Ausgabe 
18.10.1909
 
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zurück und bleibt schließlich aus einem kleinen trockenen Eiland stehen. Er blinzelt, aus den Taschen kommen die Hände, suchen ein Taschentuch, sinden es und reiben damit das Auge, bis die Lider rot sind wie Johannisbeeren.Eine Schweinerei" meint er ingrimmig, blinzelt, schließt das Auge wieder und empsindet einen dumpfen Zorn gegen diese Erde, diesen Schlamm, diese Pfützen, diese Weißdornhecken, die seiner Nöle spotten.

Dann geht er weiter. Er geht nun anders, den Blick am Boden; die rhythmische Wucht seines Schrittes ist einem hüpfenden Federn gewichen. So geht es eine Weile. Die Bewegung löst den dumpfen Acrgxr, der in seinen Gliedern sich eingenistet, der Kamps' mit den Elementen nimmt den Sinn in Anspruch. Die Sache beginnt ihn zu interessieren. Der Blick erweitert sich, sein Schritt wird rascher, der Eifer rötet die Wangen und als er mit einer überraschenden Umgehung, ohne das Tempo zu zügeln, eine besonders breitspurige Wasserlache überwunden, gleitet ein zufriedenes Lächeln über seine Züge.

Der Pfad machte eine scharfe Biegung nach links; die Hecken erweitern sich, an der rechten Seite schiebt das Strauchwerk sich auseinander und man kann lueit hinaussehen, über wellige Wiesen, bis zum Waldrand, der fern wie ein dicker schwarzer Strich aus der dichtgrünen Fläche lastet. Hier türmt sich dem Taten­drang des Spaziergängers ein schlimmes Hemmnis entgegen. Der Weg senkt sich; in der Tiefe aber strahlt der braungrüne Spiegel eines kleinen Regensees. Die ganze Breite des Weges nimmt er ein, geht noch darüber hinaus, setzt die Wurzeln der Weißdorn­sträucher unter Wasser und reckt die Arme sogar hinaus in die Wiesen rechts und links des Pfades.

Ter Spaziergänger bleibt stehen und nickt dreimal langsam! mit dem Kopse.Also nicht", meint er mit der gelassenen lieber» legenheit des Feldherrn, der mit raschem Blick alle Möglich­keiten überschaut und seine Kräfte richtig einschätzt. Er blickt eine Weile sinnend auf die kleine Wasserfläche; ein Windhauch streift über sie hin, zieht eine zitternde Reihe von kleinen Wellen, die von einem Ufer herangleiten und drüben im Fuß der Ecke entschlüpfen. Hart am Rande tänzelt ein kleiner Fetzen Papier auf dem Spiegel. Zur Hälfte ist es ausgeweicht; noch sieht man die Reste von Schriftzügen.Ich habe", meint der Spazier­gänger,doch nichts zu versäumen", nimmt einen welken Ast vom Wegrand und fegt das Papier zu sich heran. Es ist ein dreieckiges unscheinbares Stück eines zerrissenen Brieses.Du mußt nicht gl...ist noch ganz deutlich zu lesen; und da­hinter .... n weiß, nie."

Die Schrift", meint der Spaziergänger,ist weiblichen Ur­sprungs", und bückt sich tief über de» nassen schmutzigen Fetzen nieder, um die Buchstaben genauer zu betrachten.Du mußt nicht gl...." undweiß nie?" Vielleicht ist-es der traurige Rest eines lieben zärtlichen Brieses, den ein kleines blondes Mädchen in ihrem Zimmerchen kritzelte, ganz heimlich, sorglich lauschend, daß die Mama sie nicht überrascht... Oder vielleicht schrieb das eine kluge, schlanke Fran, mit einem dünnen Elfcubein- haltcr mit Goldfeder, der aber ganz gelb aussieht zwischen den schmalen weißen FrauenfiugerN' . . .Ach, Unsinn, mag das geschrieben haben wer will, ich werde jetzt nach Hause gehen!" Der Spaziergänger richtet sich auf, schleudert den dürren Ast, den er noch in der Hand hältf weit hinaus in, die Wasserfläche, so daß die Wellen aufzucken und nach allen Seiten eilen, reibt* sich die Hände, mit einige Reste feuchter schwarzer Erde ab- zuwischen und wendet sich zum Gehen.

Zwanzig Schritte geht er rüstig dahin, dann mäßigt sich der Eifer, es folgen fünf langsame Schritte, dann drei noch lang­samere und schließlich bleibt der Spaziergänger unentschtösscn stehen. Er rümpft mißmutig die Nase, kräuselt die Stirn in schmerzliche Falten und schüttelt ärgerlich das Haupt.Das verdammte Tintenfaß!" sagt er plötzlick) ganz laut und ingrim­mig.Dieses verdammte Tintenfaß!" Und dann, nach einer kürzen Pause, im grüblerischen Decrescendo:Dieses blödsinnige Tinten-, saß!"

Dann aber sagt er kein Wort mehr. Am Wegrande, in der Hecke, ist ein niedriges breites Holzgatter. Aus dieses setzt sich der Spaziergänger rittlings, läßt die Beine an beiden Ecken herabbaumeln, vergräbt die Hände in die Hosentaschen und Narrt sichtlich verstimmt ans die nassen, schlammüberzogenen Stiefel hernieder. , ~

Es ist", meint der Spaziergänger im Stillen,zwerfcllos eine peinliche Situation. Geitau genommen, habe ich vielleicht nicht ganz so weise gehandelt, ioie ich es von mir erwarten könnte. Ich habe diese Geschichte mit dem Tintensaß vielleicht ein wenig hm, man kann wohl sagen: zu extrem behandelt. Ich will nicht leugnen, daß ich versucht wäre, einen anderen, der hier an meiner Stelle aus feuchtem, nassen Holzbalken Pferdchen spielte, vielleicht ein ganz klein wenig als komische Figiir zu betrachten..." Der Nachdenkliche vermied es, diesen Gedanken zu Ende zu verfolgen. Er suchte sein Taschentuch hervor. Dies zeigte reichliche ©puren der Reinigungsprozedur, zu der es vor­dem gedient hatte. Der Besitzer betrachtete es eine Weile von allen Seiten, sand schließlich eine Stelle, die noch einige Reste des einstigen Weiß verriet, und zögerte nicht, diesen Fleck zu benutzen.Ich werde", fuhr er dann in seinem Sinnen fort, mir voraussichtlich einen Schnupfen holen. Nasse Füße habe ich schon", und dabei krümmte er im Stiesel die Füße und

lauschte dem dumpsen matten Geräusch glucksenden Wassers, das dabei entstand. Dann zog er die Uhr aus der Westentasche/ klopfte nachdenklich mit dem Nagel des linken Zeigefingers auf das Glas und meinte weiter:Auf keine» Fall kann ich 'vor drei viertel Stunden nach Hailse gehen. Nachdem ich diese An­gelegenheit von Anfang an rigoros behandelt habe und ich kann wohl sagen : nicht ohne eine gewisse innere Berechtigung, nun muß ich sie auch ebenso zu Ende führen und kann hn- gienische Gesichtspunkte nicht in das Bereich meiner Beschlü se ziehen." Er richtete sich dabei ein wenig empor, nickte cnlt=. schlossen vor sich hin und dachte weiter:Daß sie mirKlein­lichkeit" vorgeworfen hat, kann ich unmöglich ruhig hinnehme i. Nicht allein darum-, weil" und hierbei hob er sich hoch empor, dies fine, völlige Verkennung meines Wesens bedeutet, sonderst vor allem wegen des gereizten, ja man möchte fast sagenge­hässigen" Tones, dessen sie sich dabei bediente . . ." Eine Weile blieben seine Gedanken bei diesem Vorwurf haften; dann glitt die Kette weiter.Ich gebe zu, daß ich in der Mißstimmung des Augenblicks ihr einen Vorwurf gemacht habe, den sie nicht ganz verdiente aber immerhin indirekt doch, zum Teil sogar gewiß!; aber schließlich bin ich doch auch ein Mensch von Fleisch und Blut und habe ein gutes Recht, verstimmt zu sein, wenn eine Nachlässigkeit dritter gleichviel wer dies auch sei mir die Mühe meiner Arbeit verdoppelt." Dieser Schluß schien ihm so schlagend, daß er dreimal entschieden nickte, ehe et sortsuhr:und wenn ich schon im Aerger des Augenblicks Herrgott, man hat doch weiß Gott genug Sorgen vielleicht nicht völlig gerecht >vnr: von wem soll ich überhaupt ein ganz Keilt wenig Eingehen auf meine Wesensart erwarten, wenn nicht von ihr, die, hoffentlich, bald, die Mütter meiner . . ."

Hier erlitt der Gedankenablauf eine empfindliche Störung. Der Balken, auf dem der sinnende. Spaziergänger sitzt, seufzte drohend auf, ein knarrendes Acchzen folgte, so daß der Reiter cs für geraten hielt, mit aller Hast seinen Standort zu verlassen.

3inn Teufel auch," meint der Spaziergänger atemholend,das hatte noch gefehlt," und klopfte sich sorglich die Stelle seines Beinkleides ab, die durch die Berührung mit dem nassen Holz

ein wenig kühlende Feuchtigkeit eingesogen hatte.

Nachdem ich aber nun schon einmal im Zorn davonlief," riefelten die Folgerungen weiter,kann ich nicht gut nach einer Viertelstunde friedlich heimkehren, ohne zur kornischen Figur zu werden. Schließlich handelt es sich ja doch nicht um dieses läp­pische Tintenfaß, sondern um eine Prinzipiensrage, die geffiirt werden muß. Ich werde nun also," und dabei befragte er die Uhr von neuem,noch vierzig Minuten in beschaulicher Betrachtung die Reize dieser regenfeuchten Landschaft genießen; punkt halb eins zu Hause eintreffen, direkt mein Zimmer aufsuchen und abwarten, in welcher Weise sie sich mir nähert, um ihr Unrecht wieder gut zu machen."

Jawohl, ihr Unrecht!" wiederholte er laut üud energisch, zum lebhaften Befremden der Gemüsefrau, die, ihren Korb auf dem Haupte, jnst um die Ecke kam und bei dem zornigen Klang der empörten Männerstimme betroffen zurückprallte.

*

Schon zehn Minuten find vergangen, daß die alte Garten- Pforte wieder klirrte. Der Spaziergänger hat sie ein wenig geräuschvoll ins Schloß fallen lassen. Aber man hat ihn auch ohnedies vom Fenster ans beobachtet und gesehen, wie er gerade­wegs und mit großen Schritten auf den kleinen Anbau neben! dem Hause zuging.

Hier in seinem Laboratorium sitzt jetzt der Spaziergängerl feit zehn Minuten und wartet aus irgend ein Geschehnis. Mitte» aus dem Schreibtisch, ein wenig absichtsvoll, glänzt ein neugeputztes, frisch gereinigtes großes Kristalltintenfaß mit rundem Silber- dcckcl.Als ob es sich darum handelte!" hat der Spaziergänger verstimmt gemurmelt und das Ting ärgerlich zurückgeschobcn. Nun steht cs da im Lichtkreis des Fensters; man kann es kaum aufehc», so weiß glüht im Svicael der Sonnenstrahlen das Ruud des Silberdeckels; erst wenn das Auge sich ein wenig an den grellen Glanz gewöhnt hat, sicht man das Kristall darunter in tausend schillernden Farbe» funkeln.

Ter Spaziergänger aber sitzt da und wartet. Dann steht er auf, geht ungeduldig im Gemach umher, bleibt wieder stehen, lauscht, hört nichts und schüttelt zornig de» Kopf.Das Wenigste," meint er bitter,ist doch, daß sie ciitmnl herüberkommt. Ent­weder sie sieht ein, daß sie Schuld ist, schön, so ist es ihro verteufelte Pflicht, die Kränkung wieder gutzumachen-. Oder sie hält sich für unschuldig: dann könnte sie erst recht herüber kommen; schon um mich aus dieser blödsinnigen Aufregung des Wartens herauszubringen. Aber weiß Gott, dafür fcheint sie nicht das geringste Gefühl zu haben. Bildet sich womöglich ein, mit diesem aufdringlich glitzernden Ding wäre nun alles wieder gut." Und dabei klopft er verächtlich mit dem Handrücken gegen das funkelnde Kristall und lächelt bitter. Tau» schlägt er mit der Hand den Silberdeckel im nervöse» Rhythmus auf und zu und wartet. _

Ms das Dienstmädchen ihm endlich meldet, der Herr wokior möge zu Tisch kommen, ist die Erregung des, Spaziergängers so groß, daß er beinahe gesagt hätte, mau möge ihn mit der Eiferer in solcher Stunde doch gütigst in Ruhe lassen. Doch zur rechtest Sekunde noch erbrofielt er de« Zorn in einem kurzen, nervöse«