1909
WS
A
Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Viebig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
„®rme, arme Nelda," hatte Hauptmann Xylander gesagt — war sie wirklich arm?
Sie saß in ihrer kleinen Giebelstube; es war drückend heiß hier, so nah unter'm Dach. Sie hockte auf dem Tritt am Fenster, arbeitete nicht, las auch nicht, hielt die Arme um's Knie geschlungen und sah in's Leere. Das Vierteljahr seit jenem Hochzeitsfest hatte sie verändert. Ihre Augen waren größer geworden, ihre Wangen schmaler, ihre Gestalt magerer. Was ciiit meisten fehlte, war der frische gerade Ausdruck; ein gespannter banger Zug lag um ihren Mund. Sie sah nicht glücklich aus.
Jetzt seufzte sie, veränderte ihre Stellung und stützte den Kopf zwischen beide Hände. So blieb sie still sitzen wie schon manchen Tag. Sie konnte jetzt gut still sitzen, das Vierteljahr hatte fie’3 gelehrt. Ihr war nicht mehr, als müsse sie vor Glück jubelnd in alle Welt stürmen, wie in den ersten Frühlingstagen ihrer Liebe; jetzt war ihr Herz oft schwer, sie glaubte, es nicht erschleppen zu können. Warum? War es die Heimlichkeit, die sie drückte? Die immer andauernde Kränklichkeit des Vaters? Was war es eigentlich? Es war etwas da, das lastete wie ein Alp auf ihr, der sich nicht wegrücken ließ. „Nur in der Heimlichkeit liegt's," sagte sich Nelda tröstend. „Könnte ich frei vor meinen Eltern, vor allen Leuten sagen: wir lieben uns, wir sind verlobt — es wäre ganz anders. Aber Ferdinand will noch nicht, daß wir uns erklären. Erst muß er Hauptmann sein — natürlich, das ist auch! richtig, wie kann er sonst bei (den Eltern um mich anhalten?!" Allzulange konnte der Hauptmann nicht mehr auf sich warten lassen. Warum pochte ihr Herz nicht leichter bei der Aussicht? Nein, der alte Druck lag noch darauf. Warum nur? Nelda Dallmer blieb sich selbst die Antwort schuldig; sie wußte auch keine.
Was war das für ein heimliches Hin und Her gewesen, seit jenem Abend von Agnes Röders Hochzeit! Der Rogierungsrat war damals lange krank an einer schweren Grippe. Die Tochter hatte ihn treulich gepflegt, sie hatte sich auch gesorgt — und doch, wenn sie still am Bett saß oder die Medizintropfen abzählte oder die Kissen lockerte oder mit eintöniger Stimme vorlas, immer war eine Seligkeit in ihr gewesen. Eine Seligkeit — —! Sie wußte ja, gegen Abend kam die Stunde, wo die Mutter mit der Häkelei im Krankenzimmer erschien, und der Vater lächelnd sagte: „Lorchen, nicht wahr, jetzt soll Nelda an die Lust? Geh, »rein Kind, geh!" Wie ein Vogel war sie hinaus^ geflattert; man merkte nicht, daß sie aus einem Krankenzimmer tarn, ihr Gang so leicht, ihre Farben strahlend frisch.
In jenem kleinen Seitentälchen des Rheines trafen sie sich; das war recht ein Platz, nm unbelauscht Hand in Hand zu gehn. Die grünen Büsche ringsum bauten eine Schutzmauer auf, steile Hänge an beiden Seiten, droben Weinstöcke in Reih' und Glied; selten, daß ein Mensch dazwischen hantierte, und wenn auch? Sie konnten ihn sehen, wie feine dunkle Silhouette sich scharf gegen den lichten Frühlingshimmel abhob; er vermochte sie nicht zu entdecken auf dem verwachsenen Pfad neben dem murmelnden glucksenden Büchlein.
Das Bienhorntälchen war kein beliebter Spaziergang, was sollten die Lenke auch da? Selbst die flachssträhnigen Bauernkinder von Pfaffendorf spielten lieber aus der breiten Chaussee, oder ließen unten am Rhein flache Steine über's Wasser flitschen. Nelda wandelte in einer träumenden, wunschlosen Seligkeit, ihr sonst so kluger Kopf war leer, ihr Herz zum Ueberfließen voll. Jeden Abend lag sie lächelnd im Bett, faltete die Hände und betete wie ein Kind um den folgenden Tag. Sie dachte nicht daran, Ramer zu fragen: wann wirst du dich meinen Eltern erklären? Es wäre ihr unzart erschienen, daran zu rühren, der schönste Duft ihres Glücks war dann entflogen; auch mußte der Vater erst gesund sein, jetzt durfte ihm keinerlei Aufregung gebracht werden.
Nun war der Regierungsrat ° gesund, so gesund, wie er überhaupt noch werden konnte. Die Spaziergänge waren nicht mehr regelmäßig, seltener, abgehetzter; meist sahen sie sich unter-anderen, bei Xylanders — ein Blick, ein Händedruck waren dann alles. Nelda litt darunter, ihre Augen erhielten einen sehnenden, bangen Ausdruck. Sie weinte manchmal. Ramer hatte es zwar nicht gesagt, aber das liebende Mädchen wußte es auch unausgesprochen, er wartete auf den Hauptmann — eher nicht, eher nicht! Um Neldas Mund grub sich ein. angstvoll harrender Zug ein; oft in schwer verträumten Nächten fuhr sie mit einem Schrei auf, ihr war bange. Sie saß dann aufrecht im Bett, fahler Sternenschein leuchtete durch's unverhängte Fenster; sie hörte von fern den Rhein rauschest, und einen Vogel denk Morgen entgegenschluchzen. Heiße Tränen rannen ihr über's Gesicht.
Sie war zu stolz, sie konnte es ihm nicht sagen, tote sie sich quälte; früher hätte sie das fertig gebracht, jetzt nicht mehr. Sie hatte viel Unbefangenheit verloren. Und quälte er sich nicht auch? Oft, ivemt sie allein wärest, gruben sich finstere Falten in seine Stirn, all ihre Liebe vermochte sie nicht weg zu scheuchen; inr Gegenteil, sie wurden noch stnsterer, ein peinvoller Ausdruck kam in sein Gesicht. Dann zog er sie plötzlich an sich. — „Liebe Nelda!" Er wollte etwas sagen, er holte einen zitternden Atemzug, jetzt — sie sah ihn erwartungsvoll an —? „Nichts, nichts!" Er fuhr sich init der Hand über die Augen und ließ sie los.
Run schon drei Monate!-----
Nelda hob sich mit einem Seufzer aus ihrer zusammen- gekrümmten Stellung auf dem Trittbrett. Jetzt konnte


