Ausgabe 
18.3.1909
 
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Das Volkslied in Oberhessen.

Bon Pfarrer O. Schulte, Grofzen-Linden.

V.

Dieselbe Mahnung zur Treue finden wir in dem folgenden Liedchen, das ich gleichfalls in Beuern ausgeschrieben fjflbc:

1. Ich wollt', eS - re Nacht, wär' al - les voll - bracht.

wollt' zu mei-nem Liebchen geh'n, und an ih-renl Fen-ster steh'n.

ob sie mir aufmacht, ja macht, ob sie mir auf-mncht.

"2. Tse Türe, die tvar zu, Schläft alles in Ruh. - - Weißt du nicht, daß man bei der Nacht Kei'm Soldat die Tür aufmacht?

Komm' am Morgen früh', ja früh',"

3.Morgen früh' hab' ich kein' Zeit, Da sehen S die Leut'.

Tenn dein Vater ist mir nicht gut. Dieweil du mich so lieben tust,

Schätzlein, bleib' getreu, ja treu." v,-.

4. Schön schwarz und schön rot.

Jetzt schießt man mich tot.

Legt man mich ins Grab hinein, Begräbt man mich so hübsch und sein.

Jetzo schlaf' ich ein, ja ein. :

Ein ganz merkwürdiges Lied ist das vom Volke gesungene «An der Saale Hellem Strande". Es gibt ein Studentenlied, das genau ebenso anfängt, sowohl in Text uub Melodie. Franz Kugler hat es gedichtet und F. G. Feska konlponiert (Anfang des 19. Jahrhunderts). Mer das Volk hat mit diesem Liede der RomailtriNichts anfangeu können. Es hat das Lied in Text und Weise umgcmodelt, und zu einem Abschiedsliede ge- Macht, das um Gießen herum viel gesungen wird; die Fassung, in der rch es bringe, stammt aus Beuern:

1. An der Saa-le grü-nem Stran-de steh'n die

Bur-gen stolz und kühn,-

2.

kühn,' ja ih - re Mau-ern

die sein zer - fal-len, küh-ler Wind streicht durch ih - re

Hal-len,Wolken zieh'«, ja zie-hen d'-ber hin.

2. Air der Saale grünem Strande Steh'n die Burgen stolz und kühn. - So mancher Jüngling singt Abschiedslieder, Zreht aus der Heimat, kehrt niemals wieder, Gedenket ,ei, ja seiner Liebe nicht.

3. An der Saale grünem Strande Steh n die Burgen stolz und kühn. 3' muß scheiden, muß dich verlassen, Kann dich, Geliebte, nicht mehr umfassen, .richt mehr an bet, ja deinem Busen ruh'n.

Damit verlassen wir die eigentlichen Liebeslieder und kommen Itinnm Cm°Cn'tC mt* Bräuchen iinb Sitten zusammen- «» Eb»^u"^Esfeiertage tyechselt wenigstens int oberen

- das Gofmde feinen Dienst. Man hat dafür einen Wncn Ausdruck. Man sagt: Ter Knecht, oder die Magd icherzt , wenn man aiisdrücken will, daß sie die bisherige Stelle ausgeben Nach diesem Scherzen heißt der 3. Feiertag: Scherz- der fftadt is aber Mf- und Abzug der Dienstboten ein seht prosaisches Geschäft. Anders im Vogelsberge, der ja liebt,

auch das Alltägliche mit sinnigem Brauche zu umkleiden Da ladet der abziehende Knecht oder die abziehende Magd, wenn sie aus einem Dorfe in ein anderes überziehen, die Spinnstuben- kameraden. em, sie zu begleiten. Nach dem Mittagessen kommt auch die Gesellschaft. Man ladet sich die Kleider und sonstiges Hab und Gut des Abziehendeu auf, man nimmt die Lade, das Abziehende muß in die Mitte, und bann ertönt das Scherz­lied. Es gibt sehr charakteristische. Ans einem derselben, dessen Anfangsstrophe und Melodie mir leider fehlen, setze ich zwei Strophe» hierher:

Wenri nun ein als Magd muß dienen,

Tie muß haben viel Geduld, Sie darf fich zu nichts erkühnen. Sie. muß hab'» an allem Schuld.

Manche Magd ivird auch verachtet, Wenn sie gleich tut, was sie kann. Es tvird ihr doch nicht so betrachtet, Ihr Herr ist stets ein strenger Mann.

Am 3. Weihnachtsfeiertage iingts darmn überall auf deN Landstraßen. Hier kommen fie, dort gehen sie. Unter den ge­sungenen Liedern ist auch das folgende, in Eichelhain ansge- zeichnete:

1. A - de, ihr Brü-der mein, ich kann nicht mehr bei Euch

Mk-i c f 5\- t s

sei», die Ge - sell-schaft mnß ich mei-den, ich muß aus

mei-ner Hei-mat schei-den, und das tut_ weh.

2. Wollt ihr mich noch einmal seh'n. Steiget auf des Berges Höh'u, Schaut herab ins tiefe Tal, Da seht ihr mich zum letztenmal. Und das tut weh'.

1 l Nun a - de, ihr lie-ben Käme-ra-den, ge-het noch ein k Ich hab' Euch zwaral-le ge - la-den,hab'ge-macht kein'n

i we - nig mit! )

( Un-ter-schied; s^' eucf) 6 = 6er bev Weg zu wett,

||^ L :

ich muß unter die frem-deu Leut', und das tut weh!

Kann in Ton und Wort der Schmerz, die Heimat zu lassen, einfacher und besser geschildert werden?

Auch das höchste Fest des Bauern, die H o ch z e i t, hat besondere Lieder gezeitigt. Tas weiß er ja noch, daß Mann und Frau zur Ehe mitenianber bestimmt sind. Immerhin finbet man auch un btrfen Vogelsberge ältere ledige Personen, die bei dem ver­heirateten Bruder ober der verheirateten Schwester den Einsitz, den Auszug, haben. Tas Heiraten hat ihnen nicht die Reihe jetragen. Es war kein Platz, unterzukommen, da. Wenn nun solch ein ^unggesell sich einen Trost suchen will, bann stimmt er wohl bas alte Jimggesellenlied an, bessen Fassung hier aus Horgenau im Kreise Lauterbach stammt, das aber auch sonst, z. B. in Burkhardsfelden, bekannt ist:

1. Wenn ich ans Frei'n gedenke, Kommts mich so grausig an, Ter Ehstaud tut mich kränke. Wenn ich gedenk' daran.

Soll treten in ein Stand, Ter ewig ivird genannt. Sein das nicht schwere Sorgen, Vom Abend bis zum Morgen, Wenn man's bedenken tut?

2. Frei' ich mir eine Reiche, Dergleichen mag ich net, Tu sich die Leut 'rum streite. Was die für Güter Hütt'.