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Drei Monate nach dem Erdbeben von Messina.
AW Kommentar zu der Reife König Viktor Emanuels und der Königin Elena zu den Ilnglücksstätten in Sizilien und Kalabrien wird »ns von einem Mitarbeiter aus Neapel unter Dem 5. April geschrieben: Wer Gelegenheit gehabt hat, mit den hiesigen wackeren deutschen Kaufleuten zu sprechen, die in ihrem Klubhanse den Italienern einen Kursus in der Kunst gaben, wie man praktisch und wirksam schnell eine Hilfsaktion -organisiert, der kommt aus eigenartige Gedanken. Es ist hier sehr ausgefallen, das; der König von Sachsen, von dein bestimmt gemeldet worden war, er »volle auch Messina besuchen, aus Neapel nach Deutschland zurückgekehrt ist, ohne diese Absicht anszufüh-ren. Man fragt sich auch, welche Ein- drücke Expräsident Roosevelt voir seinem Besuche in Messina mit» nehmen wird; denn die 3000 Baracken, welche die Nordamerikaner geschickt haben, sind- fast noch garnicht ansg-eschifft, weil der Prän fckt bisher noch nicht daran gedacht hat, die Erlaubnis dazu zu erteilen. Ein anderer Besuch' hat bereits seine Schatten vorans- gew-orfen. 'M' „Hohenzollern" ist unterwegs nach' Italien: es ist. also wahrscheinlich, das; auch der Kaiser rammt. Tas ist aber den italienischen Behörden auf die Nerven geschlagen, ist doch die Vorliebe des deutschen Kaisers für Italien und speziell für Sizilien bekannt. 'Damit hängt wohl zusammen, daß der Bürgermeiiterj von Messina nach Rom zum Könige reiste und ihm' einen längeren Vortrag über die wirklichen Zustände in der Stadt der Katastrophe erstattete. Auf diese Vorstellungen hin beschloß der König, selbst in den parlamentarischen Osterferien nach' Messina zu fahren.
Die Zustände in Messina müssen aber alles andere als schön sein, besonders nach dem-, was die deutschen Herren vom Hilfskomitee, die zurückkehrcn, hier-erzühleii^und tuns die Hiesigen und römischen Oppositionsblätter drucken. So lese, ich heute das Jnter!- view eines Abgeordneten aus Sizilien, Faranda, der in der Nähe von Messina zu Hause ist, und das Elend vom Augenschein kennt. Er faßt seine Eindrücke in die Worte, zusammen: „Es ist bisher! noch nichts getan worden." Weiter sagt er, daß noch "keine d-cst sogenannten definitiven Baracken gebaut ist, die anderen aber so schmal und so eng aufeinander errichtet wurden, daß. bei der geringsten Feuersbrunst alle verloren sind. „Dazu fehlt jede Kanalisation, auch haben diese Barack»: keine Fenster. Hotelbaracken gibt cs auch noch nicht, so daß die Fremden nach Taormina, fahren oder im Eifenbahnwagen übernachten müssen. Tie AirP- räumung der Trümmer hat auch noch nicht begonnen, da die Regierungsbaumeister immer noch aus den Arbeitsplan warten-, der in Rom an der Zentrale fertiggestellt wird-. Au den Wiederaufbau des Hafenkwis, ivas das Notwendigste »rare, um! den Schiffahrtsverkehr zu erneuern, hat noch niemand gedacht. Kurzum es herrscht überall das Chaos."
Man erklärt ferner, die einzige.Energie, die die Regierung gezeigt habe, wäre die Verhinderung der Diebstähle und- der Betrügereien der Bauunternehmer. Von den letzteren erzählt man den. schönen Fall, daß einer von der Regierung die Lieferung von 150 Baracken zum Preise mm 288 Lire erhielt und daß er einem Unter-Unternehmer den Ban für 133 Lire pro Baracke übertrug. Besonders böses Blut macht der Fall, daß, tote sich das auch in anderen Katastrophen hierzulande gezeigt hat, die einzelnen Behörden, aus Furcht vor Verantwortlichkeit, -erst handeln, wenn, sie von der Zentrale schriftliche Befehle haben. Aber da der Zentralen sehr viele sind, so durchkreuzen sich die verschiedenen- D-irektiven in einer Weise, daß sie sich gegenseitig aush-eben. So kam eine Familie nm' die Belastung einer Baracke ein: als es nicht Möglich war, ihr Verlangen zu. befriedigen, bat sie, in ihr noch halb stehendes Haus zitrückkehrcn zu rönnen. Tas wurde bewilligt, unter der Bedingung, daß eilt Regierungsbautneister' das Haus auf seine Sicherheit hin prüfe. Tas geschah, der Herr Re.gieru'ugsbauuteister sagte, daß alles in Ordnung sei, die Familie zog ein, und den Tag darauf imn sie verschüttet.
Andere Klagen werden darüber laut, daß die Beerdigung der Leichen noch- nicht beendigt ist und noch täglich (>0 Leichen jnt Durchschnitt beerdigt werden müssen. Keiner wundert sich daher, wenn er hört, daß in vielen Teilen der Stadt der Kadavergestank unerträglich sei. Schwarzseher denken daher nur mit -Schändern au die »var-m'e Jahreszeit, sie befürchten den Ausbruch schlimmer Infektionskrankheiten, um' so mehr, da es an „W. C." und Kloaken fehlt und die Unreiiilichkeit der Bewohner den Gipfel der Glaub- lichkeit übersteigt. Eilt deutscher Arzt, der in Sirakus segensreich gewirkt hat, erzählte hier auf der Durchreise, daß die Kranken, die, operiert wurden, so schwärz aus dem bloßen Leibe aussahen, daß es schien, sie hätten sich in ihrem Leben nie gewaschen. Auch beklagen sich deutsche Kaufleute in Messina, die bei dem Unglück alles verloren, daß es ihnen unmöglich wäre, irgend eine Baracke zu bekommen, selbst nicht von denen, die der deutsche Kaiser qe- stistet hat, weil die Herren Beamten sich der ersten fertigen Baracken bem-ächtigt hätten.
Unter diesen Verhältnissen wundert sich hierin Neapel niemand mch-r, wenn die. hiesigen Blätter die Abgeordneten, die ehrliche Presse und die ehrlichen Bürgest aufsordern, dafür zu sorgen, daß die. Gelder der Wohltätigkeit nicht verschleud-Ät würden. Jedenfalls, so sagen, sie, dürfte es nicht Vorkommen, wie im Jähre 1.894, daß die Wohlt-ätigkeitsfonds zu Bestechungen bei der politischem Wahl verausgabt würden, auch! dürsten Tinge nicht wieder vor- $0.1111116«, tote bei hem Erdbeben von Ischia, wo die international«
Wohltätigkeit 7 Millionen aufbrachte, von denen nur eine auÄ- gegcbeN wurde, während Von dem Reste nie etwas bekannt wurde. -Auch erinnert man an das Beispiel von 1897 in Kalabrien; damals weigerten sich die Pressevereine von Mailand, Turin und Rom-, die von den Zeitungen gesammelten Gelder der Regierung zu überj- geben und schickten eigene Komitees, um die Verteilung durch- zuführen. Auch jetzt haben jn der italienischen Kammer die Abgeordneten Pantano, de Felioce, de Nava, Sunt Onofrio schwere Anklagen über die Art der Verteilung der Notgelder laut werden lassen: sie behaupteten unter anderem, daß in Messina, wo der Ministerpräsident Giolitti in zlvei. Wahlkreisen ausgestellt wach Hilfsgelder nur an solche Bürger verteilt, oder ihnen nur Baracken gegeben wurden, wenn sie versprachen, für! den Minister zu stimmen'. Von dieser Wahl wurden überhaupt erbauliche Dinge erzählt, so unter anderem auch, daß in den Abstimmungen fremde Organ« der Regierung im Namen von Toten wählten. Solches und Aehnliches brachten die Blätter in den letzten Tagen aus den Kammerverhandlungen. Nun hat auch Tie Regierung in der Kammer gesprochen und ein schönes Zukunftsbild entrollt, .übest das Vergangene aber wenig gesagt. Darauf schreibt ein Blatt: „Lassen wir das Vergangene vergangen sein." Leider- konnte vorfallen, was vorgefallen ist. Aber Hoffen lv-ir wenigstens, daß die neuen Millionen schneller und nützlicher ausgegeben werden, als die früheren, daß man der Privatinitiative mehr spielraum laßt, daß man mehr Mut zeigt in der Bekämpfung der Geschaftelhuber, kie fi'ch wie Aasgeier auf das Werk der Wiedererstehung von Messina geworfen hüben, hoffen wir, daß die wirtschaftliche,^mvsta- lische und bauliche Wiedergeburt der zerstörten Städte, die Italien von seiner Regierung erwartet, mit größerer Liebe gefördert werde, daß die Regierung sich also frei macht von den lokalen Cliguenj und energisch dort das Brandeisen ansetzt, wo sich eine Wunde zeigt." Vortreffliche- Worte, aber ob die in ihnen cmsgedrückteu Wünsche in Erfüllung gehen werden? Daraus sind wir Lier alle gespannt. C. W.
Der neue Regent von China.
Bei der großen Aufmerksamkeit, mit der man in Europa die Neugestaltung der Verhältnisse in China nach dem Tode des Kaisers und der Kaiserin-Witwe verfolgt, gewinnt ein eingehendes Charakterbild des neuen Regenten besonderes Interesse, das der Professor au der Universität Peking Isaac Taylor Headland aus intimster Kenntnis der Persönlichkeit und der Verhältnisse! am Hose heraus veröffentlicht. Headland, der seit 18 Jahren als aufmerksamer Betrachter an der politischen Entwicklung des Reichs' der Mitte teilniMmt, hat während dieser Zeit als Dolmetscher! manch wichtigen Vorgängen beigewohnt und in besonders nahen Beziehungen zur amerikanischen Gesandtschaft gestanden: so kennt er auch Prinz Tschun, der während der Minderjährigkeit seines Sohnes, des neuen Kaisers Pu-M, die Regentschaft führt, seit seiner Kindheit. Nach Headland ist mit der Erhebung Tschuns die weiseste Wahl getroffen worden, die unter den gegenwärtigen Verhältnissen möglich war. Er ist der jüngere Bruder Kwang-süs, des verstorbenen. Kaisers, und er sympathisierte mit all den Reformen, bereit Einführung Kwang-sü im Jahre. 1898 unternahm. So ist er der Mann, den der frühere Herrscher, mit dem er stets in einem brüderlich herzlichen Verhältnisse gelebt, als seinen Nachfolger wünschen mochte: zugleich ist er aber auch von der! Kaiserin Witwe erwählt worden und wird deshalb das Vertrauen der Partei genießen, deren Seele die Kaiserin war. Es ist eine falsche Vorstellung, wenn man diese Partei der Kaiserin für die „konservative Partei" hält. China hat Reform- und Reaktious- parteien, aber außer diesen gibt es viele kluge Männer und hervorragende Beamte, die weder radikale Reformer noch, starre Konservative sind. Auf diese Männer gestützt entthronte die Kaiserin-Witwe 1898 den Kaiser und übernahm selbst die Regierung. Man darf annehmen, daß Prinz Tschun diese Traditionen fvr't- setzen wird und auf dem eingefchlagenen Wege einer Reformierung des Reichs in tatkräftiger Weise weiterschreitet. Prinz Tschnu ist der Sohn des siebenten Prinzen, der Neffe des Kaisers Hsiew- Feng ttiib der Kaiserin Witwe, der Enkel des Kaisers Tao-Knang. Er hat teilte Züge, jedoch eilten etwas unreinen Teint und nicht die weiche klare Haut vieler seiner Landsleute. Von Statur ist er kleiner als der Turchsch-nittschinese, dafür verliert er aber nicht einen Zoll von seiner Größe Md ist in seiner Haltung! ganz Fürst. Würde und Klugheit liegt in seinem Gesicht, doch! ist er gewöhnlich von schweigsamem Ernst und nur in engerpm Kreise äußert sich teilte anregende Unterhaltungsgabe und sein Sinn für Humor. Der Tod des unglücklichen Bostons v. Kettler, der bei den Boxerunruhen ermordet wurde, ist für den Prinzen Tschun von weittragender Bedeutiing für feine Entwicklung geworden. Ohne dieses traurige Geschehnis wäre er nicht als „Sühneprinz" nach Deutschland gesandt worden und würde niemals die Gunst einer Reife nach Europa genossen hüben. Die Welt würde dann einen Herrschest mehr auf dem -Drachenthron sehen, der niemals über die Grenze seines eigenen Reiches hinausge- fommen ist, während China so einen Regentön erhalten hat, auf den die Kultur und Bildung des Mend-landes in jungest Jahren einen tiefen Eindruck gemacht lMt. Prinz Tschun trat teilte Reise mit einem so großen Wefolge an, wie es nur die chinesische Regierung auswählen kann. Gebildete ausländische Gelehrte und 'Dolmetscher begleitetest ihn und seine llmgebung sorgte


