Ausgabe 
17.11.1909
 
Einzelbild herunterladen

719

Wer aber dieselbe im Lande der Hindus schauen durfte, wird zugestehen müssen, daß der Vorgang, was Nervenritzel an- belangt, kaum übertroffen werden kann. In dem sonnen­durchglühten Winkel einer Nebenstraße haben sich einige ausgemergelte Gaukler mit finsteren Gesichtszügen häuslich niedergelassen und zeigen einen: verehrlichen Publikum ihre Kunst. Endlich kommt der Baskettrick an die Reihe. Die^ Hexenmeister Wersen einen Korb krachend auf die Erde, blicken dann wie suchend wild in: Kreise umher und greifen dann ans der Znhvrermenge eine hübsche junge Damulin heraus. Vergeblich leistet das Mädchen ver- zwriselten Widerstand. Die Gaukler fesseln sie kunstgerecht, umschlingen sie mit einem weitmaschigen Fischernetz und stopfen sie unter drohenden Reden in den Korb hinein. Schnell wird der Deckel herübergestülpt, und das eigent­liche , Schauspiel beginnt. Unter markerschütternden: Ge­schrei stoßen die Zauberer scharfe, spitze Degen abwechselnd von den verschiedensten Richtungen tief in den Korb hinein. Die Wirkung ist schauerlich. Helles rotes Blut sickert lang- san: ans dem Geflecht auf den staubigen, dürstenden Boden, wo es unheimlich kleine Kugel:: bildet. Endlich reißt wie in: Wahnsinn ein Gaukler mit einem heftigen Ärm- schwung den Deckel von den« Korbe, springt mit beiden Mißen in letzteren hinein und tritt pendurchlöcherten Mädchenkörper" anscheinend -jn einem formlosen Brei zu­sammen. Schließlich hält er erschöpft inne, steigt a::s dem Korbe heraus, gefolgt von der unverletzten, aller Bande ledigen Damulin. Es versteht sich von selbst, daß letztere mit zur Gesellschaft der Zauberer gehörte. Jedem Degen- e ging ein bestimmtes Stichwort vorauf, nach welchem

Mädchen eine entsprechende Stellung in: Korbe ein- ncchn:, so daß sie von der Waffe nicht verletzt werden konnte. Wei der Schlußszene krümmte sich die geschmeidige Ta- nmlin derartig, daß sie eine::Ring" bildete in der bauchigen Wölbung des Korbes, so daß die Miße des stampfenden Gauklers nur eine leere Stelle bearbeiteten. Das vermeintliche Blut bestand aus einer farbähnlichen Flüssigkeit. Wie schon vorher erwähnt, ist die ganze Vor­führung so aufregend, daß noch vor hundert Jahren die christliche Geistlichkeit dieselbe verbot. Die Staatsraison mag allerdings dabei ein gewichtiges Wort mit gesprochen haben, da zweifellos die grausamen Instinkte fanatisierter Hindus und Mohammedaner bei den: Anblick eines solchen grausigen Schauspieles neue Nahrung erhielten. Mit Vor­liebe bedienen sich die indischen Gaukler schrecklicher oder doch wenigstens anscheinend furchtbarer Mittel, um auf ilire Zuschauer einznwirken. So klagt z. B. ein Zauberer in beweglichen Worte:: den Umherstehenden sein Leid. Plötzlich aber machte er eine entsagende Handbeweguug, er­greift ein scharfes Messer und schneidet sich zum Entsetzen aller die Zunge ab. Auch die Lösung dieses Stückchens erklärt sich ebenso einfach wie harmlos, denn das abge- schn'ittene Fleisch ist in Wirklichkeit nichts anderes wie eine Melonenscheibe. Nicht immer jedoch ist das Blut­vergießen nur ein scheinbares. Biele Gaukler stoße:: sich aus Wunsch spitze Nadeln und Nägel durch Wangen, Ohren und Nase. Schon seit der frühesten Kindheit her sind diese Mrperstelleubearbeitet", die Wunden also nur leicht vernarbt, so daß das Blut infolge neuen Ritzens der Haut leicht dem verletzten Teile entströmt. Auf einer Täuschung der Sinnesorgane beruht es jedoch, wenn der Zauberer eine handvoll Nähnadeln und einen Zwirns- sadenherunterschluckt" und nach geraumer Zeit die Nadeln auf dem Faden gereiht wieder zum Vorschein bringt. In den Magen praktizieren die Künstler überhaupt gern etwas hinein, was dort nicht hingehört. So verschlingt solch ein Tausendsassa vor aller Augen eine kleine Glocke und ge­bietet dann lautlose Ruhe. Nun fängt er an, sich zu wiegen und drehen, und man hört deutlich aus dem Innern seines Körpers das Metall klingen,

Gefährlicher schon sieht es aus, wenn sich die Gaukler ein Schwert durch den Schlund stoßen und dann wie aus Ungeschicklichkeit den Griff des Mordinstrumentes abbrechen. Nichtsdestoweniger zieht sich, der Künstler die Klinge un­beschadet am Wicken wieder heraus. Der berühmte Mangotrick kann in der Tat nicht anders als verblüffend geschildert werden. Als Einleitung gehen diesen: gewöhn­lich ein paarappetitliche Nummern" voraus. Der Gaukler bekommt zunächst wiederholt einen heftigen Hustenanfall, wobei er nach und nach ein geöffnetes Taschenmesser, welches blutgesärbt ist, eine große, scheußliche Spinne u::d ähnliche

Dinge aus dem Münde speit. Daun endlich bohrt er ein Loch in die Erde, läßt vom Publikun: einen Mangokern wählen, vergräbt ihn in der Höhlung und spricht nun augen­rollend seine Beschwörungsformeln. Hierauf lvirft er eine leinene Decke über dien Sandhaufen und hält eine klein« Ansprache an die Zuschauer, welche er zum Schluß bittet, vorsichtig die Hülle abzunehmen und den vergrabenen Kern zu untersuchen. Dies geschieht, und siehe da, ein Keim zeigt sich den erstaunten Blicken. Wild schwingt der Zauberer die Decke durch, die Luft und legt sie dann vorsichtig über den keimendeu Mangokeru. Wieder erfolgt eine kleine Rede, und nun sehen die Umherstehendeu unter dem gelüfteten Leinen ein zehn Zentimeter hohes Pflänzchen sprießen, welches schließlich nach ähnlichen Manipulationen die statt­liche Größe von einem halben Meter annimmt. Daß es sich bei dem ganzen Experiment nur um eine geradezu wunderbare Fingerfertigkeit der Hexenmeister handelt, be­darf wohl weiter keiner Erklärung. Doch nun zu den Schlangen, welche in Indien eine so große Rolle spielen. Der Zauberer richtet ein paar Worte au seine Umgebung und knüpft bebet einen zusammengenähten Lederstreifen ab, den er sich um die Husten geschlungen hatte. Er schüttelt ihn hin und her, knäult ihn zusammen, tritt daraus und beweist damit, daß nichts Lebenoes in ihm vorhanden ist. Da fällt sein Blick auf die Mangokerne, welche aus ihrem Behälter herausgesallen sind. Schnell wirft er den Lederstreifen wie achtlos in die Nähe seiner übrigen Gerät­schaften und verschließt zunächst die Kerne sorgfältig in der dazu bestimmten Büchse. 9h::: nimmt er das Leder wieder vom Boden auf, streift mit der Hand die Flächen desselben entlang, und hervor schießt eine Schlange, zischt wütend, und das Publikum weicht meistens in: ersten Schrecken fluchtartig eine Anzahl Meter zurück. Während nämlich der Gaukler die Mangokerue verpackte und die Aufmerksamkeit der Zuschauer damit auf sich lenkte, schlüpfte die bis dahin verborgen gehaltene, gut dressierte Schlange schnell in den .Lederschlauch hinein. Auf der Insel Java experimentiert der Zauberer schon auf eine gefährlichere Art und Weise. Er schüttet aus einem Korb eine kleine, aber sehr gefährliche Giftschlange heraus, greift das flüchtende Tier dicht am Kopfe und beißt diesen schnell ab. Während er den ekelhaften Bissen verzehrt, hält er den ihm znschanenden Leuten den zappelnden Rumpf entgegen. Hübsch macht es sich, ivenn der indische Künstler Wasser durch ein trockenes Sieb gießt, letzteres mit einen: Tuche wieder sorgsam trocken reibt, und dann unter rasch her­vorgestoßenen Zauberformeln neues Naß nachschüttet. Jetzt ereignet sich das Wunderbare: das Wasser hält sich im Sieb, ohne nachzufließen. Das Tuch war nämlich mit einer Fettpaste imprägniert, wodurch die feinen Poren des Siebes wasserdicht zugestopft lourden.

Viele Kunststücke haben unsere heimischen Zauber- künstler mit ihren indischen Kollegen gemeinsam. So z. B. dasAus-der-Luftgreifen" von Talern resst Rn.Pien, has Eskamotieren von Gegenständen, die in der Hand gebalren wurden, un: dann im Munde, und zwar in veränderter! Form, wieder zum Vorschein zu kommen. Es würde natür­lich viel z:: Weit führen, wenn man alle Leistungen der braunen Wundermänner erklären Wollte; so möge es denn genügen, nur das Dargebotene anzuführen und dem Leser die Lösung des Problems selbst zu überlassen. Wäre es nicht herrlich, wenn alle Menschen ebenso wie die indischen Zauberer gebratene Tauben auf den Bäumen wachsen lassen könnten? Würde die Hausfrau uicht selig sein, wenn sie es verstünde, Reis in kalten: Wasser zu kochen? Und wie wäre unsere Kvlonialregierung entzückt, wenn die Ansiedler in den wasserarmen Schutzgebieten das labende Naß aus Steinen hervorzuquetschen vermöchten? Nicht so praktisch, aber recht gefällig ist das Geheiinnis, drei verschieden ge­färbte Pulverhäufcheu in einer Bronzeschale mit Waifer zu mischen, das ganze gehörig zu quirlen, die Flüssigkeit hinunterzuschlucken, und die Pulver dann völlig trocken und nach den: Tonwert gesondert wieder aus dem Mundo auf den Erdboden zu pusten. Wunderbar mutet das Ver­schwinden eines Jünglings an; dieser wirst en: weißes L-eil in die Luft, wo es frei schweben bleibt, und klettert dann geschwind an dem Strick in die Höhe, bis er vor den Augen der Zuschauer hinter einer grmlmenden Rauchwolke dem irdischen Dasein entrückt wird. Vorsichtshalber lmrd diese Leistung jedoch nur in spärlich erleuchteten Felsenhohlungen

Doch genug hiervon. Es erübrigt sich noch^ einige