1909 — Nr. O
Auf Liebespfaden.
Roman von H. Ehrhardt.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
XIII.
Ja, das Fastnachtsspiel war aus. Hans von Hassingen sagte sich das selber, als der Aschermittwoch eintönig und nüchtern! verstrich wie all jene Tage, ehe er Lena von Rieding gefunden hatte.
Er brachte allerlei Prosaisches mit sich. Früh eine Konsul- tation bei Doktor Barowsky, der ihm völlige Genesung versprach, wenn er sich ihm auvertrauen Ivvllte, in der Mittagsstunde anstatt des Bummels auf der Wilhelmstraße eine unerquickliche Auseinandersetzung Mit dem Oberstabsarzt, der ihn sehr ungnädig entlieh, eilt sehr verspätetes Mittagsbrot, bei dem der kleine Artillerist fehlte, und ein halber Tag in dem ungemütlichen, Möblierten Zimmer mit einer durch starke Schmerzen erzwungener Bettrlihe und großer Langeweile.
Da 'war cs natürlich, daß er meinte, die letzten Karucstals- tage nur geträumt zu haben.
Er hatte keinen von der Gesellschaft zu Gesicht bekommen, da er dem Rendezvousplatz der Badegäste ferugeblieben war.
Ob Frau von Rieding ihn vermißt haben mochte?
Etlvas neugierig war er auf die Wiederbegegnung mit ihr.
Tu gegenseitigen Geständnisse hatten doch eine tiefe Kluft zwischen ihnen gerissen und in ihnen beiden Erinnerungen wach- gerüttclt, die notgedrungen als Gespenster ihren Schatten in ihren Verkehr werfen mußten. Ihm stieg ja, so oft er daran dachte, so tote gestern bei ihrer Erzählung siedend heiß das entstörte Blut zu Kopfe ob der Schmach, die eilt Mann dieser Frau für ihre Liebe geboten hatte.
Keinen Moment kamen ihm Zweifel an der Wahrheit ihres Bclcnntnisscs, es erklärte ihm vieles, was ihm rätselhaft an ihr gewesen, er begriff, daß einer Fran sehr viel Jugend und Lebens mut durch ein solches Erlebnis geraubt werden mußte.
Aber er war nun doppelt froh, daß er iHv ehrlich von seiner Liebe zu Helene Falk gesprochen hatte nnd dadurch der Versuchung entgangen war, ihr ein laues Gefühl anzubictcn, wo sie sehnsüchtig nach einem ganzen Herzen suchte. Ein wenig beklommen machte ihn freilich die Vorstellung, sic könnte gehofft haben, bei ihni ihres Herzens Heimat zu finden.
Cs hätte ja alles so schön gestimmt. Der Altersunterschied war vielleicht etwas zu gering, dafür aber war er vernünftiger! und ernster veranlagt als andere Offiziere in seinen Jahren, er würde in ihrer Ehe nicht unliebsam fühlbar werden und sonst - alle würden ihn beneiden, nicht nur trnt die Millionen, sondern auch nm die Frau, Hunderte würden ihm ins Gesicht lachen, erzählte'er ihnen, wie -er gehandelt, aus übertriebenem Ehrgefühl, aus unbestechlicher Wahrheitsliebe viel mehr noch, als »veil er einer aussichtslosen Liebe nicht die Treue brechen wollte. Er konnte eben nicht aus seiner Haut heraus, er liebte auch die Schleichwege nicht.
ES galt jetzt eben, sich mit Geschick in die veränderte Situation zu finde», die von der jungen Frau mit dem förmlichen Abschiedsgruß bereits gekennzeichnet war.
Er hatte sich innerlich damit abgefnnden, als er am nächsten Tage tont Arzte aus der Wilhelmstraße zustrcbtc.
Im Vorbeigehen warf er einen suchenden Blick in die Sonnen- Beuger Straße hinein und prallte dabei fast mit Leutnant Keßler zusammen, der hastig um die Ecke der Taunnsstraße gebogen war und beim Anblick Hasjingens freudig überrascht stehen blieb.
Sein Gesicht war leicht gerötet, seine Augen belebter als sonst.
„Sagen Sie bloß, Mensch, sind Sie denn seit vorgesternl in ein Mauseloch gekrochen oder wo stecken Sie denn? Kommest Sie, wir gehen erst mal auf die andere Seite hinüber, hier sind mir einige. Ohren zu viel für vertrauliche Mitteilungen."
Er nahm den Kameraden unter dem Arm nnd redete beim Ueberschreiten des Fahrdamms weiter:
„Tie Exzellenza mit den sündigen Augen hat effektiv schon geglaubt. Sie wären mit der reizenden Frau von Rieding durch- gegangcn, wär noch nicht der schlechteste Streich gewesen, den Sie ausführen konnten, aber daß Sies nicht getan, wußte ich im voraus —"
„Die Frau soll ihre Zunge hüten!" unterbrach Hassingen den anderen mit finster gerunzelten Brauen. „Sic ist, weiß Gott nicht wert, Frau von Rieding die Schuhriemen zn lösen."
„Glaub ich gern, Hassingen, aber machen Sie mal was gegen gehässige Weiberzungen! Nimmt man die Rivalin in Schutz, 0 weh! Da hat man natürlich auch mal ein Verhältnis mit ihr gehabt oder möchte gern eins anfangen. Del ins Feuer! Und gar heut, wo Frau von Riedings plötzliche Abreise eine so herrliche Gelegenheit zu den abenteuerlichsten Vermutungen gibt."
„Frau von Riedings Abreise?" Hans von Hassingcns Gesicht sah im Moment vor Staunen wenig geistreich aus. „In, davon weiß ich ja noch gar nichts,"
„Davon weiß er gar nichts?" wiederholte der kleine Offizier mit seinem tragischen Augenaufschlag. „Das ist ja stiedltch, ich bin immer mehr davon überzeugt, daß Sie die letzten zwei Tage unter der Erde verbracht haben. Ja, abgereist ist sie! Und zwar endgültig mit Sack und Pack, mit ihrer Jungfer nnd ihren Millionen. Dringende geschäftliche Angelegenheit, schreibt sic iit ihrem Abschiedsbriefe an die Feindin, ist wohl nur ein Vorwand, cs paßt ihr wahrscheinlich nicht in einem Jntriguenfpiel, dessen Fäden die liebe Exzellenza soeben in die Hände zu nehmen begann, das beklagenswerte Opfer zu spielen. Oder wissen Sie einen anderen Grund, Kamerad?"
Hassingen blickte grüblerisch vor sich hin auf den sonncnbc- strahltcn Weg. Er war noch zu überrascht, um sich ein klares Bild schaffen zu können. Mit der Möglichkeit, daß Lena von Rieding, wie er einst am Maskenball gefürchtet, einer Fata mor-- gana gleich am Horizont seines Daseins auftauchen und wieder verschwinden wurde, hatte er nicht mehr gerechnet.
„Säe sehen mich .ganz verwirrt, Keßler!" sagte er, instinkti dem belebten Teil der Straße ausweichend und in den Weg ai der Theaterkolonnade einbicgend. „Ich habe mich vorgestern nachts in aller Freundschaft von Frau von Rieding verabschiedet, und ich


