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Die Pflastermeisterin.
Roman von Alfred Bock.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Lina unterhielt den Gast in ihrer freundlich-gewinnenden Weise. Was im Bann der kleinen Wirtschaft geschah, war allerdings kaum der Rede wert. Ihr aber schien alles wichtig, was zu ihrem stillen Leben in Beziehung trat. Alles Vorlaute und Neugierige lag ihrem Wesen fern. Es befremdete sie wohl, daß Friedmar seine. häuslichen Verhältnisse nicht berührte, dennoch vermied sie es, sich danach zu erkundigen. Desto lebhafter war das Interesse, das der Meister für ihre eigene Person an den Tag legte, und sie erzählte harmlos und anschaulich, wie sich die Jahre her ihr Leben abgespielt hatte. Der Glanzpunkt ihrer ersten Jugendzeit war die Freundschaft mit Anna, der Pfarrerstochter. Die beiden Mädchen waren Altergenossinnen und unzertrennlich, seit sie gerade auf den Beinen stehen konnten. Weil sie den ganzen Tag im Pfarrhaus steckte und nicht viel mit den anderen Dorfkindern in Berührung kam, galt sie für hochmütig. Das war sie gewiß nicht. Nur daß sie sich nicht zerteilen konnte, denn die Anna gab sie nicht los. Der Pfarrer bildete seine Tochter selbst heran und litt es, daß Lina beim Unterricht öfters zugegen war. Da fiel manches Bröckchen für sie ab, was sie ja als Bauernmädchen nicht brauchte. Aber schön war's doch. Manchmal kam's ihr vor, als ob sie in einen Guckkasten schaute und vielerlei Bilder an ihr vorüber zögen. Nur zu schnell. Die Anna war grundgescheit. Die brachte wunderviel in ihren Kopf. Und der Pfarrer war doch noch streng und ranzte sie ganz gehörig an. Später wurde die Anna zu Verwandten in die Stadt gebracht, und die Herrlichkeit war ans. Jetzt war sie schon seit drei Jahren verheiratet, auch an einen Pfarrer, tut Nassauischen. Wenn sie die Eltern besuchen kam, war ihr erster Gang ins „Einhorn". Ja, das war wahr, sie hing heute noch an ihr, die Anna. Die vornehmen Mädchen hatten es freilich gut. Sie brauchten sich nicht weh zu tun, und die Eltern sorgten für alles. Sie selbst hatte, kaum erwachsen, tüchtig zugreifen müssen. Damals hatten sie noch viele Mecker, einen Stall voll Vieh und Knechte und Mägde. Der Vater stand sich gut. Das war im ganzen Ort und weiter herum bekannt. Sein Unglück war, daß er sich mit den Fruchthändlern eiitließ. Sie rechneten ihm gencut vor, was er verdienen könnte, wenn er in die Getreidehalle ginge und da 'n bißchen „wispelte". Der Vater war sonst ein verschlossener Mann und ließ nicht viel mit sich reden. Die Händler aber hatten's ihm angetan. Er setzte sich in den Kopf, er müsse über Nacht steinreich werden. Und machte Geschäfte über Geschäfte. Und verlor furchtbar viel. Ein Acker, ein Stück Vieh nach dem anderen ging fort. Zuletzt wäre man um alles gekommen, wenn sich nicht der Kaufmann Jakobi), ein braver Mann, ins Mittel gelegt hätte.
Freilich war wenig genug übrig geblieben. Sie hatte den eisenharten Vater niemals weinen sehen. Das war schrecklich dazumal, wie er mit nassen Augen vor ihr stand und sagte: „Das winzig' Eigengut kann ich jetzt allein übersehen. Ich bin Übereinkommen mit deiner Mutter, du sollst in die Stadt und dich vermieten." —
Lina hielt inne. Die schmerzliche Erinnerung an das häusliche Unglück übermannte sie. Ihre Erregung spiegelte sich in ihrem Gesicht. Um ihre Mundwinkel lief ein Zucken, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Friedmar, der sonst so kaltblütig und am wenigsten für rührselige Geschichten empfänglich war, hing mit einer Spannung an dem Mund des Mädchens, als ob ihm das Evangelium. verkündigt würde.
Lina aber fuhr fort: „Selbigmal bin ijch nach Frankfurt gemacht. Ja der Fährgass' ist ein Vermietburean. Da haben mich die Leut' hingeschickt. Und da war so'n Mensch mit roten Borsten. Der hat gesprochen: „Geh'n Sie mal gleich in die Obermainanlag' Nummer vierzig im zweiten Stock. Da wird ein Hausmädchen gesucht." Und wie ich hinkam, stand grab' der Herr Fellmann — so hieß die Herrschaft — am Korridor und hat mir gleich die Backen gedätschelt und hat gesagt: „Warten Sie mal, mein Herzchen." Und ist hingegangen und hat seine Frau gerufen. „Dora, die gefällt mir," hat er so seine Späß' gemacht. Und die Frau Fellmann wollt' mich annehmen für fünfzehn Mark den Monat. Ich hab' aber einen Grauen vor dem Herrn gekriegt und bin auf der Stell' fort. Wie ich wieder ins Vermietbureau kam, war da eilte freundliche junge Frau aus Hanau. Die hat mir zugesprochen, ich sollt' doch mitgehen, sie braucht' ein Mädchen für alles, und ich sollt'S gut bei ihr haben. Und der Mensch mit den roten Borsten hat mir zugebispert: „Feine Leut'!" Und ich hab' mich nicht lang besonnen und hab' den Mietpfennig von der jungen Frau genommen. Auf dem Bahnhof und in der Eisenbahn war sie ganz liebreich. Und hat mir sogar ein' Fastenbretzcl gekauft. Und hat von ihrem Mann gesprochen. Der wär' Baumeister. Und daß sie eilt Kind hätten. Und so allerlei. Dann sind wir nach Hanau gekommen. In den ersten paar Tagen hab' ich nichts auszusteh'n gehabt. Auf einmal hat die Madam andere Saiten aufgezogen. Da war ich ein ungelenker Banernklotz und könnt' ihr nichts recht machen. Wann ich als die schweren Wassereimer drei Treppen heraufgeschleppt halt', stellt' sie sich vor mich hin und sagt: „Was keuchst du denn so entsetzlich? Wenn du brustkrank bist, hättest du dich nicht vermieten sollen." Ich war ganz still. „Du mußt dich ducken," dacht' ich, „dazu bijst du in der Fremd'. Aber gelt, daß so Leut' kein Einsehen mit ihren Dienstboten haben und sie bis aufs Blut schinden, 's sind doch auch Menschen. No, ich tat meine Arbeit und ließ mich kujonieren. Der Herr Baumeister war nicht viel besser dran als ich. Der hat 'ne Engelsgeduld gehabt mit der Frau. Wann ich nur hätt' reden dürfen. Ich hätt'


