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so eigen, und vorn Aufwaschen, Ivie Mutter mir eben für nach Tisch anklindigte, werden meine Heinde doch nickt schöner. Sich mal, ich hab' schon vom Platten ganz gelbe Schwielen dran!"
Sic stellte das Eisen beiseite und blickte bekümmert auf ihre kleinen, vollen Hände, die allerdings nicht mehr so glatt und weich waren wie in der Harzer Pensiimszcit.
„Glaub' doch nicht, daß dein Haus w etwas beachten wird, wenn er dich nach acht Monaten znnr erstenmal wiedsersieht!" tröstete Aenne Falk. „Du bist ja sonst so viel hübscher geworden."
„Ach, Aenne, meinst du wirklich?"
Helene strahlte vor Freude, sie war sich ja für ihren Hans nie schön genug gelvesen.
Run sic mit der älteren Schwester, die noch nicht lange ihre Vertraute war, von ihrer Liebe sprechen konnte, ging ihr auch die Arbeit leichter von der Hand. Sie legten zusammen Wäsche, bis die tobende Heimkehr der drei jüngeren Brüder an die Mittagszeit mahnte uni) an das Tischdecken.
Bei der einfachen, aber gut zubercitetcn Mittagsmahlzeit in denk bnrgcrl-ich gediegen eingerichteten Eßzimmer suchten die ein wenig schräg stehenden, grauen Augen des Hausherrn, der blaß und überarbeitet oussah, öfters das glühende, vertränmte Gesichtchen Helenens. Ein weicher Ausdruck gerührten Vaterstolzes glitt über sein bärtiges, etwas aufgeschwemmtes Gesicht.
Sie war doch die Lieblichste seiner Töchter, wenn auch seine Frau sie die Faulste schalt. Sie würde freilich ihren Weg durchs Leben nicht allein finden wie di', beiden Aeltesten, von denen eilte sich in Düsseldorf zur Mallehrerin ausoildete und die andere in Paris ihr Sprachexamen machen wollte. Aber er hegte seine stillen Hoffnungen für sic.
Und als die Rede auf das Geschirrwaschen kam und auf Helenens Murren darüber, gab er seinem Liebling, so selten er sich sonst in diese Angelegenheiten mischte, recht.
Sie sollte nicht mit rot gewaschenen Händen zu der Bc- gegmmg mit ihrer Freundin Lisbeth und deren Mutter' kommen, die in Schwelm aus irgend einem Grunde eine Stunde Aufenthalt nehmen mußten.
Helene wurde glühendrot vor Scham und Verlegenheit.
Der Vater kümmerte sich sonst wenig um sie und gerade heute, wo sic ihn und die andern belog und betrog, diese unverdiente Güte.
Sie hätte ja für ihren Hans wieder eilt ganzes Lügengewebe spinnen müssen. In der Tasche trug sie einen Brief Lisbeths, den sie gestern im Beisein der Blutter erhalten hatte, der aber nicht die Ankündigung ihrer Durchreise enthielt, sondern die Aufforderung, Helene soll iin Harzburg, wohin sic sich mit ihrer Mutter zur Kur begeben würde, 14 Tage lang ihr Gast sein.
Das wollte sie nun den Eltern bei ihrer Rückkehr ausrichten, so, als ob diese Einladung mündlich erfolgt wäre. Sic hoffte bestimmt auf ihre Einwilligung, denn es würde ja nur die Reise kosten. Und direkt knapp ging es bei ihnen nicht zu, lange nicht so, wie Hassingcn ihr das Leben in seinem Elternhanse geschildert hatte.
Tie nächste Zukunft barg also für Helene Falk so viel Glückverheißendes, daß sie des schweren, trüben Winters voll banger Sehnsucht vergaß.
~ Um hz4 Uhr machte sic sich auf den Weg bei strahlendem. Sonnenschein, der so warnt wie im Mai schmeichelte, in ihrem weißen Kleidchen und dem kleinen Matrvscnhut, einer lichten Frühnngsblüte gleich.
Als sie den düsteren Fabrikhof durchschritt, hatte sie eine Begegnung, die sie in leichte Verlegenheit brachte. Es war ein Herr von mittelgroßer, ein wenig gebeugter Gestalt, int grauen, gut sitzenden Jackettauzug, mit einem sehr mageren, von kurz- geschnittenem Vvllbart umrahmten Gesicht, aus dem kluge und ernste braune Augen leuchteten, die beim Anblick des jungen Mädchens warm, fast zärtlich ausstrahlten.
„Nun, wohin denn in solchem Glanze, kleine Helene?" fragte er, ihr die Hand reichend.
Sie stotterte ihre Lüge heraus, und sie fiel ihr hier noch einmal besonders schwer, denn vor Paul Heinecke, dem Prokuristen ocr väterlichen Fabrik, den sie kannte, so weit ihre Erinnerung überhaupt zurückreichte, hatte sie früher nie ein Geheimnis gehabt. Sie war mit ihren Puppcnstubenforgcn, mit ihren SchulauWtzen und all ihrem Aerger und Kummer zu ihm geflüchtet und hatte imchtpr Hilfe, Rat und! Trost bei ihm gc- fttnben.
©te. hatte ihn früher „Onkel" genannt, aber seit sie konfirmiert war, hatte er es selber nicht mehr gewünscht. Sic nannte ihn jetzt wie ihre Schwestern mit dem BornamenI und dem förmlichen „Sie".
Er war mich erst 32 Jähre alt, noch zu jung für einen Kinkel einem siebzehnjährigen Mädchen gegenüber.
Als schüchterner, armer Lehrling ivar er einst in die Fabrik eingetreten, und Herr Falk hatte den verwaisten Knaben völlig in die Familie gezogen, eine Gifte, für die der Erwachsene, den! ein Lotteriegewmn vor Jahren schon zum wohlhabenden Mann, gemacht hatte, damit lohnte, daß er seine bewährte Kraft dev Fabrik erhielt, anstatt sich selbständig zu machen.
Wer ihn genau beobachtete, wie er mit Helene Falk sprach, sich von ihr verabschiedete und noch einmal zurücksah, ehe sie um die Hausecke verschwand, der hätte wohl gewußt, daß noch ein anderer Magnet als die Dankbarkeit ihn an die Familie Falk fesselte.
Ein glückliches Lächeln lag noch um feine bärtigen Lippen, als er schon die grauen, ausgetretenen Holztreppen zum Kontor hinäufsticg.
Seine Gedanken folgten der kleinen Helene, die im Fieber der Erwartung mit der Elektrischen durch die belebte Stadt und eine häßliche Arbeitergegend ihrem Ziele zufuhr.
Ein Stückchen mußte sie iwch gehen, aber Hoffnung und Seligkeit machten ihre Schritte leicht.
Rings um sic sproßte der Frühling, ftebcr junger Saat stieg trillernd eine Lerche auf, von den Birken am- Rande des kleinen Wäldchens drüben am Berge wehten grüne Schleier.
Sie sah sich schon dort mit ihrem Haus wandern, Arm in Arm, Auge in Auge.
OH, das Glück war gar nicht zu fassen, daß jetzt der Zug durch das Land brauste, in dem der Geliebte saß, sich ihr von Minute zu Minute näherte. Die gläuzendeit Schienengleise blitzten so freudig int Sonnenlicht, das kleine rote Stationsgebäude sah so freudig drein, der junge Stationsassistent schmunzelte so vergnügt, als ob sic alle teilnehmen tvollten, an deut Glück des Wiedersehens, dessen Zeugen sie sein würden.
Natürlich war die kleine Helene viel zu zeitig zur Stelle! und mußte sich noch eine Viertelstunde damit begnügen, nur ini Geiste mit ihrem Hans vereint zu sein, sich vorznstcllen, wie er aussehen, was er sagen, ob er ihr vor allen Leuten einen Kuß geben würde.
Schließlich versank sie so in ihre Träumereien, daß sic bei dem langgezogencii Pfiff, dem Rollen des nahenden Zuges ztt- sammenschrak und eilte Art Lähmung durch ihren jungen Körper ging.
Sie konnte keinen Schritt tun, sondern stand, wo ihr Wandern sie gerade hingefü.hrt, ein wenig abseits, mitten im grellen Sonnenschein. Bor Aufregung war jeder Blutstropfen aus ihrem Gesicht gewichen, ihre Hände, um den Sonnenschirm gekrampft, zitterten', ihre binttet bewimperten Augen blickten scheu, suchend, voll verhaltener Seligkeit die lange Wagenreihe des Bummelzuges entlang.
So stand sie noch, als die dunklen Wagen mit ein paar neugierigen Reisenden an den Fenstern, nach kurzem Aufenthalt, an ihr vorüberglitten, nur in ihren Augen war jeder Glücksschein ausgelöscht.
Hans von Hassingen war nicht gekomnicu.
Cs war alles vorbei, das sehnsüchtige Hoffen, die jauchzende Glückseligkeit. Sie war wieder die armle, kleine Blume, die im Schatten stehen Mußte. Noch konnte sie es nicht fassen, Noch irrten ihre bangen Augen immer wieder über den Bahnsteig, als müsse irgendwo die wohlbekannte, hohe, schlanke Ossiziers- gestalt austauchen, aber nur der hübsche Stationsassistent kam auf !ie zu mit der Frage, ob sie vergeblich auf jemanden gewartet habe.
Da kam sie zur Besinnung und verließ, ohne dem Nen- gierigen eine Antwort zu geben, den kleinen Bahnhof.
Aber sie nahm nicht den Weg, den sie gekommen.
Ihr suchender Blick hatte auf einer kleinen Anhöhe eine roh gezimmerte Holzbank bemerkt, von Schlehdorngebüsch und grünenden Birken umgeben. Dort hinauf schleppte sic sich mit ihrem Weh.
Dioch barg ihr Herz daneben die schwache Hofftiung, Hans Hassingen könne vielleicht mit einem späteren Zuge kommen', und dann sollte er sich nicht getäuscht haben, er sollte sie noch hier finden.
Bon der Baut ans hätte sie den Blick auf den ganzen! Bahnsteig frei, nichts konnte ihr dort entgehen.
Sv saß sic denn da und wartete.
Ter laue Wind, der die grünen Birkenzweige schaukelte, strich ihr kosend um die blassen Wangen, wehte ihr neckend weiße Blüten- blättchcu vom Schlehdorubnsch in den Schoß, sie merkte cs nicht. Sie hörte nur auf das dumpfe Rollen nahender Züge, starrte nur auf 'Ne wenigen Passagiere, die sic ausluden, oder folgte Mit heißen Augen einem durchrasenden Schnellzug.
Die. Dämmerung sank, es wurde kühler, sie empfand nichts davon. Sie hatte nicht die Energie, den verlorenen Posten zu verlassen. (Fortsetzung folgt.)


