dmch die schneeverwehte Schlucht jenseits des Städtchens er- Pvingen $11 können.
(Sine hoch-gewachsene Tarne stand im Reisemantel und Baschlik, beide noch reichlich mit Schnee bestreut, vor dem Posthalter. Aus oem jugendlichen, frischen Gesicht blitzten ihn zwei sehr schöne braune Augen voll zornigen Lebens au.
„Aber ich sage Ihnen ja, ich Muß Pferde haben ! Ich kann hier doch unmöglich Weihnachten bei Ihnen feiern! Ich will nach Hause!"
_____„Mein liebstes Fräulein, ich kann's beim allerbesten Willen nicht, — es geht wahrhaftig nicht; ich kann's Ihretwegen und des Postillons wegen und des königlichen Materials wegen nicht verantworten!" beteuerte der kleine Mann inständigst.
^■te wandte ihm kurz den Rücken und warf den pelz- gesiitterten Ivetten Mantel mit schnellem Ruck ab. Groß und schlank, von elegantem Wuchs, stand das stattlich schöne Mädchen da. Jetzt flog auch der Baschlik auf den Stuhl, und es war ein Vergnügen, auf das Fräulein zu blicken, wie sie mit leichtem Schritt ans Fenster trat und hinausschaute. — Ungeduldig trat der knapp und fest be- stiefelte kleine Fuß auf. Draußen sah es wenig verheißend aus. Immer neue Schneewolken rieselten herab und mehrten die Tiefe der weichen, feinkörnigen, schimmernden Decke, Unter der feit Stunden alles Pflaster und alle Rinnsteine Und die ersten Treppenstufen der Hausaufgänge verschwunden waren. Dort an der Straßenecke, um die der Wind so recht pfeifen konnte, türmte sich die Schanze altmählich höher und höher, daß kaum noch die Mündung des alten eisernen Kanonenrohrs schwarz aus der weißen Masse heraussah, das dort als. Eck- und Prellstein ein beschauliches, außerdienstliches Leben führte.
Die junge Dame rang aus dem Fensterbrett die Hände. ,Mein, aber solch' Pech! Kein Wagen, kein Schlitten, das Rest wie ansgesiorben! Das Nimmt von der Bescheidenheit her! Was schreibe ich auch, daß ich mit der Post kommen werde! Hätte ich den braven Onkel doch nur ruhig seine dicken Gäule anspanneu lassen! Aber das hätte auch nichts geholfen. Bei dem Wetter wäre er nie dahin zu bringen gewesen, seine Goldmähren aus dem Stalle zu ziehen!"
„Hier, Fräulein!" sagte die Magd hinter ihr und setzte eine dampfende Tasse Kaffee auf den Tisch. „Soll ich ein Zimmer siir Sie zurecht mach en?" fügte sie hinzu, als die Angerodete rasch herümfuhr.
„Ja, mir bleibt ja wohl nichts anderes übrig!" seufzte sie aus tiefstem Herzen und stützte halb wehmütig den Kopf tu die feine Hand. „Na, das' bißchen Weihnachten aber! Und deswegen Tag und Nacht gereist! "
Die Magd blieb in der Tür stehen und horchte. Schellengeläute klang die Straße herauf. Auch das Fräulein hob das Gesicht. Das Geklingel kam näher und wurde immer lauter; jetzt schallte es dicht vor dem Hanse und dazu das Getrappel von einer ganzen Menge Pferdebeinen, gedämpft durch den tiefen Schnee. Und die vier Pferde, denen sie an- gchörten und die, vom Sattel gefahren, einen leichten Schlitten hinter sich> jetzt vor der Einfahrt ungehalten wurden, dampften in der kalten, düsigen Lust.
Kurz darauf erklang heftiges Trampeln schwerer Stiefel draußen in der Durchfahrt, 'wie von einem, der sich die Füße wärmen wollte, und eine tiefe, klare Stimme rief dazu: „Donnerschlag, ist das ein Hundewetter!" Dann flog hie Tür auf, und in einen schweren Pelz, gehüllt, in blanken, weiten Reiterstiefeln, die bis zu den .Hüften reichten, eine weiße, rotverbrämte Kürassiermütze verwegen auf die Stirn hinaufgeschoben, trat schnell ein hoher, schtverer Herr herein, etwas breitspurig, aber doch mit einem Gesicht, das so deutlich von unverwüstlich guter Laune-und gutem Herzen sprach, daß es gar nicht nötig gehabt hätte, noch dazu so mannhaft ansprechend zu sein, wie es von Natur gebildet war, um -doch M gefallen. — Der Schlitten klingelte und schurrte durch den Torweg, und die Pferdehufe trappelten klirrend dazu chif dem Pflaster. , z •... ... ...,
Das Fräulein musterte mit ichnellem Bück bte ritterliche Gestalt. Der neue Gast hatte sie noch gar nicht bemerkt. Nun warf er die Mütze auf den Tisch und strich sich den, Schnee aus dem hingen Schnurrbart. Mit energischem Griff entledigte er sich des Pelzes und stand in seiner nicht besonders neuen, aber auch so immer noch vorieuhasi genug sich zeigenden Uniform der Panzerreiter mitten nn Zimmer, hie Arme dehnend.
„Na, Sie kleine, niedliche Hexe da," rief er der Magd zu, „bringen Sie mir mal das ^größte Glas Grog, das Sie flüssig machen können! — Ah, Morsen, Postmeisterchen! Ra, wollen sich hier wohl ein bißchen einspinnen und behaglichen Weihnachtsabend feiern ohne Zugankunft, Postabgang und- Paketaustragen, was? — Ganz vernünftige Idee. Aber meine. Kiste mit griechischem Wein für meinen alten Herrn händigen Sie mir wohl noch aus! Und mm schnell eine gehörige Portion Beefsteak mit Eiern und eine halbe Flasche Portwein — aber flink; ich muß in einer halben Stunde wieder fort, sonst schneien mir die iiifmueit Wege hier noch ganz Und gar zu! War so wie so schon schlecht genug durch- zukommen."
„Aber Herr Leutnant sind bloß wegen dem Wein heute die zwei Meilen gefahren? Bei dem Wetter?" fragte das Postmeisterleiii erstaunt.
„Na, freilich; glauben Sie, daß ich meinen alten Papa darunter leiden lassen will? Meine größte Leistung in Weihnachtsgeschenken soll hier bei Ihnen liegen bleiben und etwa zu Ostern, ivenn der Schnee schmilzt, nachträglich kommen? Nein, dann kennen Sie Oskar Holm schlecht!"
Da. sprang das Fräulein plötzlich ans. Der Offizier schaute hinter sich. „Ah, Pardon!" näselte er etivas, in alte Gewohnheit zurückfallend, und verbeugte sich tief.
Lächelnd stand das junge Mädchen vor ihm, blühend und frisch und schön, und reichte ihm die Hand dar. „Oskar, kennen Sie mich nicht mehr?" fragte sie.
„Ich wüßte nicht," stotterte er etwas verlegen, und sein Auge forschte in ihrem Gesicht. Sie hielt den Blick der stahlblauen, durchdringenden Augen aus. Plötzlich flog es über sein Gesicht: „Nein, wär's möglich — die kleine Julie Plockmann? Famos!" rief er jubelnd. „Julchen! Das ist ja eine Weihnachtsfreude ganz besonderer Art!" Und er streckte ihr beide Hände hin. „Aber wie können Sie auch verlangen, daß man in dieser Prachtgestalt den kleinen zwölfjährigen Wildfang wiedererkennen soll! Ist ja über zehn Jahre her, daß ich in den Sommerferien als Sekün- daner mit Ihnen int Backtrog auf Ihres Onkels Hofteich umkippte; da sahen wir uns zum letztenmal; denn damals jagte er mich im Zorn vom Hof, und darüber entstand die große Feindschaft der Montecchi und Capnletti, die bis auf beit heutigen Tag dauert — aber wir begraben die Streitaxt, nicht wahr, Julchen?" rief er herzlich und zog erst langsam die eine, dann die andere Hand an seine
Lippen.
„Ja, mir wollen verständiger sein als die Alten, und die Sünden der Väter nicht an uns selber rächen/'gab sie ebenso zurück. „Und- nun gleich eine Bitte —" Sie sah freundlich mit reizendem Blick zu ihm auf.
„Ich soll Sie nach Hause fahren mit meinen Vieren, nicht wahr? Haben Sie es denn gaiH darauf abgesehen, mir den Köpf vor Glück zu verdrehen? Bis ans Ende der Welitz. fahre ich Sie; und au der Mergelgrube, in die ich mit Ihnen zusammen hineinfalle, Julchen, laß ich einen Gedenkstein fetzen." , , ,
„Nun, malen Sie's nur nicht allzu verlockend — aber Sie glauben gar nicht, wie mich diese Begegnung und Ihre Hilfe freuen! Meinen Sie, daß wir durch- konnnen?" ' ■
„Mit vier Gäulen kann man viel!" gab er sicher zur Antwort; „aber wir dürfen nicht zu lange warten! Jetzt seien Sie mein lieber Gast — und dann los!"
Hub dann fegte der Schnee weiter über die Ga seit unb über die Felder. — Er hatte das Mädchen freudig und beglückt in den Schlitten gehoben und sie eingewickelt und eingehüllt wie ein Kind- für das er sorgen mußte.
„Wie gut Sie sind!" sagte sie dankbar. Der Knecht knallte mit der langen Peitsche, unb im schlanken Trab aiiig's auf ebener, weicher Bahn dahingieitend durch die krummen Hauptstraßen des Städtchens. Schneekappen auf allen Pfählen; Schnee klebend an den Laternengläsern; Schnee auf den Dächern - jetzt eine kleine Lmmne von oben kommend, silbernen Staub versprühend un iMlen, tiefe Stille ringsum, jeder Laut gedämpft, und von oben immer neue Schueemasstm herabwirbelnd vorm eis'M'i Nordost, der in kürzen Stößen heulend über die --ächer hin fuhr, unten auf Erden und oben aus den ^achernnebel- artige Wolken aufjagend. Vom Kirchturm fchalltc es mit tiefen, hallenden Schlägen elf Uhr. still und groß «n; einer Seite weiß, auf der anderen lch'varz, ragre er YinmZ in die wilde, wirre Flockenjagd- zur Hälfte feiner Höh.


