Ausgabe 
19.6.1909
 
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frieden. Er brach itriebet ab, ungeduldig und in der von ihm bekannten ziemlich schroffen Weise. Er haute auf die Tasten, guckte meine Frau wütend an und sang die Stelle mit unglaublich ungefüger, mißtönender Stimme, sogar etwas unrein. Wer das Auge, der Blick, der vermehrende Schmerz im Antlitz, das klagende Herausheben der Worte zu stören der Wala Schlaf" - das tvar hinreißend. Eine Urgewalt von Tragik ergoß sich aus des Meisters Innern auf mich. Ich stand wie in einem Bann, und so oft ich an diese Szene denke, erneut sich mir immer wieder das Gefühl dieses Bannes und mancher gelungene Ausdruck in meinen tragischen Rollen schöpfte seine Kraft aus dem Quell dieser Minute."

*' Mascagnis Anfänge. Pietro Mascagni hat für einen Band autobiographischer Skizzen, den der fran­zösische Schriftsteller Le Roux vorbereitet, seine Erinne­rungen niedergeschrieben, von denen schon jetzt ein Stück bekannt wird. Als Mascagni noch Zögling des Mailänder Konservatoriums war, fiel ihm eine Uebersetzung von Heines ^Ratcliff" in die Hände, für die ihn eine leidenschaftliche Begeisterung ergriff.Auch in der Nacht deklamierte ich mir die Verse, während ich in meinem Zimmer auf und ab ging. War ich dann eingeschlafen, so hörte ich im Traume den Text und die Musik des großen Liebesduetts zwischen William und Maria. So sand ich keine Ruhe mehr, bis ich davon drei Stücke nieoergeschrieben hatte." Ter junge Musikschüler verließ dann, einem unbändigen Freiheitsdrange folgend, das Konservatorium und nahm eine Stellung als Vertreter des Direktors in einer Operetten- Gesellschaft an für fünf Lire den Tag, soferit das Geld vorhanden war. Eine lange Tournee durch Italien folgte, dann die Auflösung der Gesellschaft, die dem Bankerott nahe war, und nach sechs Monaten in Neapel ihre Neu­bildung. Mascagni ist jetzt wirklicher Direktor. Eines abends wird derSatanello" gegeben, und das Publikum verlangt die Wiederholung eines Stückes; Mascagni bleibt taub, trotz allerbis" und allen Pfeifens und Tobens, bis von der Galerie herab ein Kissen herabfliegt und den widerspenstigen Direktor unsanft trifft; seit jenem Tage wagt Mascagni keinbis" mehr zu verweigern. . . Als Direktor mit Scognamiglio macht der Künstler gute Ge­schäfte, aber bald löst dre Gesellschaft sich wieder auf und er bleibt in Ascoli ohne einen Heller sitzen. Er schreibt die Ratcliff-Sinfonie und das Intermezzo, aber er blieb lange ohne Stellung.Ich besaß eine Uhr mit silberner Kette, die ich an dem Tage verkaufte, als ich kein Geld für das Frühstück mehr ausbringen konnte. . . ." Mascagni lebte von einer Schüssel Makkaroni den Tag, wandert erfolglos von einer Operettengesellschaft zur anderen, bis er im Dezember 1883 nach Cerignola kommt. Er gibt Musik­stunden, wird dann Kapellmeister des städtischen Orchesters und schreibt als solcher die Musik derCavalleria", mit der er int Sonzogno-Wettbewer'b den Preis davonträgt und endlich die Tur zu einer großen Zukunft geöffnet sieht....

* Das verwechselte Testam ent. In der Ge­meinde Pfeddersheim findet gegenwärtig die Anlegung des Grundbuchs durch einen Amtsrichter statt, weshalb alle Leute, die in dortiger Gemarkung begütert sind, auf dem Gemeindehause zu erscheinen und die erforderlichen Papiere, Ehevertrag, Testament u. dgl. vorzulegen haben. An einem der letzten Tage fand sich nun auch ein Bäuerlein aus einer Nachbargemeinde ein und übergab dem Beantten verschie­dene Papiere. Der Richter sah diese durch nnb fragte zu­letzt den Bauersmann, ob er auch ein Testament vorzulegen habe. Bei dieser Frage griff der naive Landbewohner unter fein Wams und holte zwei vergriffene Bücher hervor, die er bent gestrengen Herrn mit den treuherzigen Worten übergab:Ei, Herr Amtsrichter, in meiner Ladung is nit angegäwe, welches Testament eich mitbringe soll. Do hawe eich sei glei alle baad (beide) mitgebrocht, des alte und des neie Testament." Sprach's und legte die Bibel auf den Tisch.

* Steinerne Schiffe. Es klingt sonderbar, ist aber doch wahr. Das schmiegsame, billige und dabei überall herstellbare Material des eisenarmierten Betons ist mit Erfolg zum Bau von Schiffen verwendet und wird für ge­wisse Zwecke vielleicht eine bedeutende Zukunft haben. Der Italiener Gabellini hat die Sache ersonnen und vor Jahren

mit einem leichten Boote dieser Art den ersten gelungenen Versuch gemacht. Man streckt einen leichten Eisenkiel aus irgend etnem Fassoneisen, läßt davon nach beioen Seiten dünne Rippen von Rundeisen auslanfen und verbindet alles durch Drähte oder ein Geflecht. Das ist das Gerippe, an das von innen und außen der Beton geworfen und ge­stampft wird. Die Wände brauchen nur wenige Zentimeter dick zu sein, um für alle praktischen Zwecke an Festigkeit zu genügen. Das ganze Fahrzeug hat nicht eine einzige Fuge. Wird ein Leck eingestoßen, was einer starken Ursache bedarf, so ist es in einer Stunde durch ein eingesetztes Drahtgewebe und Beton wieder gedichtet. Bei größeren Fahrzeugen, die seitdem mehrfach, auch z. B. als Kohlenkähne für die italienische Marine, gebaut sind, kann, der Boden doppelt gemacht und können mehrere wasserdichte Abteilungen ein­gebaut werden, alles aus denselben dünnen Betouwänben. Außen werden die Flächen geglättet und durch ein einfaches Verfahren so fest und dicht wie Marmor; jahrelange Versuche haben erwiesen, daß solche Schiffswände dem Seewasser und feiner Fauna und Flora mehr Widerstand als hölzerne und kupferne Schiffsböden entgegensetzen. Nun braucht man nicht gleich zu denken, daß demtlächst fteineme Ozean­riesen die Wellen des Atlantik furchen ioerben. Für große Schiffe wird der eiserne Bau aus Festigkeitsgründeit immer maßgebend bleiben. Aber es gibt hundert Fälle, wo der armierte Beton den Zweck erfüllt intb billiger wird, auch bei gleichem Eigengewicht Schiffe von größerem Fassmigs- rauut ermöglicht. Vor allem in der Flußschiffahrt. In den Vereinigten Staaten baut man schon Flußmotorboote aus Beton. Die von Gabellini begriinbete Gesellschaft hat be­sonders Pontons für Brücken auf dem Po und Tiber nach der neuen Bauart geliefert. Aber auch die Kanal- und Flußschiffahrt wird von der Ersinbung bald starken Gebrauch machen können, besonders da sowohl Holz lirie Eisen unauf­haltsam im Preise steigen.

* In ber Instruktionsstnndc. Unteroffizier:Also wie jrußerr Sie, wenn Sie auf der Straße jeheit, und die Kaiserin fährt oben auf'm Omnibus vorbei?" Rekrut:Ich lege die rechte Hand an die Mütze." Unteroffizier:Del mache man, mein Junge! Weißt du auch, ltms dir da passiert? Herunterspringen vo-M Omnibus, auf dir zu, dir ein paar hinter die Ohren schlaget!, unb wieder ruf uf'n Omnibus, bet jetzt alles in einem Heidi!"

* Neues von Serenissimus. Serenissimus >beob­achtet in ber Hofküche, wie sich die Stücke eines eben zerschnittenen Aales zuckend bewegen):Äeh, Kindermann, ist eigentlich der beste Beweis für das Fortleben nach dein Tode!"

* D e r S a l o n l ö w e. Ein Löwe nimmt bet Löwenbändigerin ein Stück Zucker aus dein! Munde.O, das könnte ich auch!" ruft einer ber Zuschauer.Was, Sie?" erwidert erstaunt die Löwenbändigerin.Gewiß, geradeso gut, wie bet Löwe!"

* Ein guter Kerl.Sie haben mitt das Leben gerettet! Wie kann ich Ihnen danken?"Heiraten Sie meine Schwieger­mutter, dann ziehen Sie mit ihr nach Australien art einen Ort, wohin noch keine Eisenbahn geht!"

* Im Gerichtssaal. Staatsanwalt:Beantrage gegen den Angeklagten, den ich für überführt erachte, fünf M." Vor­sitzender:Fünf M.? Herr Staatsanwalt, meinen Sie fünf Monate oder fünf Mark?" ^Staatsanwalt:Stelle anheim.

Silbenrätsel.

alt, ber, berg, che, doh, ei, erb, gi, ing, isch, le, ölt, reit, ri, sche, feit, sil, tib.

Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen acht Wörter gebildet und derart untereinander gefetzt werden, daß die Anfangs- bitchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach oben gelefett das Ziel vieler Vergnügungsreifender bezeichnen. Es bedeuten aber die einzelnen Wörter folgendes:

1. Gelehrigen Vogel.

2. Bayrischen Wallfahrtsort.

3. Edles Metall.

4. Berg in der Schweiz.

5. Türkische Stadt.

6. Einen Banin.

7. Deutschen Dichter.

8. Nahrhafte Hülsenfrüchte.

Auflösung in nächster Nummer.

Auslösung des Städterätsels in voriger Nummer: Mainz, Bacharach, Bingen, Honnef, Mühlhausen, Erkelenz, Eschiveiler, Hoigeismar;

9)1 annhei in.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäls-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.