Ausgabe 
17.6.1909
 
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Der arme Lukas.

(sine Geschichte tu der Dämmerung von Wilhelm Holza m e r.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

So eine Weile war der Lukas ganz versunken. Dann seufzte er und strich sich über die Stirn.

Biel Glück und Herrlichkeit hat die Welt. Man muß nur drauf achten," sagte er vor sich hin. Dabei drehte er die Brosche in den welken Fingern.Muß alles hüten und pflegen, tvas schön ist iin Leben. Muß sich dran genügen lassen, daß es der liebe Herrgott hat, muß es nicht all für sich haben wollen. Ja, du liebe Zeit ja, du liebe Zeit! All gut sagen, all gut sagen."

Dann war er still, das Talinikunstwerk legte er beiseite und schlug die Finger ineinander. Er blickte in den sinken­den Tag hinaus uttb nickte mit dem grauen Kopfe vor sich hin. Noch einmal seufzte er, ganz tief. Dann wendete er sich mit, und er sah mich.

Ach so, junger Herr," sagte er dann und blickte inich scharf an.

Offenbar erkannte er mich nicht. Dann ging ihm ein Lichtleitt auf.

Ei, du liebe Zeit! Ja, so wachsen einem die jungen Leut' aus den Augen. Man sieht an den Jungen, rote alt man ist. Wie du so ein kleiner Bub warst der erste dochl daheim, nit? ja, das weiß ich noch. Aber jetzt! Ich muß wohlSie" sagen. Nein, das gehört sich. Die Jahre wollen ihren Respekt, das ist in der Ordnung so. Er muß freilich mit dem andern Respekt eins sein, den man sich selbst gibt. Denn auf. einen selbst kommt's immer an; was man vor sich gilt, das gibt einem den Wert. Ja, aber nun wird Ihr Kopf ja schon mit allerhand Weis­heit angefüllt sein, viel, viel guter, ja freilich. Aber eins ist doch mehr: das Herz! Das ist die Quelle von all der Weisheit, auch der, die man lernen kann, aber nur dann ist die richtig was wert und immer neu, wenn einem diese Quelle selbst fließt."

Es gab eine Pause.

Das erstaunt Sie vom alten Lukas? Ja, ja, Bester, das Kleid macht's halt nicht. Der Lukas ist ein ganz anderer, als er aussieht. Wenn ich so die Bäume da blühen seh' und denk' an die Früchte, die sie tragen sollen, da fällt's mir halt immer ein. Nit leid, nit weh. In aller Güte. In all seinem Wert. . . Mer was bringen Sie denn?"

Ich sagte ihm mein Anliegen. Er schmunzelte. Geschickt öffnete er die Uhr, drehte ein paar Schräubchen auf, nahm das Werk heraus und blickte nun tief durch seine alte Lupe hinein.

Schon gut, ja, schon gut. Seh's schon. Hat auch nichts verstanden, der die Hände da dran hatt'! Nun, wird schon gemacht, wird schon gemacht."

Er legte die Uhr dann unter ein altes Wasserglas. Geht dann für dein Lebtag, Ihr Lebtag, wollt' ich! sagen. Es geht wirklich nit mehr mit dem Du."

Dann fragte ich ihn noch dies und das. Immer vor­sichtig mit das eine herum: sein Leben. Wie er hierher­gekommen fei, wie er all seine Geschicklichkeiten gelernt habe.

Aber er ging auf nichts näher ein. Dann erzählte ich ihm von mir. Bon meinen Liebhabereien, von meinen Studien, meinen Wünschen und Zielen. Ich fühlte, wie's in ihm auftaute. Manchmal ivurde er ordentlich warm. Wir waren uns sehr viel näher gekommen, und ich fühlte, daß ich doch noch seine Geheimnisse aus ihm locken könnte. Ich fühlte, daß er jetzt schon das Bedürfnis hatte, sich in dem und jenem mir mitzuteilen.

Es war Abend geworden.

Bis wann er die Uhr gemacht haben könnte, fragt' ich ihn. Er besann sich lange. So schnell gehe es wohl nicht. In ein paar Tagen, so in ein Stücker drei, vier. Dann sollt' ich mal kommen.

Nach zwei Tagen saß ich wieder beim alten Lukas., Ich störte ihn nicht. Als es dämmerte, legte er die Uhr wieder unter das Wasserglas. Aber ich blieb noch bei ihm. Er erzählte.

So in der Dämmerung erzählte er sein Leben. Ganz leise, manchmal flüsterte er nnr. Und seltsam verwuchs seine Gestalt mit dem wachsenden Abend. Bald sah ich ihn nicht mehr und hörte nur seine Stimme. So wie man Quellen int Dunkeln hört, geheimnisvoll, die Geheimnisse verplau­dern, und alte Mären wissen. Daß man sein eigenes-Blut hört im Lauschen.

2. Kapitel.

Solange ich mich erinnern kann erzählte der alte Lukas war meine Mutter kränkelnd. Aber sie war immer bei der Arbeit, int Haus, int Garten. Sie seufzte mal, ruhte mal, stand mal da und sah mit traurigen Augen vor sich hin oder sah in die Ferne, soweit man von einer Ferne bei uns daheim reden kann. Denn mein Dorf liegt in einem Kessel, und rings sind Hügel, da weiter hinaus­gerückt, da näher.Berge" nennen wir sie. An ihren Hängen dehnen sich die Wingerte hinauf, und wo sich ein Tal zwischen den Wellen hinwindet, gibt's auch Wiesen. Durch die läuft der Bach, und Weiden stehen au seinen Ufern, alte, knorrige. Die breite Landstraße schneidet daheim einen grünen Grund entzwei, und eine lange Happelallee faßt sie ein. Das ist wie ein großes Eingangstor zum Dorf, das in der alten kurmainzischen Zeit eine Festung war.

Es war schon eine Herrlichkeit. Aber da verliere ich mich. Wenn mich die Mutter so daherspringen sah, so jugendtoll und wild und ausgelassen und jubelnd, als müßte mir die Brust zerspringen, da kam ihr auch manchmal eine Träne. Und wenn ich sie fragte:Mutter, was iS dann?"