Ausgabe 
18.9.1909
 
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Es schlug vier. Die Stunde rückte immer näher. Wir hatten dem Portier gesagt, daß wir frühzeitig eine Wagen- fahrt in die Umgegend Wiens unternehmen wollten. So war bereits um fünf der Fiaker bestellt.

Mit den Vorbereitungen verging einige Zeit, und ich sorgte dafür, daß mehr zu tun sei, als wirklich nötig war. Ich packte so und so oft alles hin und her, schloß Sachen hier ein, da und dort, lief in mein Zimmer hinüber und kam wieder; denn Tätigkeit ist das beste Mittel gegen Gc- danleu, die einen quälen.

Viel half es natürlich nicht. Und Fritz sagte nach einiger Zeit, müde lächelnd, nachdem er meinem Gebaren zugesehen:

Du strengst dich aber zu sehr an. . .

Ter Kaffee war gekommen. J'ch frühstückte und bat Fritz, etwas zu sich zu nehmen:

Das gibt dir Kraft, du mußt doch wenigstens einen Schnaps trinken.

Er schüttelte den Kopf. Vergebens suchte er einen Kipfel hinuuterzuwürgen. Er hatte kaum den Bissen in den Mund genommen, so legte er das Brot fort.

Jetzt mußte Ziesow jeden Augenblick kommen.

Fritz nahm mich schnell beiseite und sagte, indem er sich ängstlich umblickte, als könnte es jemand hören:

Sieht man es mir sehr an?

Er schaute verfallen aus, hohlwangig, seine Augen lagen tief. Er war sehr blaß. Aber ich wollte ihm nicht noch Angst machen und meinte:

Du siehst überhaupt nicht sehr wohl aus. Aber das ist von den Anstrengungen der vorherachendeu Taae und Wochen. Ziesow weiß das ja auch. Trvn; wirst du sicher nicht auffallen. Und den Herren Serben, na, laß die doch, denken, was sie wollen.

Doch Fritz schien mir nicht zu trauen. Er aing an den Spiegel, warf einen Blick hinein, nur scheu und flüchtig, dann wandte er sich herum:

Man sieht es mir an. So kann ich nicht hingehen.

Wieder riet ich ihm, einen Kognak zu trinken. Dies­mal folgte er mir. Er trat au den Tisch und goß das Getränk schnell hinunter. Daun machte erBrr" und schüt­telte sich.

Na, ist's nicht gleich was andres? Nun setzt du noch einen drauf. Was?

Doch das wollte er nicht. Er fürchtete wegen seines leeren Magens, betrunken zu werden.

Ta trgt auch schon Ziesow ein. Ich merkte ihm das Bestreben an, unbefangen zu tun. Er erzählte, er habe ausgezeichnet geschlafen und wäre wütend gewesen, daß der Kellner ihn geweckt hätte. Aber dummerweise habe er nicht aus Frühstück gedacht. Es wäre wohl noch Zeit genug, daß er auch noch etwas zu fisch nehme. Dabei klingelte er und bestellte seinen Kaffee auf Fritzens Zimmer.

Fritz ging hin und her und sprach kein Wort. Ziesow zwinkerte mir mit den Augen zu, und als unser Freund einen Augenblick hinausgegangen war, fragte er:

Nun, wie steht's denn mit denr moralischen Element? Er wird uns doch Ehre machen?

Natürlich!

Aber Ziesow meinte:

Wissen Sie was? Es ist besser, er trinkt einen Kognak! Der Morgen ist frisch, man kommt eben aus den Federn, dann die Wagenfahrt, die einen auch nicht gerade wärmer macht. Was meinen Sie dazu?

Sagen Sie's ihm doch!

Als Fritz wieder eintrat, meinte Ziesow, indem er ihm ein Glas Kognak reichte:

Na, lieber Graf: Auf einen glücklichen Ausgang!

Fritz, der offenbar das Glas hatte nehmen wollen, lächelte mühsam, streckte die Hand aus, aber griff daneben. Ziesow ließ das Gläschen zu zeitig los. Es fiel zu Boden und zerbrach.

Es war ein unangenehmer Zwischenfall, und wir suchten durch ein Paar gleichgültige Redensarten darüber Hinwegzukommen. Glücklicherweise trat auch eben der Kellner mit Ziesows Frühstück ein.

Im Fiaker fausten wir durch die noch nicht belebten Straßen, am Karlthealer vorüber, wo wir die Operette ge­sehen, dem Prater zu. Die wundervolle Allee ging es in rasendem Tempo hinunter wir hatten den Fiaker ein- geweiht der keine Miene verzog. Am Lusthaus bogen wir links ab, dann kamen wir auf einem Feldweg in die

Wiese hinaus, auf der der Tau lag. Die Nähe der Donau verriet sich durch Nebel. Es war trübes Wetter.

Als wir auf dem Platz anlangten, der bestimmt worden war, erblickten wir noch keinen Menschen. Wir zogen die Uhr. Es !var in der Tat noch sehr zeitig.

Ich raunte Ziesow zu:

Wir hätten nicht so früh kommen sollen.

Doch jener meinte:

, Ach, lieber zu früh als zu spät. Und bei diesen Halbafiaten um Gottes willen,S' ist doch keiner in der Nähe! wird's wohl nicht so furchtbar pünktlich fein. Dann wollen wir wenigstens das gute Beispiel geben.

Wir liefen hin und her im taufeuchten Grase mit auf- gekrempelten Hosen und hatten bald nicht nur nasse Stiefel, sondern auch nasse Beinkleider bekommen. Es war frifch.' Ein leichter Wind blies vom Wasser herüber.

Wo wir uns befanden, wußte ich nicht recht, aber es schien hier in der Tat kein Verkehr zu sein. Durch Gehölz waren wir ringsum den Blicken verborgen. Die Herbst- nebel waren auch stark genug, daß sie schon allein Schutz gewährt hätten.

Aber unsere Geduld wurde auf eine harte Probe ge­stellt, denn bis zur festgesetzten Zeit hatten wir noch zivauzig Minuten.

Der Fiaker war ein tolles Tempo gefahren. Vielleicht wäre es besser gewesen, wir hätten noch eine kleine Spazier­fahrt unternommen.

Ich nahm Fritz unter den Arm und ging mit ihm auf und ab:

Komm, wir laufen ein bißchen und vertreten ilus die Beine. _ 's ist doch höllisch kühl!

Fritz starrte vor sich hin. Es wurde mir furchtbar sauer, zu sprechen. Ich wußte wirklich nicht, was ich sagen sollte. Denn immer kehrten meine Gedanken zu dem un­glücklichen Freunde zurück, der vielleicht doch seinen letzten Gang tat. Und immer dachte ich daran, welche Empfindun­gen er hätte, ob er sich wohl etwas beruhigt. Mich beschlich sogar eine gewisse Unruhe bei der Ueberlegung, wie er sich benehmen würde.

Ich konnte mir nicht denken, daß etwas passierte, aber da wir nun einmal so viel davon gesprochen hatten, be­gann ich wahrhaftig im Interesse des Freundes auch die Nerven zu verlieren.

Ziesow hatte sich ein Stück entfernt. In einer Reise­tasche lagen die Pistolen, und er ging hin, um sie nochmals zu prüfen.

Während dieser Zeit konnte ich mit Fritz allein reden. Ich sagte:

Weißt du, das waren alles nur Spukgedanken der! Nacht, was du geredet hast!

Er war blaß und reichte mir seine Hand:

Fühlst du, wie sie zittert?

Ja, das ist die Kälte.

Das mag auch Kälte sein, aber es bleibt doch gleich unangenehm. Ich wollte, es wäre etwas wärmer heute!

Ich meinte, seinem Gegner würde es genau fo gehen, aber er lächelte nur müde. Dann sagte er kurz:

Herr Gott, wenn's nur erst vorüber wäre!

Ich zog die Uhr und betrog ihn in der Zeit, indem ich meinte, es wären bloß noch fünf Minuten, während in Wirklichkeit noch eine Viertelstunde Frist war.

Er rief:

Es ist aber doch wirklich eine Dummheit, daß wir so früh hergekommen sind.

7- Ja, nun ist's nicht mehr zu ändern! Jetzt sei mal vernünftig, ich kann dir die Versicherung geben, das ist alles bloß Einbildung. Paß auf, es geht so schnell vor­über, du glaubst es gar nicht.

(Schluß folgt.)

Wanderungen der Vögel.

Wie im Frühling das Eintreffen der Lerchen, das Er- scheinen der ersten Schwalbe, die Ankunft deS Storches, der erste Schlag der Nachtigall von jung und alt freudig be- grüßt wird, so beobachtet der Naturfreund im Herbste auch beit Wegzug vieler Vogelarten, ein Ereignis, das selbst dem nicht entgeht, der sich sonst das ganze Jahr hindurch nicht die heimische Vogelwelt kümmert. Die Wanderungen der Vögel hat man seit alter Zeit bewundert und beobachtet, uno immer waren die hoch in den Lüften ziehenden Linien