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lappig. In die Verliebtheit muß man sich erst hineinge- wvhnen. Ich Ivar auch ein latschiger Kerl.. Und meine Gret' hat mir's beigebracht. O je, o je!"
„Wie du dir das wieder auslegst, du abscheulicher Mensch. Man kann sich's sparen, mit dir ein vernünftig' Wort zu sprechen."
Die Meisterin warf dem Alten einen wütenden Blick zN und ging rasch davon. An ihrer Hanstüre traf sie mit dem Pfarrer zusammen, der eben bei ihr vorsprechen wollte. Der würdige alte Herr waltete seit beinah' dreißig Jahren m Städtchen seines geistlichen Amts. Aus einer der ange- eyensten Familien des Landes stammend, war ihm in verhältnismäßig jugendlichem Alter eine Predigerstelle in der Residenz übertragen worden. Hier lockte seine große Rednergabe allsonntäglich eine zahlreiche Versanrmlung vor seine Kanzel. Dem gebildeten Teile der Zuhörerschaft entging nicht, daß der junge Geistliche, obzwar er sich vorsichtig aus- drückte, für eine freiere Stellung zu altkirchlichen Bekennt- urssen und für das Recht der freien christlichen Persönlichkeit eintrat. Zu derselben Zeit erregte eine anonyme Schrift „Der Niedergang des Liberalismus in unserem Kirchen- tum" in der Hauptstadt, ja im ganzen Lande gewaltiges Aufsehen. Man erfuhr bald, daß der junge Pfarrer die Schrift verfaßt hatte. Es war ein geharnischter Protest gegen die Reaktion und ein warmer Appell an die liberalen Laienelemente in der Kirchengemeinschaft, sich zur Wahrung bedrohter Rechte zusammenzutun. Die Einsetzung offiziell anerkannter liberaler Pfarrstellen sei eine dringende Forderung der Zeit. Den Predigern gegenüber, die zur yeschicht- llchen und naturwissenschaftlichen Forschung eine tendenziös schiefe Stellung einnähmen, müßten auch Geistliche zum Wort gelangen, die das Recht der freien Forschung, das Recht der Wahrheit in kirchlichen Dingen gewahrt wissen wollten. Abhilfe sei nur zu erwarten, wenn liberale Geist- nche und liberale Laien Hand in Hand gingen und gemeinsam die Grundlage für einen vernunftgemäßen, vertieften Klauben gewönnen.
Das Konsistorium entbot den Pfarrer vor seine Schranken. Dort bekannte er sich freimütig zur Autorschaft der ihm zur Last gelegten Schrift. Man überlegte hin und her, wre man gegen ihn vorgehen sollte. Mit einem einfachen -Verweis konnte man sich nicht begnügen. Der Fall war zu kraß. Es mußte ein Exempel statuiert iverden. Ein Teck der geistlichen Räte drang auf sofortig« Amtsent- ,Hebung. Dagegen erhoben sich die Stimmen einflußreicher Manner, die der Familie des Beschuldigten nahe standen. Endlich kam man überein, den Pfarrer in das entlegene Provinzstädtchen mit der Maßgabe zu versetzen, daß er sich künftig m Wort und Schrift seiner aufwieglerischen Tätigkeit zu enthalten habe. Der junge Theologe hatte eben feinen Hausstand begründet. Bei der entgegengesetzten Stellung seiner nächsten Angehörigen aller Hilfsmittel beraubt, geriet er in einen Konflikt, der seine Gesundheit schwer erschütterte. Er nahm längeren Urlaub. Als er sich wieder züm Dienst meldete, war er eilt gefügiger Mann. Mit seiner Frau und einem vier Wochen alten Bübchen siedelte er in das Landstädtchen über. Hier begegnete er unter leinen Gemeindekindern weder Kritikern noch Zweiflern die Gleichgültigen bildeten die Mehrheit. Der neue Pfarrer dachte nicht daran, ein strengeres Kirchenregiment einzu- fuhren. Er ließ jeglichen seinen Weg gehen. ' Wer nicht M ihm kam, den rief er nicht. Die Bevölkerung wußte ihm dafür Dank, und seine Beliebtheit wuchs, als man sah, daß er sich warmherzig der Unglücklichen und Armen in seinem Pfarrbezlrk annahm. Wvhltun war ihm innerstes Bedürfnis. Er hatte einen Armen-Vereiu und mancherlei Wohltätigkeits-Anstalten ins Leben gerufen und war stetig am Werk, das Los der „Enterbten" lindern zu helfen. Jahrzehnt um Jahrzehnt verstrich. Kinder und Kindeskinder scharten sich Um den alten Herrn. Aus bei» jugendlichen Kämpfer war em duldsamer Greis geworden. Mit mildem Lächeln sah er aus werter Ferne, wie die Dinge in der Welt ihren Lauf nahmen. Auch die Tatsache, daß unter seinen Amtsbrüdern das politische Eiben mehr und mehr zunahm, verinochte seinen Gleichmut und sein Patriarchentum nicht zu stören.
. ^Meisterin geleitete den Pfarrer in die Wohnstube Kchüwe ^ahb ' *)cit rhlu anbot, zuvor mit der
„Ich komme mit einer Bitte," sagte der ehrwürdige
„ !e ia immer ein Herz für die Armen gehabt."
,, "N, geb' gern, Herr Pfarrer. Ich mein’, das ist jedem seine Schuldigkeit."
_ ,/>Wer gern gibt, Meisterin, gibt doppelt. Sie haben vielleicht davon gehört. Der Spengler Neidhart ist auf und davon." 1
„'s ist erzählt worden."
„Der gewissenlose Mensch hat feine Frau mit vier unerzogenen Kindern in der größten 'Not zurückgelassen."
„Das ist eine große Schlechtigkeit."
., „Der Armenverein ist gleich beigesprungen, aber das reicht nicht hin. Wenn mau die beklagenswerte Fran mit
Kleinen nicht verhungern lassen will, muß man ihr täglich das Essen schicken. Einige Familien haben sich dazu bereit gefunden. Ich habe den Sonntag noch zu vergeben Wenn Sie so gut sein wollten, Meisterin —"
„Ei gewiß, Herr Pfarrer. Und wann ich vielleicht sonst noch was tun kann —" 1 '•
„Es fehlt an Wäsche und Kleidern für die Kinder. Da werden Sie wohl nichts —"
„Nein, Herr Pfarrer," sagte die Meisterin, leicht errötend. „Aber 's wird sich schon was finden, was ich hergeben kann." 7
„Ich danke Ihnen, Meisterin. Wie geht's denn sonst?" „'s geht so, Herr Pfarrer."
„Ihr Mann ist fleißig."
„O ja, Herr Pfarrer."
„Und das Geschäft blüht."
„No, man muß zufrieden sein."
„Was man so hört von der 'Tüchtigkeit Ihres Mannes Hi da kann man Ihnen wirklich gratulieren.?'
, „3a, ja, Herr Pfarrer, Sie haben doch meinen Manu
sellg gekannt?"
„Ob ^ch ihn gekannt habe."
„Da ift mir heut was durch den Kopf gegangen." „Mrs haben Sie denn V
„Wir wollen doch all' einmal vor Gottes Thron besteh'«,^Herr Pfarrer."
„So Hoffen wir."
„Das bringt mich jetzt ganz durcheinander, 's kommt doch vor, daß ein Mann oder 'ne Frau mehrmalig sich ver- herrat'. Wie wird dann das hernach im Himmelreich?"
Der Pfarrer rieb sich lächelnd das glatt rasierte Kinn.
„Was Sie mich dg fragen, Meisterin, das haben, wen» auch in anderer Absicht, schon die Sadduzäer unseren Herrn und Heiland geftagt. Und er aniwortete ihnen: „Die Kinder dieser Welt freien und lassen sich freien. Welche aber würdig sein werden, jene Welt zu erlangen und die Auferstehung von den Toten, die iverden weder freien noch sich freien lassen.""
Die Meisterin atmete erleichtert auf.
„So ist das, Herr Pfarrer. Ich dank' auch vielmals." „'Aber sagen Sie, liebe Frau, was plagen Sie sich da Mit Bedenken?"
„Wie man auf so was verfällt, Herr Pfarrer. Ich muß alsfort an mein' Mann selig denken."
. "Es steht uns wohl an, unsere Toten zu ehren, aber wir follen darum der Lebenden nicht vergessen. Sie habe» letzt neue Pflichten übernommen, Meisterin."
„Ach ja, Herr Pfarrer."
„Oder ist etwa nicht alles so, wie's sein sollte?" ) Die Meisterin seufzte tief.
. „Sprechen Sie sich nur frei aus," ermutigte sie der Geistliche.
Da faßte die Meisterin sich ein Herz Und offenbarte! dem würdigen Herrn die Kümmernis, die auf ilfr' lastete. Sre habe den Friedmar nicht bloß wegen des Geschäfts genommen. Sie habe etwas für ihn übrig gehabt. In der ersten Zeit nach der .Hochzeit bereits sei's kein Beisammen- ern gewesen, tpie es sich für Eheleute gezieme. Daran er einzig der Friedmar schuld. Der tue ganz fremd gegen re, feine leibhafte Frau. Gehe aus und ein wie ein gewinnsüchtiger Geschäftshelfer, nicht wie ein angehöriger Mann. Sie werde nicht llug aus ihm. Zuerst habe sie geglaubt, es sei Eigendünkel von ihm, jetzt meine sie immer, 'r habe Hintergedanken etwelcher Art. „Der Friedmar," chloß ste, „stammt aus einer bösen Gegend. Bon Fischbach droben. Das schleppt er sein Leben lang mit sich herum,"
(Fortsetzung folgt.)


