Ausgabe 
18.12.1909
 
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Frau Elisabeth wurde glübeud rot.Aber Lollo!" Mer, Mama, im hast doch gesagt" Still!"

Reida ivollte sich ausschütten vor Lachen.Danke schön, Fran. Major!" Sie streckte Vie Hand über den Tisch, ihr Lachen !var so herzlich, die andern mußten nut ein- stimmeu.

O wie schade, Nelda, daß Sie so bald fortgehen! Müssen Sie denn absolut zu den; Onkel?" Iran Lylander hielt des Mädchens ausgestreckte Hand fest.Was würden wir nun für gute Freundinnen werden, luie nett sind Sie geworden!" Sie sah Nelda mit wohlwollenden Augen an, und dann rutschte sie auf ihren! Stuhl hin und her, man inerkte ihr an, sie hatte was aus den: Herzen. Zerstreut klopfte sie auf den Tisch und zupfte am Tuch und rückte mit den Tassen hin und her.Kinder, geht jetzt mal 'raus," sagte sie plötzlich energisch. Tie vier zögerten. Geht nur, geht" sie trieb sie von dannenich komme gleich nach!" lind dann selbst schon halb auf denr Sprung:Ich muß lvirklich mal was sagen, es drückt mich ordentlich!" Sie schnappte nach Luft.Paul, du willst zwar absolut nicht, daß ich davon spreche, aber ich sehe das gar nicht ein, jetzt lvo ivir so gut befreundet sind. Der Paul, der ist ja auch so ein Idealist, vor lauter zarten Mcksichten verpaßt der die beste Gelegenheit ja, laß mich nur ausreden, wenn du auch Gesichter «nächst! Denken Sie, Nelda, Ramer hat den Abschied genommen, gleich nach dem Tode seiner Mutter! Davon haben Sie doch auch gelesen, gräßlich, nicht ivahr

Niemand antwortete; Xylander sah b-.s von der Seite auf Nelda.

Frau Elisabeth plauderte munter fort.Es war eigent­lich ganz gescheit von ihm, mit d e m Namen macht er ja doch keine Karriere. Nun ist er angestellt in einer Gewehr- fa'brik in Köln ja, ja, ich komme schon, was wollt ihr? Schreit nur nicht so!" Sie streckte bett Kopf zur Tür heraus, zog ihn" aber dann eilig wieder zurück und trat noch einmal an den Tisch.Ich hätte ihm gar nicht so viel Schneid zugetraut, dem Ramer!"

Wieder dieser Name! Es gab Nelda einen Schlag; ie konnte es nicht verhindern, daß eine zudringliche Röte angsam in die Wangen drängte und hinauf bis zur Stirn i Heg. Und dabei war ihr Herz, doch ruhig, ganz ruhig. Sie ärgerte sich über sich selbst.

Frau Elisabeth sah das Mädchen verstohlen an und blinzelte idann ihrem Mann zu.So, nun muß ich mal für ein paar Momente zu den Kindern gehen; entschuldigen! Sie, die machen sonst Unfug!" Sie raffte noch rasch ein paar von den benutzten Tassen zusammen und lief zur Tür, leichtfüßig wie ein München. Hinter Neldas Rücken blieb sie einen Augenblick stehen, machte ihrem Mann aller- hand Zeichen, wies mit dem Zeigefinger auf die regungs­los Sitzende und ^nickte energisch mit dem Kopf. Tann verschwand sie.

So," sagte sie draußen mit einem; triumphierenden Lachen.Fritz, Karl, was lungert ihr denn hier herum, ihr wolltet wohl am Schlüsselloch horchen? Kommt mal mit!"

Drinnen die beiden waren einen Augenblick ganz still, dann sprach Xylander mit einem entschuldigenden Lächeln: Verzeihen Sie, der Name mußte sie unangenehm berühren! Halten Sie mich nicht für charakterlos, liebe Nelda, vor Jahren habe ich selbst nicht geglaubt, daß je wieder eine Beziehung zwischen ihm und mir sein könnte; ich, habe ihm sehr gezürnt. Aber man wird milder mit der Zeit, glauben Sie mir's!"

Ja, man wird milder!" Sie nickte, wie eine Vision schoß Römers Gesicht an ihr vorüber; sie konnte es sich doch noch vorstellen, aber wie durch einen dicken, dicken Schleier gesehen.

Ich glaube, wenn iutr uns selbst einen Charakter, oder sagen tmr besser: ein Temperament zu wählen hätten," sagte Lhlanders sympathische Stimme,wir würden für ein Seilen- stück zu dem Ramerschen höflich danken. Was kann er für den Sinn, der ihm angeboren ist, zu seinem Unglück?!" Er richtete einen bittenden Blick auf Nelda.Sie sollten ihm verleihen können Sie ihm verzeihen?"

Und das fragen Sie mich Sie?" Sie sah ihn mit großen, erstaunten Angen an.Sie, der Sie wissen!"

.Ich weiß, ich weiß!" Er legte seine Hand auf die ihre.

Nelda, man muß so vieles im Leben vergessen Vergessen und verwinden!"

Langsam schlug sie die Augen ttieber.Glauben Sie nicht, daß ich auch vergessen mußte?"

Sie sah nicht den wehmütigen Ausdruck über fein Ge­sicht ziehen und die Falte zwischen den Brauen, sie sah sinnend in ihren Schoß.

Glauben Sie mir, Ramer bereut schwer, was er Ihnen gegenüber gefehlt hat; niemand hat mit einem Gefühl tieferer Beleidigung an ihn denken können als ich, ja y uuterbrechen Sie mich nicht ich! Nelda, ich habe Sie so hoch gehalten, mich an Ihrer Frische erfreut, erquickt, mir war", er fuhr sich mit der Hand über die Stirn aber lassen wir das! So mag der Gärtner dem Buben zürnen, der nachts über den Zaun steigt und ihm die schönsten Rosen abschneidet, 's war nicht mein Garten, aber doch der des Nachbars. Bald nach dem Tode Ihres Herrn Vaters Sie hatten schon Koblenz verlassen schrieb Ramer an mich; er fragte nach Ihnen, er wollte wissen, wie Sie den Ver­lust ertrügen. Ich war zu böse auf ihn; ich antwortete nicht. Dann nach zwei Jahren kam noch ein Bries; wieder die Frage nach Ihnen, aber noch intensiver, und zwischen den Zeilen eine brennende Selbstanklage. Ich antwortete wieder nicht. Aber als ich einen Kameraden aus Mainz traf, fragte ich nach Ramer. Der sprach mit Achtung von ihm, nicht mit dem sonst üblichen Achselzucken; er sei sehr fleißig, beschäf­tige sich mit allen möglichen technischen Sachen, halte sich zurück, finde aber bei den ernsteren Elementen im Regiment Anklang und so weiter.Er trägt Schweres mit sich herum," sagte der Kamerad,aber er müht sich, es nicht zu zeigen, er hält den Kopf hoch." Da fing ich an, wieder Sympathie für ihn zu bekommen und ließ ihn grüßen. Geschrieben habe ich wieder nicht. Von Ihnen lmißte ich auch nichts, Sie waren mir entschwunden, so wie mir in­zwischen die Jugend entschwunden ist sehen Sie, ganz grau!"

Er neigte den Kopf, daß sie den grauen Scheitel sehen konnte; da nützte kein Auszupfen von Frau Elisabeth mehr, es waren zu viele der bedenklichen Fäden.

Und dann zuletzt Sie wissen's ja kam der schreck­liche Tod von Frau von Ramer, und gleich darauf las ich im Militärwochenblatt die Abschiedsbewilligung für den Sohu. Da schrieb ich nun doch ein paar kondolierende Zeilen. Sie werden erstaunt sein, ich bekam als Antwort keine Jeremiade; nein, einen ganz vernünftigen Brief, ernst nnd gehalten natürlich die Mutter sei nun tot, er habe bett Abschied nachgesucht, er sei es müde, einer eingebildeten Ehre nachzujagen, wolle versuchen, sich anderweitig zu be­tätigen und habe eine Stellung an der großen Geivehrfabrik von Faber & Co. in Köln angenommen. Anständig, nicht wahr? In diesem Brief keine Frage mehr nach Ihnen!"

Wie könnte das auch sein?" Sie lachte kurz auf. Er hat mich nie geliebt, warum denn jetzt Interesse heucheln?!" Wie kalt ihre Stimme klang! Und doch fing Xylanders feines Ohr das verletzte Empfinden darin auf.

Nicht so," bat er.Er fragte nicht mehr direkt nach Ihnen, aber da stand ein Satz, der viel mehr bedeutet. Ich habe eiusehn gelernt, daß äußere Ehre und Namen 'nicht das Höchste sind. £), daß ich das Beste, das Edelste von mir gestoßen habe, das sich mir jemals im Leben geboten hat! Könnte ich gut machen!" Da ist mir denn doch ein Licht aufgegangen. Sehen Sie, Nelda, er möchte gern heraus aus seiner Unglückshaut: es wäre unrecht, ihm die helfende Hand zu verweigern. Was meinen Sie?"

Warum sagen Sie mir all' das, warum sragcu Sie mich?" Sie zuckte die Achseln.Ich kann ihm nicht helfen l" Starr sah sie an Xylander vorbei in die flimmernde Sommer-; lüft, die draußen vor'm Fenster spielte.

(Fortsetzung folgt.)

Eingeschneit.

Eine Weihnachtsgeschichte von Gerhard Walte?.

(Nachdruck verboten.)

Durch die Straßen fegte der Schneesturm. In schrägen Streifen wirbelte er die dichten Flocken gegen die Scherben des Gastziminers in der Posthalterei. Mit Mühe und Not hatte der Zug unter anderthalb Stunden Verspätung sich bis zu dieser Station durchgearbeitet und war hier hegen geblieben, verzweifelnd an der Möglichkeit, die Durchfahrt