief: „Ter General!" Da brach ein Jubel aus, ein Tücherwehen besann, eine Begeisterung herrschte, als er aus die Rednertribüne an sich^M?^rwältigend, mitreißend. — Was die hagere Gestalt des 7üjahrlgen bewegen mag, der da inmitten der jcmchzen-
— r h m ziyauchzenden — Massen vergeblich abwinkt? Ob der stolz auf sein Werk wirklich überwunden wird von dem demütigen Gefühl, nur das Werkzeug eines Größeren zu fein? aBic dein auch fei, glücklich muß ihn der Augenblick machen!
Nun kommt er endlich zu Wort. Es ist nur ein Dank und die Aufforderung, cm Lied zu fingen, das ihm besonders lieb I«. lst nicht leicht zu verstehen. Tie Sprache ist dialektisch
gefärbt, die Sätze werden heransgestoßen, er folgt sichtlich nur der Eingebung des Augenblicks. Schon die Eingangsworte ent» halten einen Scherz, den ich nicht erfasse, der aber größte unbl allgemeinste Heiterkeit erregt. — Nun beginnt das Lied. Ter General ist mit Leib unb Seele dabei. Er dirigiert mit beiden Armen — die Bläser müssen seinem lebhaften Tempo nachgeben, Tie zweite Strophe wird wiederholt. In der dritten ober vierten
o “s Sßort „blood" vor — Christi erlösendes Blut — das Mi Kultus bei* Heilsarmee eine besondere Stelle einnimmt: die Zeile wird 4—o mal gesungen, zuletzt, nach dem Vorgang des Generals, Mit erhobener rechter Hand. Und dann läßt er die ganze Strophe noch einmal mit aller Wucht singen mit der Begründung (ja, das war doch das sonderbarste): „because it is such a lovely day . , 3)| ! Begreiflicherweise mu^te ich an einen be-
~ 'X Wie eine Zusammenstellimg in dem damals erschienenen Fest-Kriegsruf zeigte, verfugte die Heilsarmee 1904 über 17 273 Vvclifuet! 1
.....<.2J Wgebildet, >vie die meisten Führer der Bewegung, in der erwähnten Festnummer. .
8) Weil so ein reizeiMr Tag ist,
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rühmten Kneipwart unserer Arminia denken, der durch ähnliche Scherze in der Fidulität die „Macht des Gesanges" zu erhöhen pflegte. Es sollte jedoch noch ganz anders kommen.
Aber zunächst kommandierte der General irgend einen Kommissar zum Gebet. Alles sinkt ans die Knie, während der Auserlesene (er scheint nicht vorher bestimmt zu fein) tu einfachen, recht ansprechenden Worten Gott für diesen Tag dantt. In ähnlicher Weise wechselt noch mehrfach Lied unb Gebet. Besonders inbrünstig ist das der stürmisch begrüßten Tochter des Generals/ der mit dem Gatten das Oberkommando in der Schweiz anvertraut rst. Dann gibt William B o o t h den im Programm versprochenen Abriß der Geschichte seiner Armee — auf Wunsch und „mit Hilfe" seiner Offiziere, tote er sagt. Tie haben ihm Blätter mit Namen und Taten als Unterlage gegeben, aber davon >oill er wenig wissen, das beschränkt und beengt ihn. So schweift er denn fortwährend ab und ruft bald laute Beteuerungen, ja Tränen hervor, bald stürmische Heiterkeit. Tas Sprutighafte bezeichnet seine Rede, ihre Wirkung beruht wesentlich auf bem Kontrast. Ten Schluß bilden die Zusanimenstellungen: vov 20 Jahren — vor 10 Jahren — heute. Abgesehen von der riesigen Ausdehnung der Bewegung, besonders in Amerika und Indien, interessieren die erstaunlichen sozialen Leistungen, über die der General mit berechtigtem Stolz einen Ueberblick gibt.
Nach bem General sprach einer seiner Schwiegersöhne, ber Kommanbenr ber Vereinigten Staaten, Booth-Tucker. Welches Leben in den geistvollen Zügen, wenn der durch und durch gebildete Mann spricht! Ein vollendeter Redner, und im Gegensatz zum Schwiegervater ber feilte Humorist, Wie er sich eine spaßhafte Anekdote (die wohlbekannte vom „auch, ausgegangenen Feuer") zu Stutze zu machen wußte, das war wundervoll. Man begreife bte Erfolge in den Vereinigten Staaten, wenn man biefen Mann gesehen und gehört hat. — Den Typus bes Fanatikers stellte ihm gegenüber der Vertreter von Austral-Asien, Mc. Sie, bar. Wahrhaftig, man glaubte ihm, wenn er blitzenden Anges und mit lebhaften Gesten bent General und ber heiligen Sache Treue schwur bis zum Tode, wenn er verlangte, man solle ihm härtere Proben auferlegen. Am Schlüsse ber Ansprache ließ er etwa 20 seiner! Gefährten breistimmig ein „neues Lied" fingen. Und nun war es hochinteressant zu sehen, wie sich die Versammlung dieses neue Lieb unter der Leitung des Generals aneignete. Ter Text berl ersten Strophe wurde, nachdem das Lied zweimal Sorge]ungen war, von dem Mann mit der Stentorstimme vorgelcsen, bann das, Mitsingen versucht. Bald nahm eine Trompete die Melodie auf/ bann alle Bläser. So wurde es mit ber 2. unb 3. Strophe gemacht, imb dann Händeklatschen dazu kommandiert. Ter — übrigens recht nichtssagende — Text mit der gar nicht üblen Weise war bem Liederschatz der Armee einverleibt.
Ich glaube, nun kam die deutsche Vertreterin, Mrs. Oliphant, eine recht sympathische Erscheinung. Sie legte in fesselnder Weise dar, wie die Heilsarmee die. Frauenfrage angepackt unb gelöst habe, und erzählte vom großen Frauentag in Berlin („Wir waren nicht cingelaben, aber wir kamen doch!"), wo matt ihr gesagt habe: Ihr von der Heilsarmee seid vorgegangcn, wir andern sind alle erst „nachgekrabbelt". Das machte sie äußerst komisch mit den Ringern nach und erzielte unbändige Heiterkeit damit. Uebrigens versprach sie, daß Deutschland noch eins der „besten" Länder süri die Heilsarmee werden würde.
Nicht so lebhaft wie sie, die offenbar eine bem Kongreß wohlbekannte Vorkämpferin war, wurde ber Vertreter ber lateinischen Nationen, Cosanbry, begrüßt. Dieser Belgier sprach mit so starkem Akzent, baß der General ihn französisch sprechen hieß und einen Offizier an seine Seite kommandierte, der Satz für Satz erstaunlich flott und durchweg glücklich englisch wiedergab. Dasselbe gc- scyah später beim japanischen Vertreter, bem, glaub ich, der Polyglott Booth-Tucker assistierte. — Ter Romane hatte eine echt romanische Demonstration mit Fahnen und Bannern, eine Huldigung für den General, vorbereitet; der schien aber mehr für den Gesang übrig zu haben, denn er bat die blonden Skanbinaveiß. ihm bas „schöne Sieb, bas er bei seinen Besuchen öfters gehört", zu fingen. Tas war nun wirklich die schönste Melodie von allen/ unb ber General geriet ordentlich in Extase. Er fuchtelte noch mehr wie sonst mit den Armen, er ließ jede Strophe viermal fingen/ dazu in die Hände klatschen, erst einen, dann beide Arme hochheben, und schließlich wußte er einen Haupt- und Knalleffekt: zu den letzten drei Worten des Kehrreims sollte gestampft werden! Ich' traute meinen Ohren nicht — aber ich hatte richtig verstanden: ein donnerndes Getös erschütterte die hölzernen Dielen — und ich hab! laut lachend mitgestampft.
Aus das natürlich vorwiegend englische Publikum übkeN die beiden letzten „Nummern" besondere Anziehungskraft! aus: ein Inder und der bereits erwähnte Japaner.! Ter erstere erzählte ziemlich langweilig, aber in fließendem Englisch, tote er gerettet wurde., — Mit dem Japaner gabs einen komischen Zwiscyeusall. Sobald er Vvm russisch-japanischen Krieg') an fing, drohte ihm der General mit dem Finger, spendete aber lebhaften Beifall, als jener versicherte, morgens bete er erst immer für bje Japaner Und dann für die Russen. Endlich aber muß er etwas
4) Es trat deutlich! zu Tage, daß auch die Sympathien dieser VerM.Wl.uug durMus .auf Seiten Japans sparen.


