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mit Uns ist es aus' und vorbei. Ich kann und kann Dich Nicht heiraten und wenn ich auch meindag keinen kriegen täte. Laß dirs nicht verdrießen ich pah doch nicht zu. dir. Sei nicht böse darum, denn was einem bestimmt ist entgeht man nicht. Das ist das Schicksal das steht in die Karten geschrieben.
Viele herzliche Grüße sendet Dir
Deine einstmalige Tine Klüsen." *
Als Niels Sönksen diesen Brief auf seiner Kammer käs', fiel ihm die Pfeife aus dem Munde, und sein langes Gesicht verzog sich noch länger, ■ fast wie zum Weinen.
Drei-, viermal zog er den Bries hervor und las' ihn immer wieder. Jedesmal stöhnte er und wischte sich mit dem Hemdsärmel das Nasse aus den Augen. Dann faßte er sich.
Er nahm das Schreiben, faltete es zusannnen, legte es zu Unterst in die Lade und drehte den Schlüssel herum. Dann setzte er sich darauf und ballte die Faust. „Da bleibst du!" sagte er. „Nun laß mich zufrieden."
Jetzt nahm er seine Pfeife auf, stopfte sie von neuem und hüllte sich bald in bläuliche Rauchwolken.
Stolz und selbstzufrieden saß er- da und kam sich als ein ganzer, starker Mann vor, dem ein bißchen unglückliche Liebe nichts anhaben konnte.
Wer noch manchesmal nach diesem Tage stieg der Geist der Erinnerung aus der Lade auf und ließ ihm keine Ruhe. Noch manchesmal kehrte er in der Lade das Unterste zu oberst, holte den Brief hervor, stützte den Kopf in die Hand und stöhnte: „Ich hatte sie so gräßlich lieb."
8.
Der Herbstwind rauschte über die Marsch. Er schüttelte die Riesenpappeln, die Spätinghof umgaben, daß sie aus- sahen wie abgerissene Handwerksburschen, und die rascheln- oen welken Blätter streute er über Hof und Garten.
Verwüstet und verödet sah es hier wie dort aus. Die weißen Unwettervögel (Möwen) kamen in großen Schwärmen vom Meere gezogen. Der Himmel verdunkelte sich, als sie angezogen kamen. Ms sie sich dann auf die noch grünen Fennen niederließen, sahen diese aus wie weiße Mumenfelder. Das währte nur ein Weilchen. Dann erhob sich ein Kreischen und Schwirren, und wie sie gekommen, flogen sie davon.
Den Tieren wurde es kalt draußen. Die Kühe suchten Schutz hinter ihren Bretterverschlägen. Aber noch kamen sie nicht in den warmen Stall, es wuchs noch genug frisches Gras auf den Fennen. Auf den Spätings blühten noch die Butterblumen.
Mamsell Goos wurde krank, kränker als sie je gewesen. Eines Morgens war es ihr nicht möglich, aufzustehen und zu ihrem Platze hinter dem Ofen zu kriechen; sie mußte im Bette liegen bleiben.
„Ein salzer Hering," stöhnte sie, „ein salzer Hering, das ist meine einzige Rettung." Hierbei blieb sie, und Jan spannte an und holte aus Husum einen Salzhering. Die Kranke würgte ihn herunter, aber das alte Mittel versagte; sie fühlte sich schlechter als zuvor.
Jak holte den Arzt. Es war nicht die Sorge um das Leben der Tante, die ihn dazu trieb; er wollte Gewißheit haben, Gewißheit, ob die Alte bald, vielleicht noch in diesem Monat, sterben könnte oder ob ihr ein längeres Leben nach der Aussage des Arztes zugestanden würde.
Doktor Michelsen kam. Nachdem sich Mamsell murrend und widerwillig hatte nntersnchen lassen, stellte der Arzt bei ihr ein schweres Nierenleiden, verbunden mit einer Lnngenaffekiion und einem Magenkatarrh, fest. Er verordnete Bettruhe uitb Diät und verschrieb einige Rezepte. „Morgens und abends ein Pulver," sagte er, „und von der Medizin alle zwei Stunden einen Eßlöffel voll. Von den Tropfen zählen Sie zehn in ein Weinglas voll Wasser, einen Teelöffel voll Zucker dazu. Die Tropfen bekourmt sie vor jeder Mahlzeit. Morgen komme ich wieder."
Auf der Diele hielt Jak den Arzt zurück. „Hm, sagen Sie mal, Herr Doktor, was ist Ihre Meinung? Wird die Alte wieder besser?"
„Besser? Ja, ein wenig besser kann es immer werden. Man innß sich wundern, daß sie überhaupt noch lebt."
/,Jch hätte gern was Näheres gewußt," wandte Jak ein, „es ist doch manches in die Reihe zu bringen. Wie lange kann sie wohl noch leben?"
Doktor Michelsen zuckte die Achseln. „Wenn noch etwas
zu ordnen ist, schieben Sie es' nicht äuf die lange Bank. Die alte Frau kann in vierzehn Tagen sterben, sie kann aber auch noch sechs Wochen leben. Genau kann matt es nicht bestimmen, sie hat eine zähe Natur."
„Sie hat eine zähe Natur", wiederholte Jak. „Aber zum Frühjahr?" Er sah den Doktor an.
„Ja, das Frühjahr wird sie nicht mehr erreichen," sagte Doktor Michelsen kopfschüttelnd, „das ist ausgeschlossen; der Körper ist zu schwach."
Der Doktor fuhr davon, und Jak stand am Dielenfenster und sah dem Wagen nach.
„Das Frühjahr wird sie nicht mehr erreichen", murmelte er, und dann verfinsterten sich seine Züge. „Zäh" H knirschte er, „zäh wie" — er stockte, ein großes, graubraunes Tier schlüpfte dicht an ihm vorbei und verschwand hinter dem großen Wandschrank. Mit den Worten: „eine Ratte" schloß Jak seinen Satz.
Er stand noch und sah starren Blickes auf die Stelle, wo die Ratte verschwunden war, als Jan aus der Wohn- stubentür trat.
„Du kannst mal Rattenpulver mitbringen, wenn du Donnerstag mit Butter nach Husum fährst," sagte er, „mir lief eben ein Biest über die Füße."
„Tine muß ja doch nach der Apotheke und Medizin holen, dann kann sie es gleich mitbringen", meinte Jan.
„Nein, heute laß mau; es hat Zeit bis zum Markttage", entgegnete Jak kurz.
Drinnen in der Wohnstube in ihrem Wandbette lag! Mamsell und lamentierte: „Drei Krankheiten! Ne, so viel kann ich mir nicht leisten. Und dann drei Medizinen! Das soll ich alles schlucken. Das kostet bloß Geld und nützt doch nichts. Ich glaube nicht an solche Fisematenten. Und wer bezahlt es, he?"
„Ich bezahl den Doktor, und du nimmst ein, was er verschrieben hat!" sagte Jak kurz. „Und nun menaschier dich!"
Die Kranke zog knurrend die rotgestreifte Bettdecke bis an die Ohren und kehrte ihr Gesicht der Wand zu. Jak stand am Fenster und blickte hinaus auf die Spätings, wo die rotbunten Kühe grasten.
Seine Miene war unbeweglich, aber in seinem Kopftz arbeitete es. Er sann nach und rechnete, es war eine Rechnung über Leben und Sterben. Heute war der sechzehnte Oktobär. Wenn alles gut ging, konnten die Kühe noch vier Wochen draußen bleiben; sie hatten Gras' genug und außerdem Schutz vom Hanse. Wie aber, wenn es Frühreif oder Frühschnee gab? Oder wenn die kältest nordöstlichen Sturmwinde einsetzten? Dann mußten die Kühe sofort, vielleicht schon in acht, vierzehn Tagen in den Stall getrieben werden. Und dann, wenn daun die Tante starb, und wären die Kühe auch erst eine Stunde unter Dach, dann gehörte der Hof Jan, und er konnte davongehen und sich eine Arbeiterkate kaufen.
Er knirschte mit den Zähnen; er ballte die Fan st m der Tasche. So leicht ließ er sich den Hof nicht nehmen^ er, der Netteste, der Stärkste, er, der mit Leib' und Seele Landmann war. Finster, drohend blickte er nach denk Wandbette hinüber. „Ich wollte, sie wäre tot, morgen den Tag", murmelte er.
(Fortsetzung folgt.)
Bei den Mönchen ans dem St. Bernhardt.
Auf den Höhen des Si. Bernhardts Imitat noch winterlich« Schneesturme und die groben grauen Bauten, in denen die kleine Schar opfermutiger Mönche in stiller Abgeschiedenheit den langen! Winter verbringt, liegen tief eingebettet in ein weites Meer ge- waltiger Schueentassen. Bott dem Leben der winterlichen Siedler auf der Paßhöhe unb ihrer aufreibenden Arbeit gibt Harold I. Shepston int Wide World Magazine ein anschauliches Bild. Neun Monate des Jahres ist das berühmte Hospiz auf hem! St. Bernhardt von der Welt abgeschnitten und so gut wie unizugänglich. Nur drei kurtze Monate währt der Somimer, die Zeit, in der die Fremden in Scharen kominen, um die 'Gastlichkeit des berühmten Hospizes in Anspruch zu nehmen. Tann nehmen die Vorbereitungen für den konNnenden neunmvnatigert Winter alle Kräfte in Anspruch; auf Mauleseln wird das Holz auf dre Paßhöhe geschafft, das int Winter im Kamin prasseln wird, Kisten mit gesalzenem Fleisch werden abgeladen, und die übngst Zeit dient der Erziehung der! berühmten BernhardinerhnnÄe. „'^e wundervollen Geschichten von der Klugheit dieser! Hunde sind mcht übertrieben," so erzählte der Probst dem! englischen Besucher. Nahe deut .Hospiz erhebt sich das Dienllnal für Barry, den be-l rührntesten dieser Bernhardinerhunde. „Während der zehn Jahre,


