Ausgabe 
19.5.1909
 
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Herr Anton Springewalb erwiderte, inan könne ebenso- wenig ein FeuMeton wie eine iteue Blnse verfertigen, wenn man Leinen Stoff habe, und anstatt ihren zärtlichen Gatten mit Vorwürfen zrr überschütten, sollte die Gattin lieber mit irgend einem Stoff aushelfen.

Schön, das will ich hm," antwortete sie,aber du darfst nicht wieder gleich nervös werden, wenn ich beit Stoff in meiner hausbackenen, trivialen Art vortrage."

Dein Vortrag ist mir unter allen Umständen die holdeste Musik. Also brich dein Schweigen durch triviale Musik. Rede, Herrin, dein Knecht hört."

Und Frau Marianne setzte sich ans Fenster und erzählte, als wenn es ein Märchen wäre:Es war einmal ein junger Schriftsteller und ein junges Mädchen. Der Schriftsteller wollte das Mädchen heiraten, aber dessen Eltern wollten das nicht so schnell erlauben, und sagten, der Schriftsteller solle erst einmal beweisen, dah er etwas leisten könne, damit sie sich über die Zukunft ihres Kindes nicht zu ängstigen brauchten. Aber der Schriftsteller bat so schrecklich und sagte, sein ganzes Unglück sei ja nur sein ödes, trostloses Junggcsellen- dasein, und wenn er erst einmal für eine liebe Frau zu sorgen habe, dann würde er nicht mehr sein Talent in Stammtischgesprächen und gelegentlichen Lokalplandereien verzetteln, sondern den großen sozialen Roman und die große Beleuchtung der Philosophie Nietzsches, an der er arbeite, auch wirklich zustande bringen. Dadurch wurde das Mädchen mitleidig und bat nun auch ihre Eltern darum, den Schriftsteller heiraten zu dürfen. Und die ver­einigten Bitten brachten es auch zur Hochzeit der beiden. Jetzt sind sie fünf Jahre glücklich verheiratet, aber der Schriftsteller hat immer noch nicht seinen Roman und seine neue Beleuchtung der Philosophie Nietzsches geschrieben, sondern er schreibt nur Feuilletons und auch die nur dann, wenn seine Frau energisch und wie ich offen zugeben will nicht immer liebenswürdig Wirtschaftsgeld ver­langt. Aber jetzt kommt erst die Hauptsache von der Geschichte. Nach einjähriger Ehe kam ein Lieber, jetzt vier­jähriger Junge zur Welt, lind wenn auch die Frau, weil sie durch ihre damalige Bettelei sich an den nicht immer erfreulichen wirtschaftlichen Zuständen der Ehe mitschuldig suhlt, sich ihrem Manne gegenüber möglichst zusammen­nimmt, so sind Kinder doch, wenn sie etwas einfach nicht be­greifen, manchmal sehr rücksichtslos. Und deshalb hat die Frau Angst, daß, wenn dem Jungen nun noch einmal der so lange versprochene Ausflug ins Oberhvlz mit der Be­gründung verschoben wird, Papa müsse arbeiten, der Junge einfach fragt:Papa, das Zigarrenrauchen ist wohl eine sehr schwere Arbeit?"

Anton hatte den Worten seiner Frau zuerst mit wohl­wollend-überlegenem Lächeln zugehört, etwa wie ein Löwe, der, es nicht übelnimmt, wenn sich eine Maus über ihn lustig macht. Als er aber von der möglichen Verhöhnung durch seinen eigenen Jungen hörte, erwachte das böse Ge­wissen in ihm, das er durch Impertinenzen zu entladen pflegte.

Sehr schön, mein liebes Kind," unterbrach er seine Frau,nur hat deine Heldin einen meines Erachtens ver- hängnisvolleu Fehler begangen, indem sie einen Schrift­steller heiratete. Ein Sparkassenkontrolleur hätte besser für sie gepaßt."

Unerschüttert antwortete Frau Marianne:Meine Hel­din. wollte weder einen Schriftsteller, noch einen Spar- kassenkontrolleur, sondern den Herrn Anton Springewald heiraten. Freilich wäre es ihr jetzt nach fünfjähriger Ehe vielleicht recht willkommen, wenn der Mann seine vielen Beziehungen zur Erlangung einer Sparkassenkontrolleur- Stellnng ausnutzte. Denn es ist für eine Frau behaglicher, mit einem gewissenhaft seine Kasse kontrollierenden Spar­kassenbeamten verheiratet zu fein, als mit einem Feuille­tonisten, der keine Feuilletons schreibt."

Herrn Antons böses Gewissen war jetzt so stark erregt worden, daß er sich nicht mehr mit seiner gewohnten Ironie begnügte, sondern direkt ungezogen wurde. Er setzte den Hut auf, warf den Mantel um und lief, ohne feine Frau eines Abschiedsgrußes zu würdigen, davon, um sich durch eine Wanderung ins freie Feld zn beruhigen. Beim Fort­gehen warf er noch die Türe mit einem hörbaren Ruck ins Schloß, so daß auch die Nachbarsleute es merkten, daß der Herr Doktor nebenan wieder einmal in seiner geistigen Arbeit gestört worden war.

*

Ein Feuilleton wollte Anton Springewalb jetzt freilich schreiben und zwar eines, das Aufsehen erregen sollte. Es sollte davon handeln, daß Genies nicht heiraten dürften, denn die Frauen mit ihrem Ewig-Trivialen zerstörten jede geistige Kraftentfaltung. Mit diesem Entschluß trat er den Heimweg an. Er hatte sich dabei überlegt, daß er fein Feuilleton nicht abstrakt-philosophisch abfassen dürfe, son­dern es brutal realistisch halten müsse. Er wollte feine Frau abmalen, genau wie sie sich ihm gegenüber ver­halten hatte, und wollte seine Paraphrasen schonungslos dazu schreiben, so daß sie sich unter» seiner satyrischen Geißel elend winden sollte.

Wieder an den Toren der Stadt angekommen, war ihm eine neue. Fassung für sein Feuilleton eingefallen. Er hatte sich überlegt, daß seine Frau ihn doch trotz alledem in ihrer Art lieb hatte, daß sie für ihren engen' Gesichtskreis ja nichts könne, und daß er eben versuchen müsse, sie etwas zu sich emporzuziehen. Dazu schien ihm aber nicht eine brutale Satyre, sondern mehr eine vornehm-überlegene Ironie das rechte Mittel.

Und kurz vor seiner Wohnung kam dem Autor noch eine neue Erkenntnis, nämlich die, daß er selbst bei der ganzen Angelegenheit doch auch nicht so vollkommen un­schuldig gewesen fei, denn er hätte im Besitze seiner höheren Intelligenz sich überhaupt nicht vom Zorne hin- reißeu lassen dürfen. Zur Buße beschloß er, alle beim Abendbrod wahrscheinlich kommenden Sticheleien seiner Frau mit sokratischer Ruhe über sich ergehen zu lassen und nur in seinem geplanten fein-ironischen, srauen-pädagogischen Feuilleton darauf zu antworten.

Mit großem Entzücken erlebte Herr Anton Springe- wald am Abendtisch eine Enttäuschung au seiner Frau. Marianne bereitete den Tee und strich ihm die Butterbrode mit freundlichem Plaudern über die verschiedensten Dinge; aber auch nicht die geringste Andeutung verriet, daß sie je unter nichtgeschriebenen Feuilletons gelitten hätte.

Da schämte sich der geistreiche Schriftsteller im Aller- innersten und als feine Frau wegen des kommenden großen Waschtags sich frühzeitig zurückzog, küßte er zärtlich ihre Hand und fügte zu allerlei lieben Worten das Geständnis:

Ich weiß es ja ganz genau, daß du der vernünftigste Mensch in unserer dreiköpfigen Familie bist und daß dann der Junge kommt."

Unb dann setzte er sich hin und schrieb ein Feuilleton über einen Mann, der seine Frau erziehen wollte, abep von ihr erlogen wurde.

ßranzöftsche Erinnerungen an Wagner und Liszt.

In der Revue de Paris veröffentlicht die französische Schrift- stellerin Judith Gautier Erinuermtgeu aus ihrem Leben, die interessante Reminiszenzen an Richard Wagner und Liszt ent­halten. Sie spricht von den Finanznöten des Meisters von Bay­reuth, von den bangen Wochen, die der ersten Wiener Tristan- Aufführung voraufgingen, von dem Drängen der Gläubiger und von Wagners hastiger Abreise nach Stuttgart. Tann kam mit der Gönnerschaft König Ludwigs der entscheidende Lichtstrahl in das kämpfereiche Leben. Wagner selbst erzählte, wie eines Tages ein Kellner in dem Hotel, in dem er sich verborgen hielt, ihm! eine Visitenkarte überreichte:von Pfistermeister, Hosrat seiner Majestät des Königs von Bayern". Wagner erwartete alles andere als eine königliche Auszeichnung. Er war mißtrauisch und ahnte in Pfistermeister einen Gläubiger, der ihn auf diese Weise stellen wollte; der Empfang wurde abgelehnt! Aber der Hosrat ließ sich nicht abweisen, er verwies auf seinen königlichen Auftrag und schließlich kam die Zusammenkunft zustande. Pfistermeister übergab Wagner das Bild des Königs und ein kostbares Schmuck­stück, in das ein Brillant eingelassen war. Er hatte Auftrag, nicht ohne Wagner ins Schloß zu rückzu kehren. Wagner weinte vor freudiger Erregung. Ter König schritt ihm auf der Ehren- treppe entgegen, und bald konnte Wagner sagen:Dieser König ist so schön, Von so vornehmer Klugheit und von so reicher Seele, daß ich fürchte, daß sein Leben in dieser niederen Welt nur wie ein Göttertraum dahingehen w.rb>. Er kennt alles von mir und versteht mich wie meine eigene Seele. Er will mich aus allen Röten befreien und mir helfen, mein Werk zu vollenden." Statut kamen die Tage von Tribschen am Vierwaldstättersee, itio die Meistersinger vollendet und am Ring gearbeitet wurde. Im Mai 1866, zum 53. Geburtstag Wagners, ritt der König ins­geheim von Starnberg nach Bießenhofen, nahm den Zug nach Lindau und eilte nach Tribschen. In Wagners Zimmer wurde dem hohen Gaste ein Feldbett aufgeschlagen. Im folgenden Jahre verlobte sich der König mit der Erzherzogin Sophie. Mer eines Abends gab man int königlichen Theater den Tristan. Tie Braut