Ausgabe 
18.2.1909
 
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Donnerstag den P. Februar

1909 Nr, 28

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Auf Liebespfaden.

Sfommt von H. Ehrhardt.

'Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.) 7.

Es war ein halbes Jahr später, lieber Wiesbaden, die vielgepriesene Taunusstadt, senkte sich die fahle Dämmerung eines scheidenden, unfreundlichen Märztages. Es regnete nicht, aber die Luft war von feinem erkältenden Wasserstaub erfüllt, und das breite Trottoir der Wilhelmstraße glänzte schlüpfrig.

Unr die hier und da schon entzündeten Laternen bildeten sich regenbogenfarbige Lichtkreise. Vereinzelt tauchte ein ängstlich ge­öffneter Regenschirm auf, der Nachmittagskorso war weniger be­sucht als sonst.

ES iwn der schlechteste Monat und das ungünstigste Wetter für solche, die in Wiesbaden Genesung, nicht nur Vergnügen srichten.

Ein Herr ging langsam, einen Stock als Stütze benutzend, die Wilhelmstraße entlang. Groß, schlank und blond.

Ein anderer kam ihm entgegen. Ein ebenfalls sehr großer Mensch mit einem feigeren, über dem dunklen Pelzkragen seines Mantels leuchtend blassen Gesicht und nervösen, tiefliegenden^ Augen.

Sichtlich überrascht machte er vor dem schlanken Blonden Halt.

Donnerwetter, Hassingeu, sie hier'?" sagte er lebhaft.Was machen sie denn für Geschichten?" Er schüttelte ihm die Hand nud sah ans den derben Krückstock, den der andere erst hatte in die Linke nehmen müssen.Am Stocke? Ich denke, ich sehe nicht recht. Als ich mein Kommando kriegte, im Oktober, Iva reit sie doch kreuzfidel, die Kniegeschichte anscheinend ganz ausgeheilt, kam sie denn wieder oder haben sie sich im Manöver bloß Rheu­matismus geholt? Ich kann ihnen sagen, meinen Knacks habe ich Mich !veg. Pfui Teufel, waren das in diesem Jahre Biwaks, gaben 90 Prozent Gichtbrüchige, behaupte ich."

HauS von Hassingeu, der noch immer das Rotwerden nicht verlernt hatte, war von der Begegnung mit dein W.'er Ulanen- Oberleutnant nicht sonderlich entzückt, aber kameradschaftliche Rück­sicht gebot ihm, das nicht merken zu lasse».

Die nassen Biwaks sind mir ausgezeichnet bekvmnren, Meisen­berg, aber wen« der Mensch Pech haben soll, geben kleine Ur­sachen^ auch große Wirkungen. Sie wissen doch, daß ich zum Reit­kursus bei ihrem Regiment kommandiert wurde, das war ja damals schon bestimmt, als wir uns beim Abschiedsdiner ihres Kom­mandeurs zum letztenmal sahen die Sache ging recht glatt, habe ja schon mtf dem Gute meines Onkels oft genug auf einem Gaul gesessen natürlich zum Schluß, acht Tage vor Weih­nachten, fährt der Teufel in das Biest von Rappen, der bis dahin wenig Schwierigkeiten gemacht hatte, will und will nicht über die Hürde bricht immer vorher aus wie ich ihn endlich so weit hatte und deitke, nun geht er zum zweitenmal im glatten Anlauf drüber, tut er'S Wohl, überschlägt sich aber auf der anderen

Seite, und ich komme ausgerechnet mit meinem kaum gehnltest Bein unter ihil zu liegen. Das Resultat: eine Quetschung, Wasser­ansammlung in der Kniescheibe, gräßliche Kliniktage, wo sie mich zöpfteu und schröpften, elektrisierteir und massierten, noch gräß­lichere in meiner einsamen Stube in B., wie ich sie ja schon ein* mal durchgemacht hätte, und als letzte Rettung: Wiesbaden."

Sein abgemagertes Gesicht hatte sich bei seiner Erzählung so verdüstert, daß der hagere Oberleutnant mit wirklicher Herz­lichkeit meinte:

Donnerwetter, das tut mir aber leid, Hassingeu, hat denn ihre Kur hier wenigstens den gewünschten Erfolg?"

Eine abwehrende Handbewegung. Der blonde Offizier lächelte etwas bitter.

Sie sehen ja, wie brillant ich vorwärts komme, Meisen­berg!" Sie tvareü miteinander weiter gegangen, und es war allerdings ein langsames Wander».Die vier Wochen in der Heilmühle" haben gar nichts genützt, trotzdem sie mich natürlich dort auch mit Röntgenstrahle» durchleuchtet haben und mich noch jetzt abwechselnd baden, massieren und elektrisiere». Seit fünf Tage» wohne ich privat für teures Geld."

Der andere antwortete nicht sofort, er ließ die nervöseck Augen beständig über die Vorübergehenden, besonders die Damen wandern. Er gehörte zu jener Sorte von Damenfrcundeu, bereit; Geschmack Hans Hassingeu von jeher unbegreiflich gewesen war.

Ja, ist eilt höllisch teures Pflaster, das liebe Wiesbaden, besonders, wenn mau all seine Vorzüge genießen ivill," meinte er daun mit einem vielsagenden Lächeln.Ich wohne natürlich auch erst meine vier Woche» in derHeilmühle", man muß seine Groschen zusammenhalten, geht mir auch nicht anders wie ihnen, lieber Hassingeu."

Dafür hatte dieser nur ein direkt amüsiertes Lächeln, beit«, er wußte, daß der hagere, nervöse Ulan über eilte» recht wohl- begüterten Baier verfügte.

Wenn er dagegen au seine Lage dachte! Genuß, er konnte hoffen, daß ihm vom Generalkommando ein Beitrag zu den Kur­kosten bewilligt Werben würde, aber im Moment waren es doch die. Ersparnisse, deren Anfänge bis in die Kinderzeit zurückreichten, die unaufhaltsam durch seine zögernden Finger glitten, ohud daß er Genesung fand oder sonst etwas Schönes dafür ciit-t getauscht hätte.

lind mit welch großartigen Vorstellungen war er hierher gegangen!

Wiesbaden! Das Wort hätte für seinen von Krankheit und schweren, inneren Kämpfen niedergedrückten Sinn einen eigenen belebenden, aufrührerischen Klang gehabt. Als ob dort, in einer Welt voll Genuß und Leichtsinn, voll Reichtum und Luxus M ihn Vergessen und Glück sich finde» müßte.

Manches um ihn und in ihm hatte sich verändert, seit er an dem sonnigen Herbsttage von Helene Falk Abschied genommen. Die Schwingen seiner Hoffnung, das geliebte Mädchen einst zu seiner Frau machen zu könne», tonte» längst gebrochen, aber er schleppte sie dock noch mit sich Weiter, weil er de» Mut nicht fand, sich ganz und gar von dieser Hoffnung zu lösen. Immer noch kamen Zeiten, in denen das Wort vom geduldigen Wartest