Ausgabe 
19.5.1909
 
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vor sich, den Blick ans die Obstbäume gerichtet, die er mit vieler Müh« gepfropft und veredelt hatte.

Nur ein paar Jährchen weiter, dann haben wir die­selben seinen Sorten wie in unserem alten Garten," hatte er zu Frauke gesagt. Zufrieden blickte er auf seine Lieblinge.

Als Frauke aber eine halbe Stunde später herauskam, um den Vater zum Kaffee zu rufen, da fand sie ihn merk­würdig blaß und zusammengesunken auf der Bank sitzen. Er war tot. Ein Schlagfluß hatte seinem Leben ein Ende gemacht.

Frauke erschrak bis ins Innerste. An die Möglichkeit, daß ihr der alte gute Vater jemals könnte genommen werden, hatte sie nie gedacht.

Sie schickten ihrer Aufregung das kleine Laufmädchen, es war wieder eine von den Schoofs, zu Jan und ließ ihn bitten, gleich zu ihr zu kommen.

Es dauerte lange, ehe Miede Schoof zu Jan kam. Zuerst mußte sie doch, ihrer Meinung nach, das Dorf benach­richtigen, mußte bei den Nachbarri auhalten: bei Gorg Bäcker, der vor der Tür stand, und bei der Krügerschen, die am Fenster hinter ihrem Spion saß. Sie mußte rasch um die Ecke springen, blitzschnell zu Hause die Tür aufrerßen mrd hineinrufen:Der Kantor ist mausetot i"

Sie lief noch immer im Trab, als sie in Spätinghof ankam. Jan stülpte sofort seine Mütze aus und folgte ihr so schnell, daß sie schließlich zehn Schritte hinter ihm zurückblieb.

Als er aber bei Frauke aukam, hatte mau beit alten Herrn schon hineiugeschafft auf das Bett, und um Frauke herum staudeu und saßen wohl ein Dutzend Frauen aus der Nachbarschaft und beratschlagten aufs eifrigste.

Frauke stand still und unbeweglich dazwischen. Sic sah Jan an mit einem Blicke, der ihm ins Herz schnitt. Was sollte er nun machen? Er spannte an und holte den Doktor, obgleich alles vergebens war.

Schwere, trübe Tage folgten für Frauke. Die Ver­wandten kamen: die verheirateten Schwestern mit ihren Männern; auch der Jüngste, der eine Lehrerstelle im Koog hatte und nächsteu.s heiratete, kam. Tischler und Leichen­frau kamen, Kränze wurden gebracht, weitläufige Ver­wandte kondolierten.

Das Häuschen war immer voller Gäste.

Jan hielt sich möglichst fern. Er hatte ja kein An­recht darauf, an Fraukes Seite zu stehen.

Bei dem Begräbnis ging er neben den anderen Bauern; er gehörte ja nicht zur Familie. Diese ging hinter dem Sarge, dort, wo das helle Mädchen in dem schwarzen Kleide stolz und trauervoll schritt.

Als endlich alles vorbei war, alle nach Hause ge­gangen und abgereist waren, da kam sich Frauke doppelt verlassen vor.

Die- Geschwister hatten ihr, jedes für sich, alle eine Zuflucht in ihrer Familie angeboten, freilich mit einem Zusatz.Wenn du nicht zu große Ansprüche machst!" Wenn es meiner Frau recht ist!"Wenn du Arbeit gewöhnt bist!"

Frauke hatte gedankt. Nein, sie mache gar keine An­sprüche, sie werde niemand lästig fallen, sie sei Arbeit gewöhnt und wolle sich ihr Brot selbst verdienen.

Wie sich aber ihre Zukunft gestalten sollte, wußte sie selbst nicht. Mit dem Vater hatte Frauke den einzigen Halt verloren. Der Mann, den sie liebte, durste es ihr nicht sein.

Bittere, trübe Gedanken beschlichen Frauke. Wie sollte sich ihre Zukunft gestalten? Die Pension des Vaters erlosch mit seinem Tode. Vermögen hatte er keines hinterlassen. So besaß sie nichts weiter als das armselige Häuschen mit dem bißchen Hausrat.

Sie *ßMtf in Zukunft gezwungen, sich ihr Brot bei fremden Leuten zu verdienen. Wie aber, wenn sich keine Stellung bot? Sie war niemals von Hause fort gewesen, besaß keine Zeugnisse, und eine untergeordnete Stellung konnte sie nicht annehmen, dazu war sie zu alt.

Was ihr aber am schwersten aufs Herz fiel, war, daß sie sich von Jan trennen mußte, daß sie ihn später viel­leicht gar nicht mehr zu sehen bekam, denn eine Stelle ln der Nähe zu bekommen, würde schwerhalten. Fraukd wußte nicht einen einzigen Haushalt, in welchen sie hätte eintreten können.

So zergrübelte und zermarterte sie sich ihren Kopf und sand keinen Ausweg.

Vierzehn Tage waren feit des Kantors Tod verflossen, als Jan es zum erstenmal wieder wagte, auf einen Augen­blick 6et Frauke vorzusprechen. Jetzt, da sie allein stand', mußten sie sich mehr als früher vor dem Gerede der Leute in acht nehmen.

lieber Frankes vergrämte Züge flog ein freudiger Schein.

Jan tat ihr Anblick fast Weh. Sie war in den zwei Wochen wie uni Jahre gealtert. Feine Fältchen durchzogen die ehemals so glatte Stirn. Unter den Augen lag ein bläulicher Schein; ein herber Zug lagerte um den Mund. Blaß und schmal war das Gesichtchen geworden.

Aber trotzdem ja vielleicht gerade deshalb, weil er sah, wie sie litt, wallte in Jans Herzen die Liebe heißer denn je. Er konnte es ihr nur nicht so zeigen in diesen; Tagen der Trauer.

Sie reichte ihm die Hand, und er nahm sie alle beide und umschloß sie mit seinen großen Händen, daß nichts ntehr davon zu sehen war. Sanft und warm drückte er sie und sah ihr dabei innig in die Augen.

Meine liebe, gute Franke!"

Sie hielt seinen Blick nicht aus. Sachte zog sie ihre Hände zurück, und helle Tränen liefen über ihre Wangen.

Jan seufzte. Er hatte in den letzten Wochen so viel über Frauke nachgedacht; die Besorgnis um sie hatte ihn hergetriebeu.

Was soll nun werden, Frauke?"

Frauke wischte die Tränen fort.Ich will das Hans verkaufen und mir eine Stelle suchen."

Als Fräulein wohl?"

Ja, oder etwas Aehnliches."

Ach, Frauke, wenn ich dir den Platz in meinem Hause bieten dürfte, der dir zukommt. Ich glaube wohl, daß man nach so viel Jahren jemand für verschollen erklären kann; dann stünde unserer Heirat nichts mehr im Wege. Aber ich bringe es nicht fertig. Ich denke immer, TiuL könnte eines Tages vor meiner Türe stehen."

Das darfst du auch nicht," stimmte Frauke bei.Sie ist aus Gute und Hochherzigkeit davon gegangen. So lange ich nicht weiß, ob sie nicht noch am Leben ist, könnte ich doch nicht deine Frau werden."

Ich danke dir, Frauke. Du denkst doch immer genau so Ivie ich. Sieh, ich habe das Gefühl, daß sie es mir sagen lassen würde, wenn sie stürbe. Glaubst du nicht auch?"

Ja, das glaube ich," entgegnete Frauke.

(Fortsetzung folgt.)

Das AmlleLsn.

Humoreske von As kau Schmitt (Leipzig).

Schon wieder eine, Anton?" sagte Frau Marianne, als ihr Mann mit dem zufriedenen Gesicht eines Menschen, der fein Leben zu genießen versteht, sich behaglich eine Zi­garre anzündete.Das viele Rauchen ist doch; nur ungesund! und außerdem zeitraubend."

Aller guten Dinge sind drei," antwortete er lakonisch.

Es ist bereits die vierte, Anton. Und in der vorigen Woche hast du eine ganze Kiste ausgeraucht!"

Sieht du, Kind, und dann willst du noch! behaupten, ich hätte gar keine Energie."

Ja, wenn's sich um's Zigarrenrauchen handelt, dann kannst du freilich Energie entwickeln, aber bei anderen Dingen..."

Bitte sehr, beim Billardspielen auch!"

Mit dir ist ja kein vernünftiges Wort zu reden."- Warum redest du dann nur fortwährend mit mir?" Fran Marianne unterdrückte ihre Ungeduld und verfiel in die elegische Tonart.

Ich meine es doch so gut mit dir, Anton!"

Bei einer Frau, die es' schlecht mit mir meinte, würde ich mich auch, nicht so glücklich fühlen, wie stets 'bei meiner! angebeteten Marianne," war seine Antwort

Aber du mußt doch auch..."

.Kein Mensch muß müssen, sagt Lessing."

Aber es sagen doch auch alle deine Freunde..

Was vermögen alle Freunde über einen Menschen, der noch nicht einmal seiner Frau gehorcht!"

Jetzt wurde Marianne aber wirklich ärgerlich und ver­langte ernstlich Auskunft, ob das den Bell etristischen Blättern bereits seit einer Woche versprochene Feuilleton heute endlich! zustande kommen würde. Sie brauche notwendig Wirt­schaftsgeld.