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tröstend in ihm aüfklang, in denen er sich den Kspf zergMelte, nach welcher Richtung hin sich ihm eine Existenz eröffnen könnte, durch die er der Liebe zu Helene zu ihrem Recht'verhelfen durste, ahne heilige Sohuespflichten zu vergessen.
Er hatte, angeblich im, Interesse eines Freundes, an seinen Bruder geschrieben, ihn mit die Aussichten eines Fortkommens im fremden Lande befragt, aber was dieser ihm geantwortet, hatte ihn erschüttert und angeekelt zugleich.. Ten Weg der Ent-- behnmgen und Demütigungen, der schweren körperlichen Arbeit und der skrupellosen Ehrbegriffe, den der Bruder gegangen, ehe er ein Ziel gefunden, in dem noch jetzt seine Frau und seine Kinder, falls er erkrankte oder starb, mittellos und bitterer Rot preisgegeben dastchen mussten, diesen Weg konnte ein Mensch von Hans Haisingens Wesen und Art nicht gehen. Er hatte ein stark ausgeprägtes Pflichtgefühl und ein festes Wollen, sobald er einem sicheren, erreichbaren Ziel znstrebcn konnte, aber ihm fehlte die aus starkem Selbstbewutztsein entspringende Energie, die das Ungewisse in raschem Entschlüsse wagt, und für di« Hindernisse nur da sind, um sie in kühnem Sprunge zu nehmen.
In seinen Gefühlen war er ein Zweiseelenmensch. Er loderte nicht rasch und feurig auf, aber wenn ein Gefühl ihn erfaßt hatte, ging es in die Tiefe und war von einer ruhigen Beständigkeit und Treue, er vergast über dem einen nie völlig das andere, noch heute kannte er mit dankbarer Zärtlichkeit des kleinen, blonden' Bürgermädchens tu S. gedenken, eine Liebe, über die viele andere im Erinnern nur lächeln und spotten würden, aber andernfalls! wieder gestattete er diesen Gefühlen keinen zu breiten Raum in seinem Leben. Ein Etwas in ihm lehnte sich auf gegen ihre Macht, die ihm die Zügel seines Schicksals, so weit er sie zu führen vermochte, zu entreißen drohte. Er liebte Helene Falk mit einer starken, ehrlichen und treuen Liebe, aber er konnte auf die -Tauer weder so leidenschaftlich noch so sentimental rieben, um fein Leben, feine Zukunft für wertlos zu halten, wenn er Helene Nicht erringen könnte.
Neber Staudesvorurteile der Seinen wäre er hinweggeschritten, nachdem er die eigenen überwunden, aber die gemeine Not ums tägliche Brot, die ihre Tage verbitterte, die durch Leid und Kummer zu verschärfen, das brachte er nicht fertig.
Wie angstvoll klangen noch jetzt die Briefe des Vaters! Nie deutlich a usgesprochen und doch aus jedem Wort schreiend: Was wird ans dir, wenn dein Leiden dich dienstuntauglich macht?
Und die besorgten Zeilen der Mutter, die nur das körperliche Wohl des Sohnes im Auge hatte, ihm mühsam vom Wirtschaftsgeld abgesparte Stärkungsmittel sandte, die kurzen Kartenmitteilungen des in Sorge und Arbeit alternden Onkels, der vom unbedingt nötigen Verkaufen schrieb und dem Neffen 100 Mark schickte, damit er das „Wiesbadener Theater sorglos und ohne Skrupel geniesten könnte".
Und dazwischen Helenens häufige, bald leidenschaftlich hoffende, bald herzzerreißend traurige Mädchenbriefe, die ihn jedesmal wieder für Stunde» in eine „Gefühlsduselei" hineinrissen, die ihm innerlich widerstrebte, die ihn mehr und mehr zu bedrücken begann.
Er sehnte sich nach einer Ablenkung, nach einem seis noch so flüchtigen Interesse fiir eine andere Frau, wobei das Herz ja gar nicht beteiligt zu sein brauchte. Aber aus all den blitzenden, kecken Augen, die ihn, mehr noch als seinen blassen Begleiter, wohlgefällig musterten, sprang kein zündender Funken zu ihm herüber.
Helene Falks scheuer Liebreiz siegte.
„Haben Sie sich Hier wenigstens schon gut amüsiert, Has- singeu?" erkundigte sich der Ulan, indem er fröstelnd den Pelzkragen hochschlug und den schwarzen, steifen Filzhut tiefer in die Stirn drückte.
„Nach Ihrem Geschmack wohl gar nicht, Meisenberg, und nach dem meinen, offen gestanden, auch sehr mäßig. War viel im Theater und schwanke hent zum erstenmal in einer Anwandlung von KarnevalSleichtsinn zwischen „Hoffmanns Erzählungen" und dem letzten Maskenball im Kurhause."
„So so!" Ter Ulan wurde plötzlich zerstreut und sehr unruhig und blickte scharf geradeaus. Dann sagte er: „In Wiesbaden darf man nicht so lange bedenken und zögern, muß immer gleich die Gelegenheit zu einem kleinen oder großen Amüsement beim Schopfe fassen. Ich bin erst seit gestern abend hier, aber wenn Sie jetzt mitkommen, will ich Ihnen garantieren, daß Sie ein kleines, pikantes Abenteuer erleben."
tzasfingen wollte nicht gern philisterhaft ablehnen, obgleich et zu Meisenbergs Führertalent recht wenig Vertrauen hatte.
Er sah seinen starren, nach vorn gerichteten Blick.
„Wen haben sie denn eigentlich gespürt, Meisenberg?" Der packte ihn vertraulich am Arm.
„Sehen sie die beiden Damen vor uns? Ach was, die jungen
Muse da nicht —", dos galt zwei kurzbevockten Backfischen, deren eine seit einigen Tagen mit Hassingen ein harmloses Augenspiel begonnen, und die sich eben wieder den blonden Kopf nach ihm verdrehte. „Tort die beiden schlanken Figuren in bett blauen Kostümen — ja, nun haben sie richtiges Visier — von der, Schwarzen Hand weg, der laufe ich schon seit heute früh nach — die Blonde nehmen sie mir ans alter Freundschaft ab, Hassingen."
„Wollen sehen!" meinte dieser etwas phlegmatisch, denn vor- läufig tonnte er nach der Rückansicht der Damen das Entzücken Meisenbergs nicht teilen, „aber rennen sie nicht so wild, da kann! ich beim besten Wille» nicht mit."
„Ich verlier sie doch fönst aus den Augen, mein Lieber."
Hassingen zuckte seelenruhig die Achseln. Tie Aufregung des Anderen amüsierte ihn. Tie hellblauen Augen desselben flackerten förmlich in dem blassen, hageren Gesicht, eilte nervöse Unruhe umzuckte die schmalen Lippen unter dem spärlichen, hellbranuen Bärtchen.
Plötzlich atmete er befreit aus.
„Ihr Glück, Kamerad. Sie gehen ins Cafe Blum, kommen Sie, da wird ihre Elesantenvolle bequemer."
Ta ließ Hassingen sich gutinillig mitschleppen.
(Fortsetzung folgt.)
Ans Briefen Napoleons I. über Vorgänge und Zustände im Königreich Westfalen.
(Vor hundert Jahren/
Schluß.
Als ans Hessen-Kassel und den angrenzenden Gebieten das Königreich Westfalen geschaffen wurde, und des Kaisers Bruder Jöröme dort als König eingezogen war, wurde Lagrange Kriegsminister. Aber seine Ministerherrkichkeit. dauerte nur acht T<rge; Jerome entließ ihn. Tie Gründe der Entlassung siird uns nicht bekannt. Der persönliche Streit zwischen dem König Und dem General wird sie schwerlich allein veranlaßt haben. Lagrange hatte nämlich als Generalgouverneur die Pferde deI Kurfürsten sich angeeignet, die nun der neue König für sich reklamierte. Der Kaiser ergriff Partei für seinen General, wie nachstehender Brief zeigt. Er lautet:
An Jörömc Rapvldon, König von Westfalen!
Paris, den 4. Januar 1808.
Ich empfing Ihren Brief vvnt 16. Dezember, der sich auf den General Lagrange bezieht. Ich mißbillige Ihr Benehmen. Der General Lagrange ist nicht Ihr Untertan. Er ist Ihnen! durchaus nicht Rechenschaft schuldig über das, was er in feiner Verwaltung getan hat. Sie habe» also nicht das Recht, ihn zu entehren. Er hat mir in Aegypten gedient. Er hat mehrere Feldzüge unter mir in Italien mitge-- macht. . . Uebrigens war der General Lagrange beauftragt, die Pferde des Kurfürsten zu nehmen; er hatte das Recht dazu. Sie haben ein Unrecht begangen, daß Sie sie wieder in Ihrs Ställe bringen ließen. Sie hatten sich darauf zu beschränken, Nachforschungen a n z u st e 11 e n über das Geld, das er erhalten hat und mir darüber zu berichten. Was für ein Vergnügen konnte cs Ihnen machen, die militärische Uniform zn beleidigen. Das ist doch derselbe Rock, der I h n e n da s K ö n i g r e i ch e ro b e r t e n n d ni i r d e n T h r o n, auf dem ich sitze. Ich sehe tu Ihrem Benehmen sehr wenig Reise. Das ist mir sehr unangenehm. Man muß Ihnen genau einschärfen, haß Sie durchaus keine Jurisdiktion haben über die Franzosen, die ich Ihnen schicke, und daß Sie mir erst mitteUen müssen, waS Sie zn tun gedenken. Ich behalte mir das Recht vor, für sie (die Franzosen) Partei zn ergreifen, wie es meinen! Interessen entspricht, und nach meiner Erfahrung paßt. Wenn! Ihnen das Verfahren nicht paßt, schicken Sie mir die Franzosen, die Sie haben, zurück und regieren Sie mit den Deutschen. (Lecestre 209.)
Uebrigens lvar Lagrange nicht so unschuldig, wie man meinen sollte. Er ließ sich feine Börse spicken mit dem Gelde der Agenten des verbannten Kurfürsten. Er wurde Chef der westfälischen! Truppen; der Boden scheint ihm aber zn heiß geworden zn fein; denn! er verließ bei Nacht und Nebel Kassel.
Bekanntlich warf Jörome nur mit Millionen um sich und! schenkte sie seinen Werkzeugen und Günstlingen, obwohl er sich selbst nicht vor Schulden- zu retten wußte. Hessische Staatsgüter verschenkte er nach Willkür und entzog dadurch feinem Staat« bedeutende Einkünfte. Seinem Günstling, dem Kreolen Leeamns, verlieh et die Herrschaft Fürstenstein! mit 40000 Livres jährlichen Renten. Sein Vorhaben zog ihm den schärsstett Tadel von Seiten seines kaiserfichen Bruders zu, wie aus nachstehendem- Brief hervorgeht:


