Ausgabe 
17.5.1909
 
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Gespenster.

Nach einer wahren Begebenheit von Ad. Nissen.

Es ist nun schon eilte stattliche Anzahl von Jahren her, als sich folgende wahre Geschichte auf einem holsteinischen Bauern­gute ereignete.

In der Nähe des holsteinischen Städtchens N. lag einsam am Saume eines mächtigen Buchenwaldes ein großes, blühendes Bauerngut, das schon seit Jahrhunderten im Besitze derselben Familie mar, und sich die ganze lange Zeit über vom Vater auf den Sohu und von diesem wieder aus dessen Nachkommen vererbt hatte. Alle hatten sie gut gewirtschaftet und sparsam gelebt, und so kam es, daß das Anwesen von Geschlecht zu Geschlecht großer und blühender wurde, so daß die Besitzer zu den wohlhabendsten der ganzen Gegend zählten.

Zu der Zeit, in der unsere Geschichte spielt, war es das erste Mal, daß der Besitzer gestorben war, ohne einen Sohn zu hinter­lassen, der imstande gewesen wäre, an die Stelle des Vaters zu treten, und den Hof selbständig weiter zu führen. Sämtliche Kinder waren noch klein und der älteste Sohn war erst vor kurzer Zeit auf eine landwirtschaftliche Schule geschickt worden,, wo er sich die Kenntnisse aneignen sollte, die ihm für seinen späteren Beruf notwendig waren.

Wohl ober übel mußte sich deswegen die Mutter entschließen, einen Verwalter zu engagieren, der während der Ausbildungszeit des Sohnes die Leitung des Hofes übernehmen sollte.

Auf ihr Gesuch meldeten sich mehrere Bewerber, unter denen sie einen gewissen D. wählte, der ehr außerdem von verschiedeuen Seiten als tüchtiger und gewissenhafter Landwirt gerühmt worden war. D. arbeitete sieh schnell in den Betrieb ein und hielt alles in tadelloser Ordnung; seinem Charakter nach war er wortkarg, lebte zurückgezogen, ja fast menschenscheu. Wie unter der Leitung der früheren rechtmäßigen Besitzer ging das Leben auf dem Hof auch unter seiner Regierung den alten, gewohnten Gang, und es ereignete sich nichts besonderes, bis eines Tages ein Er­eignis eintrat, das sämtliche Bewohner des Hofes in tiefsten Schrecken und Bestürzung setzte.

Es war eine kalte regnerische Novembernacht, als alle Be­wohner des Hofes im tiefsten Schlafe lagen. Der Wind heulte mit furchtbarer Gewalt durch die Kronen der alten Buchen, dev Regen prasselte gegen die Scheiben, und die Pferde, die auf einer Koppel hinter dem Wohnhause int Freien liefen, drängten sich zitternd zufammen, nm bei einander vor den entfesselten Ele­menten Schutz zu suchen.

Noch war nicht der letzte Schlag verklungen, welcher die zwölfte Stunde vom Kirchturme des nahen Dorfes herab ver­kündete, als ein furchtbarer, gellender Schrei die Schläfer auf- weckte und sie aufs tiefste erschauern ließ, begleitet von einem Windstoß, der die Tür zum Mühlboden und zu der großen Tenne aufriß, so daß der Wind jetzt mit einem schauerlichen Sausen durch das Haus fuhr. Gleichzeitig hörten sie ein Geräusch auf dem Kornboden, wie wenn ein Mensch hin und herginge, hinter sich eine schwere Kette herziehend.

Bald hatte sich jedoch die Besitzerin des Hauses ausgerafst, eine furchtlose Frau, entschlossen, den eigentümlichen Schrei auf­zuklären, der itach ihrer Meinung eine ebenso gewöhnliche Er­klärung haben müsse, wie jenes Kettengerassel. Sie kleidete sich deswegen notdürftig att und begab sich hinunter aus die Tenne, um dort zuerst Licht zu machen und die Knechte zu weckdn, die in einem andern Flügel des Viehhauses schliefen. Kaum hatte sie jedoch die Tenne betreten, als sie im Hintergründe jenes dunklen großen Raumes wieder jenes Kettengerassel vernahm, und kürze Zeit darauf einen weißen Schatten auf sich zukommen sah, an dem sie nur noch, jedoch mit aller Deutlichkeit, einen grinsenden Totenschädel unterscheiden konnte, dann sank sie mit einem gellen­den Angstschrei bewußtlos zusammen.

Als kurze Zeit später die aus dem Schlafe emporgeschreckten Knechte und auch später der Verwalter herbeieilten und ihre bewußt­lose Herrin fanden, wurde sofort alles durchsucht, jedoch nichts Ver­dächtiges gefunden.

Dieser Vorgang wiederholte sich von nun an fast jeden Tag, und obgleich sich zu verschiedenen Malen beherzte Männer zu- fammentaten, nm gemeinsam zu wachen, gelang es doch nicht, dein Geheimnis auf die Spur zu kommen, da im entscheidenden Moment stets die Kräfte der Männer erlahmten, sei es, daß sie schon durch, den schauerlichen Schrei des Geistes so in Entsetzen gerieten, daß sie zu nichts mehr fähig waren, sei cs daß sie beim Anblick der Gestalt mit dem Totenschädel, die nur int Dunkeln erschien, von einem so furchtbareit Grausen erfaßt wurden, daß sie gelähmt dastanden, unfähig ein Glied zu rühren, geschweige denn, sich der Gestalt zu nähern.

Ta das Umgehen des Geistes fortbauerte, und die Bewohner jeder Nacht mit Granen entgegensähen, war es selbstverständlich, daß sich dieses auch äußerlich bemerkbar machen mußte. Die alten Tagelöhner und Knechte, die Jahrzehnte auf dem Hofe gearbeitet hatten, verließen nacheinander ihre Stellung und nur einzelne und der Verwalter ließen sich bewegest, zu bleiben. Der größte Teil der Arbeit mußte deswegen mit Landstreichern und Vagabunden gemacht werden, so daß der sonst so blühende Hof immer mehr znrückging nnd die Besitzerin schon mehrmals' ernstlich

daran dachte, den Besitz billig zu veräußern, nur um von dieser. Stätte des Grausens und Verfalls sortzukommen.

Da aber trat ein Ereignis ein, welches der ganzen Sache eine Wendung geben sollte.

Drei Handwerksburschcn, reisende Schmiede, hörten nämlich in dem benachbarten Dorfe von beit Vorgängen auf dem Hofe, und da sie Mut besaßen, beschlossen sie, eine Nacht auf dem Hofe zu wachen und das Rätsel zu lösen.

Sie erwirkten sich hierzu die Erlaubnis und machten sich abends 11 Uhr in Begleitung des Ortsgenbarms und eines alten Tagelöhners, der seine Herrin nicht verlassen hatte, auf, ben Weg.

Ans ben Rat des ältesten von ihnen, eines hünenhaft ge­bauten Menschen, näherten sie sich unbemerkt den ruhig balicgenbeti Häusern.

Von beut Knechte geführt gelangten sie durch ein kleines Fensters in bie mächtigen unterirdischen Keller, die man auf alten hol­steinischen Gütern so viel findet, und die zum Aufbewahren von Kartoffeln und Rüben dienen. Diese mit äußerster Behutsamkeit durchquerend, gelangten sie über eine kleine Leiter durch eine Luke in der Erde in die Kammer, die zum Schneiden der! Rüben biente, und von ber unmittelbar eine Tur auf bie Tenne führte. Hier stellten sie sich ans Posten, nm ber Dinge zu harren, die ba kommen sollten. 3/il2 hatte es eben geschlagen und, die Sekunden wurden ihnen zu Stunden, während sie den Augen­blick erwarteten, wo es 12 schlagen sollte. Immer erregter wurdest die Männer und der Hüne mußte immer von neuem feine Be­gleiter anspornen, standznhalten.

Da hebt bie Uhr mit bem ersten Schlüge an, die mit ter,4 nächtliche Stunde zu verkünden, als im selben Augenblick ein Schrei durchs Haus gellt, so unheimlich laut und schaurig, daß selbst der hünenhafte Schmied, ber sich sonst vor nichts fürchtet, seist Blut in beit Adern erstarren fühlt. Doch er rafft sich wieder! ans und mit ihm einer seiner Genossen, und mit flieg endest Pulsen und bis zum Zerspringen klopfenden Herzen, warten sie bei halb geöffneter Tür auf das Erscheinen des Geistes, ben sie an bem Kettengerassel, das die Treppe zum Mühlboden hinunter kommt, näher kommen hören. Sie zählen in Gedanken noch 6 Stufen, 5 3 2 nun noch eine, sie springen vor, nnd> Jesus, Maria hilf uns, fliegen fie beim Anblick des Gerippes zurück, doch bann mit Aufbietung der letzten Willenskraft jbringt ber Hüne wieder vor und mit furchtbarem Krachen saust seist dicker Knotenstock auf ben Totenschädel nieder, und ,.ver­dammt" tönt es durch das Dunkel, während ber Totenkopf zur Erbe rollt unb statt seiner bas Gesicht bes Verwalters zum Vorschein kommt.

Die darauf folgende Gerichtsverhandlung brachte vollends Licht in bie Sache.

Der Verwalter inszenierte ben ganzen Spuk, um ben Hof daburch zu entwerten, so daß bie Besitzerin ihn verkauft Hütte, um ihn dann selbst billig zu erwerben. Der Lohn für feinest Schwinbel ist ihm in vollem Maße zuteil geworden.

Erziehung zur Uunst.

Ein Erlebnis von Dr. V. Scherer.

In der Gemäldegalerie des Wiener Hofmuseums stand! ich, in den Anblick der Raffaelscheu Madonna im Grünest versunken. Die ganze reife Kunst des ewig jungen Meisters, sein wunderbares Schassen, das fremde Anregungen willig! aufnimmt und sie so lebendig ersaht und durchdringt, bis! sie seine ureigensten Gedanken geworden sind, tritt uns in diesem Werk besonders entgegen. Die unendliche Weich­heit der Bewegungslinie wirkt ebenso stark auf den Be­schauer, wie die träumerische Innigkeit des Zusammcn- lebens dieser drei Gestalten und wie die einfache große Farbengebung. Immer tiefer taucht die Seele in das Kunst­werk und immer eindringlicher wird die Sprache, die es! zu uns redet. Mehr und mehr versank die Umgebung um mich. Nicht achtete ich des Kommens und Gehens ben vielen Besucher. Verschwunden schien mir vor der unend­lichen Schönheit, die das Bild des Urbinaten ausstrahlt, die Unterhaltung und das Lärmen des Publikums. So stand ich lange im Banne des Wunderwerkes.

Doch mit einemmal ward ich stutzig. Wie aus tiefem! Traum erwachend begann ich um mich zu blicken in das Ge­wühl der Menschen. Merkwürdig! so lange ich vor deist Bilde gestanden hatte, schien kein Mensch darauf geachtet zu haben. Man besah sich, andere Gemälde, schwatzte und! lachte und ging vorüber. Der Fall begann mich zu in- teressieren. Sollte man wirklich an diesem Meisterwerks dessen natürliche Anmut so unmittelbar wirkt und das zudem! noch an einem bevorzugten Platz der Galerie hängt, acht­los Vorbeigehen können? Wäre dies möglich in unseren Zeit, die sich so viel darauf zugute tut, wie tief das Ver­ständnis für die Kunst schon in alle Kreise des Volkes ein» gedrungen sei und wie herrlich weit es hierin die Gegenwart