Laub ihr Mtzchen vergoldet hatte», die "Lonne war im Meder-- gehen schon hinter die hohen, das Tal einschlieh'nden rwaldderge getreten, ein kühlerer Lnithauch strich durch den dämmernden Wald.
Tie Abschiedsstunde nahte.
„Wir müssen zum Bahnhof, Lic-btmg."
Sie erhoben sich-, wobei sie vermieden, sich Mzuichen.
.Nh«" Widerrede MüVste Helene in das kurze Zäckchen, das Hasjingen ihr hinhielt, er hatte es die ganze Zeit über getragen, er kannte den jähen Trnttzeraturwechsel in den Harzer ^.alern, für die gegen Abend eine dünne BatisMnse nicht genug Warme- spenderin wär. . .
„Run last dir noch einen Kus;-geben, lccbc, kleine Helene: sagte Hechingen weick, aber ohne SentimrntaliM. „Man kann nicht wissen, ob wir unterwegs ganz ungestört sind, wir müchen jetzt den direkten Weg zum Bahnhof durch das Bad nehmen."
Sie hing an seinem Haise. Sie weinte nicht, der Schmerz i« ihr war so grast, dfaß alles in ihrem Körper zu erstarren Men.
Er küßte.ihr totenblasses Gesichtchen, die erloschenen Augen, die zitternden Lippen wieder und..immer wieder.
.Rimm'S nicht so schwer, mein Liebling, sei tacher, cs ist ganz' sicher, daß nur zu den Mutigen das Glück kommt, und war yv'üllcivs iwdj 5t MN g ei!, bei UNS emzukelM'N, iiidjt ivttbr ? immer den Kopf oben behalten, zuversichtlich sein!"
So redete er zwischen. seinen Liebkosungen^ und suhlte sich selber fest und. -zuversichtlich werden und voll Hoffnung ans ein fernes Gluck.'
Endlich mahnte der schmetternde Marsch, die letzte Nummer des KnrkouzerteS, sie zum eiligen Aufbruch Sie mußten rasch gehen, um den Bahnhof zur rechten Zeit zu erreichen.
Unterwegs fiel Helene erst ein, daß sie ihrem Hans ra zum Abschied -ein« Freude zugedacht hatte.
Sie griff hastig in ihre dem Rock ausgesetzte Tasche und zog ein weißes Kuvert heraus.
- Ohne ihr rasches Gehen zu unterbrechen, reichte he es ihm hin. Er nahm es aüfleuchtesiden Blickes.
' „Liebling, dein Bild?"
Sie nickte stumm und ihre Augen irrten nm einein trost- lvsen, wehen Ausdruck über sein freudiges Gesicht, das sie nur vor ihrem inneren Auge mit sich nehmen durfte. Er hatte sich feit seiner Leutnantszeii noch nicht photographieren lassen, er hatte auch dazu kein Geld.
Sie selbst hatte sich photographieren lassen im Zenith ihres Glückes, angetan mit dem weißen, duftigen Kleidchen, das er so sehr an ihr geliebt, in einer Stellung, die charakteristisch für sie war, sitzend und leicht vornüber gebeugt, daß ihre schräg stehenden, schwärmerischen und zärtlichen Augen ein wenig von unten heraus unter der lockeren Haartolle über der L-tirn den Beschauer »»blickten, so daß, vereint mit dem träumerisch seligen Lächeln des kindlichen Mundes, der ganze Reiz ihres mädchenhaft scheuen und anschwiegenden Wesens von dem kleinen, schmalen Bildchen misströmte. Der junge Offizier war entzückt.
„Eine größere. Freude konntest du mir zum Abschiede nicht machen, kleine Helene,, ichdanke dir innig, ich revanchiere mich auch bald." . - , ■ . _ _
' Ünb nach vorsichtiger Umschau küßte er sie. Ein letzter Kuß der T-uikbarkeir und Sehnsucht.
Aus dem schützenden Buchenwald traten sie in die Anlagen, die jetzt von promenierenden Badegästen belebt waren.
Reichtum und Eleganz rauschte an ihnen vorüber, Neugierde folgte ihnen. Tarin hatte Helene recht gehabt, es war Hans HassiIlgens vornehme, schlanke Erschsiiinng, die aufsiel, junge Herren sind in kleinen Badeorten seltene und begehrte Artikel.
Junge Mädchen int Tennisdreß reckten witternd die Köpfe, musterten mit kritisch abschätzendem Blick Helenens Kindergestalt. Sie taxierte» auf Bruder und Schwester und schöpften Hoffnung auf einen Tennisgefährten. Aber die Hoffnung sollte trügen, sie sahen den blonden, vornehmen „Offizier in Zivil" nicht wieder.
Wären sie ihm auf seinem Weg zum Bahnhof gefolgt, sie hätten ihren Irrtum in bezug auf das „Geschwisterpaar" eingesehen.
So sehr Helene Falk sich auch bemühte, tapfer und ruhig zu sein, ihr totenblasses Gesicht und ihre schmerzerfüllten Augen verrieten die ganze Schwere des Abschieds von dem Mann, der vor ihrem Coups stand, der zurückbleiben und sie allein in ein Leben hineinfahren lassen würde, vor dem ihr graute. Vor dem Bahnhof hatte er ihr noch ein paar dunkelrote Rosen gekauft, die trug sie an der Brust, und ein paar schwere Tränen, denen sie beim Einsteigen nicht wehren gekonnt, lagen als heiße Tan- trvpfen auf ihren samtweichen Blättern. Sie sprachen noch äußerlich ruhig, daß sie sich »ft schreiben wollten, und daß sie sich ja bestimmt, auf Espachs Hochzeit Wiedersehen würden, der Zwang, den eine ältere EoAPsgenoMi, deren spitze Nase fast die Fenster
scheibe durchstach, ihnen auferlegte, half ihnen über die letzten Minuten hinweg.
Wieder tönte das kurze, scharf akzentuierte „Abfahrt!", tute ein Schwertstreich drang es schneidend durch Helenens warmes, junges Herz.
Sie verlor die mühsam bewahrte Haltung.
„Hans- lieber Hans, vergiß mich nicht!" schluchzte sie auf.
Er konnte nur mit dem Kopf scWteln, sie noch einmal scssi innig und ehrlich anblicken, auch er fühlte, daß es ihm heiß in die Augen stieg und eine unsichtbare Hand ihm die Kehle zu- faminenpreßte. Ein paar Schritte ging er noch neben dem sich langsam in Bewegung setzenden Zuge her.
Helene hatte ihr Taschentuch an den Mund gepreßt, biß hinein, um nicht ausznschreien, aber ihre Augen schrieen all den Jammer aus, der ihre ganze Gestalt schüttelte.
Tann noch ein Hutschwenken, ein wehendes Taschentuch.
Einer langen, dunklen Schlange gleich rollte der Zug mit der kleinen Helene in den sinkenden Abend hinein.
lFortsetzung folgt.)
Aus Briefen Napskons I. über Vorgänge und Zustände im Aänigreich Westfalen.
(Bor hundert Jahren.)
In den Jahren 1858- -1.869 wurde unter dem zweiten Kaiserreich auf Veranlassung Napoleons III. eine Sammlung von Briesen und Tagesbefehlen seines großen Oheims herausgegeben. So umfangreich auch die 28 Bände umfassende „Correspvndanee de Napolöon I." war, so brachte sie doch nur eine Veröffentlichung von Urkunden, deren Auswahl ein einseitiges, historisch unwahres Bild des großen Kaisers ergaben. Alle Briefe und Stellen, die den Helden seiner Zeit in einem weniger günstigen Lichte erscheine» ließen, waren der Vorschrift gemäß absichtlich unterdrückt worden. Es ist das Verdienst des französischen Historikers Lso n Seceft re, daß er uns in seiner 1897 unter dem Titel: „Letties inädites de Napoleon I" veröffentlichten Sammlung den wahren Napoleon näher gebracht hat. Aus dieser Lecestreschen. Sammlung sollen uns heute nur die Briefe beschäftigen, , die unsere Aufmerksamkeit auf die Vorgänge und Zustande vor hundert Jahren während, der F-ranzosenherrschaft in Hessen-Kassel lenken. Sie zeigen uns nicht nur den Tyrannen Napoleon, der keine Gnade kannte, sondern auch den strengen Sittenrichter, der Jeromes Mißwirtschaft scharf verurteilte. Wir geben die einzelnen Briefe in deutscher Uebersetzung wieder.
Kurfürst Wilhelm I. von Hessen hatte es verschmäht, trotz Napoleons wiederholter Aufforderungen, sich dem unter seinem Protektorate stehenden Rheinbund anzuschließen. ^er Kurfürst wollte durch eine bewaffnete Neutralität sich und sem Land retten. Arglos baute er auf Napoleons Zusicherung, sein Land unangeiochtest zu taffen, wenn die hessischen Truppen auf den Friedensfuß gesetzt würden. Der Tag von Jena entschied- auch Hessens «chmsal. Nach Preußens Niederwerfung durste Napoleon keinen Feind im Rücken haben. Daher zog von Fulda aus General Mortcer heran, und von der Weser her näherte sich eine zweite feindliche bewaffnete Macht unter der Anführung des Königs von Holland, um Kassel zu besetzen und den Kurfürsten gefangen zu nehmen. Ter französische Geschäftsträger eröffnete dem Knrsürsteu, daß er seine Truppen zu entwaffnen habe. Der hessisclw Landesfürst! gab den Widerstand auf und floh am 1. November 1806 Über- Arolsen nach Holstein und begab sich später von hier auf seine Güter nach Prag. , .
Napoleon war verärgert, daß sich sein Bruder Louis, der König von Holland, an dieser „delikaten" Angelegenheit, der Ueberrumpelung Kassels, persönlich beteiligt hatte. Er schreibt ihm am 5. November 1806 von Berlin aus: (Lee-estre 127). ^>ch bin ungehalten, daß Sie sich persönlich nach Kassel begeben haben. Die Natur dieser Expedition war derart, daß ich Sie nicht damit hatte betrauen wollen.
Zum GeneralgviiVernenr von Hessen wurde der kaiserliche General Lagrange ernannt. Die Entwaffnung der hessischen Truppen vollzog sich unter bedenklichen Umständen. Mißmutig zerschlugen die Soldaten die Gewehre und kehrten in die Heimat zurück. Biele hessische Offiziere zogen es vor, lieber in den Festungen von Mainz und Luxemburg zu schmachten, als m de» französischen Dienst zu treten. Die zurnckgekehrten Soldaten sollten wieder bewaffnet und in den französischen Regimentern eingc- stellt werden. Sie weigerten sich und ergriffen die Waffen gegen die Gewaltherrschaft. Auf dem flachen Lande an der Werra und in der Umgegend von Marburg gab es Aufstand und blutige Zusammenstöße. Lagrange suchte die Erbitterung zu strlm» und die Aufgeregten zu beruhigen!. Er vermied es, „mir nicht -MW


