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wie Hans und Marte die Henne hüteten.')
Auf dem Hof draußen stand eine alte Henne auf einem Bein, orehte den Kopf und blinzelte mit den runden klaren Augen. , •>
. Dicht daneben lag der fünfjährige Hans. Hinten aus der Hosenklappe guckte ihm der Hemdztvfel, er schlenkerte «tu den Beinen und sah die Henne an, als ob er mitten durch sie hindurchsehen wollte; er wagte kaum zu zwinkern. Heute
*)■ Ans HansAaurud, 'Jungen, 14 Geschichten wir Mit!eil ganMl Kerlen. .Verlag Wn Gsorg Merseburger in Lerptzrg.
Restalt zu erkennen, die auf der eleganten Chaiselongue liegt, hie Arme unterm Kopf verschränkt. Jetzt hebt sie den Kopf, wie jenrand, der lauschend wartet, und späht umher in ine Ecken und seufzt dann und legt sich wieder zurück.
Die schöne Frau Arnheim war sehr blaß; das spitzenbesetzte Negligö, Gesicht und Arme, alles weiß.
„Ah —!" Sie gähnte und reckte die Arme wie beschwörend zum Himmel auf. „Da sitzt er nun drüben und berechnet, und der Sekretär muß nachschreiben bis in die halbe Nacht. Diese lebendige Rechenmaschine ! Und ich langweile mich. — Wie unglücklich ich. bin," sagte sie Plötzlich laut, richtete sich mit einem .eftigen Ruck auf und saft kerzengrade. „Was beklage ich mich?" Finster schüttelte sie den Kopf. „Ich habe es nicht anders gewollt. Aber ich habe nicht geglaubt, daß man da so ein rebellisches Ding mit sich herumträgt." Beide Handflächen stemmte sie gegen idas Herz, als fühle sie da einen körperlichen Schmerz. „Osten - —!" Sie dämpfte die Stimme, es war nur noch ein Flüstern; aber sie fuhr zusammen und ließ den Kopf auf die Brust sinken. : „
Draußen sang die Nachtigall. Es war nicht anzuhoren, dies ewige Liebesgeschmetter. •
„Züküt, züküt! " ■
Sie hielt die Hände an die Oh ren; und doch-stand sie. auf, wie magnetisch, gezogen, trat ans Fenster und starrte hinaus in den schimmernden Garten, mit einem Ausdruck, wie ihn der Gefangene trägt, der aus vergitterter Zelle hinaus in die Freiheit blickt.
Da war sie mit ihm gegangen, an Abenden wie der heutige! Sie hatte ihn.jetzt abweisen lassen, zwei, dreimal >— sie beantwortete seine Briefe nicht- Denn da hatte diese Nelda Dallmer gestanden! Ihr war, als hörte sie wieder die ernste, eindringliche Stimme: „Seien Sie barmherzig, gnädige Frau! Ich bitte für Agnes, ich bitte für Sie selbst!"
Ein Frösteln lief der Einsamen über den Rücken, feuchte Dünste kamen vom Garten her; sie schlug das Fenster zu und dann drehte sie sich zögernd um, wie jemand, der den Blick eines andern scheut — niemand da! Nur auf den Fleck, wo Nelda Dallmer vor wenigen Tagen gestanden, goß der Mond einen wahren Strom von Licht;, die Rosen des Teppichs schimmerten wie aus Silber gewebt.
.„Ich muß ein Ende machen, sie hat recht," murmelte Änselrna. „Mag die Kleine ihn behalten. Er wird sich trösten — und ich — ?!" Eine lange Pause. Dann kam es mit einem leisen bittren Lachen hinterdrein: „Herr des Himmels, laß mich was finden, an das ich meine Seele hängen kann! Wo soll ich mit ihr hin?:" Sie kauerte s:ch auf der Chaiselongue zusammen und zog ihr dünnes Ge- tofliib fester nm sich; sie fror.
Mit einem feinen dünnen Stimmchen hob die Rokoko- pendule auf dem Kamin zum Schlage aus — zwölf Uhr! Da näher"e sich ein gedämpfter Schritt; der Vorhang rauschte beiseite — Herr Leo Arnheim hatte ausgerechnet.
Mit dem'bekannten stillen Lächeln trat er ein, rieb sich die immer etwas kalten Hände und stellte sich vor seine Fran hin, mie er sich vor die Kunstschätze seiner Galerie zu stellen vflegte. . ; • ;
„Ah, mein Kind, noch im Dunkeln?! Warum halt du ine Krone nicht anzünden lassen? Ich werde gleich nach dem Diener schellen." Er drückte auf den elektrischen Knops.
„Bemüh' dich nicht, Leo," sagte sie nachlässig. „Ich habe die Leute zu Bett geschickt, es wird alle Abend spät für sie. Es ist zwölf!" Das letzte klang scharf.
„Nun, zwölf, was will das bedeuten?!"
Freilich für ihn nichts; diesem gleichmütigen Gesicht mit der zähen Pergamenthaut und der vorspringenden Stirn über den unbestimmt-farbnen, scharfen Augen sah man's an, es brauchte nicht viel Schlaf.
„Du hättest sie immer warten lassen können, wozu werden sie denn bezahlt? Ich bin gar nicht mübe. So." Er ließ sich mit einem wohligen Seufzer neben sie in die Kissen fallen. „Was meinst du, Liebling, zu dem Perlen- schnruck von Schaper in Renaissancesassung? Einzelne große Birnen — wunderbar einfach, hochvorneyin — du würdest königlich aussehen!"
„Du hast wohl einen vorzüglichen Abschluß gemacht?" Sie sah in starr an. „Ich mag keine Perlen, ich habe genug !—s Perlen bedeuten Tränen."
„Abergläubisch?! Aber wie dü willst, suche dir aus, Waiß dir gefällt. Sö, und nun erzähle mir etwas Ami'w
santes, ich bin recht heiter gestimmt. Osten war ja so lange nicht hier — ich schätze, fast fünf Tage — ich dachte, er würde dir heute abend Gesellschaft leisten?"
„Nein, ich bin müde, ich wollte allein sein!" Ihr Ton klang matt, eine hoffnungslose Abspannung lag darin.
„Du bist doch nicht krank?" Er faßte besorgt ihre Hand und suchte von der Seite ihr Gesicht zu erspähen. „Du ängstigst mich; werde nur nicht krank! Der Sanitätsrat soll morgen mit dem Frühsten her. Ja, du siehst blaß aus! Er soll irgend eine Autorität mitbringen!"
„Ich möchte reifen!" Sie zog die Hand ans der seinen, sprang auf und ging mit großen Schritten vor ihm hin und her. „Reisen, weit!" Abgerissen stieß sie es heraus. „Lieber Leo, laß mich reisen, laß uns reisen!"
„Auf einmal?! Natürlich reisen ivir, wenn du willst! Wie denkst du über Oberitalien? Schon zu. heiß! Vielleicht Schweiz/ Axenpein, Rigi, darin Brighton oder Trouville oder Biarritz? Ueberall bestes PuKikum."
„Ja, ja," sagte sie hastig, „wohin du willst. Wer dann weiter, weiter! Wohin im Winter?"
„Im Winter — ?!"
' „Ja, ich muß fort, ich will fort! Ich will die Welt sehen," verbesserte sie sich rasch. „Laß uns nach, Italien, nach Spanien, nach Amerika, nachach, ich weiß nicht wohin! Mir lange fort, nur weit!"
„Aber, liebes Kind, das geht doch nicht so, wie du denlst! Ich habe hier zu tun!"
„O es geht!" Sie trat dicht an ihn heran und legte ihre heiße Wange auf seinen schon stark gelichteten Schädel. „Du kannst, wenn du willst!" Sie knckf die Augen zusammen, und dann schmiegte sie ihre unruhig zuckenden Hände an seine Wangen und streifte mit dem heißen Mund seine eingeknisfnen Lippen. „Mein lieber — Leo — es geht!" Jedes Wort kam vereinzelt heraus, wie abgerungen.
„Meinst du?!" Er schmunzelte. „So sehe dich wieder!" lind dann machte er die Handbewegung, durch die er seinen Kassierer beorderte, Hunderttausende auszuzahlen. „Mag sich Vie Börse ohne meine persönliche Arnvesenheit behelfen; wozu. gibt es Telegraphen? Wir werden uns eine Reise ausdenken, von der Berlin spricht. Wie wäre es, wenn wir um die Welt führen? Damit die Welt erfährt, wer die schönste Frau auf der Welt hat!" Er lachte herzlich über den eignen Witz, aber ein geräuschloses, mehr innerliches als äußerliches Lachen. .
Sie erimderte nichts darauf, sie sagte nur aus tiefen Gedanken heraus: „Wir reisen also!" ,
„Ja, tvann du willst. So wie du fertig bist!
„Ich bin fertig. Je eher je lieber, ich kann es nicht erivarcen!" ,,,
„So reise voran für vierzehn Tage, »ch imckle unterdessen hier das Nöüge ab!"
„Ich danke dir!" Sie bot ihm die Stirn zum Kuß und wandte sich bann zum Gehen. „Ich muß zu Bett, ich bin totmüde!" ,
„Ich werde dir leuchten!" Er ergriff ernen silbernen Armleuchter und ging ihr voran wie ein Bedienter, al.- lich und unscheinbar. Sie folgte ihm, im flackernden Kerzenlicht einem weißen Götterbild gleich. An der Portiere Wüte ie noch einmal zurück — dort auf dem Fleck, vom Mondlicht übergossen, dort hatte Nelda Dgllmer gestanden! —
Das Zimmer ist leer. Der Nachtwind streicht durch die Büsche im Garten und säuselt an den Scheiben; jetzt klirrt der Riegel, die Fensterflügel gehen geräuschlos auf. Duft, Luft uud Mondlicht strömen ungehindert hberecn; magischer Schein webt im Garten. Die Nachtigall singt wie trunken. Niemand hört sie.
(Fortsetzung folgt.)


