M9 — Nr. P8
Samstag den (8. Dezember
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Rheinlandstöchter.
Roman von Clara V i e b i g.
(Fortsetzung.)' (Nachdruck verboten.)
VII.
Ans styl anders Fenstern in. Moabit hatte man eine Weite Aussicht bis nach dem Kriminalgericht und nach der Kuppet des Ausstellungspalastes; über die Schienenstränge der Lehrter Bahn und die ganze lange Straße herunter.
„Ru kommt sie," schrieen Karl, Viky und Lollo, die im Fenster lagen und strampelten mit den Beinen.
„Wo?" Frau Elisabeth fuhr rasch auf und reckte sich über ihre Kinder. „Unsinn! Das ist ja eine uralte Person!"
„Aber, du sagtest doch, sie wäre 'ne alte Jungfer!" Lollo rieb sich sehr enttäuscht ihre kleine Stumpfnase; sie tvar das entschiedene enfant terrible der Familie.
„Um.Gotteswillen, Lollo, mach' nur nicht etwa solche Bemerkungen, wenn sie da ist," mahnte die Mutter. „Papa wird riesig böse, wenn er's hört!"
„Ja, das glaub' ick!" Die Kleine lachte verschmitzt. „Der guckt immerfort nach der Uhr, und seinen guten Uniformrock bat er auch an!"
„Sie kommt, sie. kommt!" Örtchen kreischte auf und schabte mit den Stiefeln noch rasch ein bißchen mehr Tapete von der Wand. „Jetzt ist sie an der Tür! Sie hat den Fritz an der Hand, der ist ihr entgegengelaufen, 'ne Viertelstunde hat er schon unten gelauert. .Jetzt mach'- ich ihr auf, Hurra!" Er stürmte davon.
' „Ich bin recht neugierig/! sagte Frau Elisabeth.
„Ich auch, Mama!" Die hübsche Bich zog slch das halblange Kleid tiefer auf die Füße. .
Lollo sprang von einem Bein auf's andre, daß dre blonden Zöpfe flogen. „Die alte Jungfer kommt! Hau, achtundzwanzig Jahr, tote uralt!" — —
Zwei, drei Wochen waren vergangen, ehe Nelda den versprochenen Besuch bei Xylanders machen konnte; es gab zu viel der Abhaltung für sie. Im „Berliner" saß man allabendlich in wichtigen Beratungen beisammen; rn Schmoltes Vorderstuben war ein kleines Ausstattungs- straga'in eröffnet, man tvollte sich doch nett und modern einrichten. „Den alten Krempel verkaufen wir dann," sagte Frau Rätin. Allerhand hübsche Möbel würben angeschafft; sw standen schon vorne herum und in der großen Hinter- stube Die kleine Hinterstube war zugeschlossen und der- waift „Stellt mir nur ja nichts herein," — Frau Rätin schüttelte sich — „da hat die Berg gewohnt, das bringt^ Unglück!" -
In glühender Sonnenhitze besah man Wohnungen; von jeder war Fran Rätin entzückt, wenn sie Teppiche auf den Treppen hatte und am Eingang die Inschrift „Aufgang nur für Herrschaften". Auch ein neues Schwarzseidnes und ein Grauseidnes, wie sie es so schön nie besessen, wurden Angeschafft; das SchwgrMdne sür's StaudesaM, dos Krau--
seidne für die Kirche. Nelda mußte überall mit, sie hatte! nie gewußt, daß sie der Mutter so 'unentbehrlich war. Fetzt, wo es zur Trennung kanr, schien Frau Rätin gut macheu zu wollen, was sie eigentlich immer vergessen hatte oder was ihr nur sehr selten eingefallen war — sie überschüttete die Tochter mit Liebe. „Neldachen hier — Reldachen da — wie Nelda meint" Und Nelda lächelte dazu und nahm es hin wie ein Geschenk, das einem in den Schoß fällt, ohne daß man's begehrt hat.
Ja, an eine Trennung ging's. Es war nun ausge- machte Sache, gleich nach der Hochzeit reiste Nelda zunt Onkel; vor der Hand würde sie dort blerben, sie hatte das fest und bestimmt erklärt. „Du brauchst mich nicht, Mama. Er braucht mich, und so mancher andre da auch noch!" Frau Rätin weinte sehr, zum Schluß War es ihr aber ganz recht, „Sie kann ja jede Minute ivieder- kommen," tröstete sie sich; „das Reisegeld spielt ja gar keine Rolle," Und Schmolte hatte hinzugesetzt: „Jederzeit willkommen, Reldachen, jederzeit! Das. will mir gar nich einleuchten, daß du den ollen Onkel verziehst. Blech man keine Ewigkeit!"
Heute ging sie nun endlich zu Xhlanders, die Frau Major hatte in einem freundlichen Briefchen um den Be- such zum Kaffee an diesem Sonntagnächmitiag gebeten.
Nun schritt. Nelda die Treppe hinauf, an ihrer Hand hing Fritz, er führte sie wie im Triumph. „Ich kenn' sie schon," hatte er sich heute den ganzen Tag vor den Geschwistern groß gemacht. „Und sie gefällt uns sehr, gelt on, Papa?" . ........
st'm ander, in einer Art festlicher Unruhe, schrat die Zimmer ab und sah seine Kinder prüfend an waren sie auch nett und ordentlich? Dafür sorgte scho-t Frau Elisa- betl:; die sah selbst aus Wie auS dem Ei geschält, so frisch und heiter. Und der Kaffeetisch allerliebst gedeckt mit der gestickten Serviette, der Arbeit sauren Fleißes von Bickh und Lollo, und den altmodischen buntbemalten Tassen dev eliaen Tante: „Zum Andenken" — „Sei glücklich" — „Aus Freundschaft". „Die hat Nelda immer so hübsch gefunden, sagte Frau Elisabeth zu ihrem Mann, und er küßte sie dafür. „ ... ...
Es ivar alles noch ivie früher; tote in dem getaut- sichen Eßzimmer draußen auf der Chaussee, Nur vor den Fenstern brandete die Großstadt, und eine Brandung ivar cs ja auch gewesen, aus der mau sich hierher gerettet Bei den; einen hatten die Wellen nur stürmischer gekost als bet dem andern; aber Wellen waren es immer. Die Kmdew die wußten noch nichts von dergleichen, die saßen mit großen Augen und kuchenhungrigen Mäulern und sähe« abwechselnd den Gast an und den lockenden Teller.
Nelda blickte ihnen der Reihe nach in die buchenden Gesichter. Bald hingen sie an ihr wie die Kletten, sie mußte alles anhören, Schreibhefte, und Handarbeiten anfwnnen; nach einer halben Stunde erklärte Lollo ganz keck: „Dm Dante, du bist ja gar keine alte Jungfer! "


