Samstag den April
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1909 — M. 60
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Spätinghof.
Biomau von K. v. d. EideV/ (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Gern hätte Tine ihn um Verzeihung gebeten, aber sie wußte nicht, lute sie es anstellen sollte. Sie schalt sich selbst wegen ihrer unmotivierten Schreckhaftigkeit. Sie maß sich alle Schuld bei, sie preßte die Hand auf ihr klopfendes Herz und ließ sich von Furcht und Reue hiu und her treiben.
Still und geduldig, .wie ein Hund, der viel geschlagen wird, ertrug sie seine Behandlung; aber abends, wenn sie in ihrem groben Bette lag, weinte sie ihr Kissen naß.
Jak sah, wie sie litt. Es machte ihm eine grausanie Freude, sie zu quälen. Auf diese Weise wollte er sie gefügig machen. Er liebte Tine, wie nur ein gesunder, warmblütig und sinnlich veranlagter junger Mann ein schönes junges Mädchen lieben kann. Es zog ihn zu ihr hin, seine Sinne verlangten nach ihr. Er, der sonst jeden Sonntagabend bei Pe Kühl auf dein Tanzboden sich die Hübscheste ausgesucht hatte und jedesmal eine andere zum Punschen führte, fand jetzt an keiner der drallen Dienstdeerns Gefallen. An jeder hatte er etwas auszusetzen; keine genügte ihm zu tändelndem Liebesspiel. Jetzt blieb er an der Tonbank stehen, sah mit finsterem Gesicht dem Tanze zu und grng, nachdem er ein paar Glas Grog getrunken hatte, nach Hause.
Wknn er dann ;iu der Miche noch Licht sah, erfaßte rhn mitunter eine heftige Luft, zu Tine hineinzugehen, aber er beherrschte sich. „Ihre Stunde ist noch nicht gekommen," murmelte er.
Eines Tages war der Bulle des Nachbarn von Bäkhof ausgebrochen. Mehrere Männer mit Klothstöckeu und Forken stellten sich dem wütenden Tiere in den Weg.
Tine stand dicht hinter Jan, wie vor Entsetzen an- gewurzelt. Sie sah Jak auf das Tier zugehen. Er hatte nrchts in der Hand. Fest und durchbohrend sah er das Tier an.
,, , "So wie er mich manchmal ansieht," dachte Tine. „Jetzt behext er ifjn. O Gott, was macht er für Augen! Jetzt hat er rhn. Er kann hexen!"
. . ließ das Tier sich an den Hörnern ergreifen
und fortführen.
„Der hat Courage!" hieß es unter den Männern. Tine aber grng zitternd ms Haus. Sie dachte- „Das kann kein anderer Mann".
Von diesem Tage an war ihre Furcht vor Jak noch großer geworden. „Furcht vor dem Behextwerden," nannte es das Mädchen; anders konnte sie sich den magischen Bann, nut dem Fak sie von Tag jit Tag mehr umstrickte, Nicht erklären.
Alle vier Wochen hatte Tine einen freien Sonntagnachmittag. Sie ging dann gewöhnlich gleich nach dem Abwaschen fort nach Ramstedt und kehrte zur Schlafenszeit zurück.
An diesem Sonntage sah das Stübchen in der Ram- stedter Deichkate beinahe festlich aus. Auf der Kommode stand ein bunter Blumenstrauß, und auf dem mit einem schneeweißen Tuch bedeckten Tisch stand neben der blanken Kaffeekanne ein Teller voll Hedewecken, die knusperig und appetitlich aussahen.
Als Tine kam, saß auch die alte Schane schon neben der Mutter an dem Tisch in ihrem Sonntagstaat und dem neuen schwarzen Mützchen.
Sie ließen sich Zeit beim Essen und Trinken, und die große Kanne wurde allmählich leichter, und der Teller mit Wecken wurde leerer. Als sie endlich satt waren, wischte Schane sich die fettig gewordenen Finger mit ihrem rotbaumwollenen Taschentuche ab und zog die Karten aus der Tasche.
„So, mein Deern," sagte sie, „nun paß auf, was es gibt. Ich will man nochmal mischen. Nimm ab. So. Nun mußt du aber deine Gedanken bei der Sache haben. — Sieh mal. Eins, zwei, drei, vier, da die Herzfrau, das bist du. — Aber der Herzbauer liegt weit ab, und du. drehst ihm den Rücken. Da, der Pikbauer liegt bei dir. Aber dicht bei ihm liegt die Pikfrau. Was liegt denn dazwischen? Tod? Unglück? So 'ne twatschen Karten! Deern, ich glaube, du hast deine Gedanken nicht dabei."
„Doch, Ode, ich habe an nichts anderes gedacht," versicherte Tine mit fiebernden Augen.
Schane raffte die Karten zusammen. „Ich will sie nochmal mischen. — Wieder dasfelbige. ■— Aber da liegt Rutenbauer. Es liegt viel dazwischen, aber dicht bei ihm liegt die Hochzeit und denn tita, es wird schon alles gut werden."
Aiindortjen hatte nur das Wort Hochzeit gehört. „Na, das ist nett, Schane, daß Sie Tine noch lvas Gutes prophezeien. Das Schlechte braucht man gar nicht wissen, das braucht all gar nicht eintreffen. Unsereinem geht es ja sowieso schlecht. Aber kann Nasche denn nicht herauskriegen, wer das ist, der Tine freien soll. Ob es einer von den Spätinghöfern ist? Denk doch an, Tine, wenn du einen von den Jungens kriegtest!"
Tine dachte an Jak. „Lieber hänge ich mich auf!" sagte sie und preßte die Lippen aufeinander.'
„Wer es ist, kann ich nicht sagen," versetzte Schane, „aber ihr Lebensweg geht weit ab von der "Stelle, ivo sie steht."
„Das wäre das!" sagte Anndortjen. „Nun mische mal gehörig, Nasche, nun komme ich an die Reihe. Warum sollte da iricht lvas für mich drin liegen? Ich bin doch noch keine alte Frau. Aber recht lvas Schönes, Schane. Das Schlechte kommt von selbst, da kann Mali doch nichts gegen tun."


