Ausgabe 
17.6.1909
 
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leinene Hose an hatte, setzte sich unversehens auf einen Kuchen und färbte dadurch seine hintere Partie rot, wodurch er die Zielscheibe des Spottes wurde. Dem jungen Schwab tat der Zwetschenkuchen leid, der seinen Beruf verfehlte. Nun begann auch die Verwüstung des Blumengartens, worin wunderschöne Rosmarinstöcke, Malven, Georginen und an­dere Herbstblumen standen. In wenigen Minuten war alles grauenhaft verwüstet und zerstampft.

Jetzt hieß es: Der Herr Oberst Wagemann kommt! Er hatte in Salzhausen, ohne zu zahlen, gut gefrühstückt, wodurch viel Zeit verloren ging.

Schafft mir dasGroschemäunchen" her!" befahl er. Der Kerl wird geköpft, gehenkt und in der Horloff ersäuft. Er bekommt keinen Pardon, denn er hat keinen gegeben, fein Haus muß angezündet werden."

DasGroschenmännchen" hatte sich rechtzeitig verduftet. Wagemann legte eigenhändig Feuer im Hause des Ge­flüchteten au und entfernte sich. Unverzüglich liefen die Nachbarn herbei und löschten das Feuer wieder aus.

Vom Hause desGroschemännchens" spazierte- der Oberst zum Bürgermeister.

Die Bürgerliste her und die große Gemeindetrommel heraus!" kommandierte Wagemann.

Die Trommel befand sich nebenan, die Bürgerliste wurde verweigert.

Fest auf die Trommel geschlagen und durchs Dorf marschiert, daß die Lent' zusammen kommen!" befahl Wage- mann einem Zuschauer.

Dieser rührte sich nicht. Der Bürgermeister hatte den Leuten besohlen, daß niemand die Trommel schlagen dürfe.

Als dem Befehl keine Folge geleistet wurde, stieß der Oberst ein Loch in die Trommel.

Perdautz! fuhr ihm ein gewaltiger Schlag ins Kreuz, d° er nach Lust schnappte und in die Knie sank.

Ein Bürger von Bingenheim namens Hinkel, mit dem Beinamender Hasehinket", hatte Wagemann den Schlag verabfolgt. Hinkel wurde bei Waldarbeiten, Treibjagden und zu Botengängen benutzt. Ein Ivenig Schmuggel und Wilddieberei lief nebenher. Mut hatte der Manu, schlau und listig und verschlagen war er auch, und groß und stark. Wenn er nicht verhindert worden wäre, hätte er den Oberst dermaßen geprügelt, daß erden Himmel für eine Baßgeige angeschaut hätte", wie eine landläufige Redensart besagt.

Vorsorglich ermahnte der Bürgermeister:Machs nicht z-ll arg, die Krawaller sind in der Mehrzahl, die Kerls brennen uns das ganze Dorf nieder!"

Wagemann erholte sich, nahm einen starken Schluck Ulrichsteiner Frucht", ergriff die Ortsschelle des Polizei- dieners, klingelte die Bürger zusammen und hielt Verles.

Fünf Bürger zogen es vor, dem Zusammeuruf keine Folge zu leisten.

Der Oberst verkündete:Den nicht erschienenen Bürgern sollen die Häuser über den Köpfen augezündet werden."

Während Wagemann im Dorf Bingenheim hauste, setzten die Rebellen das Zerstörungswerk im Schlosse fort. Zunächst wurde die Forstinspektorswohnung verwüstet, dann ging es an zwei kleine Wohnungen der Unterbediensteten.

DasGcoschemännchen" war immer noch nicht auf- gesunden worden.Er soll gebunden und mir nachgesandt werden," befahl Oberst Wagemann.

Won Bingenheim zogen die Rebellen nach' Echzell. Dies ist der größte Marktflecken in der- Wetterau, !vo wieder arge Schandtaten verübt wurden. Der Aufstand flaute hier stark ab. Die Leute hatten ihren Mut gekühlt, Vernunft und Ucberlegnng kehrten zurück. Wo sich eine gute Gtz- legenheit darbot, verschwanden die Rebellen in kleinen Trupps.

Die Mitkämpfer aus Ranstadt wurden unterwegs sogar sträuper", d. h. uneinig mit dem Obersten, weil sie sich zu drücken suchten. Letzterer faßte den Ranstädter Bür- germeister am Aermel und befahl ihm, vor zu marschieren. Die Ranstädter fühlten sich dadurch beleidigt,'sie fielen über denHerrn Obersten" her, prügelten ihn weidlich durch, warfen ihn in den Chausseegraben und zogen nachhause.

Die Autorität des Obersten fing an wackelig zu iverden. Er drohte den Deserteuren mit Erschießen. Denen, die Stand hielten, versprach er große Reichtümer, die bei dem Pgpierfabrikanten Schneider in Oberschmitten lägen, näm­lich 80000 Gulden in Stempelpapier. Mauth und Stempel­papier waren sehr verhaßte Abgaben.

In Echzell trennten sich die Aufrührer : Die eine Hälfte wandte sich, unter der Anführung Wagemanns, westlich gegen Friedberg hin, nach Wölfersheim und Södel; der an­dere Trupp marschierte südlich nach Stammheim unb Flor­stadt, wo die Wohnung und Dienstakten des Freiherrlich von Löw'schen Rentmeisters in ähnlicher Weise verwüstet wur­den, wie es in Bingenheim geschah. Den Bauern gefielen die Roheiten übel; sie scharten sich zusammen, prügelten die Krawaller, nahmen sechs gefangen und lieferten sie ins Gefängnis nach Friedberg ab; die anderen nahmen Reißaus. Hiermit war der Aufruhr in der mittleren Wetterau gedämpft.

In den Dörfern Melbach, Wölfersheim und Södel kam der Aufruhr zum Stehen. Oberst Wagemann ließ durch- blicken: Er wolle bis nach Marienschloß marschieren und dort die Gefangenen befreien, nur die Spitzbuben müßten sitzen bleiben.

In Södel verlangte er vom Pfarrer die Wertpapiere der Kirche; ein kräftiger, gerade anwesender Mann, warf den Frechling die Treppe hinab. Darnach kam er mit Verstärkung wieder.

Run mußte der Pfarrer die Dienstpapiere und die Kirchenobligationen herausgeben, die Wagemann im Hof verbrannte.

Endlich ermannten sich die friedlich gesinnten Bürger in den obengenannten Dörfern. Unter der Anführung ihrer Bürgermeister griffen sie die Rebellen an; es entstand eine Prügelei im Großen, wie sie die Welt nicht oft sah. Die Meuterer wurden in die Flucht geschlagen, viele Anführer und Hauptschreier gerieten in Gefangenschaft. Oberst Wage­mann bezog so fürchterliche Prügel, daß er die Wegsteuer nicht mehr hatte. Mit Mühe und Not erreichte er in der Nacht zum 1. Oktober das kurhessische Dorf Dorheim bei Friedberg, wo er sich geborgen glaubte. Die Kurhessen dachten anders! Sie arretierten den gemeingefährlichen Menschen und lieferten ihn am folgenden Morgen an die Behörden in Friedberg ab.

Am nämlichen Tage kam eine Schwadron hessischer Reiterei nach Wölfersheim und Södel, deren Einwohner sich durch Dämpfung des Ausstandes rühmlich ausgezeichnet hatten. Die Leute sahen dem Einzug der Reiterei mit Neugierde und Interesse entgegen. Durch ein bedauerliches Mißverständnis zogen die Reiter blank und hieben mit den flachen Klingen auf die Neugierigen. Ein Dorfbewohner hatte, um besser sehen zu können, finen Baum erstiegen. Da er der Aufforderung, herabzukommen, nicht Folge leistete, schoß ein Reiter hinauf und traf den Mann so unglücklich, daß er an der Wunde starb. In ähnlicher Weise verlor ein zweiter das Leben. Das ist das Blutbad von Södel, worüber viel geschrieben wurde.

DerKartoffelkrieg" so wurde der Aufruhr ge­nannt, weil er zur Zeit der Kartoffelernte stattfand hatte viel Schmerzliches im Gefolge und kostete schweres Geld. Wagemann wurde mit 15 Jähren Zuchthaus bestraft; seine Unteranführer erhielten 9, 8, 7V2, 7 Jahre usw. Zucht-, haus. Insgesamt wurden gegen 75 Personen Strafen er­kannt. Preußen, Bayern, Württemberg, Baden, Hessen und Nassau machten Militär mobil. Glücklicherweise fand kein Zusammenstoß statt.

Durch die Truppenbewegungen entstanden etwa 100 000 Gulden Ausgaben. Der Schaden, der an öffentlichem und Privateigentum hervorgerufen wurde, betrug 40 000 Gul­den; die Untersuchungskosten beliefen sich auf 10 000 Gul­den. Die Regierung übernahm die Kosten auf die Staats­kasse.

Die Sträflinge konnten nicht alle in Marienschloß un­tergebracht werden. Deshalb wurden ältere Sträflinge, die bereits einen Teil ihrer Strafe erledigt hatten, auf Wider­ruf entlassen, um Platz für die neuen zu erhalten.

Die Verurteilten brauchten ihre Strafen auch nicht ganz zu verbüßen, weil sie nachdem ein Drittel ver­büßt war vom Großherzog begnadigt wurden.

Das ist in möglichster Kürze der sog.Kartoffelkrieg", der in Oberhessen binnen wenigen Tagen großes Unheil hervorrief. Krieg ist ein großes Unglück, Revolution ist schlimmer und das Dichterwort bleibt wahr:

Jedoch der schrecklichste der Schrecken, Das ist der Mensch in seinem Wahn!"