Ausgabe 
17.7.1909
 
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Vie Gießen vsr MIchren Zu seiner erftenZeiinng kam.

Von Stadtpfarrer D. Dr. Diehl in Darmstadt.

Die folgenden Ausführungen stützen sich auf neueroings aufgefundene Akten/ die sich auf die Ber- handlungen des damaligen Verlegers mit der land-- gräflichen Kanzlei beziehen und von Oberbibliothekar Dr. Ebel teilweise in Nr. 4 bis 7 des Gießener Anzeigers vom Jahre 1900 veröffentlicht worden sind.

I Mann hatte sie nicht mit Hätscheleien verwöhnt. Allein wenn er ihr abends gegenüber saß und seine Pfeif' raucbte ging etwas Warmes, Gemütliches von ihm aus. Ohne daß sie es aussprachen, fühlten sie, daß sie als gute Eheleute zueinander gehörten. Friedmar dagegen gab sich im Grund genau wie vordem als Obergesell. Noch mit keinem Wort hatte er auf sein Herren- und Meisterrecht gepocht. Förm­lich und zurückhaltend begegnete er seiner Frau. Es war pust, als ob etwas zwischen ihnen lag, das man aus dem Weg raumen mußte. Sollte sie zuerst Hand anlegen? Sollte sie ihm den Bart streicheln? Nein! Es lag nur an ihm

I daß man sich nicht näher kam. An den Werkt«aen mußte er sich seine Arbeit angelegen sein lassen. Das war sonnen­klar. Aber Sonntags konnte er doch ein bißchen aus sich herausgehen. Der Herrgott hatte den Sonntag nicht bloß eingewtzt, daß man reine Wäsche anzog. Da sollte man beschaulich seine Gedanken ausspinnen, frohmntig fein oder lief) anssprechen, wenn einen der Schuh wo drückte. Wie tat der Friedmar am Feiertag? Vis in den hellichten Tag hinein stak er in beit Federn. Kam er dann in die Wohn­stube, so machte er sich über die Geschäftsbücher, weil er darin nicht kapitelfest war und womöglich etwas profitieren wollte. Um zwölf Uhr man zu Mittag. Da stellte er seinen Mann. Und es freute sie, daß es ihm gut schmeckte. Spater ging man durch den Stadtwald ins Schützenhaus wo man Bekannte traf und ein Glas Bier trank. Den lieben langen Nachmittag saß der Friedmar neben ihr steif wie ein Stock, kaum daß ein Wort ans ihm herauszu­bringen war. Und die schmähsüchtige Verwandtschaft saß rechts und links und machte sich ihren Vers dazu. ' Was gtng ihm denn ab, daß er so vor sich hindusselte? Konnte er jetzt als Meister nicht schalten und walten, wie ec wollte? Und war vorher nur Gesell gewesen. Sie mochte beileibe keinen Dank hören, aber ein bißchen erkenntlicher in seiner Gebarung als Ehemann hätte er schon sein dürfen/ Die georatenen Tauben flogen heutzutag so leicht keinem in den Mund. Ja, wozu hatte sie sich überhaupt wieder ver- helratet, wenn ihr Mann stumpf und gleichgültig neben

V.rUef? ®te Eheschaft war gewiß nicht da, daß man sich ständig abkußte, aber man mußte doch merken, daß man vor Gott und den Menschen zusammengegeben war. Daß der Friedmar so aus der Männerart schlug. Schaffen, nichts als Schaffen. Ganz gut, allein man konnte ein, zwei Stunden lang sein Trachten doch einmal auf etwas anderes richten. Es hing ihm eben nach, daß er so in Dürftigkeit und Kümmernis groß geworden. Wo Wohlhabenheit war, gab man auch mehr auf Lebensart. Den Mädchen war er ausgeivichen. Ei gescheiter, er wär' in die Spinnstub' ge­gangen. Da hätten sie's ihm beigebracht, anstatt daß er jetzt als Ehegespons so vermustert und stoffelig auftrat. Sie hatte es wahrhaftig nicht aufs Karessieren abgesehen, aber daß er ihr Hand und Blick gönnte, das konnte sie doch verlangen. Wenn man auch von gewöhnlichen Leuten kam, man lebte doch nicht wie die Wilden. In der Ehe mit dem jüngeren, frischen Mann hatte die gereifte, ernste Frau sich das Leben leichter machen, sich ermuntern wollen. Nun fand fie sich getäuscht. Friedmar war nicht mehr und nicht weniger als ein guter Pflastergcsell'. Und sie hatte mehr von ihm gewollt als den rauhen Hamierer, der ihr Geschäft tri Ordnung hielt. Das dämmerte nach und nach in der Seele der einfachen, aber gemütvollen Fran auf. Mit einem Mal dünkte ihr, daß Friedmar gar beschränkt und eug- war. Er konnte nicht ans seiner Haut heraus. Oder stellte er sich nur so? Was konnte er im Hinterhalt haben? Um Gottes ivillen! Alles ertragen, Unebenheit und.geschliffenheit, nur keine Falschheit und Gleißnerei!. Das hätte sie nicht verwinden können. Und sie grübelte und grübelte. Eine Bitterkeit durchdrang ihr Herz, die ihr die Tage vergällte und keine rechte Lebensfreude in ihr auf­kommen ließ.

(Fortsetzung folgt.)

ihm gesagt:Ei, muck' doch mal ordentlich auf, daß ihr die Regenwürmer aus dem Kopf gehen, anstatt daß du so verstört hinschleicht." Ich hab' mein Teil gedacht und mein' Mund gehalten. Am meisten hat mich das Kind gedauert, das in so 'nem Unfrieden aufwuchs. Ich bin aber auch hartköpfig. Ich wollt' nicht, daß es daheim hieß, die wechselt gleich ihren Dienst Und bin drei Jahr' geblieben bet's Baumeisters. Dann ist mein Vater bettlägerig ge­worden. Er hat den Schlag nicht verwinden können, daß ihm ras schöne Gut so aus den Händen geglitten war. Naasts hab' ich in Hanau eine Depesch' gekriegt. Ich sollt' gleia) kommen. Da bin ich mit dem ersten Zug weg. Ich hab' aber den Vater nicht mehr lebig getroffen. Himmel­fahrt waren's zwei Jahr', daß er gestorben ist. Die Zeit vergeht. Ja, und jetzt bin ich hier und helft meiner Mutter. Man hat schon was erlebt. Und's setzt sich nichts in die Kleider. Dessentwegen bin ich doch nicht fürs Kopfhängen- lassen. Wann die Aprikosen und Pfirsich' erfroren sind, ästimiert man die Aepfel und Bim'. Und jung ist man auch. Ich kann mit trocken Brot auskommen, wann's sein muß. Ich seh' nicht stark ans. Aber ich bin fest auf den Fußen und kann schon was packen. Und zu tun aibt's alleweil bei uns."

Friedmar war der Erzählung des Mädchens schwei­gend, aber nut leuchtenden Augen und bewegtem Gesichts­ausdruck gefolgt. Was die gutschwätzen" konnte. Das war ja gerade, als ob man oie Geschichte unten tut Kreis­blatt las. Wo sie die Art her hatte? Vielleicht von der Pfarrerstochter? Da konnte man hinhvrchen und Arbeit und alles vergessen. Daß so ein zerbrechlich Persönchen unter fremden Leuten Magddienste hatte tun müssen, das war bitter. Noch dazu als Großbauerntochter. Ge- !wst/var sie nicht so stark, wie sie sich hinstellte. Die mußte sich arg quälen bei der Arbeit. Merkwürdia, daß sie noch keiner begehrt hatte. Oder war sie so schnippisch? Hier in der Einförmigkeit verkümmerte sie wie ein Blumen­stock, ber teilt Wasser bekam. Die hielts auch nicht mehr lang tn dem verlassenen Wirtshaus aus. Oder wollte sie wirklich ihre jungen Tage verzotteln? Darüber hätte er sich gerne Gewißheit verschafft.

Du hast halt auch schon dein Kreuz, Lina," sagte er nach einer Weile teilnahmsvoll. ,,s' ist verkehrt cingericht' m der Welt. Die schlechten Menschen lecken mehrstens den Rahm ab. Sag', willst du dann nicht wieder fortmachen?"

Nein, Meister. Ich laß' die Mutter nicht im Stich. Die ist auch schon hinfällig. lind dann möcht' ich gar nimmer fort. Ich bin ja ein Stück heriimgekommen. Nur daß das Getös mehr draußen ist. Sonst läuft das Rad grad wie bei uns. Und's legt mir hier keiner nichts in den Weg." 1

Friedmar stand auf.Daß nicht mehr Leut' aus dem Ort zu eitet) kommen, das geht mir nicht in mein' Kopf"

Ei vielleicht, weil ich die Aufwartung hab'," scherzte i Lina,'s heißt so schon, ich wär' schier verdreht."

.So? Und grab' wegeti dir müßten sie kommen," sagte Friedmar mit hervorbrechender Wärme.Die dummen Häm- mel!" fügte er grollend hinzu und ging rasch hinaus.

IV.

«v. ihrer Wiederverheiratnng hatte sich im Leben der Meisterin nicht viel geändert. Bei Tagesanbruch erhob sie sich und kochte ihrem Mann den Kaffee. Dieser stürzte den braunen, stark mit Zichorie versetzten Trank hastig hin- iinter und ging seiner Arbeit nach. Tagüber war sie meist allein, und es blreb ihr für die Haus- und Garteiiarbeit Zelt im Ueberfluß. Gegen ihre frühere Gewohnheit gönnte sie sich jetzt zu Mittag mir ein paar Bissen, weit die Haupt- mahlzeit abends bei Friedmars Rückkunft gehalten tourbe Nach getanem Tagewerk verzehrte der Meister in der Regel schweigend fein reichliches Abendbrot. Dann sprach man noch ettte Weile über das Handwerk, über die Aufträge bie zu erwarten waren, und über das, was künftig unter» nommen werden sollte. Es ivar die kühle, geschäftsmäßige Unterhaltung zweier Handelsgenossen, die Verlust und Ge­winn miteinander abwogen. Kein innerlicher, herzlicher Ton klang dazwischen. Bald nach neun Uhr ging Friedmar schlafen. Die Meisterin, die keine Neigung verspürte, sich so friihgeitig uiederzulegen, blieb noch ein Stündchen mit b/ul Sn-ickstrumpf sitzen und gab ihren Gedanken Raum. Daß der Friedmar sich nach wie vor so fleißig und tüchtig Zeigte, war nur lobenswert. Aber sie hatte sich das Zu­sammenleben Mit ihm anders vorgestellt. Ihr verstorbener