Ausgabe 
18.10.1909
 
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Nicken. Bor dem Eßzimmer bleibt ex fliehen: er richtet sich ftüf, zieht die Falten der Weste gerade und schürzt die Brauen hn steilen Bogen, in denen Zorn und Verachtung nisten.

Der Spaziergänger läßt kurzem Gruße ein stumpfes Schweigen folgen. Sein Blick haftet angelegentlich 'im Suppenteller.

Bist du eigentlich hingefallen? Du sahst so schmuddelig aus, als du zurückkamst," fragt sie. Seine Lippen werden zu einem feinen dünnen Strich.Nein, nein, nein," sagt er schließlich freundlich, ein wenig zerstreut und führt schnell den Löffel zum Munde. Eine beklommene Pause folgt. Sie rührt in ihrer Suppe:Dreimal hab ich der Äirna schon gesagt, sie soll die Suppe nicht so lange brodeln lassen." Und dann:Hast du denn Nun wenigstens dein Tintenfaß?"

Auf Aehnliches hatte er gewartet. Er wird blaß: danN schlägt eine Blutmolle empor zu den Schläfen. Er legt den Löffel fort und nickt ihr tieftraurig zu:

Kind, ich merke, du verkennst den Sinn des Geschehenen. Ich verstehe nicht, wie du glauben kannst, das alles hätte mit dem Tiirtenfaß zu schaffen."

Nicht mit dem Tintenfaß?"

Liebes Kind, es handelt sich hier gar nicht um das Tinten­faß. Das Tintenfaß wäre völlig gleichgültig. Es handelt sich hier um das, was hinter diesem Tintenfaß liegt, um das Gefühl, aus dem heraus du so . . . so wenig liebenswert werden konntest. Das Tiirtenfaß ist nur ein zufälliger Anlaß dessen, was mir aus dir entgegenschlug. Und das, siehst du, dieser Gefühlskonrplex, der war da und ist da: anch ohne tausend Tintenfässer." Er legt dabei mechanisch die Serviette zusammen, starrt aufs Tischtuch imd fährt fort:

Du verstehst mich wohl. Tas Tintenfast ist dabei völlige nebensächlich. Es hätte eberrsvgut etwas anderes sein können. Und schließlich: ist es zu viel, wenn ich dich frage, warum du mir eine kleine Gefälligkeit nicht erwiesest, um die ich bat. Ich bitte dich, als du einmal ins Laboratorium kommst: du, sag dem Mädcheir, sie könne mein Tintenfaß mal reinigen. Du hast es ja selbst gesehen: nur schwarzer Schlamm war darin."

Gewiß," sagt sic sehr ernsthaft.

Nun ja: freilich gewiß. Zwei Tage später schreibe sch einen wichtigen Brief. Na ja, du standest ja dabei: du sahst cs ja. Und da soll man nicht ärgerlich werden, wenn man wegen dieser. . . Nachlässigkeit den ganzen Brief vollschmiert. Meinst blt, es ist ein Vergnügen, so einen Brief zweimal zu schreiben?"

Aber ich denke, es handelt sich gar nicht um das Tintenfaß?" fragt sie; nun wird er ärgerlich:

Nein, nein, nein, nein! Aber ist dir denn so unbegreiflich, wenn ich in diesem Augenblick dich höflich frage, warum du meine Bitte nicht erfüllt hast? Wie?"

Nein," sagte sie mit Ueberzeuguug,das ist mir nicht un­begreiflich."

Aber mir ist es unbegreiflich, daß du mir dann solche Worte sagen koimtest. . . wegen einer solchen Lappalie. Und siehst tot, so etwas . . . es ist ja immer der Ton, der etwas sagt, nicht die Worte

Jawohl, der Ton . . ."

Wie?" i

Ja, der Ton. Der Ton, in dem du nach 'deinem Tintenfaß fragtest. .

3$ bitte dich, laß doch dies läppische Tintenfaß beiseite. Es handelt sich ja garnicht um dies unselige Tintenfaß."

Du," meint sie lächelnd,deine Suppe ist kalt geiuorbeit."

Tja, die Suppe, die Suppe!" sagt er bitter. Dann spricht er kein Wort mehr.

Herr Doktor," sagt später das Dienstmädchen beim Ser­vieren schuldbewußt,Sie müssen es schon entschuldigen . . ."!

Was ist denn passiert?"

Das mit dem Tintenfaß. . ."

Tintenfaß, Tintenfaß, Tintenfaß V'\ jammert er und hält sich bto Ohren zu.

Das ich vergessen habe. . ."

Seine Hände sinken herab.Sie haben vergessen?"

Als das Dienstmädchen hinausgeht, fragt er, ein wenig zaghaft sein Gegenüber:

Warum hast du mir das denn. . .?"

Aber dn liefst ja fort. . .; wegen alldem, washinter deinem Tintenfasse" herauskam. . ."

Er wird verlegen. Ich 'habe, sagte er sich im Stillen, mich Nicht so weise benommen, wie ich es von mir erwarten konnte.; Es ist 'wohl an mir, mich zN rehabilitieren.

Er überlegt und sinnt bis zum Dessert: er möchte ihr ein Wort des Zngestehens sagen.

Na ja," sagt er schließlich mit einem Ruck,das TintüN- daß . . ." Dann stockt er, nickt und fährt fort:Der Heckenweg Ist gaitz eingeregnet. Denk dir nur, Kind, da unten an der Biegung da ist ein ganzer See. Ich war heute morgen unten taü>. .

Vermischter.

* Eine Girardi-Anekdote. Einige Züge von Alexan­der Girardi, dem prächtigen Wiener Künstler, dem großen Komiker Nein, dem ausgezeichneten Charakterdarsteller, erzähltMeinor" im Oktoberheft von BÄhageN ü. Klasings Monatsheften. Einens geborenen Familienmenschen" nennt er Girardi. B' weit ist die Mannesjahre hinein ist er denn auch'richtig Kino bliebest Und hat nicht von der Mutter gelassen, die bei ihm in Wiest war bis zum Tode, ohne deren Rat er selten etwas tat und deren Wort in mancher wichtigen Lebensfrage für ihn maßgebend war. Sie war die Hausfrau, und beim Vudgetmacheu sogar half sie ihm, als sichtbare und unsichtbare Kontrolleurin, denn fast schien eS, als frage er sich bei mancher Ausgabe:Was Möcht die Mutter dazu sagen?" und als bliebe manche darum unans- gegeben. Und Mit der gehorsamen Rücksicht des Kindes, das noch tatter der Zucht des elterlichen Hauses ist, respektierte er die Gewohnheiten der alten Fran und fügte sich ihrem Hausgesetze mit einer 'Unterwürfigkeit, die, wemts nicht die Mutter, sonderst die Gattin gewesen wäre, ihn unbedingt in den Ruf des Pantoffel- tstms hätte bringest müssen. So nahm er fast niemals eine Ein­ladung zum Tiner an, weil die Mutter es nicht gerne sah, wenn er beim Mittagstisch fehlte. Das führte einmal zu einer Ver- und Entwicklung von lustig charakteristischer Ergöblichkeit. In einer befreundeten Familie War er an Sonn- und Feiertagen! regelmäßiger Gast zur Jause, und zwar zur obligaten Wiener Jause mit Kaffee undGugelhupf"- für welche Spezialität der Wiener Backkunst er eine gelinde Leidenschaft hegte. Nun hätte man ihn in dem Hause doch einmal auch zu Mittag haben wollen, aber alle Aufforderungen undTringlichkeitsantrüge" nach dieser Richtung hin waren vergeblich, er zeigte sich unerschütterlich, denn an .einem Sonntage gar der Mutter daS anzutun, daß er sie beim Mittagessen allein lasse, das bringe er nicht übers Herz Und davon könne nicht die fRebe sein! Eines Tages aber stürzt er ganz unerwartet, höchlich aufgeregt herein und wendet sich an die Töchter des Hanfes:Kinder, was habt's mir angetan? Gestern kommt mei Mutter über mi, wirft mir e Brief airf'st Tisch und fahrt los:Landl, wie stellst dn mi vor die Leut hin? Rein als a BißgurN, die di als Ivie an klauen Bub'n behandelt und dir verbiet', wohin zu gehn. Da schreib'n mir drei Fräu­leins und bitten mi schön, i soll dir erlauben, am nächsten Sonntag dorten zu essen. Daß d' mir also hingehst, sag i dir, sonst glauben die Damen richti, t sperr di ein und lass di nit ans'n Hans." Der erschütternde Bericht wurde mit der ge­bührenden heiteren Teilnahme angehört, die Uebeltäteriunen legten ein reueloses Bekenntnis ab und führten dem zerknirschten Sohne zu Gemüle, daß er jetzt der Mutter den von ihr geforderten Ge­horsam zu leisten und sich am Sonntag bei Tische eiitzufinden habe. Tas wurde denn auch abgemacht und mündlich zu Protokoll genommen. Der Sonntag kam, das Menü wurde nach dem, durch wohlorganisierten Spionendienst erkundschafteten Geschmacke des Gastes hergerichtet, es wurde Mittag, es wurde später als Mittag aber Girardi kam nicht, und man mußte ohne ihn trachten, das Menü zu erledigen. Zur gewohnten Stunde' erschien er. Man stürmte mit Vorwürfen auf ihn los, er aber erklärte! recht kleinlaut:'s is nit gangen Kinder, ich Habs Euch ja gleich g'sagt, daß es nit geht. Heut in der Früh, ich lieg noch im Bett, schießt mei Mutter zur Tür herein und schreit mr an:Ma, was is Landl, gehst oder gehst nit zn deinen Damen hin? Du weißt schon also was is?" Da hab ich ja g'sehn, daß es ihr doch nit recht is, und da bin i halt z' Haus g'blieb'n." Das Geschichtchen erzählt mehr von dem Wesen deS Mannes, als es ganze Biographien könnten.

* A.:Merkwürdige Menschen, diese Dichter! Da spricht einer von einerschmerzhaften Leere". Was soll man sich bloß dabei vorstellen? Das gibts doch gar nicht." B.:Wärmst nicht? Haben Sie denn nie Kopfweh gehabt?"

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Bilderrätsel.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Tauschrätsels in voriger Nunnner: Wagen Eber Rose Weber Ast Geige Tester - Gaste Elba Wurst Iller Raine Reid Tanne; Wer wagt, gewinnt.

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scheu Universstais-Buch- und Steindrmkerei, R. Lange, Gießen.

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