Ausgabe 
18.11.1909
 
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ßtenntg vvn politischem Interesse ist. Man kann nach Rima nur durch ein gefährliches, von Kannibalen bewohntes Gebiet ge­langen. Tas Volk war außerordentlich mißtrauisch. Gerüchte vvn unserer Expedition waren schon hingebracht worden, und sie verweigerten uns jeden Proviant, obwohl sie uns nicht tätlich angriffen. Bei der Hauptstadt des Rungastammes fanden wir eine hohe Burg, auf unzugänglichen Klippen errichtet und von einem weiblichen Häuptling befehligt. Tie Dame gestattete uns zwar nicht, vor ihr Angesicht zu treten, aber wir durften in einem Haus außerhalb der Mauern bleiben und machten ims beliebt, indem wir dem Volk ärztliche Hilfe leisteten. Während des Besuches eines großen Klosters verteilten wir eine Anzahl von Spiegeln an die Kinder, machten aber damit grade den entgegengesetzten Eindruck, denn man klagte uns an, wir tvollten sie mit diesen Dingern blind machen. Sie hielten daher eine große Zeremonie ab, in der wir feierlich verflucht wurden. Das war ein eindrucksvolles Schauspiel, bei dem ein großer Sänger­chor und viele Musiker versammelt waren. Wir erregten ihr Erstaunen dadurch, daß wir ganz gemütlich dabei unsere Zi­garetten rauchten und die ganze Gesellschaft photographierten. Noch verwunderter waren sie, daß der schreckliche Fluch uns so garnichts anhaben konnte. Wir zogen es jedoch danach vor, uns aus dein Staube zu machen. Wir nahmen nun unfern Weg südwestlich über einen hohen PW, wo unsere Leute alle von schwerer Bergkrankheit ergriffen wurden, und entdeckten da­bei eine wundervolle Art von Mohnblumen, deren Blüten im Durchmesser 8 Zoll groß sind, lieber den Kermer-Fluß setzten wir ans lederenen Fischerbooten, eine Form von Fahrzeugen, die wir nie in China gesehen hatten. Dann zogen wir durch eine Landschaft von außerordentlicher Lieblichkeit, die von herr­lich gefiederten Papageien und bunten Schmetterlingen in reicher Fülle belebt war. Ein Teil der Expedition wandte sich west­wärts in ein Land, das von nomadischen Räubern bewohnt war. In Auke verbrachte Fergusson drei Tage damit, den Häuptling zu massieren, und erwarb damit seine ganze Liebe, so daß der mächtige Wann die Reisenden durch das ganze Land geleiten ließ. Im August vereinigten sich wieder beide Abteilungen der Expedition zu Mungen, dem am weitesten vorgeschobenen Posten der Chinesen. Dann kehrten wir nach Cheirtu zurück und unter­nahmen von dort eine zweite Reise zu den unbekannten Lolos, die leider so tragisch eichen sollte. Wir besuchten zunächst, den. heiligen Berg von Omei Shan, einen berühmten Wallfahrtsort, an bem sich ein ungeheurer Bronzeelefant erhebt. In der Nähe davon durchforschten wir eine Anzahl bemerkenswerter Höhlen­wohnungen, die bisher noch niemand vor uns studiert hatte. Die Eingeborenen betreten sie niemals aus abergläubischer Furcht, und auch unsere Führer wollten nicht in ihre Nähe kommen. Wir konnten keine Spuren menschlicher Ueberreste entdecken, aber die Wände ivaren mit interessanten Bildern bedeckt von Menschen und Tieren, die auf eine alte und sehr hohe Zivilisation schließen ließen, die hier vielleicht vor 1000 Jahren einmal geherrscht hat. Ueberall in den Höhlen waren Feuerplätze, und wir fanden Anzeichen, daß sie den Lebenden und den Toten zu gleicher Zeit als Wohnung gedient hatten. Als wir die Hauptstadt Mngyafu erreicht hatten, trennte sich Brocke von mir, um die Lolos zu photographieren. Als er nicht zurückkehrte, wurde ich unruhig und erfuhr nach langen Ermittlungen alle Einzelheiten über seinen Tod, fand seinen Körper und einiges von seiner Ausrüstung wieder. Das bereitete unserer Reise ein jähes Ende; ich fuhr sobald als möglich fort, nachdem ich meinen Freund in Chentu begraben."

VeNM!?ehtes.

* Verdaulichkeit. Die Verdaulichkeit unserer Speisen wird in dem eben erschienenenChemischen Koch- und Wirtsch aits b u ch" von Dr. K lenk in einer übersichtlichen Tabelle dargestelit. Danach ist gekochter Reis die am leichtesten verdauliche Nahrung, da eine Stunde zum Verdauen genügt. Es brauchen

1^, Stunden: geschlagene Eier, Gerstensuppe, gebratenes Wildbret, weich gekochte Aepwl uiib Birnen, Obst als MuS ge­kocht, Lachs und Forelle, gekocht, Spinat, Sellerie, Spargel, Erbfen- und Bohnenbrei, Hafergrütze;

!/, Stunden: gekochtes Hirn und gekochter Sago;

2 Stunden: gekochte Milch, rohes Et, gekochte Gerste, ge­bratene Ochsenleber, gekochte saure Aepiel, gekochter Stockstich;

2'/t Stunden: frische ungekochte Milch, gekochter Truthahn;

2'/, Stunden: gebratener Truthahn, gebrateire Gans, Lainmfleisch, Spanferkel, in den Hülsen gekochte Bohnen, Linsen;

2*4 Stunden: Pudding, geröstetes zartes Rindfleisch, Hühner-Frikassee, Austern;

3 Stunden: weich gesottene Eier, geschmortes Hammel» fleisch, roher Schinken, Beefsteak, gebratener Barsch, Steiubcitt und Scholle, Kuchen;

3h, Stunden: gebratenes Schweinefleisch, gesalzene Butter, hartgesottene Eier, acter Käse, irijche Bratwurst, eingesalzenes Rind­fleisch, gekochte Kartoffeln, frisches Weizenbrot, gekochter Weißkohl, gekochte Zwiebel;

4 Stunden: gekochtes und gebräteltes Geflügel, Kalbs­braten, Hammelbraten, gesalzener Lachs, trockenes Brot mit Kaffee;

4'/, Stunden: gekochtes zartes Haminelfleisch, irisch ge­salzenes Pökelfleisch imb Sauerkraut;

5 Stunden: sehr hart gesottene Eier, gebratene Rauch- ivurst, Steinobst, Kirschen, Pflauinen, Rosinen, Mandeln, Nüsse, Pilze;

6 Stunden: altes Pökelfleisch, gebratene Neunaugen und fetter Aal.

Zusatz von viel Oel, Fett imb Säuren erschwert die Ver­dauung, dagegen ivird sie befördert durch Zusatz von Salz, Ge- würz (Pfeffer, Senf), altem Käse, Rettich, Zucker und Wein. Daß alte Leute schon cm Indigestionen (Verdailiiiigsbeschiverden), so z. B. «lach dem Genliß von Spickaal gestorben sind, ist geschichtlich erwiesen.

ff

* Di« Abnahme der englischen Geburtszi ffek» Ans London wird berichtet: Der soeben veröffentlichte ueursstl Bericht über den Bevölkernngszustand Englands zeigt eine be­merkenswerte Abnahme der Geburten. In dem letzten! Vierteljahre betrug bie Anzahl der Geburten in England und Wales 226 619, was einer jährlichen Geburtsziffer Vvn 25,4 pro Tausenb ber Bevölkerung gleichkänre. Das sind 2,5 pro Tausend weniger als die Durchschnittszahl der letzten 10 Vierteljahre und die niedrigste Geburtsziffer überhaupt feit der Einführung ber Zivilstandslisten. Dagegen zeigt auch bie Todesziffer eine Ver­ringerung. Im letzten Vierteljahre wurden in England ttnd Wales 104 741 Todesfälle ausgezeichnet, über 11 je Tausend und zugleich 3,4 je Tausend weniger als die Durchschnittsziffer der vvrherp gehenden 10 Vierteljahre.

* Armut als Erholung. Vvn den seltsamen Svmmer- erhvktlngen, in denen bie dollarbelasteten amerikanischen Millionär« Schutz und Rettung vor der drückenden Last ihres GeldüberflüsseA suchen, wissen Nvs Loifirs charakteristische Einzelheiten zu er­zählen. Es ist in bett letzten Jahren Mode geworden, in den Sommerferien die Rolle des armen Mannes zit spieleir; itt ab­gelagerten Gegenden des Rocky Mountains, au der Küste Grön­lands ziehen die Millionäre und suchen hier in einem einfachen ärmlichen Leben Erholung von bent Komfort, ber sie bas ganze Jahr über umgibt. In beit schwarzen Bergen lebt man in dürftigen Hütten, ein Strohlager dient als Bettstatt, feilt Bedienter leistet Handreichungen, kein Friseur kräuselt den Bart: mit vollen Zügelt genießt man den ungewohnten Reiz der Arnnck. Aber ntcht alle können sich den Luxus der Armut fei stau; weniger das Geld als die Zeit machen manchem reichen Amerikaner diese Sommer- erholung zur Unmöglichkeit. Sie können ber Geschäfte ivegen nicht längere Zeit abwesend sein. Um auch ihnen den Genuß ber Besitz­losigkeit zu verschaffen, hat man neue Auswege ersonnen: uächt- liche Sommerfrischen. An jedem Sommerabend fährt Vvn BvovkllM ein besonderes Schiff ab; die Plätze sind sehr teuer, aber man hat die Genugtuung allerschlechtester Verpflegung und führt das Lebe» eines gemeinen Matrosen. Die Nacht durch kreuzt das Schiff auf dem Meere; am Morgen werden dann die Passagiere löiebet ans Land gesetzt und können ihren, täglichen Beruf nachgehen. Für Liebhaber des Landlebens hat ein großes tztovyorker Hotel auf seiner Terrasse eine regelrechteSteppe" eingerichtet. Hier kamt matt für teueres Geld einige Duadratmeter Platz mieten und fei« Zelt aufschlagen. Nach vollbrachtem Tagewerk zieht der Millionär vorn Kontor in die Steppe, er selbst kocht sich eine frugale Abend- suppe; zwischen rauhen Fellen sucht er Schlaf und erst am fol­genden Morgen verläßt er dieeinsame Natur", besteigt den List- fahrt zum .Friseur, legt int Hotelzimmer wieder weltmämüschs Garderobe an und betritt eine Stunde später als eleganter Cstutle- man bie Straße, dem nionWnd es ansieht, daß er die Nacht M Vagabund unter zerfetztem Zeltbach geschlummert.

* AMerikanischZeitungsnvtiz.Eine jultgeDam« von Oswego verlor, während sie in ihren Kirchenfitz trat, etnck Augenbraue. Der junge Mann, ber sie begleitete, erblickte, letztere am Boden liegend und siel in Ohnmacht er glaubte nämlich, das 'Ding, das auf bem; Boden lag, fei sein Schnurrbart!"

ScherzrttLsel.

Nimm ein Stück Apielsine, sodann ein klein wenig Pfeffer;

Hast du dies beides vereint, wirst du ein Mägdlein erschau'n.

Auflösung in nächster Nummer; i

Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummert A dler fangen keine Fliegen.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brtthl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lange, Gießen.