samstag den (6. Oktober
■0T 8 S
U8W
Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Viebig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
„Nelda" — er legte flilsternd seinen Kopf ans den ihren — „liebst du mich wirklich so sehr?!"
Ihr Zittern hörte auf; sie schlang den linken Arm um seine Schulter, ihre Rechte umspannte mit dem alten kraftvollen Druck seine Hand. „Wo du hingehst, gehe auch ich hin; dein Volk mein Volk, dein Gott mein Gott!" Sie sprach dieselben Worte luic Agnes Röder zu ihrem Bräutigam; dort waren sie hingehaucht in verschtvimmender Zärtlichkeit, hier klangen sie wie ein Schwur. „Ich lasse dich nie — nie — nie!" Leidenschaftlich stärker klang jedes „Nie". „Ich möchte sterben, ich bin zu überselig!"
„Nicht sterben, liebstes Mädchen! Leben, leben!"
„Ja, leben für dich!" Sie lächelte und schmiegte sich fester an ihn. „Für dich!"
Er zuckte zusammen und wurde blaß bis in die Lippeil — — für dich — —! Vor seinen Augen zerriß jäh ein Nebel, der Wind der Wirklichkeit pfiff ihm um die Ohren; was hatte er getan?! Er unterdrückte einen Fluch tlnd ein Stöhnen.
Sie sprach leise weiter, durch das Dunkel mit den treuen Blicken die seinen suchend.
„Ich hab Sie — ich hab dich lieb gehabt vom ersten Augenblick an. Du tatest mir so grenzenlos leid. Nun sollst du's aber gut haben, ich will dich so lieben! Tu sollst froh werden."
„Nelda" — er löste ihren Arm von seiner Schulter und schob sie von sich — „ich bin ein freudloser Mensch. Es ist — ich kann — — Nelda, laß mich!"
„Lassen?!" Sie lachte glückselig. „Ja, ja, ich weiß alles, was du sagen willst! Und wärst du arm wie eine Kirchenmaus, und hätte dein Vater was zehnmal Schlimmeres getan — zuck nur nicht zusammen, ich weiß alles ganz genau — was mach' ich mir draus! Ich hab dich lieb —i unsagbar — grenzenlos!" Sie warf von neuem die Arme uin seinen Hals. „Du armer, geliebter, einziger Ferdinand von Rainer — Rainer — Rainer —4 Rainer — was mach' ich mir draus?! Der liebe, schöne, gute Name! Er ist für mich der beste auf der Welt. Sei froh, ich liebe dich, ich liebe dich!"
Sie streichelte seine Hand, seine Wange; das Ueberniaß ihrer Zärtlichkeit sprudelte um ihn wie ein schäunrender, betäubender Quell. Eine ivunderbare labende Wärme drang durch die feuchten Rheinnebel und verscheuchte sie. Es war nicht Nacht, nein, süß lähmender Frühlingstag.
Jetzt war er der Willenlose; er gab sich kraftlos dem Zauber des Geliebtwerdens hin. Langsam, sich umschlungen Haltend, gingen sie vorwärts.
IX.
Hauptmann Lylander war entschieden schlechter Laune. Man war's so wenig an ihm gewohnt, darum fiel es doppelt auf. Er saß an seinem Schreibtisch, aber zurückgelehnt in beit Korbsessel, die Beine weit von sich gestreckt. Mar er müde? Heut in der Mittagsglut vom Schießplatz herunter zu kommen, war freilich keine Kleinigkeit. Rasender Staub — man hatte davon geschluckt zum Ersticken. Rasender Durst — auf den Geschützen prallte die Sonne, die Bedienungsmannschaft klebte auf den Protzkästen, matt wie die Fliegen — wie die Kerle von Schweiß troffen —!
„Ae!" Er fuhr sich nach dem Hals und riß die Binde ab, die Uniform hatte er schon aufgeknöpft. „Blödsinnige Hitze heute!"
„Was hast du, Paul?" fragte Frau Elisabeth vom Fenster her. Sie hatte sich da mit Flickerei, Garnrollen und Nähmaschine etabliert. „Rrrr" ging das Rad. Das war so gemütlich: den Mann in der Nähe, keine Arbeit versäumt und dabei immer den Blick auf die Kinder, die unten im Garten lärmten.
„Dir ist wohl nicht ganz recht? Wart, ich hole dir den andern Rock, jetzt kommt ja niemand!" Sie sprang auf und ließ rasselnd die Schere zur Erde fallen. „Pardon!'' Wie der Wind war sie zur Stube hinaus und kehrte nach! wenigen Minuten mit dem Trillichröckchen zurück, das sie an Tasche und Ellenbogen mit gelblichem Nessel ausgebessert hatte.
„Da, siehst du — so!"
„Danke!"
„Rrrrr" schnurrte die Nähmaschine. Frau Elisabeth hielt den blonden Kvpf übergebeugt, der Schweiß Perlte ihr auf der klaren Stirn, ihre Wangen waren hochgerötet vor Eifer — unangenehm hier das Dreieck in dem Kinderhemd, zu stopfen ging'S nicht mehr, ein neues Stück mußte eingesetzt werden! So.
Man hörte nichts als das gleichmäßige Rasseln und ab und zu pinen hellen Schrei vom Garten herauf; dann beugte die Mutter spähend den Kopf zum Fenster hinaus. Eine heiße Sommerluft strömte herein, der Julinachmittag machte sich breit; draußen und drinnen surrte jetzt ein ganzer Schwarm von blauen Fliegen, mit den dicken Köpfen stießen sie gegen die Scheiben.
' „Sssss,-s - s
„Rrrrr
„Verdammte Wirtschaft," sagte der Hauptmann plötzlich und ließ die geballte Hand schwer auf den Schreibtisch fallen.
„Aber Paul!" Die junge Frau hob den Blick nicht von der Arbeit, iallles Erstaunen legte sie in ihren Ton. „Was hast du denn nur? Kopfschmerzen?"
—n
"Sei so gut, höre jetzt mal mit dem Gerappel auf, es. macht einen nervös!"
Er fuhr sich unwirsch durch die Haare.


