Samstag den 19. Juni
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Der arme Lukas.
Eine Geschichte in der Dämmerung von Wilhelm Holzamer.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
3. Kapitel.
Die Leute fragten mich immer nach der Mutter aus. „Wie geht's der Mutter? — Hustet sie noch viel, dein' Mutter? — Gelt, deine arme Mutter?"
Ich gab Auskunft. Aber es war mir widerwärtig. Ich wollte nicht so nach der Mutter ausgefragt sein. Ich ging drum immer den andern Weg von der Schule heim.
Es war damals eine Privatschule im Dorf, in die die „besseren" Kinder gingen. Die besuchte ich auch, lernte Französisch und Geometrie und all so Dinge, von denen man in der Volksschule damals noch nichts wußte. Ging ich von der Schule aus die Straße gradaus weiter, kam ich an unser Haus, das fast am Ende des Dorfes lag, ein wenig auf der Höhe. Aber ich mußte an den Leuten vorbei, die niich ausfragten.
Ich wußte ja, daß die Mutter immer krank war, schwer krank, der Vater hatt' mir's schon lang einmal gesagt.
„'s ist zu hart," hat er dainals gesagt. „Beständig die Angst, vor jedem Lüftchen hüten. 'Die Mutter sollte ja am besten gar nichts tun. Aber 's geht doch nit. Das Haus, der Garten, dcF bißchen Feldchen. 's kann doch nit alles zu Grunde gehen, 's will doch all besorgt sein. Ich kann doch nit alles tun, — und fremde Leut' ins Haus, das kost nur Geld und ist nichts. Schon die Jahre all so eine kranke Frau, 's ist eine große Last. Groß, groß!"
Ich hatte das so mit angehört. Mer ich wollte keine kranke Mutter haben. Ich gab drum den Leuten gute Auskunft. Und ich ging den Weg aus der Schule heiin immer durchs Feld. Das war weiter, aber schöner.
Stundenlang lies ich da draußen herum. Stundenlang lag ich im Grase. Wie der Frühling kam, der Sommer, was sie all brachten, das lebt ich all. Alles Einzelne. Mrt Gras und Blumen, mit Bogel und Wasser, mit Wolken uiib Wind, ich lebte mit ihnen. Ich sprach auch mit ihnen. Lauge Reden. Ich schalt und schmeichelte und lobte, und all meine klernen Sorgen mußten sie wissen. Wir kannten u,?$ ä11 gut, gar zu gut. Und wir verstanden uns,
wie sich Menschen gar nie verstehen.
, Ich hatte ein schönes Plätzchen am Wehr. Da stand eine hohe Pappel, die höchste in den Wiesen, und die rauschte tief wie die Orgel in der Kirche. Ich saß immer ganz andächtig und lauschte. Und manchmal fürchtete ich mich auch. Es war mir dann, als ob ein Mann da drinnen säße, oben in der Krone, und sein Bart wehte, und sein Auge ginge übers Land und seine Stimme sei wie Grollen und Fluchen. Ich duckte mich tief. Ich hörte ihn sprechen, und ich lauschte ihm. Ich vexstand seine Worte nicht, aber
ich fühlte ihren Sinn. Und ich war so fromm zu ihm und betete. Immer, wenn ich kam, setzt' ich mich ganz scheu und ängstlich an den Platz. Aber trotzdem, es war etwas', das mich immer wieder dahin zog.
Wenn ich zu den Wolken sah, die sich türmten und dann schwer über den Berg rollten, als liefen sie auf gewaltigen, himmelhohen Rädern, sah ich den Alten mit dem wallenden Barte und den gewaltigen Augen, die weithin übers Land gingen, oft drin, und sah ihn die Hände heben zu Segen und Wehr, und sah ihn die Fäuste ballen und seine Augen blitzen.
Den Turm zu Babel sah ich, und den Sinai, darauf Moses die Gesetze empfing. Je älter ich wurde, je mehr sah ich. Ich sah die Ritter, die ins gelobte Land zogen, den Barbarossa und Gottfried von Bouillon. Und oft sah ich Burgen und Berge und herrliche Gefilde.
Damals hatte ich einen Freund. Dem wollte ich alles zeigen. Und zeigt' es ihm auch. Aber er lachte mich aus. Da packte mich so sehr die Wut über sein Lachen, dW ich über ihn herfiel und ihn furchtbar schlug. Dann hatte ich wieder keinen Freund mehr.
Ich strich allein am Bache hin, fing Schmetterlinge, suchte Muscheln, band Blumen zum Strauß und sang Lieder von der weiten Welt und frohem Wandern.
Nur wenn der Herbst kam, war ich traurig. Ich war dann viel daheim. Die Mutter sagte, ich erkälte mich. Ich werde dann auch krank lvie sie und müsse sterben wie sie.
Ich sagte, ich wolle nicht sterben. Auch sie solle leben bleiben. Wir wollten einmal recht fröhlich sein. Wir seien ja immer traurig. Warum wir denn immer so traurig wären?
Sie lächelte halb. Ich sollte einmal recht froh sein. Und wenn ich erst groß wäre, dann- sollt' ich leben! Ich sei ein Bub und gesund. „Gesund, so Gott will," setzte sie hinzu.
Aber der Vater sei doch auch nie froh.
Der habe seine Arbeit. Und habe die Sorge mit ihr, weil sie doch die Jahre schon krank sei. Aber das werde nicht mehr lange dauern. Dann nehm's ihm der liebe Gott ab.
Ich sagte ein Wort, das mir von der Schule her eiu- fiel: „Gott läßt sinken, aber nicht ertrinken."
Die Mutter lächelte unter Tränen: Ja, grad drum, grad drum. Dein Vater werde das Glück kommen, wenn sie ginge. Und sie gehe bald, sehr bald.
Der Baler war ein ernster, stiller Mann. Er sprach wenig. Er trug viel in sich verschlossen. Ich hab' gesehen, daß er sich heimlich an den Haaren hatte. Aber er faßte sich immer gleich wieder. Er war sehr streng. Er wollte, daß ich viel lerne, damit ich einmal nicht auf dem Dorfe zu leben brauche. Wenn seine Eltern ihn mehr hätten lernen lassen, es wäre ihm alles anders geworden im Leben.
Die Mutter seufzte.


