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strich sie mit der Hand über ihre Stirn, so ganz schwer, und ich meine, ihre Hand selbst war traurig dabei. Ost sagte sie gar nichts — oder höchstens mal: „Ach Bub'" Dann packte sie wieder an.
Manchmal, an Sonntagen, bin ich auch mit ihr den „Berg" hinauf gegangen. Da keuchte sie sehr und mußte oft halten rind sich ans mich stützen. Und ich war immer froh, wenn ich sie stützen konnte. Sie sah mich dann an, daß ich's nie vergessen hab', mein Leben lang. Sie hatte so besondere. Augen. Sie waren nicht groß. Sie waren sogar immer ein wenig überdeckt. Aber das war's gerade. Ich mußte immer hineinsehen. Ich suchte immer was drin. Denn ich verstand ihre Augen. Ich sah gleich, wenn sie froh war und wenn sie traurig lunt; wenn sie bat unb wenn sie mir bös war. Und ihre Augen konnten so aus ihrerr Lidern ivachsen. Es ivar dann grab', als ob sichan ihren Wimpern hingen. Das war immer arg. Ich hätte jedesmal schreien mögen. Ich habe so was niemals wieder gesehen, bei keinem Menschen. Immer hab' ich weinen müssen, wenn, die Mutter so Augen machte, und einmal weinte sie selbst heftig darnach. Sie schlug die Hände ineinander und umschlang meinen Kops. Dann sah sie mich au, lang, lang. „Ach Bub!" seufzte sie, „ach Bub!"
Das war auf dem Berg oben, wo man am weitesten sah. Die Trauben waren schon reif in den Weinbergen, und man durfte eigentlich nicht mehr hineingehen. Aber der Wingert war unser, und der Wingertschütz drückte ein Auge zu wegen der Mutter.
Es war alles wie gestorben drunten in den Wiesen. Da war die breite Landstraße — ganz wie entkleidet. Kein Blättlein mehr an den Obstbäumen an ihrem Rande. Und die morschen, verkrüppelten Weiden am Bach mit den hängenden Ruten. Und die kahlen Pappeln der Allee, und dahinter die grauen Felder und die gelben Weinberge mit dem sterbenden Laub.
„'s stirbt alles, Bub, alles. Wer 's kommt alles wieder, lebendig, wenn der Winter herum ist. Nur wenn der Mensch stirbt, kommt er nimmermehr."
„Guck den Kirchhof drunten, Bub. Da liegt der Großvater und die Großmutter und das Babettchen. All tot. Die kommen nicht wieder. Tie Menschen müssen all vergehen."
Die Mutter sagte das schwer und müde. Ich verstand sie nicht ganz. Ich sah nur in ihre Augen. Die waren groß und verschleiert. Wie ein Licht, darüber man die Hände hält. Es war alles verborgen drin, wie in tiefen Höhlen, darin ganz hinten ein Schein ist, ein Spältchen.
„Und will doch alles leben, Bub," sagte sie nach einer Weile. „Und muß all vergehen."
Dann gingen wir langsam weiter. Bis hinten, hinter dem Nachbardorf auf dem Berge, die Sonne unterging. Glutrot. Ihr Glanz lag aus den Dächern und in allen Scheiben unseres Dorfes drunten. Als ob überall Lichter angezündet wären. Helle, schöne Lichter. Ein Fest in jedem Hause.
Da blieben wir stehen.
„Mutter", sagte ich „da guck mal hin. Als ob alle Lichter brennen."
„Ist nur falscher Schein, Bub. Ist alles dunkel gleich. Ist falsch, Bub. Noch einmal wie zum Trost. Borm Aus- gehen."
Ich verstand sie nicht.
Sie drehte sich nach der Sonne um. Da lag der rote Schein auch auf ihr. Und spielte in ihren Augen, in denen Tränen hingen. Ich sah's mit Staunen. Es war, als ob mir's gefallen sollte, und ob's mir doch leid tun müßte.
„Mutter!" sagte ich und deutete ans ihr Gesicht.
„Ist all dasselbe, Bub, ist so vorm Dunkelwerden." Sie umschlang mich, und schloß mich an sich.
Es war schon düster, als wir gingen.
Ich hab' mich halb gefürchtet. Das Laub raschelte schon zu unfern Füßen, das dürre Weinlaub. Und drunten im Wiesental lagerten die Nebel, und zogen nun auf. Bald breit und plump, bald lang und schmal. Gespenstisch. Ich sah lauge Züge von Gestalten blasser, toter Frauen in weißen Laken. Ich hielt mich fest an die Mutter. Dann blieb sie stehen und hustete. Es klang hohl und tat mir weh. , , "Irr wollen heirngehen, Mutter. Die Nachtluft, die -alte Nachtlust tut dir weh. Ter Vater sagt's auch immer."
Darauf strich sie mir über den Scheitel. Es fröstelte mich dabei.
„Ja, bin luie ein rohes Ei. O du lieber Gott, mach ein End'. Müssen ja all sterben. Und will doch so gern leben, Bub', ivill so gern leben."
(Fortsetzung folgt.)
Der Aartoffelkrieg in Oberhessen im Jahre 1(850.
Bon Georg Schäfer in Gießen.
(Schluß.)
Der Rebellenhaufe, der von Nidda nach Bingenheim abzog, fing an, unmutig zu werden: „Die Sach' geht zu bösen Häusern!" hieß es. Nrlr aus Furcht taten noch viele mit. Da beschlossen sie, einen Obersten an die Spitze zu berufen, der sich bald in dem Schneider Georg Wagemann aus Kohden bei Nidda fand. Er war 42 Jahre alt, war jahrelang aus der Wanderschaft, trug einen Schnurrbart, sprach hochdeutsch, erklärte sich für einen Aufrührer und ließ sich „Herr Oberst" betituliereu. (Professor Stahl, unser Ordinarius in Polizeiwisfeuschaft, Nationalökonomie, Finanzwissenschaft usw. behauptete: Die Schneider seien leicht zu Revolution und Aufruhr geneigt, das könne statistisch nachgewiesen werden.)
Bon dem Hauptkorps der Rebellen zweigte sich in Geis- Nidda ein kleiner Haufen ab, um einen Einfall in Bisses zu machen. Hier wurden sie mit blutigen Köpfen heimge- schickt und zwar von den — Weibern. Die Einwohner von Bisses, die ich eine Reihe von Jahren beobachten konnte, sind mutige Leute: Männer und Frauen. Als die Krawaller einmarschierten und Anstalten zu Unfug machten, ergriffen die Frauen Holzprügel, Dreschflegel, Heu- und Mistgabeln und traten den Rebellen entgegen. Dabei erhoben sie ein fürchterliches Geschrei, das von den Männern, die aus dem Felde arbeiteten, gehört ivurde. Diese ließen alles liegen und stehen, packten aber Hacken, Rechen, Peitschen u. bergt, als Waffen zusammen und fielen den Aufrührern in den Rücken. Sie empfingen fürchterliche Prügel und ergriffen die Flucht mit der Drohung: Morgen kommen wir wieder mit verstärkten Kräften und stecken euch den roten Hahn aus die Dächer. Die Einwohner von Bisses verdoppelten ihre Wachsamkeit und blieben von weiteren Belästigungen verschont.
Mittlerweile war der große Hause in Bingenheim eingetroffen und hatte Verstärkung aus Ober- und Nieder-Mock- ftabt, Mauberg, Heegheim und Ranstadt erhalten. Sogleich begann der Angriff auf das Schloß. Der Rentamt-, mann., der in aller Frühe von seinem herbeigeeilten Schwager geitxirnt worden war, packte schleunigst seine Bücher, das Geld und die wichtigsten Papiere zusammen und fuhr mit ihnen nach Friedberg.
In dem Schlosse wohnte noch der Forstinspektor mit zwei Forstkandidaten; außerdem waren zwei Fvrstwärte zur Hand. Das Schloß war damals und ist heute noch mit Mauern, Wall und Graben umgeben. Ein einziger Zufahrts- weg führt vom Dorf in das Schloß über eine steinerne Brücke. Diese wird durch ein starkes, mit eisernen Riegeln, Bändern und großen Nägeln versehenes Tor abgeschlossen. Es wäre ein Leichtes gewesen, das Bollwerk gegen die Rebellen M verteidigen: Der Forstinspektor brauchte sich nur mit seinem bewaffneten Personal auf der Irenelierten Mauer aufzu- stellen und die Schießgewehre sehen zu lassen, dann hätte es tein Schnaufer gewagt, auf die Brücke zu kommen, noch weniger das starke Tor anzugreifen.
Statt dessen geschah nichts. Die Rebellen spazierten unbehelligt in den Schloßhof und begannen das Zerstörungs- werk. Das erste war, daß im Schloßhof ein großes Feuer an gezündet und die Aktenbündel ans den Bureaus hinein- geworfen wurden. Darauf hoben die Rebellen die Türen aus, schlugen sie in Stücke und warfen sie ins Feuer. Bon 41 Türen in der Wohnung des Rentamtutanns blieben vier in den Angeln. Sogar die Gefeit, Fenster und Türbellev düngen, das Mobiliar, die Betten schleuderten die verrückten Menschen in die Flammen. Als das Klavier von oben herabgestürzt und in die Mut geschleppt wurde, wobei die Saiten klirrend zersprangen, kamen dein Anschauer Schwab, der damals 15 Jahre alt war, Thränen in die Augen; ein Stuhl, eine Bettlade unb ein Strohsack ■ mar alles, tva-> an Mobiliar übrig blieb.
Unten im Hausflur lagen, etwas verdeckt, ein halbes Dutzend Zwetschenkuchen. Ein Krawaller, der eine blau-


