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Tann mW nur wundern, daß sic mir keine Mitteilung ihrer Abreise zugehen ließ, über die Abreise an sich wundere ich mich nicht so, warum sollte nicht eine geschäftliche Angelegenheit ihre Anwesen- $eit in Berlin erfordern."
„Na, darüber ließe sich ja streiten, mein Lieber," äußerte Leutnant Keßler gelassen. „Mich interessiert das eine am meisten dabei, daß Sie sich diese unerhörte Gelegenheit zum' Glück haben entschlüpfen lassen. Sie hatten wohl doch, wie ich Ihnen schon prophezeite, zu wenig Temperament für die Frau. Schade, ich hatte sie gerade Ihnen gegönnt."
Das letzte sagte er mit einem so humoristischen Augenblinken, daß Hassingen trocken einwarf:
„Es ist zu gütig von Ihnen, Kamerad."
Sic bummelten noch eine halbe Stunde planlos durch den Kurpark, in dem schon das erste Frühlingskeimen sich regte, und Hassingen überließ dem Artilleristen völlig die Unterhaltung. Er war etwas zerstreut und war mit seinen Gedanken intensiv bei Frau von Riedings plötzlicher Abreise. Daß sie so heimlich gegangen, wurmte ihn doch gewaltig. Und ganz flüchtig streifte ihn eine Ahnung, als hatte seine Person doch mehr mit ihrer Flucht zu tun, als er selber glaubte.
Hatte er sie durch seine Offenheit beleidigt? Oder durch das Verlangen nach ihren Lippen, als sie Abschied genommen? Erst jetzt fühlte er die Taktlosigkeit, die darin lag, eine Frau küssen zu wollen, der er eine halbe Stunde vorher von seiner Liebe zu einer anderen erzählt hatte. Er hätte sie gern nm Verzeihung gebeten dafür, wenn es noch möglich gewesen wäre.
So tief hatte die Sorgenfalte auf seiner Stirn sich schon lange nicht gefurcht wie an diesem Tage.
Leutnant Keßler bemerkte es wohl, aber er konnte, wo es Angebracht schien, auch seine Necklust zügeln, er sagte nichts darüber.
Nur zum Abschied meinte er:
„Lassen Sie sich wieder Mal in unserem Kreise sehen, Hassingen, schon der bösen Zungen wegen!"
Der blonde Offizier nickte zustimmend und versprach gegen Abend in die Bodega zu kommen.
Bei seiner Heimkehr fand er unter der wackligen Blumenvase einen Brief vor Mit dem mattlila Siegel und dem Vcilchendnst, der diskret das ganze Zimmer durchzog.
j Seine kräftige Hand zitterte merklich, als er den Umschlag anfriß.
Ter gelbliche Bogen enthielt nur wenige Zeilen, die ihm nichts Neues mehr sagten. Eine geschäftliche Angelegenheit erfordere ihre Abreise, und sie bedanre, sich nicht persönlich verabschieden zu können. Nicht mal ihre Adresse hatte sie beigefügt.
Es war für sic eben nur eine Karnevalsepisode gewesen, die im Grau des Alltags zerrinnen mußte.
Aber beut- jungen Offizier hatte sie den Geschmack an allen anderen Amüsements ähnlichen Genres verdorben.
Die Exzellenz sah sich bitter enttäuscht, wenn sie nach dem Fortgänge der Rivalin erhofft hatte, Hans von Hassingen würde Nun mit fliegenden Fahnen in ihr Lager übergehen.
Seit dieser wußte, wie die Dinge lagen, war die alternde, perderbte Frau ihm noch widerwärtiger als früher. Und« auch als sie ihre Taktik änderte und die mütterliche Freundin herauslehrte,. die ihn gern als Schwiegersohn in ihre Arme geschlossen hätte, wurde er immer kühler und zurückhaltender.
Er hatte den besten Vorwand für sein zurückgezogenes Leben in der strengen Durchführung der Kur bei Doktor Barowsky, die ihn zuerst sehr anstrengte, allmählich aber wirklich glänzende Erfolge zeitigte, so daß er wenigstens in dieser Beziehung wieder hpfsnungsfroh in die Zukunft blicken konnte.
Sonst lebte er ziemlich freudlos dahin. Das Theater bot ihm die einzigen wirklich ungetrübten Genüsse.
Helenens Briefe weckten immer zwiespältige Gefühle in ihm. Sie beglückten ihn, aber sie warfen doch jedesmal eine meuei Last auf seine Seele. Während er die Hindernisse zwischen sich und ihr ständig wachsen sah, wurde ihr Vertrauen und ihre Zuversicht immer stärker. Ihr ganzes Sinnen und Trachten richtete sich jetzt auf ein Wiedersehen, das er ihr auf beständiges Bitten hin endlich gelegentlich seiner Rückreise versprochen hatte. Ec wollte eine Rheinfatzrt bis Köln machen und von da aus über Barmen nach dem Harz znrückfahren.
Ans einer kleinen Station kurz hinter Barmen wollte er aussteigen und mit dem nächsten Zug zwei Stunden später Weiterreisen.
Nun lag für Helene das Dasein wieder int vollsten Sonnenglanz einer schönen Hoffnung.
Und auch Hassingen begann sich auf dieses Wiedersehen zu sreüen und es herbeizusehnen.
Tie Erinnerung an Lena vvn Rieding war verblaßt, denn er hörte nie mehr Von ihr.
Nur einmal wurde er an sie erinnert, als er im Theater an Meisenbergs Seite die schwarzhaarige, zierliche Frau sah, für die Lena so viel Mitleid gezeigt hatte. Sie schien ihre Warnung nicht unchp angebracht zu haben oder vielleicht war sie auch uicht beachtet worden.
, Hassingen vermied es, dem Paare zu begegnen, er konnte nicht dagegen ankämpfen, er verachtete Inin einmal solche Frauen, die sich nicht stolz zu bewahren wissen.
Wenige Tage später reifte Meisenberg ganz plötzlich ab nach der Riviera, tote er behauptete, weil seinen Nerven Wiesbaden nicht znsage, und die arme, schwarzhaarige Schönheit hatte wieder einmal das Nachsehen.
Auch Leutnant Keßler, der um der rotblonden Erika willen 14 Tage Nachurlaub genommen hätte, wurde mitten aus deut Wiesbadener und aus seinem Liebes-Frühling herausgerissen, entkam aber „glücklicherweise" unverlobt, wie er noch, aus dem Coupä heraus mit Genugtuung konstatierte. Das Mädel tat ihm ja leid, aber seit die Mutter eines Tages erklärt hatte, als Dritte im Bunde die Ehe ihrer Tochter verschönen zu wollen, war Leutnant Keßler gegen alle Heiratsgedanken geseit gewesen.
Wie es schien, lebte das Schlettausche Ehepaar schon jetzt gc- trennt, die Tochter der Mutter, zwei Söhne bem Vater.
Fräulein von Meppen sah den luftigen Neffen betrübt abreisen, aber ihr Salon war jetzt in der beginnenden Saison! voller als je, und auch Hassingen suchte ihn an seinem letzten Sonntag auf und ertappte iich dabei, daß, er zuweilen auf das leise Rauschen und das Geräusch des leichten Tritts wartete, das vor Wochen Lena von Riedings Kommen angekündigt hatte.
Bei Fräulein von Meppen nahm er Abschied von Mutter und Tochter Schlettau. Die Alte hätte eine etwas krampfhafte Liebenswürdigkeit und forderte scherzend einen Dank für ihre Empfehlung des „Wunderdoktors". Er küßte ihr höflich die Hand und hatte das unbehagliche Gefühl, einem1 unsympathischen Menschen Tank schuldig zu fein, was ihn nicht gerade ergötzte. Dis kleine Erika sah blaß aus und hätte leicht gerötete Augenlider, sie war wohl doch nicht so oberflächlich, wie cs schien, sondern trug schwer an dem Abschied von Leulnaitt Keßler.
„Armes Ding!" sagte Hassingen im stillen, und seine Gedanken flogen zu Helene.
Tann nahte der Tag seiner Abreise.
Am Nachmittag vorher ging er ein letztes Mal zu seincm Dottor, um pro forma nach feiner Schuldigkeit zu fragen. Noch am Sonntag hatte die Exzellenz ihm erzählt, daß sie selber sich durch einen silbernen Bowlenkrug für die unentgeltliche Behandlung revanchieren wolle, daß aber bei einem jungen Leutnant solche Revanche von dem Doktor weder erwartet noch gewünscht würde.
Es kostete Haus von Hassingen all seine Selbstbeherrschung, um ruhig zu erscheinen, als Doktor Barowskh ihm unbefangen! lächelnd eine Rechnung über 150 Mark überreichte.
Ter Schlag war doppelt .hart, weil er ihn unvorbereitet traf.
Er Hatte so viel Fassung, ehrlich einzugestehen, daß er die Summe im Moment nicht bei sich habe, sie aber bis morgen früh zu beschaffen hoffte.
Förmlich geistesabwesend ging er zum Postamt und erbat von seinem! Vater telegraphische Zusendung des Geldes.
Er besaß ja nur so viel noch, daß es zur Heimreise gereicht hätte.
Wer nie mit des Lebens gemeinster Not gekämpft, begreift nicht, was dieser Schlag für Hans von Hassingen bedeutete.
Er dachte gar nichts anderes. Er saß in seinem Zimmer bei den gepackten Sachen und wartete auf den Telegraphenboten und stellte sich mit peinvoller Deutlichkeit beit Schreck der Seinen vor und wußte, daß er diese 150 Mark Kurkosten nie . vom Regiment zurückerhalten würde, da er ja die kostenlose Behandlung des Oberstabsarztes verschmäht hatte. Selbst das Bewußtsein der wieder gewonnenen Gesundheit vermochte ihn Nicht zu trösten.
150 Mark, v Gott, 150 Mark! Zuweilen stöhnte er es leise vor sich hin. Der Abend sank hernieder unb die Nacht kam, aber feine Geldsendung erschien.
Er begab sich endlich ohne Abendbrot zu Bett. Als cr die Brieftasche auf den Nachttisch legte; durchzuckte ihn der Gedanke an Helene, an die morgige Abreise.
Tie Rheinfahrt ans dem Dampfer mußte er aufgeben, er hatte doch jede Freude daran verloren; ev würde um! 11 Uhr mit dep Bahn fahren. Bis dahin könnte er alles' erledigt haben.
Gegen 9 Uhr kaue am nächsten Morgen endlich das Geld.
Da packte er zuerst seine Sachen fix und fertig, sagte seiner Wirtin, daß er um 11 Uhr reise und ü-berbrachte Doktor BaWwskY persönlich seine 150 Mark.


