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„Nicht so zu verstehen," sagte er. „Krankheit kommt über einen, schont nicht reich, nicht arm. Aber das Leben so! Wir könnten ganz wo anders sein. Du Mutter könntest es viel besser haben, als da mit dem bißchen Verdienst, den paar Äeckerchen, dem Häuschen und dem Gärtchen —"
Der Vater war nämlich der Gemeindeeinnehmer im Dorfe.
An den Zahltagen sah ich ihn den ganzen Tag nicht. Manchmal mußte er auch über Feld gehen. Ein paar Leute hatten ihm übertragen, ihre Zinsen einznkassieren, ihr Geld ausznleihen, und was mehr war. Der Vater besorgte alles gewissenhaft und pünktlich. Den ganzen Tag ging'« ihin im Kopse herum, wenn er etioas auszuführen hatte.
Wir waren nicht reiche Leute, aber wir zählten so zu den Besseren, wie man sagt. Der Vater schrieb aus der Bürgermeisterei, den Lehrern zahlte er den Gehalt aus, die Anweisungen alle gingen Hom Bürgermeister an ihn, und wer überhaupt Geld wollte, mußte sich an ihn wenden. Er wurde drum von jedermann freundlich behandelt, von einigen ward ihm geschmeichelt. So waren wir angesehen. Es hätte schon alles gut sein können, wenn die Mutter nicht krank gewesen wäre.
Manchmal, wenn ich recht fröhlich aus der Schule heim kam, stand der Vater schon an der Haustür und rief mir zu:
„Leise, leise, Lukas! Die Mutter ist wieder krank geworden. Der Herr Doktor ist drin. Wirst heut nicht viel zu essen kriegen. Nimm dir ein Stück Brot und Wurst dazu. Ich hab' dir schon abgeschnitten, und verhalt dich still, damit die Mutter nicht aufwacht, teil» sie schläft."
Das machte mich dann immer doppelt traurig, weil ich so fröhlich gekommen war.
Ich schlich in die Küche und versorgte mich und fetzte mich dann in den Hof, und wenn ich satt war, krümelte ich den Hühnern von meinem Brote bin oder tat's auch, weil's nur nicht mehr schmecken wollte. Wenn dann der Doktor wieder fort ging, fragte ich ihn, ob denn die Mutter bald wieder gesund werde. -
„Bald!" — sagte der Doktor jedesmal.
Ordentlich erleichtert lief ich dann ins Feld und verbrachte den Mittag, bis ich wieder Hunger hatte.
Ich glaub', der Vater war ein wenig stolz auf mich. Wenn der Lehrer kam, der die Privatschule hatte, und seine Pension holte, wurde er immer in die Stube geführt, und der Vater fragte ihn aus, wie ich lerne und wie's überhaupt mit mir stehe.
Andere Buben waren viel fleißiger als ich, aber ich War doch ein guter Schüler. Es fiel mir alles in die Hände, geradezu. Ich erfaßte rasch. Ich wußte gleich wo aus, wo ein. Und dann hatte ich mit so jungen Jahren viel gelesen. Der Vater hatte einige Bücher, von Goethe, von Schiller, von Körner, den Don Quichotte. Und alle Sonntage kam das Kreuzermagazin. Das las ich alles. Auch in der Bibel las ich, obgleich wir katholisch waren, und auch sonst' las ich alles, was ich auftreiben tonnte. Alles trug ich dann wie eigene Erlebnisse mit mir herum. Auch von dem, was mir in der Schule gefiel, ergriff ich so Besitz, als wenn's mein wäre und von mir stamme. Ich glaubte das selbst ost, imb erzählte von Dingen, die mir begegnet wären, und die ich doch nur gelesen hatte.
Ich hält' so meine Einbildungen, sagte die Mutter. .Eine Einbildung allerdings quälte mich lange: ich sah den Tod leibhaftig, groß, schwarz gekleidet, am Hellen Tage pst draußen gehen, in der stillen Mittagszeit; bald auf der Landstraße hinschreiten, — an einen Baum sich lehnen, in den Weinbergen auf und ab gehen. Ich konnte das gar nicht los werden und wagte es auch niemand zu sagen. Denn ich hatte nur immer Angst- ihm einmal zu begegnen, Und ich fürchtete auch, er werde einmal in unser Haus eintreten und die Mutter abrufen.
Aber wie viel auch die Mutter kränkelte- sie raffte sich immer wieder auf. Sie tat ihre Arbeit im Hanse und int Garten. Sie ruhte dabei dann und wann einmal, seufzte tief und sah vor sich hin. Sie dachte immer ans Sterben und fürchtete sich so davor. Sie wollte so gerne, gerne leben.
Wenn ich mit ihr allein war in der Stube, weinte sie. Selten hab' ich sie lachen sehen. Sie durfte es auch gar nicht, denn immer schloß ihr Lachen mit einem Husten, und dann saßen wir alle in Angst und Schrecken. Ich
war nun groß genug geworden, alles zu verstehen; ich verstand also auch die Gefahr, die uns drohte. Ich hatte manche bange Nacht. Denn oft hörte ich ja in meinem Stübchen oben den Husten der Mutter. Und ich hatte auch so eine Furcht vor den Krankheitstagen. Man mußte immer auf den Zehen schleichen, man durfte kein lautes Wort sagen; denn der Vater war schon böse, wenn man sich nur räusperte. „Denk doch an die Mutter!" schalt er mich dann.
Tie Leute fragten von nun an weniger neugierig im Dorf, aber viel besorgter. Einmal war die Mutter schon tot gesagt. Mir brannt's auf der Zunge, es ihr zu sagen, denn Tötgesagte werden alt, ist der Glaube der Leute.
Ich sagt's vorsichtig erst dem Vater. Er verbot mir, nur ein Wörtchen davon zu reden. Aber ich wußte jetzt wenigstens, daß die Mutter noch lange leben würde, und ich war sehr froh.
(Fortsetzung folgt.)
von der Tätigkeit des Großtzerzogiichen Denkmal' Pflegers für die Altertümer M8.
Von Prof. Tr. A n t h c s , Darmstadt.
Was die größeren archäologischen Sammlungen in Hessen, die Museen in Darmstadt, Mainz, Worms, Gießen und Friedberg auf dem Gebiet der Erforschung der einheimischen Altertümer leisten, das machen sie alljährlich in verschiedenen Zeitschriften bekannt. Es soll deshalb hier in Kürze über das berichtet werden, was auf Veranlassung und unter Leitung des Gr. Tenkmalpflegers für die Altertümer int Laus des letzten Jahres geschehen ist. Unterstützt durch die eifrige Tätigkeit mehrerer Bezirksstellvertreter und auch Vertrauensmänner konnte der DcnkmalSpsleger Prof. Tr. Müller, jetzt Direktor des Historischen Museums in Frankfurt a. M., mit den ihm zu Gebot stehenden Mitteln an einer ganzen Reihe von Punkten helfend und erhaltend eingreifen und unsere Kenntnis fast aller Perioden der heimischen Urgeschichte fördern. In früheren Jahren war die Verwendung dieser Mittel ins freie Ermessen des Denkmalspflegers gestellt, und diesem Umstand verdanken wir die Aufdeckung der sehr wichtigen vorgeschichtlichen Niederlassungen bei Butzbach, Traisa und Hepven- heim. Diesmal, wie in den letzten Jahren in steigendem Maß, war weitaus der größte Teil dieser Mittel zur Erledigung dringender Ausgaben in Anspruch genommen, deren Bearbeitung durch den Dcnkmalpfleger im Interesse der Sache nicht unterbleiben konnte; nur'verhältnismäßig wenige Aufgaben waren in das freie Ermessen des Tenkmalpflegers gestellt.
Die jüngere Steinzeit, die neolithische Periode, der bU ältesten Funde im' Großherzogtum entstammen, ist vor allem durch die in der Gegend von Worms in den letzten Jahren gemachten überraschend reichhaltigen Funde in den Vordergrund des Interesses getreten. Auch diesseits des Rheins beginnen sich die Funde zu mehren, so daß aiizunehmcn ist, auch das rechte Ufergelände des Rheins sei schon in jenen fernen Zeiten reicher besiedelt gewesen, als man seither anznnehmcn berechtigt war. Aus der ältesten Periode, der Rcotithik, der sogen. Pfahlbau- oder Michelsberger Zeit, war bisher mir e i n e-Fundstelle bei uns bekannt, nämlich die von Prof. Müller bei Groß-Umstadt entdeckte und ausgegrabene Wöhngrube mit reichlichen Funden vom sogen. Michels- bergcr Typus. Nun wurde bei Büttelborn eine neue Fundstelle derselben Zeit festgeftcllt, von der ein wohlerhaltcner großer Glockenbecher ins Landesmuseum gekommen ist. Nähere Unter» suchung soll so bald als möglich erfolgen. Bei Auerbach an der Bergstraße wurde ein neolithisches Hockergrab entdeckt und bei Trebur einige Wohngruben der jüngeren Steinzeit, freilich nur mit dürftigen Funden, ausgehoben. Besonders reiche Spuren uralter Ansiedlungen haben sich auf dem überaus fruchtbaren Boden der Gemarkungen von Lengfeld und Habitzheim ergeben: mit Unterstützung eines sehr ortskundigen Einwohners von Lengfeld wurden hier zahlreiche Fundstellen aus ziemlich allen Perioden unserer Vorgeschichte festgestellt und zum Anhalt für spätere Untersuchungen' genau in die Karten eingetragen. Amy in anderen Landcstcilcn, Ivie in der Gegend von Gieyeii, fehlt es nicht an neuerdings beobachteten Siedlungen aus dmer Zeit, die zum Teil schon vom Oberhessischen Geschichtsverem ausgegrabcn sind, zum Teil »och der Untersuchung harren
In spätere Zeit, wahrscheinlich die erste Eisen- oder tzMl- stattzeit, in einzelnen Teilen vielleicht noch die Bronzezeit, gehen die außerordentlich umfangreichen vorgeschichtlichen Anlagen »n nordöstlichen Oberhessen zurück, die teils von Hrok. Müller und den Mitarbeitern an der Denkmalpflege, tets von Prof. Schumacher, in der letzten Zeit auch vom «chiewe dieser Zeilen festgestellt worden sind. Da erst kürzlich unr' törichtes Zeug durch einen übereifrigen Korrespondenten, der c Dingen gänzlich fern steht, in die Tagesblätter gelangt w,! hier das Aussehen dieser Anlagen kurz geschildert. Sie M n aus den heute in uralten Wäldern versteckten Ueoerresten von.' siedlüugen, d. h. aus weit ausgedehnten Ackerterrassen, aiw 1


