Ausgabe 
19.6.1909
 
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fettig en dm Seligen eingeebneten Hüttenplätzen von kreisrunder oder ovaler Form, aus Hügelgräbern und in vereinzelten Fällen mich auS Ringwällen, die in einfachem oder mehrfachem Zug die Ansiedlung oder einen Teil von ihr umziehen. Diese Befestigungen sind indessen lange nicht so hoch und stark, wie z. 93. die Werke auf dem Tünsberg oder die großen Ringwälle des vorderen Taunus. Ausnahmslos sind diese Siedlungen von sehr verschie­dener Große so angelegt, daß sie nahe beim fließenden Wasser, häufig am Ende kleiner Seitentälcheip liegen. Tie Hütten be­standen ans Holzfachwerk, wie die Reste gebrannten Lehms be­weisen, die in diesen Hüttenplätzen neben Resten des Herdfeuers Vorkommen. Solche Ansiedlungen finden sich, ohne daß man bis jetzt ihre Zeitstellung genau bestimmen könnte, in den Wäldern zwischen G r ü n b e r g und Lich, Schotten und L a u b a ch, bei Burg- Gemünden, Alsfeld, Lauterbach, Storndors und Schlitz in' großer Zahl und mit sehr bemerkenswerten Einzel­heiten, und es ist nicht zu bezweifeln, daß sie in gleicher Weise auch über midre noch nicht durchsuchte Waldgebiete verbreitet sind. Tie Arbeit steht erst im Anfang; von den ausgedehnten Spuren von Ringwällen, Ackerterrassen und Gräbern, die sich auf dem Gäus berg hinter Altenburg bei Alsfeld finden, sowie von beit benachbarten großen Anlagen in der Oberförsterei Storndvrf sind bereits nach, kleinen Ausgrabungen genaue Ausnahmen ge­macht worden, wenn auch eine eingehende Untersuchung darüber noch nicht stattgefunden hat, ob alle diese heute eng mit einander verbundenen Erscheinungen auch wirklich zeitlich zusammen ge­hören. Besonders interessant sind auch für weitere Kreise die Reste des alten Ackerbaus, der sich bei uns in Mitteldeutschland in gebirgigen Gegenden durchaus in der Form von Terrassen voll­zogen hat. Man muß sich hüten, auf diese Terrassen den Namen H o ch ä ck e r" anzuwenden, denn beide sind ganz verschieden. Tic richtigen Hochäcker, wie sie dem oberbayrischen Gebiet eigen­tümlich sind, bestehen int flachen Land aus 48 Meter breiten, oftmals Hunderte von Metern langen, in dichten Fluren an­einander gereihten bis zu 1 Meter hohen Beeten; etwas ähnliches gibts bei uns nicht; nördlicher wie Heilbronn kommen keine Hochäcker vor, und es ist durchaus unrichtig, bei uns von solchen zu sprechen. Tie Fortführung der Erkundigungen in den Wäldern sowie die Uniersuchungen mit dem Spaten werden hoffentlich in den nächsten Jahren wichtige Aufklärungen über die älteste Ge­schichte dieses Teils des Grotzherzogtums geben, der offenbar in frühgeschichtlicher Zeit ein ansehnliches Kulturzentrum gewesen ist. Nicht ausgeschlossen ist es, daß diese Neberreste sogar bis in die letzte vorrömische Zeit, also die chattisch-germanische, herauf­reichen; die Ausgrabungen des Oberhessischen Geschichtsvereins, über die sorgfältige Ausgrabungsberichte von Hauptmann Kramer vorliegen, haben uns grade in der Gießener Gegend schon weit gefordert und eine Fülle wichtigen Einzelmaterials zutage gebracht. Ein Abschluß ist aber bei der Schwierigkeit und Weitschichtigkeit dieser ttutcrsnchungen noch nicht erreicht.

Bon nicht geringerem Interesse ist eine Anzahl von uralten Ber- schanzungen im Lorscher und I'ägersburger W al d. Muß man auch bei Vermutungen über das Alter solcher Anlagen gerade in dem alten, vielbesuchten Jagdrevier dieser Gegenden sehr vor­sichtig sein, so hat sich doch durch die vom Verfasser geleiteten Gra­bungen herausgestellt, daß ein Teil von ihnen sicher in vorge­schichtliche Zeit zurückgeht, während andere sich als mittelaltrige ober noch spätere, der Forstkultur halber angelegte Einfriedigungen herausgestellt haben. Auch die Rheinebeue zwischen dem Strom und der Bergstraße war nach den Ausgrabungsergebnissen in, den späteren Perioden der Vorgeschichte reich besiedelt. Abgesehen von einem Grab aus .der Bronzezeit mit. sehr zerstörten Beigaben! dürfte die intensivste Bewohnung der jetzt durchweg mit Wald be­deckten Dünen der Latsnezeit angehören, und zwar ihrer späteren Periode, an dis sich unmittelbar die Römerzeit anschließt. Jin Jägersburger Wald liegen, zwei solcher Schanzen; im Innern der einen wurden mehrere in den Boden vertiefte Wohngrnbeü und der Rest eines aus Holzbalken ruhenden Hauses gesunden. Eine weitere Anlage findet sich im Lorscher Wald; ihre UNtersüchung ist noch nicht ganz abgeschlossen. Im Zusammenhang mit diesen Arbeiten ließ Prof. Müller einen sehr großen, nahe der einen Schanze gelegenen Grabhügel, den sog. Römerbuckel, aus seinen In­halt untersuchen. Er muß als Massengrab bezeichnet werden, denn er enthielt nicht weniger als 80 Brand- und ein Skelettgrab. Die Beigaben, die, tote auch die Funde in den Schanzen, nicht vonj einer hohen Kultur der Bewohner zeugen, reichen hin, die Be- fttittungen in die Hallstattzeit (ca. 1000 bis 400 v. Ehr.) zu ver­setzen.

.Im Wald bei Mühlheim a. M, wurden bei Gelegenheit von Wegbauten Hügelgräber angeschnitten; sie gehören zu einem Sieolungsstreisen, der sich in langer Linie längs einer wichtigen vorgeschichtlichen Straße dem. linken Ufer des Mains entlang bis zit dessen Ausmündung hinzieht. Die notwendige Untersuchung er­gab Hunde der Hallstattzeit. Demselben Siedelungsstreifen ge­hört ein großes, bei Dietzenbach untersuchtes Grab, an, doch war es ein Brandgrab der Bronzezeit mit interessanten Stein­setzungen int Innern.

Von großer Bedeutung für die Chronologie der römischen Be­setzung unseres Gebiets sind Grabfunde, die zwischen Nauheim Nud Trebur erhoben wurden. Sie gehören der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts n. Ehr. an und bildest den Beweis, daß. bereits

in jener Frühzeit der römischen Okkupation in der Nähe der Fund­stelle eine vielleicht befestigte Niederlassung von Römern oder Germanen in ihrem Dienst (Suebi Nicretes) bestanden hat. Die Feststellung eines Kastells an dieser Stelle würde im Zusammeu- hang mit den seit mehreren Jahren bei tzofheim am Taunus' und neuerdings bei Schwanheim a. M. vorgenommenen Grabungen von hohem Interesse fein. Jedenfalls sind diese Waffenreste eines bestatteten Soldaten bis jetzt die ältesten, sicher beglaubigten rö­mischen Funde in Starkenburg.

Im Limeskastell Altenburg wurden die Arbeiten, soweit sie den Aufgaben der Denkmalpflege entsprachen, zum Abschluß ge­bracht. Es wurde in Ergänzung der früher von Hofrat K o f l e r gewonnenen Ergebnisse eine wahrscheinlich 'das Prätorium um­ziehende Straße festgestellt und Anhalt für die Lage des Osttors ge­wonnen. Auch gelang der Nachweis eines früheren Erdkastells. Pläne und Ausgrabungsbericht wurden der Reichs-Limeskommissivn übergeben, bereit Aufgabe die Vornahme weiterer Untersuchungen sein würde.

Auch die Erforschung des römischen Straßennetzes in Starkenburg wurde, wenn auch in bescheidenen Grenzen, ge­fördert. Im Anschluß an ein bereits früher ansgegrabenes kleines Gebäude, das in Massen und Gestalt sehr an die vor der porta praetoria der Saalburg gelegenen canabae erinnert, wurde der. mutmaßliche Verlauf einer Straße von Spachbrücken bis Jugen­heim und einer anderen von GroßpBieberau, einer bekannten Fundstelle, über Rohrbach nach Brandau zu hoher Wahrscheinlich­keit erhoben; endlich wurde eine Reihe von Verbindungen der Odenwaldlinie des Limes nach rückwärts festgestellt.

Als mittelaltrig erwiesen sich die auf dem sog. Köpfchen bei Lindenfels, dem schönsten Aussichtspunkt in inimittel- barer Nähe des aufblühenoen Luftkurorts liegenden Neberreste. Man hat an einem Steinblock der malerischen Felsgruppe eine Schale" gefunden Und deshalb, natürlich ohne jeden wissen­schaftlichen Beweis, die Stelle für eine prähistorische Opferstätte erklärt. Meine bereits vor Jahren ausgesprochenen Zweifel sind durch die Grabungen vollkommen bestätigt 'worden. Der tiefe, in den Felsen eingeschnittene Graben sowie die Reste der Um» fassungsmauer erwiesen sich durch .die Funde als mittelaltrig.

In Wimpfen wurden bei Neubauten umfängliche alte Kul- turschichten angeschnitten. Die sich anschließende Untersuchung ergab mehrere Gräber, die, ebenso wie die in der Nähe gefun­denen, wohl aus einer Töpferei stammenden Gefäßscherben dem Mittelalter zuzuschreiben sind. Bei fast allen diesen Grabungen wurde der Denkmalpfleger aufs sorgfältigste durch 'Leutnant *a. D. Gieß in der örtlichen Leitung unterstützt.

Außer diesen Arbeiten besuchten der Denkmalpfleger und einige seiner Bezitkostcllvecireter einzelne zur Meldung gelangte Fund­stellen, wobei sich teils Gelegenheit zur Erwerbung von Funden, teils Anhalt für spätere Verfolgung solcher Funde ergab.

Eisenbahn, Flurbereinigung, Dampfpslng, Wasser- und Licht­anlagen erweisen sich als Förderer, aber noch viel mehr als Feinde unserer Bestrebungen. Die schwierige Aufgabe des Denk- m al Pflegers, überall zur richtigen Zeit einzngreisen, um das, was selbst nicht erhalten werden kann, durch Wort und Bild für immer festzulegen, kamt nur dann gelöst werden, wenn er sich dauernd des verständnisvollen Mitwirkens aller Behörden, aber auch der Einzelnen, erfreuen darf. Mehr noch, als bisher, müssen ihm alle zutage tretenden Funde, mögen sic auch- noch so unscheinbar fein', gemeldet werden; erst dann wird es gelingen, ein zuverlässiges Bild von der ältesten Geschichte Hessens zu gemimten!

Vermischtes.

* Richard W agner als Mimiker. Aus einer Unterredung mit Emanuel Reicher, der am 18. Juni sechzig Jahre alt wurde, veröffentlicht Paul Wilhelm imNeuen Wiener Journal" folgende interessante Wagner-Erinnerung: Zu welchen Höhen sich das innere Pathos im äußeren Aus­druck erheben kann, erlebte ich 1876 in Bayreuth an dem hohen Meister Richard Wagner. Meine verstorbene Frau (die Sängerin Hedwig Reicher-Kindermann) wurde ange­fragt, oh sie für die plötzlich erkrankte Sängerin der Erda deren Rolle imSiegfried" übernehmen könne. Auf ihr Ja wurde sic ersucht, sofort aus denHügel" zu kommen, um sogleich eine Klavierprobe abzuhalten. Ich begleitete sie hin. Wir fanden bereits den Meister in begreiflicher Erregung vor. Felix Mottl, der damals Korrepetitor war und den Klavierpart übernehmen sollte, war noch nicht gekommen, und der Meister setzte sich selbst ans Klavier. In seiner humoristisch-gewinnenden Weise entschuldigte er sich, daß er nicht gut genug Klavier spielen könne, aberes werde schon gehen". Darauf begann die Probe und meine Frau sang aus dem Klavierauszug. Wagner schien sehr zu- rieden, brach aber plötzlich bei einer Stelle ab und agte:Hören Sie, mein Kind, die Stelle kommt mir nicht eelenvoll genug heraus Noch einmal:.Was kamst du lörrischer Wilder zu stören des Wala Schlaf?!" Meine Frau wiederholte die Stelle. Mür noch war er nicht zu-