man deutlich! sehen, wie mager sie geworden war; ihre Gesichtsfarbe durchsichtig, die Lippen bleich. Mit unruhigen Augen blickte sie durchs Zimmer. „Ich will zu Agnes gehen; heut ist doch keine Aussicht, ihn zu sehen! Gott, tote ist mir so komisch, so angst!"
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Freifrau von Osten, geborene Röder, lehnte im Schaukelstuhl in der Veranda der entzückenden Villa an der Mainzer Chaussee. Von dem hölzernen Schnitzwerk der Dachkante hing dicht grünes Gerank nieder, vor dem Ausschnitt der Fenster schaukelten Girlanden von großer blaublühender Clematis. Auf dem Rokokotischchen Rosen in der Krystall- schale, Rosen überall in Vasen und Ampeln; ein süß schläfriger Sommerduft über den Polstersesselchen, über der seidnen Causeuse, über allen Zierlichkeiten, über der kleinen Frau im Schaukelstuhl.
„Du, Carlo —" sie streichelte ihren Mann schmeichelnd — „mußt du denn heut abend ivirklich fort? Bleib' doch bei mir, bitte!"
„Ich muß." Er gähnte. „Kameraden versprochen, sehr fatal, ich kann unmöglich anders!" Er gähnte wieder und räkelte sich ein bißchen. Sein hübscher Kopf lehnte an den Knien seiner Fran, er saß auf dem türkischen Kissen ihr zu Füßen, aber er machte ein ziemlich unbehagliches Gesicht in dieser Position.
„Au, die Beine werden einem zu steif, das halte einer aus!" Er sprang auf und durchquerte die Veranda mit großen Schritten, immer hin und her, wie ein Löwe im Käfig.
„Carlo!" Tie kleine Frau wiegte sich sacht und legte das Köpfchen auf die Seite. „Carlo bitte, komm mal her!"
Sie schlang die Arme um seinen und zog ihn so zu sich herunter. „Carlo hast du mich auch lieb, sehr lieb? Bitte gib mir einen Kuß!"
Er küßte sie, aber dann richtete er sich hastig auf. „Ha, die Ditzes Kolossal abgespannt heute!" Er wischte sich den Schweiß von der Stirn Und begann wieder den Tauerlauf.
„Tu solltest nicht so unruhig hin und her gehen, liebster Mann! Komm, setz' dich still zu mir, das ist das beste."
Er zog die Uhr und versteckte ein Gähnen. „Es ist jetzt Zeit, daß ich gehe — lohnt sich nicht mehr!"
„Aber ich bitte dich, es kann erst halb sieben sein, und^vor acht ist doch kein Mensch da. Tu hast noch lange
„Nein, nein, das denkst du so! Ehe ich fertig bin — Stall nachsehe — und — und" — er räusperte sich — „muß wirklich fort, adieu, mein Engel!"
Sie war aufgesprungen und zu ihm getreten. „Also wirtlich? Unser schönes Plauderstündchen schon zu Ende!" Sie umschlang ihn mit großer Zärtlichkeit und hob das betrübte Gesichtchen zu ihnr auf wie ein Kind, das geliebkost sein will.
„Adieu, Kleine!" Herr von Osten legte den Finger unter ihr rosiges Kinn und sah ihr verlegen lächelnd in die Augen. „Aber, Kleine, nicht warten, "bis ich wieder komme! Hörst du! Kann lange dauern!"
„Ach--!"
"Ja, fatal; ist mal nicht anders! Ich kann nicht zuerst zum Aufbruch blasen, kennst doch Röntheim, der würde schön spotten, stände unter'm Pantoffel et cetera. Und wenn auch wirklich der Fall," — er küßte ihr galant die Hand — „vor den Kameraden kann man's doch nicht Wort haben! Nicht wahr, meine kleine, süße Frau?"
^Sie nickte lachend — nein, er war doch zu himmlisch
Ta ging er hin über den knirschenden Kies des Vorgartens; die Gardelitzen der Uniform blitzten in der Sonne. Er wiegte die geschmeidige Gestalt in den Hüften, fast wie ein Frauenzimmer; die Brust gewölbt, keine Falte im Rücken, die Mütze keck ai-jf dem gescheitelten Haar. Nun wandte er sich noch einmal nur und legte grüßend die wohlgepflegte Hand an die Mütze, sein ganzes hübsches Gesicht lachte, man sah die weißen Zähne blitzen. Die junge Frau beugte sich weit aus dem Verandasenster, die rosa Bänder an ihrem hellen Sommerkleide flatterten, die Blütenranken sielen ihr um den Kopf. Sie winkte und winkte und warf Kußhände.
Solch ein Mann! Agnes fühlte sich unbeschreiblich glücklich, ein Meer von süßen Träumen — unklar, aber wonnevoll — wogte in ihrer Seele. Mechanisch zerzupften ihre
Finger eine Clematisblüte und noch eine; die schönen, blauen Blätter glitten an ihrem Kleid herunter und lagen verstreut am Boden. „Oh!" Sie bückte sich hastig und sammelte sie auf. Carlo mochte das zwar gar nicht leiden! „Klingle doch, laß vom Diener aufheben, nicht immer selbst tun; das können kleine Bürgerfrauen, keine Freifrau von Osten!" Er war zu'gut, er verwöhnte sie zu sehr, wie eine Prinzessin ---Agnes schreckte zusammen, von der Tür her kam eine Stimme.
„Guten Abend!"
„Ah, Nelda, du bist's! Wie lieb!" Sie flog der Freundin entgegen und umarmte sie.
Nelda lächelte, ein müdes, trauriges Lächeln. Sie säst nicht vorteilhaft ans, neben der reizenden Frau; ob sie das selbst sand? Sie richtete einen vergleichenden Blick von sich auf jene, dann sagte sie ohne jede Bitterkeit, aber mit einem gewissen Schmerz im £üit: „Wie hübsch du bist, Agnes! Wer es doch auch einmal fertig kriegte, so auszusehen. Dir ist es so leicht gemacht, geliebt" zu werden; dich müssen alle Menschen lieben," — ihre Augen vergrößerten sich — „wie man wenigstens einmal geliebt sein möchte!"
Agnes lachte hell. „Wie komisch du das sagst! Nalür- lich liebt mich mein Marin — ich sage dir, ganz schrecklich! Aber warte nur, das kommt bei dir auch noch! Tu hast so viel inneren Wert," setzte sie altklug hinzu. „Sag mal" — sie hängte sich vertraulich au der Freundin Arm und zog diese neben sich aus die Causeuse — „hast du mir denn gar nichts anzuvertrauen? Weißt du, ich komme ja wenig mit anderen zusammen — Carlo und ich haben immer so viel zu tun, — aber Mama sagte neulich, in der Stadt munkelten sie von dir und Leutnant von Rainer. Auf einem Kaffee hat sie's gehört, sie brach aber dann ab. Jetzt eben fällt mir's erst wieder ein. Das wäre doch reizend! Erzähle! Nun?"
Nelda antwortete nicht.
„Es ist doch eigentlich unrecht, daß du mir nichts verraten hast. Sag' doch, liebt er dich?"
„Ich weiß es nicht." Neldas Stimme war tonlos, sie fühlte es wohl, sie hätte der Freundin mit einem; Jubellaut um den Hals fallen, ihr sagen müssen: „Ja, ja, er liebt mich!" Müssen! Sie konnte es nicht. „Ich weiß nicht!"
Ich weiß nicht —! Ans allen Ecken der Veranda kicherte es höhnisch wie ein Chor spottender Geister. Agnes' Augen wurden groß und verwundert. Ein hilfloses" Gefühl bemächtigte sich Neldas, ein Drang, endlich, endlich einmal das übervolle Herz auszuschütten — da — helle Stimmen draußen im Vorgarten, ein Läuten an der Entreetür. Besuch!
Der Diener meldete: „Fräulein von Koch, Fräulein Rohling!"
Herein flatterten die beiden, hochgeschnürt, lockengekräuselt; sehr frisch, sehr elegant in gestickten Batistkleidern und großen Hüten mit wahren Rosengärten. Bei Lena Röhling hatte alles einen Stich, in's Kostbare.
(Fortsetzung folgt.)
Das Tintenfaß.
Von Hans W i n a n d.
Als er ging, zitterten seine Glieder vor Erregung. Die Haustür machte er hinter sich zu, hörte noch, wie drinnen eiml Stimme seinen Namen ries, ging weiter und sah sich nicht um. Die kleine hölzerne Gartentüre fällt knarrend hinter ihm ins Schloß zurück, er hört vom Hause her ein Fenster klirren, hört noch einmal seinen Namen, sieht sich nicht um und geht weiter.
Heide Hände hält er in den Taschen geballt und starrt geradeaus ms Leere. Der Zorn gibt allen Muskeln eine steife Harte und jeber Schritt wird zum Fußtritt an die Erde. Die Weißdornhcckcn am Feldweg sind noch naß und schwer vom Regen; ans dem Pfade glitzern große Wasserviützeu. Das matte Blaii des Himmels spiegelt sich in ihnen; stahlgrau flimmern sie, wie geschmolzenes Metall. Mit wuchtigem Schritt tappt er m die erste: erschreckt flüchtet das Wasser in hundert Funken nach allen Seiten. Hinüber zum Wegrand, ins Gras, in die Weißdornhecken, hinauf über ihn, den Beinkleidern entlang, über den braunen Frühjahrsmantel, bis zur Brust. Ein letzter" angst- Voller Tropsen schlägt mit mattem Klatsch an seinen linken Mund- winkel und zerschellt dort zu Atomen.
mr»/'^busel!" sagt wütend der Spaziergänger, springt aus der 1^!, b ?um Wegrand, Prallt an die Hecke, empfängt aus dem aufgescheuchten Laub einen Regen kühler Wafsertropfen, springt


