Ausgabe 
17.5.1909
 
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traf er vor der Hoftür die alte Heistersche, die, ihren Henk'el- topf in der Hand, ihm entgegenkam. Tie Alte begrüßte den Hausherrn mit großer Freundlichkeit und ließ einen ungeheuren Redeschwall los. Jan mußte Wohl oder übel stehen bleiben, obgleich es ihm nicht recht klar war, wo­rauf die Alte hinzielte.

Sie fing an vom Wetter, von dem vielen Regen, von Amerika, wo es sehr schön sein sollte.

Aha," dachte Jan,sie ist neugierig." Er wollte sich rasch empfehlen.

Ja, was ich noch sagen wollte, Bauer, meine Miele schrieb mir neulich von Ihrer Frau, von Tine" . . .

Also doch?" dachte Jan. Unruhe ergriff ihn.

Ja, Miele schrieb, sie hätte neulich eilte gesehen, das müßte Tine Thomsen gewesen sein. In einer feinen Kutsche wäre die gefahren, ganz in Seide, mit einem großen Federhut. Sie hätte gerade solche Äugen gehabt wie Tine und auch solches Haar."

Das ist nicht wahr," sagte Jan kurz und ruhig.

Alle Unruhe war mit einem Schlage von ihm gewichen.

Ja, Miele schreibt ja auch, es köitnte auch eine andere gewesen sein, bloß weil die Airgen akkurat so waren."

Das wird jemand anderes gewesen sein," atltwortete Jan gleichmütig. Er ließ die Alte stehen und trat ins Haus.

Nein, mochten die Leute reden, ivas sie wollten, hierin kannte er Tine: zum Herrschen war sie nicht geboren. Er konnte sie sich wohl vorstellen arm und elend in einer Dachkammer oder schüchtern und ängstlich durch die Straßen einer großen Stadt eilend, aber nimmermehr als Herrin, die in seidenen Polstern lag. Er lächelte; nein, das war Tine nicht gewesen. *

Mit der Zeit verblaßte Tines Bild in Jans Herzen. Er hatte nicht mehr das Gefühl, als könnte sie jeden Augen­blick in die Stube treten. Er wurde nicht mehr von Un­ruhe erfaßt, wenn der Briefträger die Trift entlangkant.

Ruhig und gemächlich ging er seinem Tagewerk nach. Er hatte seine Freude an seiner Arbeit und an dem Auf­blühen des Hofes. Spätinghof wurde nach und nach einer der schönsten Höfe in Witzwort, und Johann Thomsen wurde bald zu allerhand ehrenvollen Gemeindeämtern hin- zugezogen. Er bekam tnehr Fühlung mit den Bauern der Umgegend, und dies veranlaßte ihn, öfters auszufahren, die Märkte zu besuchen und dann und wann mal in dein Kirchspielkruge vorzusprechen.

Jau iourde stärker und behäbiger. Seine Konstitution wurde kräftiger, sein Charakter festigte sich. Er war längst nicht mehr der fügsame Mann mit dem weichen Herzen; er war eine kraftvolle Persönlichkeit geworden, die Wen eigenen Willen hatte. Nur die Augen koitnten nicht ganz das gute Herz verleugnen.

Auch sein Aeußeres hatte sich im Laufe der Jahre vorteilhaft verändert. Ein hübscher blonder Bollbart um­rahmte sein Kinn und gab dem Mann ein stattliches Aussehen.

Jahre gingen dahin in Arbeit, Ruhe und Gleichgülttg- keit. 9htr ab und zu, wie ein Lichtblick, kant eine kurze, fröhliche Stunde dazwischen.

Zn dem Kantor kam Jan Jahre hindurch einmal in der Woche. Hier verging der Abend unter Plaudern, Lachen und Scherzen. Mitunter kramten Jan und Frauke in alten Erinnerungen; aber es waren nur freundliche Bilder, die sie hervorsuchten.

Frauke schien die Zeit nicht viel auhabeu zu können. Sie sah mit dreißig Jahren durchaus nicht wie eine alte Jungfer aus. Ihr Teint b.lieb zart und rosig, ihr Haar voll und hell, ihre Augen blickten so klar und ruhig wie früher, und ihren Kopf trug fie hoch wie ehemals. Nur ihre Gestalt war vielleicht ein wenig voller geworden und ihre Bewegungen noch ruhiger itttb abgemessener. Doch dies erhöhte nur den Reiz, den ihre Erscheinung noch immer auf Jan ausübte.

Einmal traf Jan Frauke auf dem Wege hinter der Kirche.

Wohin gehst du?" fragte Frauke.

Nach den Süderfennen."

Daun gehe ich ein Stückchen mit, bis zum Heck."

Sie gingen nebeneinander auf dem Landwege. Er wurde der grüne Weg genannt. Das Gras wuchs hier ebeitso dicht wie auf den Fennen; es ging sich weich wie auf Samt.

Der Marschwind wehte in Fraukes Röcken, daß sie seine Beine umflatterten. Neber ihre Köpfe hinweg flogen die Kiebitze.

Kiwitt, Kiwitt!"

Komm mit, komm tnit!" sagte Frauke mechanisch, wie sie so oft als Kind gerufen hatte, und ihr Auge folgte dem Vogelflug. Sie ergriff Jans Arm und zeigte in die Ferne.

Siehst du das Segel?"

Ja, ich sehe es," entgegnete er nicht ohne Bitterkeit. Das Meer ist wie unser Glück; inan ahnt es, aber man kann es nicht erreichen. O Franke, ich glaube, wir werden es niemals sehen!"

Er meinte nicht das Meer, er meinte das Glück, und Frauke verstaub ihn.

Ist es tticht schon eilt Großes, es nur zu ahnen?"- fragte sie leise.

Sie waren am Heck angelangt. Einen Augenblick blieben sie stehen und sahen sich an. Und sie ahnten die Nähe des Glückes, und ihre Seelen erschauerten. Verwirrt und be­glückt gingen sie voneinander.

Nicht lange danach traf Jan das Mädchen nachmittags ganz allein zu Hause au. Selbst das kleine Laufmädchen war schon fortgegangen.

Es war an einem heißen Augusttage; er kam gerade von Husum, wo er ein paar Ochsen verkauft hatte und den Weinkauf dazu hatte geben müssen.

Als er an des Kantors Häuschen vorbeikam, saß Frauke in einer lichten Bluse am offenen Fenster. Sie hatte den Ellbogen auf das Fensterbrett gestützt und schaute, das Kinn in der Hand, träumerisch aus die Straße, wo sich die Sperlinge in den Vertiefungen zwischen den Steinen in dem heißen Sand badeten.

Jan nickte ihr im Vorbeigehen zu; dann besann er sich und trat ein.

Sie kam ihm entgegen. Wunderhübsch sah sie aus in der dünnen Bluse, die am Halse etwas ausgeschnitten war, und bereit Aermel Franke der Hitze wegen aufgek- npelt

hatte.

Na, Jan," sagte sie freundlich.

Ich habe meine Ochsen sein verkauft," sagte Jan, während er sich den Schweiß von dem von Wein und Sonnenbrand geröteten Gesicht abwischte, Unvermittelt fügte er hinzu:Deern, siehst du mal schmuck aus!"

Errötend wich sie seinem Blicke aus und streifte un­willkürlich die Aermel herunter.

Es ist so heiß," meinte sie,Vater ist bei deut neuen Kantor in unserem alten Hause; er kann die alten Zetten noch immer nicht vergessen."

Na, dann will ich man gehen."

Schon?" fragte sie.Willst du dich nicht einen Augen­blick setzen? Du nimmst mir ja die Ruhe mit."

Diese letzten Worte, die sie hinzufügte, waren nur eine landläufige Redensart; Jan nahm sie bitterernst.

Hab' ich dir jemals die Ruhe genommen?"

Ach, wie du heute bist!" Sie errötete schon er unter seinen Blicken.Ja, geh man, geh man! Ich lte dich nicht."

Dann adjüs," sagte Jan, und Plötzlich r,aßte den ruhigen, ernsten Mann ein Taumel. Ihm wär es, als konnte es gar nicht anders sein, als wäre das schöne, reife, blonde Weib vor ihm fein eigen mit Leib und Seele, als wäre er ein Dummkopf, weil er sie nicht längst in feine Arme geschlossen hatte. Er vergaß, daß er verheiratet war, daß er nicht frei handeln durste.

Adjüs, Jan," sagte Frauke. Da nahm er ihre Hand und zog damit das Mädchen oit sich heran, umschlang ft« mit starken Armen und küßte sie heiß auf die zarten, kühlen Lippen.

Einen Augenblick war Frmtke fassungslos. Dann machte sie sich frei und stieß ihn von sich.Pfui!" rief sie. Daun schlug sie die Hände vors Gesicht und brach tu

Tränen aus. ,,

Bei Jan trat die Ernüchterung ein.Verzeih, Frauke, bat er kleinlaut,ich hab' dich ja zu lieb!" Mit einem Schlage war es ihm klar, daß er sich vergessen hatte.

Frauke fuhr fort zu weinen. Ihr ganzer Körper bebte. Sie weinte nicht darüber, daß Jan sie liebte, daß er st« geküßt hatte, nein, sie weinte vor Scham, daß er sie küssen konnte, so heiß und sinnlich, erregt vom Wem una Sinnestaumel. _

Leise und bedrückt ging Jan fort; sein Rausch iv»r verflogen. (Fortsetzuiig folgt.)