Ausgabe 
18.11.1909
 
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Funken, die Kniee bebten ihr nicht bom schnellen Lauf es fuhr etwas in ihr auf und nieder Und rüttelte sie durch und durch. Eine wilde Lust überkam sie. Sie Hütte hinausschreien mögen in die regendurchfeuchtete Welt, über die eine versöhnende Abendsonne niederglänzte und sich grüngolden in jedem Tropfen spiegelte. Sie war nicht Herr ihrer Sinne. Sie stand still und preßte beide Hände an ihre hämmernden Schläfen, dann fuhr sie sich nach dem Nacken und wischte drüber hin. Da hatten seine Lippen gelegen sie fühlte noch den brennenden Druck es lief ihr von dort den Hinterkopf herauf wie ein magnetischer Strom, setzte sich oben auf dem Scheitel fest und spreizte die Strahlen nach allen Seiten. Sie konnte nichts anderes fühlen. Wie durch einen Nebel sah sie die drei auf sich zukommen.

Sobald Fräulein Planke festen Boden, das heißt die Manderscheider Landstraße unter sich fühlte, wurde sie ganz Würde. Der liebe Heinrich durfte den zerfetzten Schirm tragen; sie selbst schritt daher, steif wie ein Pfahl, unter dem ungestalten Hut mißbilligende Blicke auf Nelda schießend. Es muß nnch doch sehr wundern," sagte sie spitz,daß Sie ohne Begleitung" mit einem verächtlichen Lippen­kräuseln sah sie an Hommes vorbeihier herumstreifen! Heutzutage sind die jungen Mädchen merkwürdig eman­zipiert. Gott sei Dank, es gibt noch Ausnahmen!" Sie legte ben Kopf auf die Seite und lächelte.Nicht wahr, lieber Heinrich?"

Der Angeredte schreckte zusammen.Gewiß o ja natürlich," stotterte er.

Aurora fuhr fort:Natürlich, die Ansichten sind ja ehr verschieden! Mich wundert nur, liebe Nelda, daß Sie ich hier amüsieren können! Freilich, Koblenz?!" Sie zuckte die Achseln.Aber Ihr Papa soll recht leidend sein!"

Ich weiß, er hat die Grippe gehabt!" Nelda ging ein paar Schritte vorauf, sie wendete jetzt kaum den Kopf und sagte das leicht hin. Hommes hatte sich, an ihre Seite gestohlen, sie ga!b nicht mehr acht auf die Redensarten der Planke, die gingen wie leerer Schall an ihren Ohren vorbei.

An den ersten Häusern toit Manderscheid trennte man sich, es war ein kühler Abschied.Biel Vergnügen," sagte Fräulein Aurora und neigte hölzern das Haupt.

Nelda schritt mit ihrem Begleiter durch die wohlbekannte Dorfgasse, die Leute standen in den Türen und grüßten freundlich, aber sie erwiderte nicht wie sonst lachend ben Gruß; ein bittrer Geschmack lag ihr auf der Zunge.Der Vorgeschmack jener andren Welt, der Koblenzer Geruch hat mich angeweht," sagte sie sich und schauderte.Noch nicht daran denken, die kürze Zeit noch genießen!" Sie lächelte Hommes an und verlangsamte unwillkürlich den Schritt.

Jetzt waren sie an der Bürgermeisterei, er stieß die Tür auf jetzt im dunklen Flur fühlte sie sich von seinen Armen umschlungen. Sie wollte sich losmachen und konnte doch nicht.Bis morgen, Fräulein Nelda," flüsterte er. Ein Druck > ein stürmischer Kuß sie taumelte gegen die Stubentür.

Der Onkel trat eben heraus.Befa, ob meine Nichte denn noch nicht ah, Nelda du bist's, Gott sei Dank!" Er zog sie in die Stube.Ich hab mich uni dich geängstigt, Kind! Und dann"

O es war schön, Onkel! Warum ängstigen?" Sie sprach noch ganz atemlos; durch das Halbdunkel sah sie nicht, wie bleich sein Gesicht war. Sie lachte überlaut auf.

Er zog sie an's Fenster und sah ihr dort ins Gesicht mit einer seltsam feierlichen Miene: er strich ihr Über das wirre Haar und die erbitzten Wangen. Er wollte sprechen und stockte, dann faßte er sie an beiden Händen wie lebensvoll die Pulse in ihren festen Handgelenken stürmten!

Sie hielt die Lippen halb geöffnet und sah ihn lächelnd, mit glitzernden, unruhigen Blicken an.Was hast du, Onkel?"

Er antwortete nicht gleich, er seufzte und neigte dann den grauen Kopf, daß seine Stirn auf ihrem blonden Scheitel lag-Liebes Kind," sagte er mit bedeckter Stimme,wir müssen zum Bieruhrzug morgen in aller Frühe in Wittlich sein. Wir müssen reisen!"

Warum?" Sie fuhr hastig zurück und starrte ihn mit weitaufgerissenen Augen an.

Ich habe vor einer halben Stunde ein Telegramm bekommen" seine bebenden Finger suchten in der Brust-

taschodein dein guter Vater ist kränker geworden. Sehr krank!" ,

Eine bange Pause.

Es war unheimlich still in der dunklen Stube. Plötz­lich ein gellender Schrei.

Tot ?!" Nelda stürzte vornüber, mit der Stirn auf eine Stuhlkante schlagend.

Noch nicht!"

(Fortsetzung folgt.)

Wann beginnt in Deutschland der Winter?

Bon Dr. Richard Hennig.

Ein selten schöner und warmer Herbst war uns in diesem Jahre nach einem recht trübseligen Sommer beschieden. In der zweiten Oktoberhälfte, zu einer Zeit, wo in vereinzelten Jahren schon der Winter mit Frost und Eis sein Regiment angetreten hat, konnte man noch un­bedenklich zeitweilig bis in den Abend hinein, ohne Mantel, im Sommeranzug im Freien weilen, und bei Tage lachte die Sonne so warm auf die Erde nieder, als sei man im Mai und nicht mitten im Herbst.. Das Jahr 1909 steht ja in dieser Hinsicht nicht vereinzelt da, uno gerade in den letzten Jahren haben sich die schönen, warmen Herbste auf­fallend gehäuft; aber gerade deshalb mag leicht hier und da die Meinung aufkommen, als Hütten wir in Deutschland gewissermaßen einen Anspruch aus so langdauernde und prächtige Herbste, und die Enttäuschung ist dann umso größer, wenn uns in einem künftigen Jahre vielleicht wieder ein­mal ein kalter und unfreundlicher Oktober beschert wird, wie er z. B. nach 1902 und 1905 in besonders unangenehmer Form zu verzeichnen war. Darum ist es vielleicht nicht unangebracht, einmal die Frage zu erörtern, wann eigent­lich der Winter in Deutschland normalerweise beginnt, und welche bedeutenden Schwankungen innerhalb der einzelnen Jahre Vorkommen.

Die Berliner Verhältnisse sind im allgemeinen für die Durchschnittswinterung der ganzen norddeu.scheu Tiefebene maßgebend. Hier nun stellt sich der erste Frost im lang­jährigen Durchschnitt am 4. November ein, der früheste je beobachtete Frost siel in den letzten 60 Jahren auf den 3. Oktober (1902) und in älterer Zeit auf den 24. September (1834), der späteste Eintritt des ersten Frostes hingegen warum Winter 1870/1 zu verzeichnen, wo das Thermometer erst am 30. November zum ersten Male unter den Gefrier­punkt sank, um mit diesem Winterbeginn dann freilich auch den kältesten Winter der letzten siebzig Jahre einzuleiten. Der erste Schneefall hingegen stellt sich im Durchschnitt am 12. November ein. Allerdings sind die Termine des ersten Schnees noch viel schwankender als die des ersten Frostes; so fielen die ersten Schneeflocken 1906 schon am 24, September, ja, im gegenwärtigen Jahr 1909 wurden in Berlin und an einigen anderen Orten sogar bereits am 1. September von verschiedenen Beobachtern leichte Flocken während eines Regenschauers festgestellt. In anderen Jahren verschiebt sich dieses Ereignis wiederum bis in den Dezember hinein. So fiel der erste Schnee 1865 und 1877 erst am 14. Dezember, 1894 am 16. Dezember, 18u3 sogar erst am 23. Dezember und 1888 nicht vor dem Sil- vestertagc!

Die Bedeutung des ersten Eintritts von Frost und Schnee hat im einzelnen Fall auch nur ziemlich frag­würdigen Wert, denn es ist natürlich gar nicht ausgeschlossen, daß auf ein vereinzeltes solches Vorkommnis nochmals durch­aus warmes, prächtiges Herbstwetter folgt. Für die Be­urteilung des Charakters eines Herbstes und des Winter­anfangs^ sind die Zeitpunkte des ersten Frostes und Schnees nur von geringer Bedeutung. Wichtiger ist schon etwa die. Feststellung, wann sich zuerst schärferer Frost von10 Grad und weniger zeigt, was im langjährigen Durchschnitt tu der ersten Dezemberhälfte der Fall ist. Immerhin gibt es auch inilde Winter, in denen überhaupt niemals die Temperatur bis auf - 10 Grad fällt. So sank z. B. in Berlin und auch an zahlreichen anderen Orten Norddeutschlands das Thermometer in der Zeit vom Februar 1897 bis Dezember 1899 nicht ein einziges Mal bis zu dieser Diese, ja, nicht einmal bis 8 Grad Celsius! Andererseits pflegen die­jenigen Wiiiter, in denen Jrostgrade von dieser Tiefe Wit ziemlich zeitig im Jahr aufzutreten pflegen, sich m der Regel auch nachher, mindestens während eines größeren Teiles des Winters, durch ziemliche Strenge auszuzeichnen.