Ausgabe 
17.11.1909
 
Einzelbild herunterladen

720

Worte über die Organisation der indischen Zauberer zu sagen. Auch ihre Zukunft ist dem Kastengeist unterworfen und in Unterabteilungen eingeteilt. Der Schlangen­beschwörer nimmt einen höheren Rang ent, als der ge­wöhnliche Taschenspieler, und derBönder-Wallah", der Schausteller tanzender Affen, sieht respektvoll zu deut Mangokünstler" empor. Wenn der Schlangenbeschwörer sich jemals soweit vergessett sollte, aus der Pfeife eines Taschenspielers ein paar Züge ztt tun, dann wäre es um seine Kastenreinheit völlig geschehlen. Natürlich machen sich die einzelnen Rangklassen die schärfste Konkurrenz, ohne jedoch jemals dieAchtungsgrenzen" im geringsten zu über­schreiten.

Man darf wohl mit Recht behaupten, daß die in­dischen Zauberer sich allgemeiner Beliebtheit erfreuen. Die einheimische Bevölkerung schätzt die Darbietungen, deren Anblick die empfindlichen Gefühlsnerven sonett" erregt, imt> der Europäer begrüßt die Hexenmeister mit Freuden, da sie ihm auf interessante Art und Weise über manche langweilige Stunde in dem alten Wunderlände hinweg­helfen. _____

Französische Magner-Erinnerungen.

Judith Gautier, dis Tochter ThvophÄe Gautiers, die begeisterte Wagneriancrin, hat den dritten Band ihrer Memviren veröffent­licht, in denen in einer Fülle reifte Her Einzelheiten die Zeit wieder heraufsteigt, da Wagner, irntringt von der grenzenlosen! Bewun­derung eines kleinen Kreises verstehender Anhänger, den bitteren Kampf gegen die Ueberzahl seiner Feinde M bestehen hatte. Thso- phile Gautier gehörte zu denen, die gegen die wilden Szenen bei der ersten Pariser Tannhäu.ser-Aufführnng protestiert hatten und mit Leidenschaft für die neue Musik eintrateu. Ms dann der Rienzi in Paris Wagner den ersten Sieg brachte, fuhr Gautier mit seiner Tochter achtzehn Abende lang regelmäßig von Neuilly ins Theater, nm alle Aufführungen des Werkes zu hören, das Wagner als Dreißigjähriger geschaffen hatte. Je höher der Haß der Gegner aufflammte, je schrankenloser entzündete sich die ver­ehrende Liebe der ersten Bewunderer. Als Wagner dann von Triebschen aus Judith Gautier die erbetene Erlaubnis erteilte, ihn in! seinem Schweizer Heim Mit einigen französischen Freundetr zu besuchen, bemächtigte sich der begeisterten Verehrer eine freudige Erregungund eine Ungeduld, die alle Tnlnchmer be- Fahrt f'rtriß. In den Jubel m schien sich dann aUg v lie Er rar int eit; alle l i seltsame Gerüchte über die persönlichen Lebeuögcwoynh itan Wag­ners waren im Umlauf, die den Meister als einen Sonderling schilderten, als einen ungeselligen, bis.veilen harten, ja imnah- baveN Menschen, der als eine Art Menschenfeind nur mit einem großen schwarzen Hunde die Einsamkeit teilte. Andere schilderten Wagner, wie er inmitten eines ganzen Serails von Frauen aller 'Länder und aller Raffen dahinlebte, in phantastische Prunkge­wänder gehüllt; kurz, es fehlte nichts an romantischen Legenden, diö bis Verehrung der französischen Äagnerfreunde mit aufregenden Zweifeln darüber erfüllten, wie der große Augenblick sich gestalten könnte, da sie endlich dem verehrten Meister Auge irr Auge gegen­übertreten sollten. Auf der Fahrt kam es zu erregten Beratungen, Mit welchem Titel man Wagner anreden dürfe, um seinem Genie gerecht zu werden.Er ist ein kubischer Mensch!" difinierte Bil- liers de l'Jsle-Adam im Eiscnbahnkupee. Mer dam t war nichts gewonnen. Sollte man ihn vielleicht den dldler vom Rigi nennen? Nein. Oder den Schwan von Luzern? Es gab so viele Schwäne und er war doch der einzige. Bis Billiers endlich die Variante erfand: Der Schwimmvogel von Luzern. Alle lacht n. Aber als in Luzern Wagner seine Gäste am Bahnhof erwartet und als nun Villiers in wunderlicher Erlass mit leuchtenden Augen und in ver­haltener Erregung immer wieder vor sich hinmurmelte:Der Schwimmvogel, der Schwimmvogel!", da erstickt die fast religiöse Wagnerverehrung der Franzosen, das Gefühl für die Komik des Augenblicks und keiner denkt daran auch nur zu lächeln. Mit einfacher Herzlichkeit empfängt Wagner s ine Gäste und fordert sie aus, doch einige Zeit in Luzern zu bleiben, UM täglich einige Stunden mit ihm zusammenbleiben zu können. In Triebschm lernen die Franzosen GosiMa kennen, ihre vier kleinen Töchter und den kleinen Siegfried. Wagner dachte nicht daran, seinen Sohn! Musiker werden zu lassen. Als Judith Gautier den Meister einmal darum befragte, antwortete Wagner: ,,Einstweilen denke ich nur daran, ihm soviel zu hinterlassen, daß er von einer Rente leben kann. Aber ich möchte doch, daß er etwas Chirurgie lernt. Auf alle Fälle werde ich ihm freie Wahl lassen. Ich tvürde mich auch freuen, wenn er Neigung für Architektur hätte." In dem Gemache, wo die französischen Gäste empfangen werden und in dem über den Flügel ein prachtvolles Beelhovenbild hängt, gegenüber Bildnissen Goethes und Schillers, verstreicht die Zeit mit Windesschnelle. Aber schließlich fordert der Magen der Gäste ihr Recht. Die Franzosen stehen auf und wollen sich zurückziehen, aber die Wirte bitten Sie zu bleiben. Sind sie

Redaktion: St. Neurat

zum Abendessen eingeladen? Die Zeit verstreicht. Gegen 9 Uhr endlich öffnet sich eine Tür. Wird man essen? Aber nein, ein Bedienter bringt Tee und Gebäck. Doch was liegt daran, die Bewunderer sättigen sich an den Worten des Meisters. Als sie um Mitternacht ins Hotel zurückkehren, ist nichts Eßbares mehr aufzutreiben. Man geht mit leerem Magen zu Bett und mit einem gewissen Stolz, der Kunst so auch ein leibliches Opfer bringen zu dürfen. Später wird der Irrtum durch die Laudes­sitte aufgeklärt und fortan bereitet man bei Wagner für die französischen Gäste ein Abendessen. Um die Zeit, da in München das Rheingvld zum letzten Male aufgeführt werden sollte, reist Judith Gautier mit Villiers nach München. Allerlei Unstimmig­keiten gingen der Aufführung voraus. Sonntags sollte die Premiers sein; am Freitag ist Bühnenprobe. Richter dirigiert. Aber welche Inszenierung! Erbärmliche Pappfelsen sind nachlässig aufgetürmt, eine armselige Laterne soll mit ihrem trüben Schimmer dis Herrlichkeit des Rheingoldes andeuten. Eine Rheintochter wird durch eine Puppe dargestcllt, die mit dem Kopf nach unten, mt eine Schnur gebunden, aus der Höhe herabbaumelt. Und in diesem Stil alles klebrige. Als die Probe vorüber ist, schleudert Richter, hochrot vor Empörung, den Taktstock beiseite:Dieses Rheingold dirigiere ich nicht!" Der Intendant bleibt kalt und beurlaubt Richter. Später protestiert auch der Sänger Betz; auch er wird kurzweg beurlaubt. Wagner erfährt von alledem, eilt inkognito nach München, aber er erreicht nichts; selbst der .König empfängt ihn diesmal nicht. Um seinen königlichen Gönner den Skandal zu ersparen, fügt sich Wagner schweigend in das Unvermeidliche. Als Judith Gautier ihn in Triebschen wieder- sieht, ist er ganz heitere Resignation. Tse Verehrung seiner Anhänger muß ihn über die Bitternisse trösten. Alle über- bieten sich in Zeichen ehrfurchtsvoller Liebe; selbst die Aeußerlich- keiteu des Alltags stehen im Zeichen von Wagners Kunst. Sogar der Hund Scheffers ist Wagnerianer und reagiert nur auf einen Pfiff, wenn mau ihn das Beckmessermotiv pfeift. Der tapfere Richter, der nun in Triebschen bei seinem Meister weilt,, scheint Wagner gegenüber von einer ganz religiösen Scheu befangen. Er wagt nicht zu sprechen, er wagt es kaum, sich sehen zu lassem Nur der eine Drang beherrscht ihn: Er will irgend etwas tun, er will sich irgend nützlich machen. Mer was soll er tun? Schließlich schleicht er sich demütig bei Seite und badet die Hunde... _____________

Humoristisches.

* Pariert. Gendarm:Warum reißen Sie bei Ihrer Festnahme so die Augen auf?" Handwerksbursche:Weil Sie wegen der paar Pfennige Fechtgekd so Ihren Mundi aufreißen t" _____________

Literatur.

Max Hesses Volksbücherei. Leipzig, Max Hesses Verlag. In der vortrefflichen SammlungVolksbücherei rm Verlage von Max Hesse-Leipzig gelangten wiederum eine Reihe Nummern zur Ausgabe, die beweisen, daß der Verlag erfolgieim sein Ziel im Auge behält: Einmal das, weniger begüterten Kreisen die Schöpfungen deutscher Dichter nm ein Wohlfeiles zugänglich äu machen, sodann das nicht minder wichtige. Gebildete in die Welt auch eines iwch weniger befannten Poeten elnzufuhren. Die neueste Reihe enthält: Gustav Falke, Dörten u. a. Frida Schanz, April! April! u. a. Robert Hamerllng, Ralph und Blanka u. a. Georg Bötticher, Heitere stunden Aus den Papieren des Leutnants von Versewitz. Karl Strv- bath, Michels Brautwerbung u. a. Wilhelm Raabe, Frau Salome I. v. Dürow, Die Glückskatze. Den Schluß Hilden die Abteilungen VI und VII derModernen Lyriker : Gustav Falke von Dr. Fr. Castelle und Ferdinand von Sa ar von Max Morold. Jedes Bändchen mit zahlreichen Gedickten des betr. Dichters. Die meisten Nummern der Sammlung stick m ge­schmackvollen Einbänden zu haben und bilden daher auch eme willkommene Gabe für das Fest.

Auslösung in nächster Nummer.

Bilderrätsel

Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: H a in in, H amme!.

h. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckerei, R. Lange, Gieße«.