Ausgabe 
18.9.1909
 
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und Geschwader eine Botschaft des nahenden gefürchteten i Winters oder des ersehnten Frühlings. Eine für alle Fälle ausreichende Erklärung dieser Erscheinung vermag die Wissenschaft nicht zu geben. Denn wenn auch bei den meisten Vögeln der Nahrungsmangel der Treiber zur Wanderung ist, der sie über Meere und Gebirge, in ein Land mit neuer Ernte und von da wieder heimwärts treibt, so scheinen hier doch auch allgemeine kosmische Einflüsse mitzuwirken, denen das in den Strömungen der Atmosphäre lebende Ge­schöpf mehr unterworfen !i!st, als das Landtier. Verrät doch um die Herbsteszeit die Unruhe auch des gezähmten Vogels den Wandertrieb.

Sobald man von den Wanderungen der Vögel spricht, denkt man nach alter Gewohnheit an ihre Einteilungen in die drei großen Gruppen: Zugvögel oder Wandervögel, Strich­vögel und Standvögel. Die Zugvögel, nämlich viele Wasser- und Sumpfvögel, alle Insektenfresser, sowie viele Arten der von Samen lebenden kleineren Sänger, verlassen ihre Heimat periodisch Und ziehen jedes Jahr im Herbste in großen Scharen nach dem Süden, um mit dem Beginn des Früh­lings wieder zu uns zurückzukehren. Die Strichvögel streifen nomadisierend ohne bleibende Stätte umher, während die übrigen, meist Raubvögel und Körnerfresser, «tandvögel sind. In gewissem Sinne wandern aber alle Vögel, selbst der Sperling verändert und erweitert seinen Wohnsitz, er hat sich mit der Kultur immer weiter verbreitet, auch in viele Gegenden, wo er früher nicht heimisch war. Auch die Hauben­lerche, die nicht wie die Feldlerche im Herbste weit fortzieht und im Frühling wiederkehrt, dringt auf ihren langsamen Wanderungen mit dem Straßenbau überallhin vor. Ebenso siedelt sich auch das Rebhuhn überall an, soweit Kulturland und bebaute Aecker vorhanden sind. Wenn also manche Bogelarten auch äußerst langsam wandern und die Grenzen ihres Wohngebietes nur unmerklich verändern, so gibt es doch keine Standvögel tut engsten Sinne des Wortes. Viele suchen auf ihren Streiszügen nur dem Nahrungsmangel der schlechten Jahreszeit zu entgehen. Im Sommer hat jedes Pärchen sein eigenes Gebiet; ein verhältnismäßig kleines Fleckchen Erde genügt, um viele Vögel der verschiedensten Art zu ernähren. Im Winter aber rotten sich viele körner­sressende Vögel zusammen zu größeren und kleineren Flügen und durchstreifen ein weites Gebiet. Von den gefiederten Bewohnern nördlicher Länder können wir in jedem strengen Winter eine ganze Reihe der verschiedensten Arten bei uns antreffen. Verschiedene Dxosselarten, der Seidenschwanz, die Schneeeule, Wildgänse und viele andere. Wasservögel verlegen im strengen Winter, wenn Jie im hohen Norden keine Nahrung und kein offenes Wasser mehr finden, ihren Aufenthaltsort mehr südwärts, und so kann es geschehen, daß wir höchst seltene Wintergäste manchmal bei uns be- herbergen, bte die noch offenen Gewässer beleben. So ver­lassen auch bei uns die Stare ihre Heimat im Walde und erscheinen zur Zeit der Traubenreife zum Schrecken des Winzers in den Rheingegenven, wo sie sonst das ganze Jahr hindurch nicht gesehen werden. In seiner Heimat kann man den Star noch lange nach Eintritt des Winters be­obachten, wie er in großen Scharen die Wiesen in der Nähe der Dörfer belebt und in regelmäßigen Wellenlinien auf und ab fliegt. Tritt der Winter aber über Nacht etwas strenger auf, so verschwindet er plötzlich; sobald sich aber das Wetter zum Besseren wendet, ist er auch sogleich wieder da. So steht auch fest, daß die Ammern zurzeit der Weizen­reife von Kuba nach Virginien hinüberziehen, während sie vor dem Anbau dieser Getreideart dort nie gesehen wurden. Alle Schwärme solcher herumstreifenden Vögel lösen sich im Frühling wieder auf, jedes Pärchen sucht sich einen eigenen Standort und verteidigt ihn oft ntit großer Erbitterung gegen Eindringlinge der gleichen Art. Zwischen den ver­schiedenen Graden des Wanderns der Vögel bestehen die mannigfaltigsten Uebergangsstufen: vom gelegentlichen Wandern der eineu zur Erweiterung ihres Wohngebietes bis zu den ausgedehnten regelmäßigen Wanderungen der anderen, die dazu dienen, der Not der schlimmen Jahreszeit zu entgehen und nahrungsreichere Gegenden auszusuchen.

Manche Vögel haben auch in verhältnismäßig kurzer Zeit ihre Lebensweise vollständig verätidert. So war z. B. die Schwarzamsel vor einigen Jahrzehnten noch ein scheuer Waldvogel, der im Herbste nach Süden toanberte, während sie jetzt bei uns überwintert und die Nähe der menschlichen Wohnstätten bevorzugt, so daß sie in den städtischen An­lagen so zahlreich auftritt, wie die frechen Spatzen. Einen

gleichen Vorgang beobachten wir beim Buchfinken. Tie Weibchen und Jungen wandern im Winter nach Süden, die alten Männchen überwintern bei uns. Ebenso kommen von einigen hochnordischen Schwimmvögeln nur die Weibchen im Winter zu uns. So ändert sich der scheinbar festgelegte Vogelzug, und wir sehen, daß er, wie alles in der Natur, nicht plötzlich eittftaubcn ist, sondern einen langen Ent- wickelitngsgang hinter sich hat, von dem heute noch die An- zeichen zu erkennen sind, ja wir sehen heute noch die langsame Umänderung selbst vor sich gehen.

Tie außerordentlich auffälligen, regelmäßigen Wande- rttngen unserer Zug- oder Wandervögel im engen Sinne zeigen uns, welches ausgezeichnete Fortbewegitngsmittel der Bogel in seinen Flügeln besitzt und von welcher Schärfe vor allem sein Gesicht ist. Daß die Zugvögel mitunter beinahe Unglaubliches an Ausdauer, Schnelligkeit und Orien- tierungsfähigkeit zu leisten imstande sind, unterliegt keinem Zweifel. Der Zeitpunkt, an dem das Wandern beginnt, fällt zusammen mit der Beendigung der Brut und der sich daran anschließenden Mauser. Dabei verschwinden ge­wöhnlich die Vögel, die zuletzt zurückkehrten, auch wieder zuerst. Zeit und Ort sowohl des Abzugs als der Rückkehr werden oft mit überraschender Genauigkeit eingetzalten, so daß zahlreiche Battern- und Jägerregeln darauf begründet sind. Die Reisen selbst gehen bei vielen Vögeln mit einer bestimmten Taktik vor sich. Störche und Wildgänse bilden einen Keil, Kibitze und Regenpfeifer eine schiefe Linie, andere schwärmen in wilden Evolutionen. Auch die Tageszeit, zu der die Vögel wandern, ist verschieden. Die Mehrzahl der Vögel wandert bei Nacht. Man hat mit dem Fernrohr oft in mitternächtlicher Stunde ihre hoch vor der Mondscheibe vorbeiziehenden Scharen beobachtet. Die einen fliegen in der Höhe, die. anderen wandern dicht über dem Erdboden. Die meisten Vögel erhebet! sich nicht höher als nötig, um sich einerseits vor dem Geschoß der Menschen zu sichern, andererseits aber das unter ihnen liegende Gebiet zu überschauen, Weg und Richtung git ermitteln und ge­eignete Ruheplätze aufzusuchen. In hohen Gebirgen kommen sie dem Boden besonders nahe und wählen zu ihren Ueber- gängen nur Schluchten. So. wandern sie seit den urältesten Zeiten in denselben Tälern, in denen auch die Völker auf- unb abfluteten; sie ziehen in denselben Pässen über die Alpen, in denen Hannibal, Karl der Große Bar­barossa und Napoleon diese Berge überschritten.Durch die Wanderung der Vögel wurde schon längst die Linie all der kühnen Bergstraßen bezeichnet, die zum Teil in neuester Zeit entworfen und ausgeführt wurden." Oft geht die Massenhaftigkeit der wandernden Schwärme ins Kolossale. Man sah Züge von Störchen und Sturmvögeln, die eine halbe Meile in der Breite annahmen und ununter», brachen Stunden währten. Das großartigste Schauspiel in dieser Beziehung bietet die Wandertaube Amerikas, wahre Völkerwanderungen dieser Vögel, deren donnernder Flügel­schlag das Ohr betäubt und deren Zahl jeder Beschreibung spottet.

Auf ihren Wanderungen finden viele Vögel den Tod, und oft ist gerade der Mensch ihr gefährlichster Feind. Aus Barbarei und aus Unkenntnis werden tausende getötet, selbst Nachtigall und Lerche schützt nicht ihr Lied. Ja, das Land der Musik und des Gesanges, Italien, ist berüchtigt durch die mörderischen Verfolgungen, denen die Singvögel dort auf ihrem Durchzuge unterliegen. Wenn itach den An­gaben Leunis allein an.bett Ufern des Lago Maggiore jährlich 60 000 gefangen werden, und sich trotz aller Be­strebungen der Tierschutzvereine nach neueren Berichten an dieser Tatsache noch wenig geändert hat, so mag hier an ein Wort Stifters erinnert werden, welcher sagt: Mit dem Schutze der Singvögel würde dem menschlichen Geschlechte ein heiligendes Vergnügen aufbewahrt bleiben, wir würden dann durch die Länder wie durch schöne Gärten gehen. G.

Aus dem Ariegrjahr 1796.

Bei beit Klein-Lindener Gemeindeakten findet sich eilt Bericht des Gemeindeschreibers Johannes Weigel über seine Erlebnisse aus dem Kbiegsjahre 1796, die wir in Ab­schrift hier wiedergeben.

Mittwoch den 15. Juni ist es zwischen denKaiserlichen Truppen, die bei Wetzlar seit einigen Tagen gestanden, und den sich über Greifenstein und den Dillfluß herunter an- rückenden Franzosen zu einem harten Gefecht gekommen,