718 —
„Das ist mir ganz egal" — sie schüttelte ungeduldig den Kopf — „ich fürcht 'mich nicht. Herr Hommes ist ja bei mir!"
So gingen sie. Es war ein heißer Aufstieg, der Schweiß rann ihnen von der Stirn. Im Wald 'war's stickig, und wo der Wald aufhörte, zog der Sonnenbrand fast die Haut von Gesicht und Nacken. Sie sprachen wenig; Nelda rannte immer einige Schritte vorauf, in ihr war eine brennende Ungeduld — auf was? Tiefatmend blieb sie dann stehen Und sah auf den jungen Manu zurück; er kam langsamer nach, den Blick unausgesetzt auf sie gerichtet.
Er hätte ihr gern etwas Schönes gesagt, sie gefiel ihm so sehr mit den durchglühten Wangen und der wogenden Brust; _ sie sah aus wie ein Landmädchen und doch um vieles feiner. Er wagte es nicht. Er ließ nur seine Augen sprechen, und die waren beredt genug; sie umfaßten Neldas Gestalt nrit einem langen Blick und blieben daun auf den roten Lippen haften, über die der kurze Atem aus- und kinging.
Sie wußten nichts zu reden; endlich sagte Hommes: >,Die Sonn' hat sich verkrochen, wir kriegen ernt End' doch was auf den Hals, Fräulein Nelda! Sind Sie bang?" Als einzige Antwort schüttelte sie verneinend den Kopf. Sie rannte vorwärts wie gehetzt.
Jetzt waren sie oben, ein pfeifender Windstoß empfing sie und riß Nelda den Hut vom Kopf. Er wirbelte über den Gipfel wie ein sich drehender Teller, Hommes setzte hinter ihm drein. Als er mit dein Flüchtling zurückkehrte, fand er Nelda hinter der Wand der kleinen Schutzhütte versteckt, sie lehnte sich mit dem Rücken an das Mäuerchen Und suchte einen Mick in die Ferne zu erhaschen. Vergebens! Mit Zauberschlag hatte sich der Himmel verändert, das tiefe Blau in ein schieferfarbenes, drohendes Grau verwandelt; weiße Wolkenballen schwammen darin mit zerrissenen, feurig gelben Rändern. Keine Spur von Aussicht! Hunsrück und Moielberge weggewischt, von den näheren Eifelbergen keine Linie, im Tal nur ein graues Dunstmeer. Jetzt, und jetzt noch einmal, lüftete ein Windstoß mit dumpfem Heulen die verhängenden Schleier.
„En doll Wetter!" Der junge Mann sah sich prüfend üm, ein Wirbel grobkörnigen Sandes stäubte auf, die Sandkörner flogen in die Augen und knirschten zwischen den Zähnen.
Eine unheimliche Dämmerung senkte sich nieder, eine schwüle schtveflige Luft legte sich wie ein Bann auf die Natur.
Nelda fühlte, daß ihr die Glieder matt wurden, und das war doch nicht unangenehm; sie fürchtete sich auch nicht, im Gegenteil, es war ihr eine heimliche Lust, mit dem an ihrer Seite allein zu sein, durch eine ungeheure Wolkenwand von allen übrigen getrennt.
Huit — huit! Ein langgezogenes Pfeifen konunt aus der Ferne, mit rasender Schnelligkeit segelt ein fester, dunkelvioletter Wolkenball näher; er stößt die weißen, gelbgeränderten zur Seite, er pflanzt fich senkrecht überm Gipfel auf, wie ein drohendes Geschütz. Es wird ganz Nacht. Die wenigen Sträucher zittern und ducken sich in die Spalten des Lavagesteins, ein Rauschen ist in der Luft. Jetzt ein Brausen, ein dumpfes Dröhnen.
„Hagel!" sagte Hommes halblaut; er konnte Neldas Gestalt kaum noch erkennen, er tastete nach ihrer Hand und zog sie näher zu sich „Fürchten Sie sich net, Fräulein Neida, es tut Ihnen nix!"
„Ich fürchte mich nicht!" Sie atmete hastig und lachte dann kurz auf. „Es ist schön!" Das starke Brausen machte ihre letzten Worte kaum hörbar.
Jetzt ein einziges gelbes Licht und dann wieder tiefe Finsternis — und nun plötzlich ein Prasseln, ein Rascheln aüs die Erde, ein heulender Sturm von allen Ecken und Enden.
„Fürchten Sie sich net!" Er zog sie noch näher an sich, „Wir müssen da herein !"
, Gebückt, dicht nebeneinander, drängten sie sich in die Mr der Schutzhütte; drinnen auf dem schmalen Bänkchen setzten sie sich, Seite an Seite. Er fühlte ihr rasches Atmen, Und sie fühlte die Kraft des starken Arms, der sich schützend hinter sie legte. Er flüsterte: „Fräulein Nelda! Nelda i— wir sind ganz allein!"
Sie sagte nichts, sie lehnte den Kopf hintenüber an bas rauhe Mauerwerk — der war ihr schmerzhaft, heiß Und schauer — sie bemühte sich, gleichgültiges zu denken, '
es drehte sich ihr wie ein Rad hinter der Stirn. Durch die Ritzen der roh aufeinander gefügten Steine pfiff der Wind, der Hagel hämmerte auf's Moosdach nieder, als wollte er es zertrümmern. Jetzt war es gekommen, jetzt war es d-a — was?! Ihr Herz pochte wild — jetzt — sie schreckte zusammen, der Mann war ihr noch näher gerückt, beide Arme legte er um ihren Leib. Sie wollte aufstehn, etwas sprechen, sie konnte nicht, sie !var wie erstarrt.
Er drückte seinen Kopf dicht an beit ihren, sein blonde« Schnurrbart streifte ihre Wange — sie zitterte, noch immer kein Laut auf ihren Lippen — da — draußen jammerndes Rufen, zwischen dem Hagelgeprafsel Tritte!
Mit einem „Kotzdonner" sprang Hommes! auf. „Hä, wer is da?" Er eilte vor die Hütte.
Eine klagende Frauenstimme antwortete; Nelda kam sie merkwürdig bekannt vor, sie schreckte zusammen — das war ein Ruf aus der Welt.
„Fräu — lein — Plan — ke! Fräulein Planke!" Ab- ivehrenü streckte sie beide Arme vor sich. Die Finsternis hatte sich merklich gelichtet, es war hell genug, um einander zu erkennen.
In der engen Tür der SchützlMte stand leibheiftig Fräulein Aurora Planke, hinter ihr tauchte neben Honnncs ein junger Mensch mit semmelblonden Haaren auf; traurig hing ihm die nasse Mähne herunter.
Wie sah Aurora Planke aus! Der Hut auf ihrem Kopf war zu einem unförmlichen Nest zusammengeschlagen, den blauen Leinenschirm hielt sie zerfetzt in der Hand, von ihrem schwarzen Kleid troff eine dunkle Brühe; sie weinte fast. Es schien, als wolle sie in Ohnmacht sinken, aber als sie Nelda erkannte, wurde sie stramm. Sie zog ihr! nasses Kleid so viel als möglich an sich.
„Also hier müssen wir ititS treffen?" Sie reichte kühl die Hand. „Auch aus einer Pergnügungstour, wie ich sehe!"
Sie bemühte sich von oben herab zu sprechen, tvährend ihr die Zähne int Mund vor Frost klapperten. „Das ist ja ein merkwürdiges Zusammentreffen — und so allein?!" Durchbohrend schoß ihr Blick von Nelda zu deren Begleiter und wieder zurück. „Wunderbar — wirklich —- höchst wunderbar — und hier — oben!" Sie- machte hinter jedem. Wort eine vielsagende Pause.
(Fortsetzung folgt.)
Indische Zauberkunst-
Bon Ludwig Segebarth.
Es gibt nv'ch heutigen Tages eine große Menge von Leuten, die steif und fest behaupten, daß die indischen „Zauberkünstler" im Besitze von übernatürlichen Kräften wären. Wunderdinge werdeit erzählt, die, wenn sie wirk- lich der Wahrheit entsprächen, allerdings geeignet sein würden, dem Zuhörer „das Gruseln zu lehren". Die Frage, welchem Umstande es zu verdanken ist, daß eine so hohe Meinung über die Fähigkeit der braunen Gaukler platzgreifen konnte, läßt sich unschwer beantworten Die europäischen Jndieufahrer sind selbst schuld daran Teils ließen sie sich tatsächlich durch die verblüffende Geschick-- lichkeit der Zauberer täuschen, teils berichteten sie absichtlich ungeheuerliche Stückchen der Hokuspokusmänner, wenn sie dem alten Wunderlande den Micken gekehrt hatten und wieder in der Heimat saßen, lediglich um sich bei der staunenden Mitwelt noch interessanter zu machen. Viele Micher sind über indische Zauberkunst geschrieben worden, die meisten jedoch besitzen wissenschaftlich wenig ÄVert, da sie von groben Unrichtigkeiten strotzen. So verwechseln die Herren Autoren mit Borliebe die (tzaukler mit den Jogis und Fakiren. Letztere sind asketische, büßende Wundertäter, deren Tun ein religiöses Motiv bestimmt.
Von allen indischen Städten gilt Madras als das Hauptquartier der Hexenmeister. Von hier aus über- fchwemmen die schlauen Gesellen nicht nur die übrigen Provinzen des Riesenreiches, sonderii auch das europäische Festland. Es muß jedoch gleich bemerkt werden, daß die „besseren" Künstler in den seltensten Fällen in das Ausland gehen. Wer also ihre Vorführungen genießen will, darf, den „kleinen Ausflug" nach Indien nicht scheuen; auf seine Kosten wird er schon kommen, selbü wenil alles auf natürliche Weise vor sich geht. — Wer hätte nicht schon von dem Verschwinden eines jungen Mädchens in einem mäßig großen Korbe gehört? Unsere Spezialitätentheater haben fich diese „Nummer" iricht entgehen lassen.


