Ausgabe 
18.11.1909
 
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Ms beiden einzige!! Novembermouaie der letzten 60 Jahre, die an einzelnen Tagen schon sehr strenge Kälte brachten ünd die den Jahren 1849 und 1890 angehörten, gingen beide einem sehr harten und langandauernden Winter vor­aus, und der November 1902, der in seiner zweiten Wkfte unerwartet plötzlich anhaltenden, mäßig strengen Frost brachte, blieb wenigstens bis Mitte Dezember sehr kalt, um nachher milderen Normalcharakter anzunehmen.

Gehen wir in ältere Zeit zurück, so finden wir die Regel, daß ein unzeitig früher Eintritt strenger Winterkälte zumeist auch auf einen ungewöhnlich harten Winter schließen läßt. Z. B. soll int Winter 1739/40, den man mit großer Berech­tigung als den wahrscheinlich! härtesten dieses ganzen Jahrtausends bezeichnen kann, die Winterkälte bereits am 24. Oktober begonnen haben, um dann mit Unterbrechungen bis tief in den Mai, ja, noch in den Juni hinein in meist erheblicher Strenge anzuhalten. Die fürchterlich kalten, be- rüchtigten Dezembermonate der Jahre 1788 und 1812 (der Winter des Feldzugs Napoleons nach Rußland) setzten gleich­falls mit einem plötzlichen scharfen Frost bereits in der zweiten Novemberhälfte ein. Ebenso ist uns von zahlreichen großen Wintern" des Mittelalters ein zum Teil ganz erstaunlich früher Beginn gemeldet. So soll int Fahre 822, das einen fast sieben Monate dauernden, ungemein harten Winter brachte, der Frost schon am 22. September ange- fan gen haben, und int Jahre 763, das wohl den kältesten, überhaupt je in Europa vorgekommenen Winter aufwies, soll Ende September die Elte gleich mit solcher Intensität eingesetzt haben, daß schon am 1. Oktober alle Meere und Flüsse gefroren waren, um bis in den Februar nicht mehr aufzutauen! Born Jahre 443 wissen die Chroniken ferner zu erzählen, daß die Schneedecke sich ganze sechs Monate hindurch gehalten habe. Um diese (vielleicht übertriebene) Angabe richtig zu bewerten, muß erivähut werden, daß im mittleren Norddeutschland seit Jahrzehnten keine Schneedecke von mehr als etwa zweimonatiger Dauer mehr vorgekommen ist! Der ungewöhnlich strenge Winter 1076/77, der durch die an den Namen Canossa anknüpfenden Ereignisse so traurige Berühmtheit erlangt hat, begann gleichfalls schon Ende Oktober, der große Winter 1407/08 am 11. November und so weiter.

Im Gegensatz hierzu sei auch noch von einigen anderen Jahren die Rede, in denen der Winterbeginn, vereinzelt sogar der ganze Winter, den prachtvoll warmen, fast spät- sommerlichen Charakter beibehielt, tote wir ihn in diesem Oktobermonat größtenteils bewundern konnten. Berühmte Beispiele int neunzehnten Jahrhundert für eine erstaunlich lange Herrschaft der warmen Jahreszeit boten insbesondere die Jahre 1822, 1839, 1863, 1868. Iw letztgenannten Jahr war besonders in Oesterreich der Dezember von einer gerade­zu beispiellosen Wärme. Der Monat brachte Temperaturen bis zu 15i/2 Grad Reaumur, also von durchaus sommer­licher Höhe, die Wiesen waren grün, die Laub- und Blüten­knospen geschwollen, am Weihnachts-Heiligabend fand mau vereinzelte Primeln und Birkenkätzchen; am 27. Dezember wurde in Slavonien eine blühende Anemone gefunden, und man fing fröhlich herumfliegende Nesselfalter und Mauer- märttel; am 3. Januar 1869 wurde in Steiermark ein Strauß von blühenden, wilden Rosen gepflückt. Aehnlich warm war der Spätherbst, oder vielmehr der ganze Herbst und Winter­anfang 1839: Anfang Oktober blühten bei Marseille die Kirschen -und Mandelbäume zum zweiten Male, in Un­garn trat im November Baumblüte ein, am 24. Dezember gab es in der Heilbronner Gegend blühende Gartengewächse und frisches Grün bei 11 Grad Reaumur, am zweiten Werh- nachtsfeiertag beobachtete mau sogar auf der Schneekoppe eine Schattentemperatur von + 8 Grad Reaumur und im Sonnenschein spielende Insekten.

Solche merkwürdig warmen Herbstwochen, die freilich nicht immer gleichmäßig ganz Europa betrafen und zumeist Mch von kurzen Epochen kälterer Witterung abgelöst wurden, sind nun freilich keineswegs etwa immer ein zuverlässiges Anzeichen für einen sehr milden Winter. Ein typisches Beispiel dafür ist der Winter 1822/23. Ms in den Dezember hinein brachte er ähnlich auffallende, unzeitgemäße Witte­rungsphänomene, wie sie soeben von 1839 und 1868 berichtet wurden. Dann aber setzte ungemein strenge Kälte ein, (und der Januar 1823 wurde sogar bei einer Mittel- tentperatur von 9,4 Grad Reaumur der überhaupt kälteste Wintermonat, der seit 200 Jahren in Berlin vor­gekommen ist,

, Erberen Jahren hält dafür die abnorme Wärme tatsächlich während des ganzen Winters an. Aus den letzten zwei Jahrhunderten ist das eklatanteste Beispiel dafür der Winter 1755/56, in dem derkälteste" Monat, der Dezember, noch immer eine Temperatur von durchschnittlich st-4 Grad Reaumur, d.i. ungefähr iy2 Grad mehr als für den März normal ist, hatte, während die anderenWintermonate"- noch inärmer waren!

Aus alter Zeit sind noch mehrfach Fälle bekannt, in denen eigentlich der ganze Winter nur ein einziger, schöner, langdauernder Spätherbst oder Frühling war. Immerhin ist die Zahl der besonders typischen Beispiele nur klein. Am eigenartigsten waren jedenfalls die Winter 1185/86, 1289/90, 1420/21 und 1538/39. Der erstgenannte muß, nach! den vorliegenden Berichten bet Chroniken, das eigenartigste Bild von allen geivährt haben: Im Januar blühten die Bäume, im Februar trugen die Aepfelbäume haselnußgroße Früchte, im Mai waren die Früchte und das Getreide reif und Anfang August die Trauben. 1289 blühten zu Weih­nachten tune und Blumen, die Mädchen zogen mit Kränzen aus frischen Feldblumen zur Kirche, und die Knaben badeten in den Flüssen; un Januar 1290 brüteten die Vögel, und man fand Erdbeeren. 1420/21 war der Winter ganz ohne Frost und Schnee, am 7. April gab es blühende Rosen, Mitte April reise Kirschen und Erdbeeren, am 22. Juli reife Weintrauben. Der Winter 1538/39 schließlich gehörte einer Periode merkwürdig warmer Witterung an, die von 1538 bis 1540 dauerte und der auch der heißeste Sommer unseres Jahrtausends, 1540, angehörte. Zur Kennzeichnung der Wärme des genannten Winters genügt es wohl, zu er­wähnen, daß am Neujahrs- Und Dreikönigstage 1539 in der Mark Brandenburg die Mädchen mit Kränzen aus frisch- geflückten Korttblumen und Betlchen zur Kirche kamen!

Wir sehen somit, daß der Spätherbst und Winterbeginn in Mitteleuropa in allen Uur denkbaren Varietäten in bezug auf seilte Witterung zu schillern vermag. In der kalten Jahreszeit sind ja angemein die Gegensätze der möglichen Extreme viel stärker als in der warmen Hälfte des Jahres ausgeprägt. Diese Tatsache gilt, in abgeschwächtem Maße, auch schon für den Zeitpunkt des Winterbeginns. Rück­schlüsse zu ziehen aus dem sehr schönen Herbst dieses Jahres aus den Charakter des tomineubeu Winters und seinen Anfang ist vvllkomnten ein Ding der Unmöglichkeit. Ein ähnlich wundervoller Herbst wie in diesem Jahre leitete zum Beispiel 1795/96 einen ungemein milden Winter ein, der u. a. für Norddeutsch!and den wärmsten Januar der letzten 200 Jähre brachte. Aber ebenso prächtiges Herbst­wetter herrschte z. B. auch im Jahre 1812, das dann zum Schluß einen der furchtbarsten Winter der letzten Jahr­hunderte brachte. Und daß schließlich auf einen ungewöhn­lich schönen und langandaneruden Herbst auch ein ganz gewöhnlicher Durchschnitts- und Normaltoiuter ohne jedes individuelle Gepräge folgert kann, hat ja erst der wunder- volle Herbst 1907 zur Genüge bewiesen. Ein Zusammen- haug zwischen schönem Herbstwetter und dem Charakter des kommenden Wiitters wird sich also keinesfalls kori- struieren lassen, und jedes Prophezeien würde als durchaus! willkürlich bezeichnet werden müssen.

Eine Forschungsreise in bas unbekannte Grenzland zwischen Sibel und China.

Ungeheure Höhlenwohnungen einer vorgeschichtlichen Rasse, ein riesiger Bronzeelesant, ein paradiesisches Tal, Mohnblumen, bereit Blüten einen Durchmesser von 8 Zoll haben, ein starkes Schloß, von einem weiblichen Häupüing verteidigt, und die Wildheit kanni­balischer Stämme das sind die Hauptmomente eines hoch? interessanten Reiseberichtes, den der englische Forscher Mears gegeben hat. Er hatte seine Forschungsreise zusammen mit zwei andern Reisenden, Brocke und Fergasson, unternommen, wurde jedoch zur plötzlichen Umkehr gezwungen, als Brocke von einem Stamm von Wilden ermordet worden war.Das Hauptziel des ersten Teils unserer Reise", so erzählt Mears,war die Erforschung jenes unbekannten Gebietes nahe bei der chinesisch-tibetanischen Grenze, dessen Ränder zwar schon von Missionaren besucht sind, in dessen Inneres aber vor uns niemand eingedrungen war; es wird von 18 halb unabhängigen Stämmen bewohnt. Wir hatten so viel Glück, daß wir auf einer zweiten Reise in das fast unbekannte Land der Lolos eindrangen, um Rima zu erreichen, einen geheimnisvollen Ort, der das ersehnte, aber nicht betretene Ziel vieler Reisenden gewesen und auch für die indische Jtex