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Seht junges Gesicht sah starr unb hochmütig auch als er die acht Goldstücke auf das grüne Tuch der Schreibtischplatte legte rind einige förmliche Dankesworte sprach.
Der Arzt trug wohl kaum' die Schuld, aber es lag doch eine bittere Ironie darin, daß die reiche Hofumrschallin eine Unentgeltliche Behandlung genossen hatte und der arme Leutnant seine Kur so teuer bezahlen mußte.
Gedankenvoll schritt er dann ein letztes Mal durch das schöne Wiesbaden, über das der Frühling schon lichtes Grün und bunte Blüten gestreut hatte. Seine Gesundheit hatte es ihm lrohl zurückgegeben, aber was er sonst noch unklar erhofft, war xs ihm schuldig geblieben.
(Fortsetzung folgt.)
Das Volkslied in Oberhessen.
Bon Pfarrer O. S ch ulte, Großen-Lindeu.
IV.
Ganz besonders groß ist die Zahl derjenigen Lieder, die vom Scheiden zweier sich liebenden Herzen handeln. Bon jeher hat ja dies für die Dichtkunst und Tonkunst einen dankbaren Vorwurf gegeben. Am ergreifendsten klingt der Schmerz aus dem folgenden Siebe, das musikverständige Gebildete wohl von der 2. Strophe an kennen. Tas Sieb wird sowohl im Vogelsberg, als auch um Gießen und in ber Wetterau gesungen!. Text nnb Melodie! der folgenden Fassung stammen aus Petterweil in der Wetter au. Sichrer Jann hat sie uns gesandt.
1. i Hab' ge - liebt dich oh - ne En - de, hab' dir nichts zu 's Und du drück'st mir stumm die Hän-de, und tut fängst zu
fl u . iring
I ‘n.1? ! ° wei-ne nicht und geh' nicht fort, an
mei - nein Her - zen ist der schön - ste Ort.
2. Wie die Blümlein draußen zittern. Wenn die Abendlüfte weh'n, — Und du willst mir's Herz verbittern. Und du willst schon wieder geh'»!
: O bleib' bei mir und geh' nicht fort, An meinem Herzen ist der schönste Ort. :,t
3. Und da draußen in der Ferne Sind die Menschen nicht so gut, Und ich gab für dich so gerne Ja mein Sehen und mein Blut. :,: Ach bleib' bei mir und geh' nicht fort. An meinem Herzen ist der schönste Ort. :, :
Nicht minder rührend hat mir auch immer das in Oli erliessen überall gekannte Sieb: „Es welken alle Blätter" geschienen Auch bie Svlbaten, bic ja mitunter auch Volkslieder fingen' lieben es Es gibt dem Schmerze des Burschen darüber Ausdruck, baß ber Schatz ins Kloster gegangen ist. Ich habe es in Beuern bei Gießen aufgeschrieben:
-I
1. Es hier - feit al - le Blät - ter, es fal-len ol = [e_
ob, beim mein Schatz hat mich ber - las - fen, denn mein
Schatz hat mich ber - las - fen, daö krän-ket mich so sehr.
2 Ins Kloster wollt' sie ziehen. Wollt' werben eine Nonn'.
Ei, so will ich die Welt durchreisen, : ,t Bts daß ich zu ihr kontm'.
3. Ink Kloster angekommen, Ganz leise klopft' ich an:
Gebt heraus die jüngste Nonne, Tie zuletzt ins Kloster kam."
4. „Ist keine angekommen. Wir geben auch keine heraus, Tenn wer drin ist, ber muß brüt bleiben, Im schönen Gotteshaus."
In Großen-Buseck und aueh sonst noch kennt man noch eins fünfte und sechste Strophe:
5. Dort staub sie in ber Ecke, Schneeweiß war sie gekleib't, Ihr Haar war abgeschnitten. Zur Nonn' war sie bereit.
6. Was trug sie unter der Schürze?
Zwei volle Flaschen Wein.
Gebt sie hin mei’m Herzallerliebsten, Ties soll der Abschied fein.
Aber man soll nicht glauben, daß ber Oberhesse nitr das! wehmütige ober innige Siebeslieb kennt. Er hat auch fröhliche, lustige. Tas folgende bringt bie Freube über ben gegenseitigen! Besitz zum Ausdruck. Man benke sich das Bild: Draußen hat der Schnee Berg und Tal mit seiner 1 neigen Decke überzogen!. Drinnen in der Stube sitzt, das Mädchen am Spinnrad, das schnurrend sich dreht. Die Ahne, ber Abfall vom Flachs, fliegt! ihr babei in die Schürze. Neben ihr ist ber Bursch, ber mit ihr gebt, mit ihr Bekanntschaft hat, unb fröhlich stimmt er an;
1. Möd-che, 'swird Win-ter, inach's Stiib-che frei warm.
setz' dich hin- tern O - fen und nimm mich in die Arm'!
Dann nehm' ich, Mäd-che, dich auch in die Arm',Friert'Sanchim
Win-ter, die Lie-be macht warm, die, die Lie-be macht
warm, bie, die Sie - be macht wann.
. 2. Mädche, 's wirb Winter, wie hoch liegt ber Schnee,
Weiß wie dein Füßche deckt Täler unb Höhen.
Horch', wie ums Hänsche ber Sturmwinb wild pfeift!
Täler nnb Höhen finb dicht zugeschneit, sind dicht zugeschneit.
3. Du spinnst, mein Mädchen, ein Fädchen wie Wachs.
Mit Gold und Silber geziert ist dein Flachs,
Es fallen die Ahne dir wohl in den Schurz,
Tas macht uns im Winter : bie Nächte so kurz, bie Nächte so kurz.
Tas Sieb stammt aus Eichelhain, aber es würbe auch früher, weingftens in ber Nähe Gießens, z. B. in Wiesest, gefangen, wo- uM eine vierte, aber ganz unb gar nicht passenbe Strophe bei- gefügt ist.
Auch bie Leidenschaftlichkeit ber Siebe kennt bas Volkslieds Tavon gibt ein Beispiel baS folgende Sieb, bas ich in Beuern! aufgeschrnchen habe und bas manche für bas schönste unter den! Bolkslrebern erklären. Mau legt sich ben Inhalt so zurecht: Ein Bursch liebt ein Mädchen. Aber dieses schwankt in feiner Neigung zwischen ihm unb einem reicheren. Ta strömt ber Bursch in stürmischer Erregung seine Siebe aus:
1 | Es woll - te sich ein - schleichen ein küh - les 's Geh'hin zu dei-nes » glei-cheu, du sollst mein
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